Neue Bücher von Arturo Pérez-Reverte, Vea Kaiser, Raphaela Edelbauer und Martin Becker/Tabea Soergel
Arturo Pérez-Reverte – Der Italiener (Folio)
„Ich war nur ein junger Journalist, ein Reporter, der ständig auf Reisen war und der Geschichten vom Meer und von Seemännern liebte.“ Es fällt nicht schwer, dieser Beschreibung die Person des Autors zuzuordnen, der mit „Die Seekarte“ schon einmal eine maritime Abenteuergeschichte präsentierte, die auf historischen Fakten basierte. Richtig bekannt geworden ist Arturo Pérez-Reverte mit seinem Bestseller „Der Club Dumas“, der von Roman Polanski mit Johnny Depp erfolgreich unter dem Titel „Die neun Pforten“ verfilmt wurde. Nun legt er eine Spionagegeschichte vor, die während des Zweiten Weltkriegs vor der Küste Gibraltars spielt. Die junge verwitwete spanische Buchhändlerin Elena Arbués findet einen Taucher am Strand, bringt ihn in ihr Haus, päppelt ihn auf und verliebt sich schließlich in den Mann, der ihr Leben für immer verändern wird. Teseo Lombardo ist Mitglied einer Einheit von Marinetauchern, die mithilfe bemannter Unterwassertorpedos (Maiale) Teile der englischen Kriegsflotte im Hafen von Gibraltar versenken soll. Diese italienischen Spezialeinheiten hat es wirklich gegeben, und sie haben im Mittelmeer recht erfolgreich für Duce und Vaterland Schiffe der Alliierten versenkt. Dem besonnenen Teseo ist der Duce eher egal – umso weniger jedoch das Schicksal von Elena, die sich immer mehr in diesem Spionagedrama engagiert und schon bald in höchster Gefahr schwebt. Pérez-Reverte gelingt es, die Lesenden mit spannenden Unterwasserszenen zu fesseln und gleichzeitig die komplizierten diplomatischen Beziehungen zwischen dem franquistischen Spanien und der britischen Enklave zu beschreiben. Das alles kann jedoch nicht über einen teils arg heroischen Grundtenor hinwegtäuschen – auch wenn er seinen Figuren eine ideologische Glorifizierung des faschistischen Regimes zugunsten des professionellen Pflichtgefühls verweigert. Pérez-Reverte sieht sich übrigens als skeptischen Humanisten. Und schreiben kann er.
Rainer Germann
Vea Kaiser – Fabula Rasa (KiWi)
Seit Wochen Flaute auf den Bestsellerlisten, dabei gibt es einige Neuerscheinungen mehr, die frischen Wind bringen. Allen voran Vea Kaisers „Fabula Rasa“, ein Roman mit echtem Longseller-Potential. Die Wiener Autorin, seit ihrem Sensationsdebüt „Blasmusikpop“ (2012) eine feste Größe in der jungen Literatur, hat sich mit ihrem vierten ‚Streich‘ an Fabulierlust selbst übertroffen, erzählt mit anarchischem Witz eine etwas andere Frauenkarriere. Vom spektakulären Fall der Chefbuchhalterin des Hotel Sacher, die mit gefälschten Rechnungen ein Vermögen unterschlagen hatte, hat Kaiser in der Zeitung gelesen. Der Rest, die turbulente Handlung wie das liebenswert exzentrische Figurenensemble, sind frei erfunden. Wien 1988: Angelika Moser hat’s geschafft! Als Buchhalterin im Grand Hotel Frohner steht der Tochter einer Hausbesorgerin die Welt der Schönen und Superreichen offen. Nachts führt die 30-Jährige ein Doppelleben als Partymaus, die regelmäßig im U4 abstürzt. Im einst legendären New Wave-Club trifft sie auch den Pop-Musiker Freddy, den unsoliden Erzeuger ihres Basti. Dann wäre da noch ein fescher Praktikant, der sich als Sohn des Hotelchefs Frohner entpuppt. Frohner motiviert Angelika zur Abfassung „neuer alter Bilanzen“, um den Luxuspalast zu retten. Als junge Mutter auf sich allein gestellt beginnt sie, ihr Können für eigene Zwecke zu nutzen: Um stolze 3,3 Millionen wird sie ihren Arbeitgeber erleichtern. Wer möchte nicht das Beste für sein Kind?
