„Die gelbe Tapete“ im Teamtheater, „Towers 217“ im Theater und so fort, „Enjoy Schatz“ an den Kammerspielen
Der IN-München-Theaterexperte Peter Eidenberger bespricht drei aktuelle Stücke.
„Die gelbe Tapete“ im Teamtheater

Charlotte Perkins Gilman ist eine feministische Ikone. Die US-Schriftstellerin (1860–1935) spielte eine führende Rolle in der amerikanischen Frauenbewegung, „Die gelbe Tapete“ ist ein feministischer Klassiker. In Deutschland wurde die 1892 verfasste Kurzgeschichte in den politischen 1960er Jahren wiederentdeckt. Perkins Gilman greift hier auf eigene Erfahrungen zurück, sie selber litt nach einer Geburt an einer Depression.
Eine junge Frau wird von ihrem Mann, einem Arzt, nach der Geburt des gemeinsamen Kindes zur Erholung im vergitterten Zimmer eines Sommerhauses eingesperrt, verdammt zur Untätigkeit, nur Ruhe, nichts lesen, schreiben tut sie heimlich, in ihr Tagebuch. Die Theateradaption nun am Teamtheater bleibt in der Entstehungszeit der Vorlage. Auf der Bühne ein Schminktisch mit Chippendale-Beinen, Ständer mit Waschschüssel, ein schmuckloses Bett mit Metallstreben, die Wände leicht schief, die von dünnen floralen Strukturen durchzogene Tapete geht leicht giftig ins Gelbgrüne. Olga Tomkowiak als die junge (namenlose) Frau macht von Anfang an klar: Ich gehöre nicht hierher. In ihrem feinen dunkelgrünen Samtkleid sieht sie aus, als wollte sie gleich ausgehen. Später legt sie ein hoch geschlossenes, klinisch weißes Gewand an, aber die Ausdruckskraft bleibt, wenn sie mit großen Augen und guter Miene fast kokett frontal ins Publikum berichtet und uns auf ihre Seite zieht.
Der vermeintlich fürsorgliche Mann (Leon Sandner) ist ein eitler Frauenhasser (eine Textergänzung von Otto Weininger macht das überdeutlich), seine Schwester ist das emotional begrenzte Dienstmädchen, mit Gedichten (z. B. von Rilke) versucht sie verlogene Aufmunterung, doch sie ist auch monströse Kindsfrau (um ihr Baby darf sich die „Patientin“ natürlich auch nicht kümmern). Es herrscht ein distanziertes Klima, so wird die Tapete zum Objekt der Ansprache und der Weg der Frau schleicht unerbittlich in Richtung Wahnsinn: Ein Schatten macht sich selbständig, Visionen scheinen durch die Wand, der innere Strudel wird Video. Georg Büttel zieht in seiner 90-minütigen, am Ende mit Bravos bedachten Inszenierung zwar die Spannungsschraube nach und nach an, auch mit Licht und Sound, der fröstelnde Grusel eines Edgar Allan Poe (damit wird der Urtext oft verglichen) aber stellt sich nicht ein. Doch allein schon Olga Tomkowiaks Spiel macht diese Selbstermächtigungsgeschichte einer jungen Frau sehenswert. „Hoppla!“, ruft sie am Ende, als sie über ihren ohnmächtigen Mannhinweg zur offenen Türe kriecht: Freiheit – geht doch!
„Towers 217“ im Theater und so fort
Foto: Jörg Röder
25 Jahre ist der Tag her, von dem die Älteren noch genau wissen, was sie da gemacht haben: der 11. September 2001. Das Thema mag inzwischen schon weiter weg sein, die Folgen sind, direkt oder indirekt, immer noch spürbar in einer nicht unbedingt sicherer gewordenen Welt. Heiko Dietz hat 9/11 nie losgelassen, er hat Tonnen von Material gesammelt, durchgekaut, hin- und hergewälzt, zu einem Theaterstück verdichtet und nun an seinem Theater und so fort inszeniert. In „Towers 217“ geht es um die (fiktive) Einrichtung eines speziellen Erinnerungszentrums, eines „9/11-Dialogue Centers mit Research-Room“. Ein Dreierteam soll es kuratieren, dafür holt sich ein alter Reporter-Haudegen (Konrad Adams) zwei Mitstreiterinnen an die Seite: eine Historikerin (Conny Krause) und eine Studentin (Jasmina von Fragstein). Das Ziel: die „Menschen zu zwingen, sich zu fragen, wo Wissen endet und Gewissheit beginnt … zweifelsfrei“.
