Ortsgespräch

„Wenn Ruhe diktiert wird, ist das schlecht“ - Der Künstler Peter Euser im Interview

Künstler Peter Euser
+
Tankt seinen inneren Bild-Speicher im Freien auf – am liebsten bald wieder in Wüsten-Landschaften: Peter Euser

Haidhausen zeigt sich von seiner spannendsten Seite: Der Fotograf, Maler und Lichtkünstler Peter Euser hat die diesjährige Kulturbiennale „Obacht – Kultur im Quartier“ auf die Beine gestellt. Eine Achterbahnfahrt durch den Corona-Irrgarten. Aber eine sehr inspirierende.

Herr Euser, Sie haben für Ihre Künstler-Kollegen und sich die diesjährige Kulturbiennale organisiert – mit über 20 Ausstellungsorten, vor allem in privaten Künstler-Ateliers. Wie fühlt es sich denn an, wenn man sich nach so langer Zeit wieder stolz mit seinen Arbeiten im größeren Stil zeigen kann?
Das ist toll. Vor allem, wenn dann auch wieder ein breiteres Publikum kommen kann und nicht nur die paar wenigen Einzelgäste, die man zuletzt nur in seinen Ateliers begrüßen durfte. Es war in diesen zurückliegenden eineinhalb Jahren ja nicht so, dass man durchgehend komplett geschlossen bleiben musste. Aber nun kommen endlich wieder mehr Besucher zurück. Man lebt als Künstler ja davon, dass man die Öffentlichkeit erreicht.  Natürlich könnte man sagen: Wenn meine Bilder im Schaufenster hängen, sieht man meine Arbeit als Künstler ja auch. Aber das Gleiche ist das ja nicht: Nun bekomme ich endlich wieder direktes Feedback und echten Austausch.

Sie haben ja lange am Konzept der Reihe gearbeitet. Wie viel Nerven hat das gekostet? Immerhin mussten Sie und das Team ja wohl stets aufs Neue die jeweils aktuellen Vorschriften in der Planung berücksichtigen?
Wir wussten lange nicht, wie viele Besucher in unsere Ateliers kommen dürfen. Daher musste ich immer wieder zweigleisig planen. Wenn plötzlich eine ganz Gruppe vor der Tür steht, muss man auch heute einige erst mal bitten, kurz noch draußen zu bleiben. Alles gelegentlich ein wenig strange, aber machbar.

Bis hin zu ganz neuen Aufgabenstellungen: Kunstausstellungen mit Türsteher?
Solche Gedanken kommen da natürlich auf. Aber vermutlich können wir das vermeiden. Es gibt aber ja viele Möglichkeit – etwa QR-Codes, die man einscannen kann und damit verfolgbar ist. 

Was macht das eigentlich mit dem Gemüt, wenn man sich plötzlich mit so vielen technisch-juristischen-, sogar seuchenmedizinischen Fachfragen herumschlagen muss?
Allein schon diese ganzen Wort-Ungetüme, die zuletzt entstanden sind: Furchtbar! Sie allein schon sorgen ja dafür, dass man sich ab und an unsicher fühlt. Auf meine zuletzt intensive Beschäftigung mit all diesen Dingen hätte ich gerne verzichtet. Was die Technik angeht: Sie biete, glaube ich, auch Chancen, etwa bei der Präsentation oder der Vernetzung untereinander. Wir alle viel gelernt – auch lernen müssen. Wenn man ein wenig zurückblickt, gab es in dieser Isolation auch Zeiten, in der man als Künstler sehr viel schaffen konnte. Leute, die zurückgezogen arbeiten, hatten einfach mal eine Zeit lang ihre Ruhe.

Das, was man sich oft – unter anderen Umständen - so sehr wünscht.
Genau. Wenn die Ruhe aber diktiert wird, ist das schlecht.

In wie weit küsst denn so eine Muße-Phase auch tatsächlich Ihre Musen wach?
Das funktioniert leider nicht so einfach. Man hatte ja zuletzt viel anderes um die Ohren - vor allem existenzielle Sorgen. So mancher meiner Künstlerkollegen hat ja Kinder, die daheim sitzen und denen es auch schlecht geht. Es war eine sehr intensive Zeit, aber oftmals leider auch eine verlorene Zeit. Irgendwann kam bei uns allen ja der Punkt, an dem man gar nicht mehr wusste, wann man was gemacht und wann was war. Ein seltsames Jahr – auch künstlerisch. Es gibt Leute, die Lebenszeit verloren haben.