Eveline Petraschka
Raphaela Edelbauer – Die echtere Wirklichkeit (Klett-Cotta)
Keine schlechte Idee, Leser ungebremst ins Buch zu ziehen, wenn gleich zu Beginn eine Bombe hochgeht und die Wiener Innenstadt verwüstet. Berichterstatterin der Ereignisse ist eine querschnittsgelähmte Spieleentwicklerin, die sich den eigenwilligen Namen Byproxy gegeben hat. Sie ist eine Spezialistin fürs Rückwärts-Erzählen. Auch in dem von ihr programmierten Computer-Game geht es darum, einen Mord aufzudecken, in dem man Rätsel für Rätsel in die Vergangenheit zurückkehrt. So erfährt man auch erst nach und nach, worum es ein fürchterliches Attentat ausgerechnet an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Uni gegeben hat. Dahinter steckt eine bizarre Terrorgruppe, irgendwo zwischen altlinkem Anarchistenclub und idealistischem Querdenkerverein. Bypoxy hat sich einer Aktivistentruppe unter Führung eines gescheiterten Philosophiedozenten angeschlossen, deren Ziel es ist, die Geisteswelt aufzurütteln: Der Kampf gilt dem angeblich brandgefährlichen postrukturalistischen Subjektivismus, dessen Postulat mehrerer, gleichzeitig gültiger „Wahrheiten“ zum Krebsgeschwür der Fake News geführt habe. Soll heißen: ein direkter Weg von Foucault und Derrida zu Wahrheitsverdrehern wie Viktor Orbán oder Donald Trump. Endlich mal ein Thema, das Staub aufwirbelt und auch kühnes Thesengeratter zum Thrillerstoff macht. Dass Edelbauer („Die Inkommensurablen“) erneut gelegentlich abdriftet und dem Stoff nicht immer ganz Herrin bleibt: geschenkt! Ein aufregender, aufwühlender Roman, über den man gerne lange nachdenkt.
Rupert Sommer
Martin Becker/Tabea Soergel – Die Feuer von Prag (kanon)
Wer erinnert sich noch an den Film „Oberst Redl“ von István Szabó mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle? Auch im vorliegenden zweiten Band dieser Prag-Krimireihe, in der Egon Erwin Kisch als rasender Kriminalreporter in der geheimnisvollen Stadt an der Moldau zu Beginn des 20. Jahrhunderts ermittelt, steht der Oberst der k.u.k.-Monarchie im Mittelpunkt des Geschehens. Redl gibt mit seinen nicht nur beruflich verbundenen feschen Offizieren ausschweifende Feste, räumt – von Ehrgeiz zerfressen – unliebsame Gegner beiseite und versucht, sich beim Thronfolger Franz Ferdinand ins beste Licht zu rücken. Das funktioniert eher suboptimal, wie man im Lauf der Geschichte feststellen kann. Darüber hinaus halten die titelgebenden Flammen die Stadt in Atem, was Kisch, Kollegin Lenka Weißbach und ihren Scheinehemann Brodesser erneut durch die wilden Kneipen und Lokalitäten Prags treibt – auf der Suche nach dem Feuerteufel. Wie schon der Vorgänger ist auch dieser Band vom Autorenduo bestens recherchiert und mit prominenten historischen Figuren wie Franz Kafka oder Else Lasker-Schüler in diversen Nebenrollen besetzt. Der neue Roman bietet großes Lesevergnügen mit dem ungewöhnlichen Ermittlertrio und macht wirklich Lust, selbst wieder einmal in die tschechische Metropole einzutauchen.
Rainer Germann

