So Much I Want To Say
Im Haus der Kunst
Wer auf der Schnittstelle zwischen Kunst und Film wandelt, hat es mitunter doppelt schwer: Filmfestivals wissen nicht was anfangen mit Filmen, die sich dem schnellen Konsum entziehen. Und dem musealen Kunstbetrieb fehlen oft und banal genug die formalen Vorrausetzungen, sprich: ein dunkler, ruhiger Raum. Die Künstlerin Ulrike Ottinger ist so eine Grenzgängerin, was bedeutet, dass man ihre Filmwerke so gut wie nie im Kino und recht selten im Museum zu sehen bekommt. „Es dauert immer eine Zeit, bis neue künstlerische Ausdrucksformen anerkannt werden“, beschreibt Ottinger die Situation. Was wirklich verrückt ist, denn seit es Film gibt, interessierten sich Künstler für das neue Medium, man denke an Man Ray, Marcel Duchamp, Salvador Dali … Und Videokunst gibt es ja nun auch nicht erst seit gestern, sondern seit Anfang der 1960er Jahre. Dennoch: „Es ist nach wie vor schwierig“, sagt Ottinger und freut sich, dass ihr Reise-Epos „Johanna d'Arc of Mongolia“ (das 1988 im Kino lief) nun in der neuen Ausstellung der Sammlung Goetz im Haus der Kunst gezeigt wird.
Es geht um vier unterschiedliche Frauen – eine Broadwaysängerin, eine Oberstudienrätin, eine Ethnografin und eine Rucksackreisende – die in der Transsibirischen Eisenbahn aufeinander treffen. Die Reisenden werden von einer mongolischen Prinzessin und ihrem Gefolge entführt, raus aus dem Gewohnten, rein die fremde Natur und Kultur der Mongolen. Wie bei einer echten Reise sollte man genügend Zeit mitbringen – dieses opulent in Szene gesetzte und grandios fotografierte Abenteuer dauert über zwei Stunden.
Deutlich kürzer, nämlich 4 Minuten und 47 Sekunden, ist die Videoarbeit der palästinensisch-britischen Künstlerin Mona Hatoum (geb. 1952), auf den sich der Titel der Ausstellung bezieht. Gezeigt werden Bilder einer Performance, die 1983 live per Satellit zwischen Wien und Vancouver übertragen wurde. Alle acht Sekunden baut sich die Nahaufnahme eines Frauengesichts auf, das von Männerhänden bedeckt, verdeckt und so zum Schweigen gebracht wird. Währenddessen wiederholt die Stimme der Künstlerin unablässig die Worte „So Much I Want to Say“.
Was die Exponate aus der Sammlung Goetz miteinander verbindet ist ein feministischer Ansatz, die Auswahl spiegelt das ab den 70er Jahren wachsende Interesse an Gender-Studies: Alle zwölf Arbeiten verhandeln auf unterschiedliche Art und Weise das Bild der Frau in uns und in der Gesellschaft. Während Tracey Moffatt 1999 die stereotypen Darstellungen von schwarzem Servicepersonal in Hollywood-TV-Serien und -Filmen zu einer absurd-komischen Collage aneinanderreiht, ruft ein reichlich hyperaktiver „boy god“ in Ryan Trecartins Videoarbeit von 2003 „What’s the Love Making Babies For“ die transsexuelle Revolution aus. Warum nicht?
Gillian Wearing
Bis 7. Juli im Museum Brandhorst
Oft sieht es unter der Oberfläche anders aus, als Anzug, Krawatte und schnittiger Blick vermuten lassen: „I’m desperate“ steht auf dem Papier, das der junge Mann vor sich hält. Und wäre man ihm auf der Straße begegnet, hätte man sich wahlweise nichts oder irgendwas anderes gedacht – aber ziemlich wahrscheinlich nicht, dass er verzweifelt ist. Die Diskrepanz zwischen dem, was man der Welt zeigt, und dem, was tatsächlich der Fall ist, also der Widerspruch zwischen „public“ und „private“, ist ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch das Werk von Gillian Wearing zieht.
Für ihr Projekt „Signs that Say What You Want Them to Say and Not Signs that Say What Someone Else Wants You to Say“ („Schilder, die sagen, was du mit ihnen sagen willst, und nicht Schilder, die sagen, was jemand anderes will, das du es mit ihnen sagst“) bat die britische Konzeptkünstlerin Passanten auf der Straße, spontan eine Botschaft auf ein Blatt Papier zu schreiben. Anschließend machte sie ein Foto, 600 Porträts sind es geworden.
