Kabarett und Comedy im Februar: Feiner neuer Unfug

Kabarett und Comedy im Februar: Feiner neuer Unfug

Manche Gags müssen ausgespuckt werden, um zu glänzen

Teresa Reichl

„Bis jetzt“ könnte eine Bestandsaufnahme sein, auch wenn ihre vorläufige Bilanz bitter ausfällt. Keines der Ziele, das sich Teresa Reichl mit 16 setzte, hat sie mit jetzt fast 30 erreicht. Dafür hat sie einen dreibeinigen Kater. Und das Geld verdient sie sich mit Witzen. Es gibt Schlimmeres.

Ivana Jovanovic

Eigentlich hat sie ja keine Probleme, sagt sie. Außer in der Liebe. Zwischen Influencer-Welt und dem Offline-Alltag in Kärnten kann sie sich souverän hin- und herbewegen. Mit Hate-Kommentaren, der Skepsis der eigenen Familie, mit dem Leistungsdruck und sogar mit den Männern, die sie bouldern und die sie blockiert, wird sie fertig. Wenn da nicht der Herzschmerz wäre…

Yves Macak

Stand-up, Slapstick und Musik: Nicht nur Pädagogen wissen, dass man manchmal alle Register ziehen muss. Yves Macak, 25 Jahre lang Erzieher in Schulen, Kitas und Jugendfreizeitheimen, begegnet dem Alltagswahnsinn mit der gebotenen Dickfelligkeit.

Gabriel Castaneda

Den einen oder anderen hat es ja schon bei der vielbeschworenen Work-Life-Balance-Turnübung aus den Birkenstocksandalen gehauen. Es ist aber auch nicht einfach, wenn man(n) alles gleichzeitig sein soll – verständnisvoller Liebhaber, kinderfreundlicher Veganer, sportlich durchtrainierte Kuschel-Couch-Kartoffel. Nacho Man!

Christl Sittenauer

Die alte Kalenderspruchweisheit sagt ja, dass man ein Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen. Oder eine Elefantenherde. Christl Sittenauer ist sich sicher: Sie braucht eine „Komplizin“. Deswegen hat sie auch ihr zweites Solo so genannt. Mit Rita ist sie fündig geworden: eine mutige Oben-ohne-Schwimmerin, die Fassaden lieber streicht, als sie zu wahren.

Sebastian Huber

Lederanzughosen runter: Nach 20 Jahren auf dem Bauerhof und zehn harten Jahren in der Finanzbranche ist es an der Zeit, endlich zuzugeben. Ja: Er ist ein „Gschaftlhuaba“ – mit einem Traktor als Dienstwagen.

Schlachthof, 5.2.

Luise Kinseher

Sie hat alle Kabarettpreise gewonnen, die es so zu holen gibt. Acht Programme hat sie geschrieben, den Nockherberg um den kleinen Finger gewickelt und zuletzt immer mehr tolle Kinofilme gedreht. Jetzt sollen sich um den Bühnespaß mal die anderen kümmern. Also schickt Luise Kinseher ihre Zwillingsschwester „Mary from Bavary“ allein auf Tour. Pointenfeuerwerk, juhu!

Severin Groebner

Einfach mal gut zuhören: „Ich bin das Volk“ ist ein Programm, das den berühmt-berüchtigten kleinen Mann von der Straße zunächst einmal die eher naheliegende Frage stellt. Warum ist er auf der Straße, hat er kein Zuhause? Strebt ein Volk immer nach Größe, weil es aus lauter kleinen Männern besteht? Schon wird’s knifflig.

Arnulf Rating

„Tagesschauer“: Es ist doch zu traurig. Am Ende seines langen Weges hin zum aufrechten Gang und zur Haltung, beugen wir uns doch alle wieder nur über unsere Handys. Arnulf Rating, der lange Blonde mit dem irren Durchblick („Reichspolterabend“), betreibt weiterhin fleißig Volksaufklärung. Und entmutigen lässt er sich schon mal gar nicht. Feine alte Schule!

