Buchtipp

Von Löwen, Golems und Meteoriten

Der Tod des Löwen

Der vergessene Prag-Roman „Der Tod des Löwen“ von Auguste Hauschner wird im Erlanger Homunculus-Verlag mit viel Liebe neu aufgelegt.

Es muss eine besondere, intensive Zeit gewesen sein, Anfang des 20. Jahrhunderts in Prag. Abseits politischer Wirrnisse blühte die Stadt zu einem der Zentren des Jugendstils -bzw. Sezessionsstils wie man ihn dort nannte- auf und in den Kaffeehäusern trafen sich Künstler und Literaten zu Austausch und Diskussionen. Darunter große Namen wie Rainer Maria Rilke und natürlich Franz Kafka. 

Leider strahlen diese beiden Leuchttürme der deutschsprachigen Literatur so hell, dass weitere tolle Schriftsteller*innen gerne in deren Schatten vergessen werden: Geneigte Fans der Prager deutschen Literatur kennen noch Max Brod, Gustav Meyrink oder Franz Werfel. Ludwig Winder, Paul Leppin, Fritz Mauthner und Weitere warten bei vielen noch auf Wiederentdeckung.

So, genug g’scheidhaferlt, jetzt wird gelobt: Und zwar der Erlanger Homunculus Verlag. Dieser hat das oben beschriebene, grauenvolle Missverhältnis erkannt und sich mit viel Liebe einer der zu Unrecht vergessenen weiblichen Stimmen der Prager Szene angenommen:

Auguste Hauschner (1850 - 1924) war Pazifistin, Feministin und Vielschreiberin; meist mit naturalistisch-gesellschaftspolitischem Anspruch. Im Weltkriegsjahr 1916 wandte sich Hauschner, die da schon lange aus ihrer Geburtsstadt Prag nach Berlin gezogen war und sich als Autorin einen Namen gemacht hatte, wieder dem Erinnerungsort ihrer frühen Jahre zu. Im Roman „Der Tod des Löwen“ entsteht das Prag des böhmischen Königs Rudolf des II. in all seiner Magie und Mystik vor dem geistigen Auge des Lesers.

Dabei werden „klassische“ Zutaten von Prag-Romanen -der Rabbi Löw, der Golem, Alchemisten und dunkle Gassen- neu und interessant zusammengefügt. So hängt bereits zu Beginn der Handlung ein blutroter Meteor unheilvoll am Himmel. Auf der Erde sieht König Rudolf II. unterdessen seine Macht in Gefahr und zwingt den Rabbi Löw dazu, ihn mit Hilfe der Kabbala im Thron zu halten. So wird aber ein Keil zwischen die Glaubensgemeinschaften Prags getrieben. 

Im Judenviertel brennen kurz darauf die ersten Häuser und das Lieblingstier des Königs, ein Berberlöwe beginnt in seinem Käfig zu toben… Ein toller, sogar süffiger Text, der eine neue Ausgabe mehr als rechtfertigt. Umso erfreulicher, dass diese so eindrucksvoll geraten ist. Die unanfechtbaren Literaturliebhaber des Homunculus-Verlages haben eine Ausgabe des Textes zusammengestellt, an der alles stimmt. Der hervorragend edierte Text wird mit dunkel-stimmungsvollen Radierungen des bekannten Illustrators Hugo Steiner-Prag und einem kurzen, aber sehr informativen Nachwort der Literaturwissenschaftlerin Veronika Jičínská angereichert.

Noch kurz zur Optik des Buchs: Es ist ein wahrer Augenschmaus. Mit goldener Prägung und schlafendem Löwen ist der Hardcover-Band eine Zier für jedes Nachtkastl. Würde er nicht selbst darin auftreten, der Rabbi und Bookshelf-Porn-Pionier Löw hätte dieses Buch mit Sicherheit an einem Ehrenplatz in seiner Bibliothek. Mit seinem sympathischen Preis von 20 Euro richtet sich das Buch aber nicht dezidiert an eine bibliophile Zielgruppe, sondern auch an ein schlichtweg literaturinteressiertes Publikum.

Eine rundum gelungene Veröffentlichung des spannenden, jungen Verlags, dessen kürzlich publizierte Herbstvorschau auch für die kalten Jahreszeiten viel Interessantes ankündigt. Man darf also mehr denn je einen gespannten Blick gen Erlangen richten!

Autor: Franz Furtner

Auguste Hauschner: Der Tod des Löwen, Verlag: Homunculus
180 Seiten, 20,00 €; ISBN: 978-3-946120-28-5

Auch interessant

Verlagsporträt

Japan erlesen: Der cass-Verlag im Blickpunkt

Japan erlesen: Der cass-Verlag im Blickpunkt

Lesungen

Die interessantesten Lesungen der kommenden Wochen auf einen Blick

Die interessantesten Lesungen der kommenden Wochen auf einen Blick

Lesungen

Die interessantesten Lesungen der kommenden Wochen auf einen Blick

Die interessantesten Lesungen der kommenden Wochen auf einen Blick

Comic

Leben und Überleben

Leben und Überleben