Stage scene with a dancer leaping near a gray wall, wearing a curly blonde wig; a second performer in gray costume uses a vacuum cleaner nearby.

Bühnenschau: Schreckliche Umstände

„Bernarda Albas Haus“ im Cuvilliéstheater,  „Echtzeitalter“ im Volkstheater und „Der Herzerlfresser“ im TamS.

Der IN-München-Theaterexperte Peter Eidenberger bespricht drei aktuelle Stücke.

„Bernarda Albas Haus“ im Cuvilliéstheater

Zwei große Fensterklappen öffnen sich, der Blick ist frei auf ein kalte weiße Wand. Ein Gockel tapert durchs Bild, dann kommen die jungen Frauen. In schrägen Haltungen auf weiße Podeste drapiert, alle gleich gekleidet, schwarz-weiß, sie tragen Mantillas, andalusische Trauerschleier, ihre Fächer klappen in scharfem Takt, Lederriemen pressen die Oberarme an den Körper. So fahren die Fünf auf einem unsichtbaren Laufband von rechts nach links durch die Guckkasten-Szene, regungslos, doch jede in eigener Haltung: letzte Reste von Individualität. Freiheit sieht anders aus.

Acht Jahre sperrt eine Witwe nach dem Tod ihres Mannes ihre Töchter ein, in „Bernarda Albas Haus“. Federico García Lorcas legendäres Frauendrama (von 1936) ist am Cuvilliéstheater verlegt in eine starre Welt, regiert von der Mutter (Katja Jung) mit ihrem Gehstock, einer strengen Patriarchin, fast zynisch, wenn sie aasig lächelt. Zu tun gibt es hier wenig, die Hausarbeit übernehmen die Mägde. Ein Chor begleitet, in den Kapuzengewändern von Büßern, mit gregorianischem Gesang und bitterem Witz: „Der Hahn ist tot“. Den Stücktext massivst reduziert, liegt in der nach 80 Minuten umjubelten Inszenierung von Rieke Süßkow der Fokus ganz auf den Bildern. Und die stilisieren zutiefst beeindruckend – man denkt an Robert Wilsons künstliche Formfindungen, an F. W. Murnaus „Nosferatu“ mit seinen gespenstischen Schattenwürfen – einen Frauenkosmos, der sich eigentlich befreien könnte von patriarchalen Strukturen, aber ganz im Gegenteil noch übersteigert die Unterdrückung immer weiter zelebriert. Wenn die jüngste Tochter Adela (Felicia Chin-Malenski) tatsächlich abheben will, mit Engelsflügeln, zu dem einzigen Fenster weit oben, durch das aus der Ferne das reale Leben hereinklingt in diese klinische Enklave, dann wird sie von den Schwestern gleich wieder eingefangen. Die einzige freie Frau ist die Oma (Barbara Melzl): frei in ihrem Hippie-Wahnsinn.


„Echtzeitalter“ im Volkstheater

Circus performers on a large spherical prop under blue-pink stage lights; one person swings on a chain while others move dynamically in white and neon outfits.

Till ist Firsty. Erster Jahrgang am Marianum, einer altehrwürdigen (fiktiven) Wiener Lehranstalt, das Klientel hier ist eher geldig, der Deutschlehrer lässt als Lektüre nichts zu, was nicht als Reclamheft zu kriegen ist. Da hilft nur die Flucht, in Tills Fall stundenlang in „Age of Empires 2“, einem Strategie-Computerspiel, und darin bringt er es zum Meister. Doch irgendwann kommt ihm die Liebe dazwischen. Der Erfolgsroman „Echtzeitalter“ des 1992 geborenen Tonio Schachinger (2023 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet) trifft mitten ins Heute, eine Coming-of-Age-Geschichte für Pubertierende und Ältere – und noch viel Ältere.

Diese deutsche Erstaufführung im Volkstheater ist eine Zeitreise von 2012 bis zu Corona 2020, und Till gibt es gleich mehrfach (u.a. Max Poerting, Lorenz Hochhuth, Henriette Nagel). Sie werden später, im schnellen Wechsel, auch noch in etliche andere Rollen schlüpfen: Vater, Mutter, Lehrer, Freundin – jetzt sitzen sie erst mal in ihren gelben Edelmarken-Poloshirts verdruckst in den akkurat frontal positionierten Schulbänken, mit Masken auf: ängstliche Puppengesichter. Der despotische Lehrer (Julian Gutmann), ein wienernder Kotzbrocken, erscheint ihnen (dank Videotrick) wie Lord Voldemort oder Hannibal Lecter. Über dem cleanen Klassenraum (der sich später aufsplittet und die Aktionsfläche freier macht) liegt das Zimmer von Till, die Kamera zeigt ihn uns beim Spielen am PC oder auch den Schock über den Tod des Vaters: leerer Blick.

