Antikes im Innenhof der Glyptothek: „Dionysos“ und „Antigone“. Aktuelles im Metropol: „Putsch“
Der IN-München-Theaterexperte Peter Eidenberger bespricht drei aktuelle Stücke.
„Dionysos“ im Innenhof der Glyptothek

Foto: Palermobrüder GbR
Ein Gott ist sauer. Dionysos, der Gott des Weines und des Rausches, kehrt zurück in seine Geburtsstadt und verlangt Gefolgschaft, schließlich soll er von Zeus gezeugt worden sein. Doch Pentheus, der Herrscher über Theben, hat keine Lust, an den Machtverhältnissen was zu ändern. Also manipuliert Dionysos die Frauen und macht sie zu Fans seiner sinnlichen Agenda. Und bald bringt sich eine Gesellschaft um die Vernunft.
Die Theaterspiele Glyptothek haben wieder geöffnet, und so gibt es auch dieses Jahr zu Wein, Wasser und Brot was Griechisches. 405 v. Chr. verfasst der fast 80-jährige Euripides „Die Bakchen“, Regisseur Sven Schöcker nimmt die sehr gut les- und hörbare Neuübertragung von Roland Schimmelpfennig mit dem Titel „Dionysos“ und lässt nun kraftvoll Macht und Exzess kollidieren. Pentheus, eine brüllende Autorität, aufbrausend, starkes Ego: Rainer Haustein, will genau bei der Ordnung bleiben, die seine Aktentasche symbolisiert. Er ignoriert die Warnung von Großvater Kadmos (Martin Schülke) und dem blinden Seher Teiresias (Julia Gröbl): „Der neue Gott … wird groß und mächtig werden.“ Dieser Gott ist eine Frau, Christine Garbe zieht mit Tamtam und Tambourin vor die dreischrägige Bühne, den wissenden Triumph hat sie von Beginn an im Gesicht. Sie weiß, was kommen wird, wie sie Pentheus neugierig macht, bis er sich Frauenkleider und Schmuck verpassen lässt, um sich unter die Bakchen mischen zu können, die es im Kithairon-Gebirge krachen lassen.
Sven Schöckers Regie setzt in diesen 75 Minuten effektsicher auf simple Mittel: für das Schlachten von Pentheus, im Text klingt das wie ein Splatter-Movie, braucht es kein Blut, ein rotes Tuch reicht. Die Stimmen spielen wunderbar (ohne Verstärkung) mit dem akustisch nicht einfachen Ambiente dieses Innenhofs, Katerina Giannitsioti im Wechsel mit Ramon Boss dosiert mit ihrem Cello die Stimmung empathisch: von düster-elegisch bis chaotisch-entfesselt. Ein toller Abend, langer Beifall. Am Ende verweist Schöcker noch auf die Existenzsorgen seiner nicht subventionierten Truppe, weil auf dem Königsplatz im Sommer viel passiert, was das Theater spielen stört bzw. verhindert. Sie suchen das Gespräch mit dem Stadtrat via Petition (mehr unter openpetition.de).
„Antigone“ im Innenhof der Glyptothek

