Bühnenschau: Lügen und Utopien

Bühnenschau: Lügen und Utopien

„Als hätte das was mit Liebe zu tun“ im Mathilde Westend, das Metropoltheater mit „Mittwinter“ und „Munich Machine“ im Residenztheater.

Der IN-München-Theaterexperte Peter Eidenberger bespricht drei aktuelle Stücke.

„Als hätte das was mit Liebe zu tun“ im Mathilde Westend

„Münchens wohl kleinstes Theater“ nennt sich das Mathilde Westend, und das ist es tatsächlich: der Raum ist gerade mal 15 m² groß, nicht mal 20 Klappstühle haben hier Platz, die Bühne ist mini. Nirgends ist man als Zuschauer so nah dran an der Kunst wie hier in diesem Laden in der Gollierstraße im Westend (wo es auch Ausstellungen und andere „Kostbarkeiten“ gibt). Zum 10-jährigen Jubiläum schenkt sich die Theaterchefin Theresa Hanich selbst ein Stück, ihr erstes, verfasst in einer neuen Lebensphase (Mutter geworden), es ist – ohne männliche Zuschauer unnötig verschrecken zu wollen – ein Frauenstück geworden, Einflüsse der feministischen Texte von Emilia Roig (ihr Roman „Das Ende der Ehe“) und der Bloggerin Nicole Zacharias (@zachi_unplugged) sind nicht zu überhören. „Als hätte das was mit Liebe zu tun“ ist eine Mutter-Tochter-Battle, ausgelöst vom schönsten Tag des Lebens, Hanich beginnt ihre Inszenierung mit Bildern aus Hollywood-Filmen.

Thema Hochzeit also. Und die Folgen davon. Und schon kollidieren in der kleinen detailverliebten Küche Welten: die Mutter ist Ehekritikerin, die Tochter ist glücklich und will einfach nur heiraten. Ein Clash zwischen Ideologie und Gefühl: im Wissenschaftsjargon doziert sich die Mutter (Professorin, Politologin, Typus Alt-68erin) quer durch die Evolution der Paarbeziehung. Man denkt öfters an eine Hyäne kurz vor dem Sprung: so verbeißt sich Elisabeth Rass mit Furor in das Bild einer starken, autarken Frau. Und doch blitzt durch, welche Kraft es diese Mutter kostet, so zu sein, wie sie meint sein zu müssen. „Ich hatte gehofft, dass du schlauer bist und diesen Ehequatsch nicht mitmachst“, schmeißt sie der Tochter an den Kopf. Doch Christina Matschoß hält deutlich dagegen. Sie ist eine andere Generation, ihre Power basiert auf herzlicher Wärme und dem Recht auf Träumen wie auf eigene Fehler.

Versteckte Vorwürfe, gesellschaftliche Normen, alte Geschichten, Schuldgefühle – die 80 Minuten sind ein innerfamiliäres Ringen mit viel Wiedererkennungswert, bissig bis gefühlig, und ein bisschen vorhersehbar: bei Wein und Schnaps glätten sich die Wogen. Heftiger Beifall (auch von den vier Männern im Publikum).


„Mittwinter“ im Metropoltheater

Im britischen Theater hat sie einen Namen, hier ist sie unbekannt, und damit passt sie bestens in das ewige Interesse am Metropoltheater, Neues zu entdecken: Zinnie Harris. Seit 30 Jahren Autorin und Regisseurin, ist sie inzwischen auch im Leitungsteam des Royal Lyceum Theater in Edinburgh. Ihr Stück „Mittwinter“ (von 2004), der Mittelteil einer Trilogie, erzählt davon, was der Krieg mit Menschen macht. In einer nicht näher bestimmten Nachkriegszeit (die Kleidung auf der Bühne verweist eher auf heute) suchen Überlebende nach Orientierung, Alltag, Glück. In einem rauen Klima, der Guckkastenraum von Thomas Flach, von beschmutzten Stoffbahnen umgrenzt, ein Bretterhalbkreis, schwarz, patiniert, zeigt es.