Regisseur Jan Friedrich lässt uns die Welt dieser Jugend ganz schön gut nachvollziehen, mit Witz und Empathie. Er, der gerne auf Live-Kamera und Video-Inserts in seinen Theaterarbeiten setzt, tut das hier wohl dosiert und mit emotionalem wie informativen Mehrwert (so kapieren endlich auch Boomer, worum’s bei AoE2 geht – auch wenn der Gamer-Slang einem Grenzen aufweist). Einfühlsam erklärt Till seiner Mutter (Genet Zegay) die Faszination des Zockens, eine berührende Situation: zwischen Verstehen-Wollen und Nicht-Enttäuschen-Dürfen. Wenn die Liebe einbricht, dann tut sie das ohne Fremdscham und Kitsch (was auch dem berichtenden Erzählstil aus dem Roman zu verdanken ist). Tills erste Liebe Feli (auch Zegay) ist eine Durchblickerin, sie macht ihn auch politisch wach: da blitzt dann die Zeitgeschichte rein, in Form der Ibiza-Affäre. Nach zwei Stunden: langer Beifall.


„Der Herzerlfresser“ im TamS

Two performers on a stage; the person in leopard print with large sunglasses and ruffled collar stretches their arms while the second performer in a green jacket looks on with a surprised expression.

Ein steirischer Knecht aus dem 18. Jahrhundert, der Frauen tötete und ihnen das Herz herausschnitt, weil er sich vom Verzehr besondere Kräfte erwartet hat – das ist ein Stoff, der erst einmal so gar nicht nach dem TamS klingt. Aber das ist ja nur die Urgeschichte, zwischen historischer Realität und Legende, die sich der gefeierte österreichische Autor Ferdinand Schmalz (Jahrgang 1985) als Inspiration für eines seiner Sprachkunstwerke geholt hat: „Der Herzerlfresser“, uraufgeführt 2015. Und dann passt das doch wieder ins TamS, weil sie sich hier ja schon immer dem Unkonventionellen verschrieben haben und wilden Sprachexpeditionen erst recht.

So ist der Applaus nach gut 70 Minuten dann auch groß für diesen sehr besonderen Mix aus Krimi, Politik-Satire und Liebesgeschichte(n). Auf der Bühne, die sich durch Schubwände in kleine Räume teilen lässt, prangt in mannsgroßen Lettern das Wort „Zenter“. Ein Provinznest will Publikum anziehen, also baut man in eine Moorlandschaft ein Einkaufscenter. Doch kurz vor der Eröffnung tauchen zwei Leichen auf, ohne Herzen. Und das ist blöd. Der Bürgermeister (Helmut Dauner), der simpler tut als er hinterfotzig ist, und als Lokalpolitiker auch an die Wiederwahl denkt, erpresst den Nachtwächter mit dem schönen Namen Gangsterer (Alex Röhrle) zur Entsorgung der Opfer. Der wiederum nutzt die Gelegenheit und schwingt sich zum Hobby-Ermittler auf: sehr unauffällig als mondäne Lady in Leoparden-Bluse.

Die Fußpflegerin Irene (Irene Rovan) sucht derweil die Liebe, die kecke Fiorentina (Lena Vogt) auch, doch alle miteinander verbindet die Suche nach dem Mörder. Dieser, der Herbert (Julian Mantaj), kommt eigentlich ganz sympathisch daher, und tolle Worte findet er auch: „ein jeder sehnt sich doch nach einer anerkennung, nach aneignung durch einen anderen. im grunde unsres herzens sind wir doch allein.“ Das könnte jeder hier sagen. Aber der Blick dieses Fremden ist kalt und starr.

Regisseurin Susi Weber führt die Typen in ihrem Provinz-Chic sicher durch die  wundersamsten Sprachvolten und Gedankenwirbel. All zu ernst wird es mit dem Krimi nicht, wie auch: in den schönsten Passagen klingt Schmalz‘ Gesellschaftskritik, als hätte sich Karl Valentin bei der Jelinek und Werner Schwab eingenistet. Ein monströses Kabinettstückchen der besonderen Art.