Haben Sie an Ihrem eigenen Schaffen, aber vielleicht auch bei den Kollegen Themenkreise erkennen können, die sich nun auch in den ausgestellten Arbeiten wiederspiegeln?
Wenn ich von mir aus gehe, habe ich mich natürlich sehr stark - und das deutet ja auch der Titel meiner aktuellen Ausstellung an - mit dem Thema Heimat befasst. Das heißt: Mit dem erweiterten Begriff Heimat. Es sind Roadside-Bilder, aber auch Naturbilder, an die ich mich beim Malen herangetraut habe. Man hat sich einfach stark mit seiner unmittelbaren Umgebung befasst. Weniger Exotik, mehr – schwieriges Wort – „Heimat“. Viele Leute haben ihre unmittelbar Umgebung künstlerisch entdeckt – und dabei auch mal eine andere Seite von Oberbayern.

Nicht nur Künstler waren fleißig im Freien und beim Wandern.
Na klar. Ich kenne viele Künstler, die angefangen haben zu Fuß rumzulaufen - aber eben gerade nicht nur in den Bergen. Es gibt ja im eigenen Land, in der eigenen Gegend oft noch so viel zu entdecken

Wie ist denn das bei ihnen ganz persönlich: Sie müssten doch – wie man an vielen Ihrer früheren Arbeiten sieht - ein Mensch sein, der über das übliche Maß hinaus einen Freiheits- und Fernwehdrang verspürt?
Absolut. Irgendwann geht es nicht mehr. Da kann man nicht täglich die vierte oder fünfte Runde im Viertel drehen. Viele haben sich ja auch einen Hund zugelegt und laufen jetzt eben mit ihrem Tier spazieren. Meine größte Angst kam in mir auf, als sie in Italien angefangen hatten, die Leute regelrecht einzusperren. Wenn es bei uns auch soweit gekommen wäre, wäre ich wohl durchgedreht. Daher war ich dankbar, dass ich viel raus konnte, um mal wieder an der frischen Luft zu atmen. Ein Segen. Fernreisen waren eben nicht mehr denkbar. Ich habe selber zwei Kinder in USA - und konnte die nicht besuchen. Meinen letzten großen geplanten Flug zu ihnen kurz vor Ausbruch der Krise, konnte ich nicht mehr antreten. Zuletzt ist aktuell zumindest meine große Tochter hergekommen – voll durchgeimpft. Und nun wird ja endlich auch vieles wieder leichter.

Sie sind ja üblicherweise auch als Fotograf viel unterwegs. Mit voll durchgestempeltem Reisepass, nehme ich an?
Ich mache meine Reise. Und meistens verbinde ich sie mit meinen Fotoarbeiten. Dann sammle ich meine Bilder im Kopf - und komme zu mir. Zurück freue ich mich dann darüber, was alles in der Kiste ist – im Fotoapparat und hier oben!

Vielleicht ein Klischee: Aber sind Künstler vielleicht ein bisschen besser gewappnet gegen so Ausnahmesituation, weil Sie zumindest auch eine innere Schatzkammer haben?
Ich würde sagen schon. Man hat im Inneren ein Bildpolster. Ich weiß aber nicht, ob das nur Künstler haben oder ob auch anderen Phantasie-begabten Menschen so geht. Hoffentlich. Aber klar: Man hat seine Puffer. Zum Glück!

Was ist denn Ihr größte Sehnsuchts- und Lieblingsort, der jetzt wieder besser erreichbar – und zuvor lange Zeit nicht?
Ein Ort sind sicher die Berge, die Voralpenlandschaft. Die war aber natürlich nie versperrt. Aber tatsächlich gibt es einen Ort, nach dem ich mich sehne: Es ist die Wüste!

Mit der Organisation der Atelier-Ausstellungen hatten Sie sich ja eine ganz schöne Aufgabe aufgehalst. Sicher auch eine Art Ablenkung und Beschäftigung, aber wie sehr wirkte das für sie gelegentlich, als ob man einen Sack Flöhe hüten müsste?
Meine Vorgängerin Eva Sperner hat vielleicht besser delegieren können als ich. Und als sie die Aufgabe abgab, war zunächst niemand da, der es machen würde. Daher habe ich mich gemeldet und das Planen übernommen. Wir hatten ja auch schon früher zusammengearbeitet, als ich vor allem die Gemeinschaftsausstellungen mit auf die Beine stellte. Aber ich habe mir das tatsächlich ein wenig einfacher vorgestellt - vor allem wegen der langen Phase der Planungsunsicherheit.