Und so steht man vor den Bildern und versucht automatisch, Person und Papierbotschaft wie zwei Schablonen übereinander zu schieben und wundert sich. Wundert sich über die eigene Hartnäckigkeit. Es ist nichts Neues, dass ein Lächeln nicht zwangsläufig bedeutet, dass auch ein fröhlicher Mensch drinsteckt. Und dennoch gibt es in uns offenbar eine Sehnsucht nach Deckungsgleichheit von Oberfläche und Innerem, kurzum nach Kontrolle. Und angenehm ist so ein Kontrollverlust ja nie, eher beunruhigend.
Ihre Foto-Botschaften machten Wearing Anfang der 90er Jahre international bekannt, so richtig berühmt wurde sie ein paar Jahre später, als sie 1997 den Turner-Preis bekam, den wichtigsten britischen Kunstpreis.
Die Ausstellung eigt in neun Räumen fotografische Arbeiten und Filminstallationen aus allen Schaffensphasen der Künstlerin. Die Kooperation mit der Whitechapel Gallery in London und der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ist die erste umfassende Retrospektive der 50-jährigen Britin, die seit 2007 Mitglied der Royal Academy of Arts ist.
„I'm interested in people“, sagt Wearing über sich. Eine Verhaltensforscherin, die Strukturen sozialer Konventionen untersucht und dabei individuelle mit standardisierter Kommunikation so vermischt, dass man sich beider nicht mehr sicher sein kann. Behauptete Authentizität trifft auf versteckte Manipulation, das Ergebnis sind Verfremdung und Entfremdung: Für ihre Selbstinszenierungen (2003-06) schlüpfte Wearing in eigens dafür angefertigte Silikonmasken ihrer nächsten Verwandten. Again: Der Schein, das Sein und der Zwiespalt.
Mel Bochner
Bis 23. Juni Im Haus der Kunst
Jetzt mal tief Luft holen und den nächsten Satz in einem Rutsch lesen: „Working Drawings and Other Visible Things on Paper Not Necessarily Meant to Be Viewed as Art“. So lautete der Titel der ersten Einzelausstellung des US-amerikanischen Künstlers Mel Bochner in der School of Visual Arts Gallery in New York, wo er damals als Kunstgeschichtsdozent arbeitet. Wie man eventuell an der Länge des Titels und andererseits am Inhalt erkennen kann, handelte es sich um „Konzeptkunst“, genauer: um die erste wegweisende Ausstellung dieser Gattung. Warum? Darum: Bochner sammelte und fotokopierte Arbeitszeichnungen, Skizzen, Notizen und anderes Material von Wissenschaftlern und befreundeten Künstlern – darunter Donald Judd, Dan Flavin oder Robert Smithson – heftete die Kopien alphabetisch in vier identischen Ringbüchern ab und präsentierte diese auf vier Sockeln. Dass dieses pragmatische Konzept quasi aus der nackten Not heraus geboren wurde – die Veranstalter hatten kein Geld die Arbeiten zu rahmen – schmälert die kunsthistorische Bedeutung dieser Ausstellung keineswegs: Es gab keine Originale zu sehen, aber Diskussionen um die Autorschaft der gezeigten Werke; der Kurator transformierte durch Reproduktion zum Künstler; außerdem wurde der passive Konsument zum blättern und lesen aufgefordert, also aktiver Bestandteil der Ausstellung. Das waren ne Menge Impulse.
Gemeinsam mit anderen Vertretern der Konzeptkunst hinterfragte und demontierte Bochner (geb. 1940) die Vormachtstellung der Malerei: Idee und Konzept verdrängten materielle Werke, experimentelle Skizzen ersetzen fertige Kunst. Es ging darum weiterzuführen, was der französisch-amerikanische Über- und Objektkünstler Marcel Duchamps begonnen hatte, es ging um den Impuls der Kunst um der Kunst Willen.
