Bühnenschau

Mit Schmackes in die Saison

Ibsen goes Rokoko

Das Volkstheater verpuppt „Hedda Gabler“, die Kammerspiele rocken den „Lear“

Oben Wolken wie Eischnee, unten eine blanke, runde Scheibe, Chaiselongue, Teewagen, grelle RokokoTypen in kunstledrigen Gewändern, die Perücken stapeln sich oder wallen, die Gesichter puppenhaft geschminkt – weiter weg vom Naturalismus geht nicht. Am Volkstheater ist Regisseurin Lucia Bihler wild entschlossen, jede Erwartung an ein Stück von Henrik Ibsen zu sprengen. Beim Publikum kommt das prächtig an: Jubel, Applaus-Stakkato.

Die höhere Tochter Hedda Gabler ist ein Miststück, mit einem einzigen Ziel, einmal „Macht über das Schicksal eines anderen Menschen“ zu haben. Aber mit sozialer Absicherung – so hat sie sich einen langweiligen Mann geschnappt, der nun endlich Professor werden soll. Was gefährdet wird, als Heddas Ex auftaucht. Und der ist der bessere Wissenschaftler. Die Geschichte endet tödlich.

Bihler zieht das Menschliche aus ihren Figuren, Reaktionen kommen vom Band, statt Psychologie gibt es permanentes, frontal demonstriertes So-sein-müssen wie man ist. Die höfisch anmutende Gesellschaft auf der drehenden Scheibe erinnert an Schmuckwerk auf einer Torte, stets auf Haltung, auf Wirkung bedacht: illusionslos, latent depressiv wie Hedda (neu im Ensemble: Anne Stein), treu-doof, enthusiastisch wie Heddas Mann Jörgen (Jakob Immervoll), ostentativ geckenhaft wie Konkurrent Lövborg (Jakob Gessner). Die Hausmädchen sind noch einen Schritt weiter: schon Roboter. Ein grandioses Ensemble, choreografiert zu einem reizvollen Kunstwerk. Allein: die Tiefen, denen Ibsen nachspürt, zerbröseln doch merklich im szenischen Witz.

„Vorsicht, wir können Origami!“, sagen die Töchter, für die Männer nur Pappkameraden sind. Dazu zählt ihr Papa. Dieser, König Lear, ist kein König. Er bewohnt einen Glaskasten vor Rosa-Wölkchen-Himmel, mit Gold-Klo. Der Anzug hippiebunt, die Brille von Janis Joplin, verpeilt, eitel: Thomas Schmauser will raus aus seinem Job.

Das Drama vom alten König, der Reich und Macht abgibt: Autor Thomas Melle hat es neu erfunden, weitergedacht, er nimmt Shakespeare dabei aber sehr ernst, belässt ihn sprachlich stimmig – oder ergänzt völlig frei, wo es geboten scheint. Das Ergebnis: ein pointierter Machtkampf der Generationen, der Geschlechter, mit Blick auf die drängende Konfliktlage in der Welt von heute. Die „Origami“-Töchter Regan und Goneril (Gro Swantje Kohlhof, Julia Windischbauer) sind kalt, sie kopieren die Macht der Männer, das aber durchaus bewusst: per Höllenritt zum Paradies ist ihr Motto. Es gibt aber auch die Frauen, die überlegter sind, politisch gemäßigter: Cordelia, bei Shakespeare die Jüngste, hier die Älteste (Jelena Kuljić), und – statt Graf Gloucester – Lady Cloucester (Wiebke Puls).

Inmitten der Fauenpower wollen auch ein paar junge Männer ihren Teil vom Kuchen: die Gloucester-Söhne, der provokante, androgyne Bastard Edmund, Werkzeug der bösen Schwestern (Thomas Hauser), und Edgar (Christian Löber). Bei Shakespeare ein Verrückter, macht er hier einen, samt Klampfe, auf David Bowies Major Tom. Zwischen großen Video-Gesichtern und Blondinenwitzen (vom Narren: Samouil Stoyanov), zwischen dem alten Shakespeare-Morden und rotzigen Zeitkommentaren: Regisseur Stefan Pucher hält die pausenlosen zweieinviertel Stunden genial in Spannung. Ein Abend, der fliegt und einen wegbeamt zugleich – und doch erhellend ist, Denklaune macht. Und Spaß: was bei Shakespeare-Tragödien ja nicht zwingend zu erwarten ist. Der Beifall: ewig und ekstatisch.

Autor: Peter Eidenberger

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