Bühnenschau: Vom Erinnern und Vergessen

Bühnenschau: Vom Erinnern und Vergessen

Neues im Cuvilliestheater, in den Kammerspielen, im Residenztheater

„Der zerbrochne Krug“ im Cuvilliéstheater

Eine alte Geschichte, Klassiker, Schullektüre, und trotzdem: „Der zerbrochene Krug“ (es heißt in dieser Inszenierung „zerbrochne“) geht immer. Weil Heinrich von Kleists Stück, 1808 uraufgeführt, eben nicht nur Lustspiel ist, sondern auch Sozialdrama und Krimi, mit zeitlosen Themen: Macht, Willkür, Gerechtigkeit. Als Jurist wusste Kleist, wie er den Finger in die Wunde legen muss: Er lässt einen Dorfrichter gegen sich selbst verhandeln. Die Nacht zuvor war er auf amourösen Abwegen, ein Krug ging zu Bruch, und wohl auch die Unschuld der Tochter der Krug-Eignerin. Die Gerichtsverhandlung um das kaputte Gefäß hat einen speziellen Beobachter: Der Vorgesetzte des Richters kommt zur Inspektion.

Im Cuvilliéstheater dreht sich eine Bühne mit drei kleinen, düsteren Räumen, durch Türen verbunden, karges Mobiliar, die Kostüme braunschwarz und historisierend. Eine alte, enge Welt, in der man sich belauscht, belauert, beredt schweigt. Oliver Stokowski als Richter Adam leidet schmerzhaft, er kann manipulativ und devot, Steven Scharf als Gerichtsrat ist sich seiner Erscheinung sehr wirkungsbewusst, Moritz Treuenfels als hakennasiger Sekretär linkisch-beflissen, die einfachen Leute (Katja Jung, Pujan Sadri) haben bei den Volten der Justiz eher schlechte Karten oder versuchen mit Aberglauben zu punkten (Hannah Scheibe).

Regisseurin Mateja Koležnik liefert in knapp 100 Minuten ein konzentriertes Enthüllungsdrama, eine Studie mit schlüssigen Charakteren, samt ihrer Eigenheiten, die Komik streift schon mal die Karikatur. Das Ende ist überraschend und stark. Eve, die Tochter (wie bei Kleist schweigt sie viel, nur ihr Gesicht erzählt eine Menge), kriegt ihren großen, neu gedichteten Befreiungsmoment. Energisch, entschlossen bestätigt sie, was Kleist nie ausspricht: Lea Ruckpaul mit der Selbstermächtigung einer jungen Frau, die sich lossagt von Freund, „Mutter, Arbeit und Dressur“, die begreift, „…dass ich wohl gestern Nacht zum ersten Mal mir selbst gehörte“. Großer Beifall.


„Play Auerbach!“ in den Münchner Kammerspielen

(c) Kammerspiele

Philipp Auerbach kennt keiner mehr. Der Holocaust-Überlebende war ab 1946 „Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte“. Nach einem Prozess in München mit einem für ihn „entehrenden Urteil“ nahm er sich 1952 das Leben. Die Kammerspiele gedenken nun seiner mit einer „Münchner Erinnerungsrevue“, verfasst vom israelischen Autor Avishai Milstein: „Play Auerbach!“.

Deutschland im Jahr 2045, jüdisches Leben ist passé, auch die Theater sind dicht, eine Laienspieltruppe will aber an 1945 und Auerbach erinnern. Die Leitung liegt bei der Antisemitismus-Beauftragten, einer übereifrigen Kontrolleurin und Regisseurin in Sachen Erinnerungskultur (gnadenlos entlarvend: Wiebke Puls), und sie tanzt auch mit in den varietéhaften Nummern mit glitzernden Fadenumhängen oder im Nachkriegs-Ramadama-Outfit samt Besen. Wild geht es in dieser Revue gefühlt durch alles, was irgendwie mit jüdisch zu tun hat: Realitäten, Ressentiments, Anspielungen, Befindlichkeiten. Historische Figuren sind dabei: Moses, Hannah Arendt, der zionistische Vordenker Theodor Herzl oder aus der Geschichte der Kammerspiele: Otto Falckenberg (Johanna Eiworth), Therese Giehse (Annika Neugart).