Foto: Palermobrüder GbR
Die zweite Produktion in der Glyptothek in dieser Saison: „Antigone“. Die beiden Brüder der Ödipus-Tochter sterben im Kampf um Theben. Kreon, ihr Onkel, übernimmt den Thron und untersagt die Beerdigung des Bruders, der gegen die Stadt gekämpft hat: Polyneikes. Antigone bestattet ihn trotzdem. In der ersten der drei „thebanischen“ Tragödien rund um den Ödipus-Mythos (uraufgeführt ca. 442 v. Chr.) behandelt Sophokles einen Grundkonflikt: was gilt mehr, das Gesetz der Politik oder der moralische, in dem Fall auch göttliche Kompass des Einzelnen?
Diesen Konflikt zu kennen, lohnt sich, denn verstehen und in seiner Tragweite erfassen lässt er sich in dieser Inszenierung nicht. Man sitzt etwas ratlos da nach nicht einmal 60 Minuten, obwohl der Applaus ansehnlich ist, ein paar Bravos inklusive. Basis dieser, sagen wir mal, theatralen Untersuchung ist eine eigene Fassung nach der alten Hölderlin-Übersetzung, punktuell ein bisschen aufgepeppt, da heißt’s dann schon mal: Hau ab oder verdammt. Ein Chor aus Laien (Teammitglieder) führt ein, Antigone sitzt in der Mitte, pfeifend kommt Ismene hinzu, ihre Schwester, im Gerippe eines Reifrocks. Überhaupt sind die schwarzweißen Kostüme zusammengestückelt, halbfertig, bisschen Unterwäsche, bisschen Tüll.
Und dann geht’s lost, mit einem Affentempo hetzen sie durch den Text, als gäb’s kein Morgen. Interaktion ist die Ausnahme, gerne spricht man an der Rampe stehend mit bedeutungsvollem Blick in die Ferne. Hanna Gandor ist eine erwartbar kämpferische Antigone, sie spielt aber auch den Boten, dann sorgt sie schwäbelnd für Schmunzler, halb unter Tücher liegend gibt sie den Seher Teiresias.
Regisseur Alex Novak macht ein Stück mit zwei Personen in mehreren Rollen, vergisst aber die Charaktere zu verdeutlichen, so etwas wie Figurenpsychologie oder Entwicklung einer Szene interessiert ihn nicht. Wohl damit es im Sommertheater nicht langweiliig wird, setzt sich Antigone immer wieder mal ans Piano und spielt eine Ballade oder ein bisschen Polka, Ronald Schleglmann (neben Ismene ist er auch Kreon) blödelt dann mit einer imaginären Trompete lustig dazu. Trotz der Mikroports geht die Textinfo in diesem Tempo verschütt, dass es hier um einen existenziellen Machtkampf geht, um elementare, überzeitliche Fragen von Moral, davon zu spüren, zu erleben ist: nichts. Hohle Künstlichkeit, irritierend belanglos.
„Putsch“ im Metropol

Klara Milkowski ist eine erfolgreiche Komikerin im Öffentlich-Rechtlichen, mit eigener Sendung „Klara-Text“ und mit Witzen, die Grenzen testen, gerne gegen Woke-Trans-Gender-Multi-Kulti-etc. Bis sie rausfliegt, „Zensur!“ schreit und ein Riesen-Shitstorm folgt. Eine Frau, die sich als scheißnormal sieht, einfach nur sagen will, was sie denkt, und dazu noch populär: so jemanden kann Oskar Falk gut brauchen, der Anwalt und Multi-Millionär, der sich gerade die UHD unterwirft, die Partei Unser Haus Deutschland.
„Putsch“, die neue Produktion im Metropol, liefert die „Anleitung zur Zerstörung einer Demokratie“ (Untertitel). Der TV-Serien und Kabarett-erfahrene Dietmar Jacobs hat zusammen mit dem britischen Autor Alistair Beacon ein satirisches Lehrstück geschrieben, mit hohem Wiedererkennungswert und manchmal etwas viel Zeigefinger. Mehrere Spieler teilen sich die Conference, die kommentiert, Charaktere vorstellt, das ergibt auch Spiel im Spiel und verstärkt den Witz des Textes, den Jochen Schölch mit Drive in Szene setzt, Kasperltheater und Showelemente inklusive.
Wir begegnen einem Typenkosmos, der die Demokratie ins Stolpern bringt: Trolle mit Masken, die Stimmung machen auf Social Media; ein Wutbürger, der alles Scheiße findet, Lastenräder, fleischlose Körner-Opfer, und das Publikum sowieso (Wowo Habdank); der Kanzler mit unverkennbarer Haarinsel (Hubert Schedlbauer, der auch Markus Lanz parodiert und Klaras windigen Manager Thorben gibt). Die rechte UHD holt die einfache Mehrheit, und weil die anderen Parteienvertreter keinen Kompromiss finden, fällt in den Koalitionsverhandlungen die Brandmauer.
Das alles ist lustig mit Bauchgrimmen, mal feiner, mal plumper überspitzt, auch wenn man das Gefühl nicht los wird, ob die Satire der Realität vielleicht schon hinterherhinkt. Der Applaus nach knapp zweieinhalb Stunden: lang und heftig. Nicht zuletzt dank der Brillianz der beiden Hauptcharaktere: Ina Meling zeigt mit ihrer Klara in Alice-Weidel-haftem BWL-Chic sehr glaubhaft, wie jemand für eine Spitzenrolle in der Politik vereinnahmt wird – den etwas gewollten Mutter-Konflikt mit der „linken“ Protest-Tochter (Lea Luisa Schönhuber) hätte es gar nicht gebraucht. Michele Cuciuffo als Falk ist alles andere als ein tumber Rechter: ein hochintelligenter Strippenzieher, charmant im Umgang, knallhart im Kalkül.