Kann man sich vorstellen.
Nun hat es ja zum Glück geklappt – auch wenn wir etwa auf das angedachte Musikzelt auf dem Bordeaux-Platz leider verzichten mussten. Es war teilweise schon eine Achterbahnfahrt. Wenn jetzt nun alles soweit stattfinden kann, schlage ich drei Kreuze. Für mich persönlich war das Organisieren ein guter Weg, über die Zeit zu kommen und mich sinnvoll zu beschäftigen. Ich habe auch sehr gutes Feedback von den Künstlern bekommen, was viel Rückenwind gibt. Alle hier im Viertel haben mir gesagt: Schön, dass das stattfindet. Und gut, dass sich jemand drum kümmert und dass war man sich mit seiner Kunst endlich wieder im größeren Stil zeigen kann.

Sind Künstler nicht auch ein wenig kapriziös – vor allem wenn es um die Eigendarstellung auf Ausstellungen geht?
Das sagen Sie was! Nicht immer ganz leicht mit den Kollegen. Den Umgang mit Befindlichkeiten konnte ich allerdings schon früher bei meiner Arbeit für die Gemeinschaftsausstellung trainieren. Das ist wie im Auto: Jeder will vorne beim Fahrer sitzen! Ich musste mir schon ein dickes Fell zulegen.

Was muss man eigentlich machen, um bei der Gemeinschaftsaktion aufgenommen zu werden?
Es gibt verschiedene Kriterien: Zunächst einmal gibt es natürlich das Viertel-Kriterium. Und dann sind es professionelle Künstler. Aber oft kann man das ja nicht so genau trennen. Viele Kollegen müssen neben der Kunst von einer anderen Tätigkeit leben. Einige unserer Maler haben etwa einen Lehrauftrag oder arbeiten an Schulen. Ich mache selbst Fotografie, Malerei – und Licht! Und lebe streckenweise von allen drei Bereichen. Die Grenzen kann man nicht so genau ziehen.

Jetzt müssen Sie noch kurz verraten: Was heißt es konkret, wenn Sie mit Licht arbeiten?
Es gibt einmal meine Anwendungen für die Architekten. Dann sorge ich für nützliche Beleuchtung – die ist technisch sehr speziell, aber gestalterisch spannend. Und dann gibt es bei mir die Lichtkunst - also Lichtobjekte und freie Lichtarbeiten.

Kunst, die stattfindet, wenn man den Strom anschaltet?
Kann man so sagen. Ich habe aber auch schon andere Sachen gemacht – ohne Strom aus der Dose. Einmal war es eine Ausstellung mit einer Gruppe von sechs Leuten, die „Bring Your Own Energy“ hieß. Damals haben wir Lichtobjekte gestaltet, bei denen man selbst etwas tun musste, damit sie leuchten. Treten, kurbeln, viele Arten von Bewegung!

Was macht denn eigentlich die Künstler-Ausstellung für das Viertel Haidhausen selbst: Werden Sie beim Bäcker jetzt anders angesehen und noch freundlicher bedient?
Ich bin ja sowieso schon recht lang hier. Mich kennen schon viele und grüßen mich auch. Aber es kommen immer noch Leute neu ins Viertel. Was besonders schön ist: Wir wirken wirklich ins Viertel rein und bauen mit an einer Identität – mit den bestehenden Anwohnern und Künstlern. Und mit den Neuen, die sich stark dafür interessieren, was bei uns in Haidhausen passiert. Wir lernen uns alle gegenseitig besser kennen!

Interview: Rupert Sommer

Die Kulturbiennale „Obacht – Kultur im Quartier“ findet vom 2. bis 4. Juli in Haidhausen statt – nun schon zum elften Mal. Alle Infos zu den Ausstellungen und Veranstaltungen gibt es hier: www.kultur-im-quartier.de. Und den Künstler Peter Euser kann man virtuell hier in seinem Atelier besuchen – aber am besten natürlich ganz „real“ in der Wörthstr. 39: www.petereuser.de

Auch interessant

Urban Art Festival

Hands Off The Wall: Das Female Graffiti Festival im Werksviertel

Hands Off The Wall: Das Female Graffiti Festival im Werksviertel

Van Gogh Alive – The Experience: Kunst neu erleben

Van Gogh Alive – The Experience: Kunst neu erleben

Werkschau

Kunst in den WerkStetten

Kunst in den WerkStetten

Nachtleben

Schillernde Facetten - Die Ausstellung „Nachts. Clubkultur in München“

Schillernde Facetten - Die Ausstellung „Nachts. Clubkultur in München“