A group of adults sits around a dining table toasting with champagne in a modern office kitchen setting, listening to a woman who stands and speaks.

Bühnenschau: Am Wendepunkt

Neue Stücke schauen auf Zäsuren des Lebens: „Timm Thaler“ an der Schauburg, „Ödipus“ am Residenztheater, „Der blinde Passagier“ am Volkstheater

Der IN-München-Theaterexperte Peter Eidenberger bespricht drei aktuelle Stücke.

„Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ in der Schauburg

Actors in vintage 1970s outfits on a stage; two central performers smile at each other while others in white costumes stand nearby.
© Armin Smailovic

James Krüss wäre dieses Jahr 100 geworden, und die Schauburg erinnert an den legendären Kinderbuchautor mit seinem bekanntesten Werk.Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen, erschienen 1962, ist eine Geschichte zur alten Weisheit: Geld allein macht nicht glücklich. Timms Vater stirbt, das neue Leben mit Stiefmutter und Halbbruder macht keinen Spaß, er verzieht sich lieber zur Pferderennbahn, wo er oft mit dem Vater war. Und trifft auf einen seltsamen Baron mit einem Superangebot: Timm gewinnt jede Wette und entsprechend Geld – allerdings um den Preis seines Lachens.

Die halbe Miete dieser Inszenierung ist schon das Bühnenbild. Ein halbrundes Stahlgerüst in einer Manege: mal Tribüne, Zimmer, Zelle, dank Bullauge auch ein Schiff oder mit zwei Scheinwerfern ein Taxi. Klettern, Verfolgungsjagden, der Rennbahn-Trubel bringen Tempo, dazu die schnellen Figurenwechsel in den fließenden Szenenübergängen. Fast das ganze Ensemble agiert in mehreren Rollen, tolle Typen, gern überzeichnet ins Comichafte: die blondierte Mutter mit Fluppe im Mund (Maya Haddad), der Kapitän mit Seemannsbart (Tom Gerhartz), der Kassierer für die Wetten (Anh Kiet Le), die bessere Gesellschaft goldig aufgebrezelt.

Lukas März hat den Roman für die Bühne spannend verdichtet, und Regisseur Kilian Bohnensack macht daraus nicht nur eine mitreißende, rasante, lustige Show (für Zuschauer ab acht Jahren), er kann auch die ruhigen Momente: den Zweifel, das Unglück. Die beiden Hauptpersonen sind konstant besetzt: Hardy Punzel als Timm ist ein absolut netter Kerl, seinen Gegenspieler Baron Lefuet – was rückwärts gelesen ergibt: Teufel – spielt Simone Oswald aasig. Was sich schlagartig ändert, als es zum Deal kommt: der Baron wird charmant, dem ernsten Timm bleibt nur noch ein unterdrücktes Räuspern, wenn das Lachen nach oben will, aber nicht mehr darf. Dass die Kapitalismuskritik bei Krüss deutlicher, mahnender herausgearbeitet wird, hat das Publikum nicht gestört: es wird heftig getrampelt nach knapp 90 Minuten.


„Ödipus“ im Residenztheater

A group of adults sits around a dining table toasting with champagne in a modern office kitchen setting, listening to a woman who stands and speaks.
(c) Hupfeld

Der Brite Robert Icke (Jahrgang 1986) hat sich längst international einen Namen damit gemacht, alte Stoffe ins Heute zu verlegen. Er wirdam Broadway gespielt und im Londoner Westend, am Cuvilliéstheater läuft von ihm schon die Schnitzler-Überschreibung „Die Ärztin“, und jetzt ist der Autor am Residenztheater auch sein eigener Regisseur: Ödipus (uraufgeführt 2018). Der Wahlkampf ist zu Ende, die Sache scheint klar: Ödipus, der Spitzenpolitiker (unklar, in welches Lager er gehört), wird gewinnen. Florian von Manteuffel will gleich mit gutem Beispiel voran: die Wahrheit über seine Geburt und Herkunft. In der Wahlkampfzentrale, kalter Zweckraum und Rückzugsort, wird das Ergebnis erwartet, die Uhr läuft – und sie läuft ab: Countdown in digitalen Leuchtziffern. Auf dem TV die Wahlberichterstattung eines fiktiven griechischen Senders, die Kinder sind da, Ehefrau Iokaste (Barbara Horvath), Schwager und Wahlkampfmanager Kreon (Robert Dölle). Ödipus‘ Ziehmutter Merope (Rita Russek) taucht auf, aber der siegesgewisse Kandidat hat keine Zeit für sie. Doch die Wahrheit kommt ins Rollen: die Geschichte um den Autounfall, bei dem Ödipus‘ Vater Laios umkam, dazu noch der unangenehm versiffte Teiresias (Steffen Höld) mit seiner düsteren Prophezeiung.