Harald Lesch & Rainer Bock

Der große Mann vom Niederrhein, der sie zu „Hüschianern“ machte, wäre im vergangenen Jahr 100 Jahre alt geworden. Sich an Hanns Dieter Hüsch zu erinnern, macht immer noch Mut und sorgt für Trost. Also lassen Starschauspieler Bock („Das weiße Band“, „Better Call Saul“) und der philosophisch versierte, extrem telegene Astrophysiker Lesch ihrer Verehrung freien Lauf.

Volksshow

Ex-„Titanic“-Chefredakteur Moritz Hürtgen begrüßt mit Peter Wittkampf, den Ideengeber und Texter hinter der #weilwirdichlieben-Kampagne der Berliner Verkehrsgesellschaft, die man für ihren eigenwilligen Humor schätzt. Und zuletzt macht er mutig seine Zwangsstörungen zum Thema: „Für mich soll es Neurosen regnen“. Ebenfalls mit auf der Couch: die wuchtig gute Cartoonistin Miriam Wurster, die für die „Süddeutsche Zeitung“, „Titanic“ und „Charlie Hebdo“ den Stift spitzt.

Romeo Kaltenbrunner

Will er wieder heim? Der junge Mann aus Wien hat zunächst keine Wahl. Weil es der Oma nicht gut geht, reist er zurück aufs Dorf, wo die Zeit nicht nur stehengeblieben ist, sondern auch nicht ganz so gut riecht. Und doch kommt ihn ein Verdacht: Sind die Menschen in der großen Stadt zwar liberaler, aber auch fader? Entscheidung her! „Heimweh“ eben.

Aurel Bereuter

Von der Krise des modernen Mannes, von der Spiritualität – und vom temperamentvollen Andalusierhengst: Bereuter durchwühlt im neuen Programm „Sonja, ihr Pferd … und ich“ Beziehungskisten.

Petzenhauser & Wählt

Aus Niederbayern hinaus in die weite Welt – und zurück ins Paradies. Endlich sind Eva Petzenhauser und Stefan Wählt dort angelangt, wo sie immer hinwollten – im harmonischen Nirwana. Im Reich der Gesunden und Schönen sowie bei ihren Gitarren und Bass-Ukulelen. Man sollte ds Glück weder verschreien noch versingen.

Egersdörfer, Schulz, Mueller

Man muss mit Humor vorgehen, wenn man durch ein Minenfeld tanzt. Carmen hat jetzt also beschlossen, als Hikikomori zu leben. Der Egersdörfer hat zuerst geglaubt, dass sie sich einen schlimmen Schnupfen zugezogen habe. Dabei hat er einfach mal wieder nicht genau genug aufgepasst. In Japan gelten Menschen als Hikikomori, die sich nahezu komplett von der Welt abwenden und als Einsiedler daheim vor sich hinvegetieren. Das müsste doch wohl auch in der fränkischen Provinz fuktionieren. Egersdörfer nimmt die Veränderungen im Nahbereich, die auch seinen Nachbarn erschüttern, mit resoluter Gelassenheit hin.

Freiheit 50+

Auf dem Happy-Aging-Wochenende im Detox-Center wird gelästert, was das Zeug und die dünne Haut halten: Juliane Braun und Nicole Winter treiben das alte Klassentreffenspiel auf die Spitze. Ich sehe besser aus. Ich habe mehr erreicht. In meinem Bett liegt ein jüngerer Mann. Schön gehässig, herrlich lustig.

Sigi Zimmerschied

Im irrwitzigen Solo „Kein Thema. Eine deutsche Antwort“ lässt der genial grantige Passauer den erhitzten Geist rund um die nymphomanische Liebe zur Angst kreisen.

Frau Janke und Frau Freudenschuss

Eine singt so schön. Die andere singt trotzdem. Die ist Hanseatin, die andere kommt aus dem Pott. Trotzdem kommen sie sich näher. Beide verfügen ja über die Programmtitel-gebende „Emotionale Intelligenz“. Und so wird man auch mit den leidigen Männern und dem noch ledigeren Thema von unsachgemäß ausgeführtem Geschlechtsverkehr fertig.

Gunkl und Harald Lesch

Manchmal muss man sich den Problemen der Zeit ganz fundamental widmen. Das versuchen jetzt der österreichische Kabarettphilosoph und Münchens Wissenschaft- und Welterklärer mit vereinten Kräften.