Von den 60er Jahren bis heute durchlief der heute 73-jährige Bochner unterschiedliche Phasen, in denen er sich mit Fotografie, Malerei, Mathematik und immer wieder mit der Verwendung von Farbe und Text beschäftigte. Die Werkschau Mel Bochner. Wenn Farbe sich verändert im Haus der Kunst schafft Zusammenhänge zwischen seiner Verwendung von Text und Farbe in seinen Anfängen und dem malerischen Werk der letzten Jahre. „Thesaurus Paintings“ (2003-2011) nannte Bochner die Serie, in der er Wortketten auf großformatigen Leinwänden inszenierte, um so „den Konflikt zwischen Farbe als Wahrnehmungsfarbe und Farbe als Grammatik“ sichtbar zu machen: AMAZING! AWESOME! BREATHTAKING! HEARTSTOPPING! MIND BLOWING! OUTOFSIGHT! COOL! WOW! GROOVY! CRAZY! KILLER! BITCHIN’! BAD! RAD! GNARLY! DA BOMB! SHUT UP! OMG! YESSS! Inhalt kämpft gegen Farbe, Buchstabe gegen Hintergrund, das Ergebnis ist eine visuell-intellektuelle Herausforderung.
Geschmacksache - Mode der 1970er Jahre
Bis 15.9. im Münchner Stadtmuseum
Das ist schon schön: Statt diesem kulturell betulichen „Pssst“ wird hier geplappert, was das Zeug hält. Gelacht sogar. Was daran liegt, dass hier so ziemlich jeder was zu sagen hat, zum Beispiel: „Als ich so alt war wie Du, sind die Leute wirklich so rumgelaufen.“ Tochter zurück: „Ist das ein Kleid?“ Und an der Musikstation, wo man mit Kopfhörer in die Vergangenheit reisen kann, wird mitgewippt, mitgesungen. Geküsst sogar.
Ist es der Zauber des Vergangenen, die gute alte Verklärung? Könnte gut sein, wobei, so lange sind sie ja nun auch wieder nicht her, die 70er. Wer damals klein war, kann sich dunkel erinnern, wie Mama und Papa aussahen, wer damals jung war, weiß eh Bescheid, und wer damals noch nicht da war, kann jetzt im Stadtmuseum erfahren, wie es war: buntgemustert und gutgelaunt. Das zumindest transportiert diese Ausstellung, die „mit freundlicher Unterstützung von Madame, Ludwig Beck und Konen“ entstand: ein positivistisches Panoptikum aus Mode, Magazinen, Fotografie, Interviews mit Münchner Zeitzeugen, Kuriositäten, noch mehr Mode und ein bisschen Projektarbeit.
Einen Raum haben Schüler der Meisterschule für Mode gestaltet und das 1970er-Thema mal mehr, mal weniger kreativ umgesetzt: in der einen Ecke baumeln Modeentwürfe, in einer anderen Ecke krabbelt Teppichboden die Wand hoch und gleich daneben hängen „Flowerpower-Piktogramme“, was sind bunte Variationen von Otl Aichers Olympiasportlern. Oder die Salzteigorgie, ein Haufen Menschliches miteinander ineinander irgendwie. Der Titel: „Freie Liebe?“ Die Konzepterklärung: „Ich stelle einen Berg sich liebender Menschen dar. Diese verfließen zu einer Masse und verdeutlichen die Gefahr der ‚freien Liebe’…“ Idealisierte Vorstellungen der Liebe, jenseits von bürgerlichen Besitzansprüchen kommen wohl nicht mehr so richtig an. Sind sie schlauer geworden, oder nur vernünftiger, die Nachgeborenen? Wer weiß das schon. Was man dagegen mit Sicherheit sagen kann: Abgesehen von dieser Anmerkung aus Salzteig gibt es nichts, woran man sich reiben könnte, Stimmung und Mustermix gehen vor.
Glaubt man der Ausstellung, die im Grunde eine Revue ist, waren die 70er ein unbeschwert flockiges Jahrzehnt auf Plateausohlen. Vietnam? Fehlanzeige. RAF? Fehlanzeige. Ein Rückblick kann nur Ausschnitte bieten und hier geht es ja nun um Mode, aber das ist schon eine dicke Ladung polyesteremaschengewirkter Staying-alive-Happyness. Was nicht heißt, dass die Ausstellung nicht sehenswert wäre oder keinen Spaß machte. Vor allem der lokale Bezug ist interessant, fast könnte man meinen, die 70er Jahre waren ein Münchner Phänomen. Und in diesem Zusammenhang erfährt man dann doch noch von Protesten. 1970 zum Beispiel demonstrierten engagierte Bürger auf der Leopoldstraße, auf ihren Schildern stand: „Hoch mit dem Rocksaum“. Yeah.