„Pioniere in Ingolstadt“ im Volkstheater, die Kammerspiele mit „Love me tender“ und ein spezieller „Sturm“ am Theater Viel Lärm um nichts.
Der IN-München-Theaterexperte Peter Eidenberger bespricht drei aktuelle Stücke.
„Pioniere in Ingolstadt“ im Volkstheater
Es ist langweilig in Ingolstadt, die Mädels öden sich beinebaumelnd an der Rampe. Aber das wird schlagartig anders: Die Pioniere kommen! Ein schneidiger Trupp von Bausoldaten (für eine neue Brücke), und gleich hüpft und zuckt die Vorfreude durch die Mädchenkörper.
„Pioniere in Ingolstadt“ war bei der Uraufführung ein Skandal, bei der Neuaufführung Anfang der 1970er Jahre auch – nichts davon heute: Der Beifall ist lang und laut für die Wiederentdeckung dieses nicht so oft gespielten Stücks der Ingolstädterin Marieluise Fleißer (1901 – 1974), der von Bertolt Brecht beeinflussten Miterfinderin des Genres Kritisches Volksstück. Am Volkstheater konzentrieren sie zwei Fassungen (von 1928 und 1968) zu einem Text, massiv reduziert und fokussiert (Dauer: 90 Minuten), und das ist die ideale Basis für eine Regisseurin wie Lucia Bihler und ihren Stil: stilisiertes, körperbetontes Theater, mit Comic- und Stummfilm-Anleihen – womit sie hier schon erfolgreich war bei „Hedda Gabler“ und „The Lobster“.
Massiv reduziert, das gilt auch für die Bühnenoptik: Jessica Rockstrohs schräge gelbe Fläche im schwarzen Raum ist leer, keine Requisiten, immer steiler wird sie sich aufrichten, je mehr die Menschen an Halt verlieren. Laura Kirst packt das Ensemble in steiferen Filz, die Mädels in unterschiedlich farbige Kinderkleidchen, die Pioniere in gelborange Uniformen: breitschultrig, kurze Hosen, dazu Springerstiefel, auf den kurzgeschorenen Köpfen Baretts.
Streng durchkomponiert (auch musikalisch: mit Marschtrommel und Akkordeon), minimalistische Aktionen, immer zu Ende gedacht, formt Bihler die Brutalität einer kommunikationsgestörten Gesellschaft, einer repressiven Welt. Die Sprache knapp, auch hart, manchmal nur stummes Spiel, ein konstant ungutes Klima dominiert die Sequenzen, die Blacks und Lichtblitze filmisch teilen. Lena Brückner (mutig) und Henriette Nagel (schüchtern) sind die Mädchen auf der Suche nach Aufregung und Liebe, die Soldaten sind ein unangenehmer Haufen, martialisch, lässig, arrogant, der gleichwohl zusammenzuckt unter der Fuchtel des Feldwebels (Jonathan Müller). Für den Zyniker Karl (Julian Gutmann) reicht der Sex auch ohne Liebe, einer wie Fabian (Nils Karsten), dank seines autoritären Vaters (Pascal Fligg) ein Weichei, hat hier keine Chance.
„Love me tender“ in den Münchner Kammerspielen
Eine kalte Welt empfängt uns in der Therese-Giehse-Halle der Kammerspiele. Im weißen Raum hängt ein Pendel mit Neonröhren, drei verschieden große Screens, auf dem Boden eine graue Folie. Ein Sezierraum. Dazu der Text der französischen Autorin Constance Debré, der Roman „Love me tender“ (2020): Eine Frau ändert ihr Leben radikal. Eine erfolgreiche Anwältin in den 40ern, aus großbürgerlichem Haus, verlässt Mann und Sohn, sie will schreiben und ihre Liebe leben: die zu Frauen. Unverkennbare Analogien zum Leben der Autorin, und doch beharrt Debré darauf, dass ihre Romane keine Autobiografien sind. Was ihre Schreibe ausmacht, ist das schonungslose Öffnen, bei „Love me tender“ geht es um den schmerzhaften Prozess der Selbstfindung einer Frau, um Inzest und Pädophilievorwürfe, um einen Sorgerechtsstreit, den ihr Mann auslöst. Ergebnis: Sie darf ihren Sohn nur noch in gerichtlich festgelegten Abständen und betreuten Umständen sehen.