Okan Seese

„Lieber Tomaten auf den Ohren“: Ein Programm, das sein Publikum staunen lassen wird. Okan Seese kann nicht hören. Dafür hat er umso mehr zu erzählen. In seiner Soloshow berichtet er vom Leben zwischen mindestens zwei Kulturen, als tauber schwuler Mann.

Jan-Peter Petersen

Mitten hinein in die Bluthochdruckgebiete: Das Auf-die-lange-Bank-Schieben ist eine Volkskrankheit. Natürlich könnte man sich auch morgen erst mit dem Klimawandel befassen. Oder mit den Kriegstreibern, den Rechtsruckern, den Schwurblern und Verschwören. Aber warum nicht einfach jetzt schon mal die Ärmel hochkrempeln? „Zu spät ist nie zu früh“, lautet die Devise.

Bewie Bauer

Der Lausbuben-Rockkabarettist befindet sich auf der Zielgeraden zu seinem 50. Geburtstag. Und prompt kommt er ins Grübeln: Was habe ich erreicht? Was will ich noch erleben und warum ist man eigentlich nie zu alt für rebellischen Rock? Irgendwo zwischen Clearasil und fast senil!

Marvin Tare & David Stockenreitner

„Ziemlich schlechte Freunde“: Comedy, die keine Sorge hat, doch auch mal wieder anzuecken. Tare, Sohn eines nigerianischen Musikers und einer Ennstaler Sozialarbeiterin, und der viel zu lange brave 30-Jährige im Rollstuhl, sagen plötzlich ja zum schlechten Einfluss – und zur dosiert undiplomatischen Boshaftigkeit. Sie führen einen Dialog über Herkunft, Behinderung, Unsicherheit – und die Frage, ob man wirklich immer an sich arbeiten muss, oder ob es auch reicht, einfach ein bisschen gemein zu sein. Null Skrupell!

Michael Mittermeier

Das muss man ihm lassen: Schneid hat er. Als er schon fast über Deutschland hinaus weltberühmt war, ließ Mittermeier sich einst auf das Risiko ein, auch mal in einer fremden Sprache zu witzeln und stellte sich auf dem Edinburgh Fringe Festival dem härtesten Comedy-Publikum überhaupt. Mittlerweile ist er im Fernsehen und im Fat Cat arrivierter Unterhaltungsunternehmer, will es aber immer wieder doch auch noch mal selbst wissen. „Michael Mittermeier probiert aus“ ist quasi nebenan zum eigenen Club der Versuch, sich wieder selbst auf der Probebühne auszutesten. Warum nicht?

Mathias Tretter

Er kennt sich aus in der Gedankengeschichte. Auch der Geschichte der unsäglichen Gedanken. So stolpert Mathias Tretter immer wieder über die Aussage „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ von Carl Schmitt, dem Staatsrechtler mit NSDAP-Parteibuch. An jeder Ecke ist Ausnahmezustand. Doch wer ist der Souverän? Die einen sagen, so, meint Tretter, die anderen sagen: das Volk. Die Wahrheit liegt wie immer ganz wo anders. Er will die Leute aufklären und zum Lachen, Ausflippen, Schnappatmen bringen. Ganz souverän.

Thomas Maurer

Fad wird’s nie, auch wenn sich so mancher buchstäblich „Im falschen Film“ wähnt, wie Maurer selbst zugibt. Wäre die Gegenwart eine Kino- oder Streaming-Produkt, würde man über das Drehbuch schimpfen: Zu viele Krisen gleichzeitig, zu viele Superschurken, zu viele windige Digitaleffekte, zu wenige „Gute“. Allerdings eben: Lachen hilft.

Helmfried von Lüttichau

„Weil’s raus muss“: Die Ideen schwirren ihm nur so durch den Kopf. Immer neue Einfälle. Fast jedes Mal toller neuer Blödsinn valentinesker Güteklasse. Der altgediente Schauspieler und frühere „Hubert und Staller“-Clown ist auch in der Ü60-Altersklasse noch ein sympathisch verpeilter, engagierter Newcomer. Auf sein zweites Programm, wie immer begleitet von schrecklich schöner, selbst geschrammelter Musik, darf man sich freuen.