Gut zweieinhalb Stunden (mit Pause) dauert der diskursive Fight, in den Dietz die Drei schickt, und mit jedem neuen Aspekt, den sie aufgreifen, wird die Entscheidung, was reinmuss in den Erinnerungsraum und was nicht, schwieriger: Osama bin Ladens Rolle, die Verbindungen der Attentäter, das Wetter, Unlogik in den Abläufen, die Reaktionen der Politik, der Weg des Geldes, Fragen zur Brandentwicklung, unverständliche Explosionen, der Verdacht auf Sprengung und, und, und. „217“ bezieht sich auf die drei eingestürzten Gebäude des World Trade Centers, Turm 2, Turm 1 und vor allem Turm 7 – der ein gutes Stück weg von den anderen stand, aber auch eingestürzt ist, ohne Flugzeug-Crash …
Viele Ungereimtheiten also, jede Menge Namen und Kürzel, der Beamer wirft viele Fotos und Dokumente in dem schmucklos grauen Zweckbüro 26 an die Wand. Herauskommt zum Glück keine Verschwörungsschwurbelshow, sondern gut gemachtes Doku-Theater, mit dem zusätzlichen Suspense, dass in den Biografien des Rechercheteams auch nicht alles stimmt (mehr wird hier nicht verraten). Manchmal klingt der Text ein wenig papieren, ist die Figurenführung ein bisschen statisch, aber trotzdem: Es ist ein beeindruckender, spannender Abend, großer Beifall. Dass man hier als Zuschauer partiell überfordert wird, ist den Machern durchaus bewusst: Es gibt Material zum Weiterlesen, und wer vor den Fakten völlig in die Knie geht, darf gerne ein zweites Mal kommen, kostenlos (bietet das Programmheft an). Doch es wird ein Abend der Fragen bleiben: „Antworten bekommen Sie von uns nicht.“
„Enjoy Schatz“ in den Kammerspielen
Kann eine Tussi politische Autorin sein? Das ist wohl die zentrale Frage in Jovana Reisingers autofiktionalem, essayistischem Roman „Enjoy Schatz“. Die 1989 in München geborene Autorin, Filmemacherin, zuletzt auch Teilnehmerin am Bachmann-Preis, spielt selbst mit in der Übernahme einer Produktion der Berliner Schaubühne von 2024 (Regie: Sarah Kohm). In der Therese-Giehse-Halle der Kammerspiele stellt Reisinger sich selbst vor und erzählt von dem Plan, einen erotischen Text zu schreiben. In den nächsten 90 Minuten wird daraus die wild mäandernde Hinterfragung einer Frau zwischen Erfolg und Erwartungshaltung.
Es geht um Sex und Sexismus, Geld und Kapitalismus, um Klasse und Rolle, patriarchale Strukturen, spezielle Erfahrungen im Literaturbetrieb, der Jelinek-Satz von der „Verachtung des weiblichen Werks“ fällt. Mal krass, mal ironisch, gerne irritierend, etwa ihr Selbstbild: „Ich war eine blonde Fotzen-Königinnen-Tussi (– so wie jetzt)“. Stimmt doch, oder? Der Nicki-Anzug mit dem Glitzer, später ein kleines, laszives Schwarzes zu den weißen Stiefeln scheinen das zu belegen … aber das ist nur ein Teil der Aspekte und Wahrnehmungen, mit denen hier gespielt wird: Was ist wahr, speziell in einem autofiktionalen Werk, und was ist Projektion oder Inszenierung? Dass es wohl anders ist, sein könnte: Dazu kreiert sich Reisinger ein Alter Ego. Die wunderbare Nadège Meta Kanku räkelt sich in einer übergroßen Polly-Pocket-Muschel wach, den Tipps, den Ansagen der realen Schriftstellerin wird sie nichtimmer folgen und ein mitunter quirliges Eigenleben entwickeln. Was ist nun wirklich bei den beiden, und was nur authentisch? Ein intelligentes Vexierspiel, belustigend bis entlarvend, vom Publikum (zu geschätzten 98 % jünger und weiblich) begeistert aufgenommen. Kann eine Tussi politisch sein? Aber ja!
