19:30 Uhr – 21:30 Uhr
Metropoltheater, Floriansmühlstraße 5, 80939
München
Theater
Mittwinter
Von Zinnie Harris
Deutsch von Karen Witthuhn
Winter in einem unbenannten, kargen Ort am Ende eines langen Krieges. Es gibt keinerlei gesellschaftlichen Halt mehr, Nahrung und Ressourcen sind knapp, doch Maud hat einen Pferdekadaver gefunden, den sie hinter sich herzieht. Als sie auf einen alten Mann und dessen hungrigen Enkel trifft, zwingt sie ihnen einen Tausch auf: Das Pferd gegen den Jungen. Der Junge soll die Lücke füllen, die der Tod ihres eigenen Kinds hinterlassen hat – ein Verlust, den Maud verschweigt.
Kurz darauf erreicht die Nachricht vom Kriegsende den Ort und Mauds Mann Grenville kehrt nach 10-jähriger Abwesenheit zurück, wie alle Soldaten infiziert mit einem rätselhaften Virus, der ihn zu erblinden lassen droht. Er glaubt Mauds Geschichte zunächst, doch als der alte Mann wieder auftaucht und den Jungen zurückfordert, beginnt Mauds fragiles Konstrukt aus Lügen, Hoffnung und verzweifeltem Festhalten an einer „normalen“ Familie einzustürzen und Grenville zu zweifeln: Ist der Junge wirklich sein Kind? Und ist Maud die Frau, für die sie sich ausgibt?
Im zweiten Teil ihrer Trilogie erzählt Zinnie Harris in der ihr eigenen, reduziert-klaren Sprache von einer kurzen Zeit des Friedens zwischen einem vergangenen und einem heraufziehenden, noch viel größeren Krieg. Was macht eine solche Bedrohung von außen mit jedem einzelnen Individuum, wie lange wirkt sie nach und wie weit in eine Gesellschaft, deren Identität und Moralvorstellungen hinein? Den langen Schatten von Angst und Entbehrung können die Figuren in „Mittwinter“ nach Kriegsende nicht einfach ablegen – er haftet an allem und jedem, und Frieden ist hier kein hoffnungsvoller Zustand, sondern ein mühevolles, letztendlich unmögliches Ringen um Wahrheit, Menschlichkeit und das eigene Glück.
Regie: Jochen Schölch / Bühne: Thomas Flach / Kostüme: Sanna Dembowski / Licht: Martin Hermann / Regieassistenz: Mehrnoosh Matin / Regiehospitanz: Daniel Eckert / Bühnenmalerei: Mark Reindl / Bühnenbau: Alex Ketterer
Mit Michele Cuciuffo, Anna Graenzer, Paul Kaiser, Genija Rykova, Thomas Schrimm
Die Besprechung unseres Theaterexperten Peter Eidenberger:
Im britischen Theater hat sie einen Namen, hier ist sie unbekannt, und damit passt sie bestens in das ewige Interesse am Metropoltheater, Neues zu entdecken: Zinnie Harris. Seit 30 Jahren Autorin und Regisseurin, ist sie inzwischen auch im Leitungsteam des Royal Lyceum Theater in Edinburgh. Ihr Stück „Mittwinter“ (von 2004), der Mittelteil einer Trilogie, erzählt davon, was der Krieg mit Menschen macht. In einer nicht näher bestimmten Nachkriegszeit (die Kleidung auf der Bühne verweist eher auf heute) suchen Überlebende nach Orientierung, Alltag, Glück. In einem rauen Klima, der Guckkastenraum von Thomas Flach, von beschmutzten Stoffbahnen umgrenzt, ein Bretterhalbkreis, schwarz, patiniert, zeigt es.
Es ist ein Kampf, zurück ins Leben, ins Weiterleben. Bis die Bedrohung zurückkommt: der nächste Krieg. Maude, mit blutigen Händen stillt sie ihren Hunger direkt aus dem Leib eines toten Pferdes: ein Bild von Not und Entschlossenheit steht am Anfang, Genija Rykova will mit großer Kraft in die Normalität zurück. Zu der vor allem ihre „Familie“ gehört: der Junge, den sie sich eintauscht, weil das eigene Kind tot ist – wortlos, verhaltensauffällig, beeindruckend: Anna Graenzer –, und Grenville, der nach zehn Jahren heimkehrt, wegen eines Parasiten droht der Ex-Soldat zu erblinden: Michele Cuciuffo, ein Mannsbild zwischen Frust und Jähzorn, das Aufblicken fällt ihm schwer. Ein brüchiges Familienglück, mit ein paar Lichtblicken – bis der Opa (Thomas Schrimm) auftaucht und sich den Jungen, seinen Enkel, wieder „ausleihen“ will.
Aktuelle Bezüge braucht Metropol-Chef Jochen Schölch für dieses Antikriegsstück nicht, sie sind offenbar, und so arbeitet er pur die Deformierung der Persönlichkeiten, des sozialen Miteinanders heraus. Wie man es von ihm kennt: ohne Bohei, ohne Theaterdonner, sondern direkt, menschlich, erschreckend. Dass Harris Schritt für Schritt die Entdeckung der Wahrheit zuspitzt, mit einer kargen Sprache, die schnell auf den Punkt kommt, macht das Kammerspiel zum Krimi (Dauer: knapp zwei Stunden). Bis die Lügen aufgedeckt werden, die Krankheit ihr Opfer verlangt, der Frieden wieder Traum wird. Der Beifall ist lang, für alle Beteiligten und auch die anwesende Autorin.
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Veranstaltungsort / Karte
Metropoltheater
Adresse: Floriansmühlstraße 5,
80939 München