Regisseurin Felicitas Brucker – mit ihrer starken „Nora“ vertrat sie die Kammerspiele 2023 beim Berliner Theatertreffen – macht in ihrer knapp zweistündigen Inszenierung aus einem Einzelkampf eine intensive, bewegende Befreiungschoreografie für drei Frauen. Katharina Bach, Jelena Kuljić und Annette Paulmann sind brillant, der starke Beifall am Ende wirkt fast schwach für so viel unter die Haut gehende Präsenz. Alle sind sie die Hauptfigur, aber auch die Umwelt: Sohn Paul, Ehemann, Richterin, die Liebespartnerinnen. Das Ringen um das richtige Leben wird physisch greifbar: sexuelle Annäherung, Zweifel, Wut, Hadern mit dem Muttersein, Erinnerung an die Eltern, neue Annäherung an den Sohn. Unter dem schwingenden Pendel ist der Kampf mit dem Inneren und dem persönlichen Umfeld immer auch Kampf mit und in der Gesellschaft. Zwischen Härte und Empathie – und nicht zuletzt mit Musik: vom anfänglichen Kyrie eleison bis zum Rap – entsteht eine zwingende, hoch spannende Atmosphäre. Und man lässt sich voll und ganz ein auf diese Frau, auch wenn manche ihrer Haltungen und Ansichten sehr eigen sind.
„ein gespielter Sturm und ein echtes Gewitter“ im Theater Viel Lärm um nichts
Mit Shakespeare ins Jubiläumsjahr: 40 Jahre ist es her, dass Margrit Carls und Andreas Seyferth das Theater Viel Lärm um nichts gestartet haben, mit einem Shakespeare – so kam die neue Bühne auch zu ihrem Namen. Co-Theaterleiter Arno Friedrich schnappt sich nun auch einen Shakespeare, sein wohl letztes Stück, den „Sturm“, und macht daraus: „ein gespielter Sturm und ein echtes Gewitter“. Der Plot ist der alte (mit ein paar Anspielungen ins Heute): Prospero, der eigentliche König von Mailand, wurde vom Bruder auf eine Insel verbannt, wo er mit Luftgeist Ariel, Tochter Miranda und seinem Knecht Caliban lebt. Als der Bruder mit einem Schiff vorbeikommt, rächt er sich, mit Sturm und Schiffbruch: denn Prospero ist schließlich auch Zauberer.
Den alten Engländer einfach vom Blatt spielen: das gab’s hier noch nie, und so mixt Friedrich einen wilden Theater-Cocktail: bildgewaltig, überraschend, temporeich. Es gibt drei Alukisten mit ein paar Requisiten, links steht ein kleines Theatermodell, ein Papiertheater: hier lässt sich prächtig ein Sturm inszenieren, einfach ein Wellenbild als Kulisse hineinschieben, oder es tapern papierene Skelette durchs Bild, geführt von den Schauspielerinnen, die groß im Bild erscheinen, wenn sie den Figuren Text geben. Denn das Ganze wird per Live-Kamera auf die große Bauplane am Ende des schwarzen Raumes projiziert.
Die Schauspielerinnen: das sind Klara Pfeiffer, Irene Rovan, Sarah Schuchardt, sie verkörpern die Hauptcharaktere, schlüpfen aber auch in alle weiteren Rollen. Dann verlassen sie das Papiertheater, scheppern mit dem Donnerblech, spielen die Liebe als Schmierentheater, singen Techno-Pop, mal gibt‘s Popcorn wie beim Kinoabend oder es gibt einen Tiger-Lillies-Song vom Totenschädel-Chor. Das alles ist mitreißend bis spooky, dazu raunt, rauscht, zirpt, plingt Multi-Instrumentalist Ardhi Engl die passenden Atmos. Aus dem Sturm wird ein Strudel, nicht jede Idee erschließt sich, nicht jeden Figurenswitch kapiert man gleich, und wer die (ohnehin schon verworrene) Geschichte kennt, der findet sich in dieser Theater-Zauberkiste leichter zurecht. Trotzdem: großer, langer Applaus für einen Abend, der einmal mehr zeigt, wofür dieses Pasinger Theater immer noch steht: Neugier und Leidenschaft.