Es ist ein Kampf, zurück ins Leben, ins Weiterleben. Bis die Bedrohung zurückkommt: der nächste Krieg. Maude, mit blutigen Händen stillt sie ihren Hunger direkt aus dem Leib eines toten Pferdes: ein Bild von Not und Entschlossenheit steht am Anfang, Genija Rykova will mit großer Kraft in die Normalität zurück. Zu der vor allem ihre „Familie“ gehört: der Junge, den sie sich eintauscht, weil das eigene Kind tot ist – wortlos, verhaltensauffällig, beeindruckend: Anna Graenzer –, und Grenville, der nach zehn Jahren heimkehrt, wegen eines Parasiten droht der Ex-Soldat zu erblinden: Michele Cuciuffo, ein Mannsbild zwischen Frust und Jähzorn, das Aufblicken fällt ihm schwer. Ein brüchiges Familienglück, mit ein paar Lichtblicken – bis der Opa (Thomas Schrimm) auftaucht und sich den Jungen, seinen Enkel, wieder „ausleihen“ will.

Aktuelle Bezüge braucht Metropol-Chef Jochen Schölch für dieses Antikriegsstück nicht, sie sind offenbar, und so arbeitet er pur die Deformierung der Persönlichkeiten, des sozialen Miteinanders heraus. Wie man es von ihm kennt: ohne Bohei, ohne Theaterdonner, sondern direkt, menschlich, erschreckend. Dass Harris Schritt für Schritt die Entdeckung der Wahrheit zuspitzt, mit einer kargen Sprache, die schnell auf den Punkt kommt, macht das Kammerspiel zum Krimi (Dauer: knapp zwei Stunden). Bis die Lügen aufgedeckt werden, die Krankheit ihr Opfer verlangt, der Frieden wieder Traum wird. Der Beifall ist lang, für alle Beteiligten und auch die anwesende Autorin.


„Munich Machine“ im Residenztheater

München war mal Utopie, besser: der Ort für den Ausgang vieler Utopien. Das interessiert auch im Universum, also landet im Residenztheater ein Weißwurst-UFO mit einer Außerirdischen, Name: KI, von einem Planeten ohne Männer und mit zu viel Harmonie. Denn hier finden sich Männer und ihre Utopien, in Bayern, in München. Das ist der Ausgangspunkt im neuen Stück des Autors und Münchners Albert Ostermaier (geb.1967).

„Munich Machine“ ist Hommage an ein vergangenes München und den 2022 verstorbenen eigenwilligen Filmemacher Klaus Lemke. Brigitte Hobmeier spielt ihn klasse, den unvermeidlichen Hut auf dem Kopf, aber ausreichend Distanz zum machohaften Vorbild, in der Emotion vom Druck des nahen Todes bestimmt. Lemke wird Reiseleiter für KI, dreht dabei einen letzten Film, eine letzte Tour also (mit dem femininen Amore als Assistent: Thomas Hauser) zu Münchner Typen, Ideen, Umbrüchen: Räterepublik, Schelling-Salon, Ludwig Thoma, Hitler und Brecht, Lenin, Franz Josef Strauß, die rechte Wehrsportgruppe Hoffmann, Olympia- und Oktoberfest-Attentat, RAF, Freddie Mercury, die Disco-Szene, Helmut Dietl. Und nicht zu vergessen: die Utopie Katholizismus, samt Machtstrukturen und Missbrauch, es ist die beklemmendste Szene des Abends (gut drei Stunden, mit Pause).

Das Münchner Kindl kehlt schon am Anfang seinen Wutfrust heraus (Pia Händler), der düstere Auftritt (mit Sense) setzt die Temperatur. Auf der Drehbühne mit ihren Bürgerhäusern und wechselnden Szenerien wird die Revue der Utopien zur Geistershow, die Musik (von DJ Hell und Benedikt Brachtel) unterfüttert entsprechend. Regisseur Ersan Mondtag mag die Wucht der Bilder, aber vieles bleibt für sich stehen, der Lemke-Plot hängt zunehmend in der Luft. Manches wird zu schnell verhandelt (auch akustisch), anderes wird zu lang, Ostermaiers München-Text zwischen Witz, Kritik und Wehmut und unbedingtem historischem Auf- und Erklärungswillen hätten ein paar dramaturgische Bremsen nicht geschadet (im gemischten Applaus ein paar Buhs für Regie und Autor). Der Leistung des Ensembles tut das nichts: Cathrin Strömer ist eine schön maschinelle KI, Heimatdichter Thoma ist bei Max Mayer ein widerlicher Antisemit, die unbedingt positive Bavaria von Vincent Glander: herrlich. Nur der problematische Franz Josef Strauß von Myriam Schröder gerät arg lustig.