Icke, der Regisseur, gräbt hoch präzise und psychologisch tief in jede Ecke von Text und Subtext, und er hat ein großartiges Ensemble, das ihm konzentriert folgt. So öffnet sich nach und nach der Blick hinter die Fassaden, spannend, berührend – und man schaut gerne über manch dramaturgische Unschärfe hinweg. Je näher das Wahlergebnis kommt, die Uhr gegen Null rennt, umso größer wird die Katastrophe der Offenbarungen: Ödipus, das Findelkind; Ödipus, der Unfallverursacher; Ödipus, der mit seiner eigenenMutter verheiratet ist und mit ihr Kinder hat. Am Ende der totale Fokus auf zwei zerstörte Existenzen: Horvath und Manteuffel, grandios in ihrer Vertrautheit, ihrem Spaß, ihrer Zärtlichkeit, versinken jetzt im Schmerz der unfassbaren, unerträglichen Erkenntnis. Mit tragischem Ausgang für das Paar: er blendet sich mit dem Absatz eines High Heels, sie flieht aus dem Leben mit einem Schuss. Das Publikum steht (bei der vierten Aufführung) beim langen Applaus.


„Der blinde Passagier“ im Volkstheater

Das literarische Werk von Maria Lazar (1885 – 1948) wird erst seit einigen Jahren wiederentdeckt. Insgesamt drei Dramen sind darunter, die österreichische Kommunistin aus großbürgerlicher Familie, die bereits 1933 ins Exil geht, schreibt unter dem Eindruck der Nazi-Zeit 1938/39 das Stück Der blinde Passagier. Eine Fluchtgeschichte, am Volkstheater ist das Krimi und Verhaltensstudie in grauen, suggestiven Bildern.

Bühnenportalgroß dümpelt das Wasser auf dem Videoscreen, Hafengeräusche, irgendwo platscht es – so beginnt der gut 90-minütige Abend. Auf der schwarzen Bühne die Hälfte eines kleineren Schiffes, eines Paketbootes, die Bordwände haben große Fenster für den Blick ins Innere: Kombüse, Kajüte, Koje. Eine Enge, der man nicht entkommen kann. Mit an Bord: die zwei Kinder des Kapitäns ( Jonathan Müller). Carl (Cedric Stern) hat einen Mann aus dem Wasser gerettet: Hartmann (Silas Breiding) ist vor der Hafenpolizei geflohen und zu dem dänischen Schiff geschwommen, das gerade in einem deutschen Hafen ankert. Nina, die Schwester (Lola Dockhorn), versteckt ihn, Jörgen, ihr Freund und Steuermann (Alexandros Koutsolis) hat was dagegen. Weil er Jude ist. Und später: weil er zum Nebenbuhler wird.

Wie umgehen mit der Situation, mit dem Verfolgten ohne Pass, wie helfen ohne die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen? Das sind die Fragen, die den Stoff aus dem Zeitbezug der 1930er Jahre lösen, parabelhaft werden hier Grundfragen moralischen Handelns verhandelt: man denkt an Dürrenmatt, an Siegfried Lenz. Die grauen Typen – nur die Tochter träumt sich mit ihrem gelben Kleid in ein anderes Leben – geraten ein bisschen holzschnittartig, wirken ausgestellt und etwas fern mit ihren Mikroport-Stimmen hinter den Glasscheiben. Aber Regisseur Adrian Figueroa hat das große atmosphärische Bild im Kopf. Und das zieht in den Bann: das Kammerspiel ergänzt mit der Videotechnik, die Gesichter groß wie Seelenlandschaften in den Raum wirft; der unheimlich treibende Sound; das Lichtdesign: fahl bis blendend (Suchscheinwerfer). Und die verschiedenen Ansichten des Bootes auf der Drehbühne, bis es am Ende in die Tiefe strudelt. Großer Beifall. Und ein Buh.