Das Ensemble (zu dem noch André Benndorff, Edmund Telgenkämper und Martin Weigel gehören) gibt alles, auch singend. Die Live-Musik (Rainer Süßmilch, Philipp Haagen) variiert Kurt Weill und Jazz. Sandra Strunz (Regie) hält das Chaos überzeugend zusammen. Das Publikum jubelt im Stehen. Die Idee mit der Laientruppe gibt viel Raum für gewollt Dilettantisches, Stress in der Gruppe und Anspruchsübererfüllung – bis der Profi kommt: Der Star einer TV-Serie will den Auerbach spielen und entpuppt sich auch noch als echter Jude. Kammerspiele-Gast Samuel Finzi macht daraus ein Ereignis: Entwaffnend selbstverständlich spielt er mit dem Bild des Jüdischen, bestätigt auch mal Klischees, verwehrt die Eindeutigkeit. Der schwarze Humor siegt an diesem mitreißenden Abend klar über jede Aufklärungs- und Betroffenheitspädagogik.


„Cabaret“ im Residenztheater

Auch das Residenztheater macht etwas mit Musik. Legendäre Musik, denn etliche Nummern aus dem 1966 uraufgeführten Musical „Cabaret“ sind längst Hits, die nicht zuletzt Liza Minnelli zu ihrer Weltkarriere verholfen haben (durch die Verfilmung des Stoffes von Bob Fosse 1972).

Am Resi inszeniert nun Opernspezialist Claus Guth, er zeigt die Geschichte um ein Glamour-Girl aus dem Berlin der frühen 1930er Jahre als Erinnerungsreigen. Ein Hotelzimmer, Clifford, ein alter amerikanischer Schriftsteller (Michael Goldberg) – der Stoff basiert auf Erzählungen von Christopher Isherwood – erinnert sich, weil Musik im Radio läuft. Sein Alter Ego in jung kommt hinzu (Thomas Hauser), gleicher Mantel, gleicher Schal. Und schon vermischen sich die Zeitebenen.

Aus dem Hotelzimmer wird immer wieder ein Hotelflur, aus Vorhängen und Türen kommt das hervor, was Clifford in den Bann zieht: der Kit Kat Klub mit seinem lasziv-knapp bekleideten Dance-Line-Up, der Conférencier im Glitzeranzug und der Star, die Sängerin Sally Bowles. Eine schillernde Gegenwelt für den biederen Amerikaner, aber auch zum Berlin am Ende der Weimarer Republik. Im Hotel wird getanzt und geliebt, auch schon mal zu mehreren im Bett, es wird zart geflirtet und dabei gezaubert. Bis die neue Zeit einzieht: ein eher unscheinbarer Junge mit Fahne singt naiv zart: „Der morgige Tag ist mein“.

Der Tanz auf dem Vulkan endet: Die Bühne öffnet sich bis zur Brandmauer, nur noch Hotel-Rudimente, beschädigt, es wird kalt, Schnee, Nebel, Naziuniformen. Und Vincent Glander, brillant als Conférencier und Kommentator, wird zum Horrorclown – der Albtraum hat begonnen. Das Haus tobt nach gut zweieinhalb Stunden. 2026 wird dein Kulturjahr! Du möchtest mehr erleben? Und du wünschst dir jemanden, der dich ins Museum, Konzert oder Theater mitnimmt? Dann lerne den Thea Kulturklub kennen. Dort bekommst du sorgfältig ausgewählte Veranstaltungstipps und kannst dich mit netten Leuten verbinden. Plus: Über Thea kommst du an Eintrittskarten mit bis zu 20 % Rabatt. Lerne den Thea Kulturklub kostenlos und unverbindlich kennen! [email protected] Sechs Monate gratis testen (mit Pause) für einen besonderen Abend: kluges Konzept, überzeugende Regie in den Textszenen (selten genug im Musical), starke Ensembleleistung (auch wenn manche Singstimme Grenzen kennt), tolle Varieté-Choreographien, das Orchester schmal besetzt, aber fulminant (nur manchmal zu laut, Leitung: Stephen Delaney). Herausragend natürlich Vassilissa Reznikoff als Sally: angeschickerte Kindfrau, dauerrauchend, neben Sängerin auch Pole-Dancerin, mit Star-Bewusstsein, für die dauerhafte Zweisamkeit aber nicht gemacht: Ihr „Life is a cabaret“ demonstriert sie direkt vor der ersten Reihe im Parkett und singt und windet sich Schmerz, Lust und Seele aus dem Leib.

Der Blick geht an diesem Abend aber nicht nur zurück. Wenn Cathrin Strömers Fräulein Schneider an der Rampe steht und sich rechtfertigt für ihr Mitläufertum, keine Verlobung mit einem Juden (Robert Dölle): „Was bleibt mir denn für eine andere Wahl?“ – dann leuchtet das Saallicht auf uns alle. Dann geht‘s um die Wahl, die wir jetzt noch haben.