Pulpe & Fiktion. Franz Furtner über „No other choice“ von Park Chan-wook in unserem Filmtipp des Monats.
Die Welt der Pulpenverarbeitung ist kalt und rauh. Das muss auch Familienvater und Eigenheimbesitzer Man-soo (Lee Byung-hun) erkennen, als er nach 25 Jahren in der Papierproduktion im Zuge einer Übernahme der Firma, für die er arbeitet, gekündigt wird. In der Folge spart die Familie: Die Hunde werden weggegeben, das Auto verkleinert. Zu allem Überfluss sagt die Cello-Lehrerin der Tochter, dass das neurodivergente Kind wohl hochbegabt ist und dringend besseren und somit höherpreisigen Unterricht bekommen sollte. Man-soo schwört sich und seiner Familie in drei Monaten wieder in der Papierindustrie tätig zu sein. 13 Monate später hat sich bis auf neu aufgetretene, konstante Zahnschmerzen, die an Man-soos Nervenkostüm nagen, wenig getan.
Ein Job in der Papierverarbeitungsfirma Moon Paper wird ausgeschrieben, doch beim Bewerbungsgespräch wird Man-soo bloßgestellt. Kurz: es läuft desaströs. Trotz gutem Zureden von seiner Frau und Freunden geht Man-soo in der Folge einen ganz eigenen Weg: Er erstellt eine Fantasiejobausschreibung, die genau auf seine Qualifikationen passt und lernt durch Bewerbungen, die dann bei ihm eintrudeln, seine lokalen Konkurrenten kennen. Dann besucht er sie einen nach dem anderen…
Was vermag der Mensch auszuhalten? Und wie reagiert er, wenn er in die Enge gedrängt wird? Diese Fragen stellt der Film, ohne dabei auf Mitgefühl für seinen Protagonisten zu bauen. Die 139 Minuten sind weniger Sozialkrimi oder Arbeiterfilm als kalt-distanzierte Versuchsanordnung. Man-soo verwandelt sich in Byung-huns still-manischer Darbietung für den Zuschauer fast nebenbei vom sympathischen Hiob zum Ayn-Rand-schen Ego-Kasperl, der sich einfach nimmt, was er glaubt, das ihm mangels Optionen zustehe. Weiter interessant: Von außen betrachtet hat Man-soo -trotz des Filmtitels- diverse Wahlmöglichkeiten. Sucht er seine Kontrahenten auf, fragt er sich auch, warum diese denn unbedingt in der Papierverarbeitung bleiben müssen und nicht einfach z.B. ein Vinylcafé eröffnen.
Nur in seinem eigenen Leben kann er dank der Scheuklappen, die ihm 25 Jahre im gleichen Job angelegt haben, ähnliche Optionen nicht ausmachen. In der Folge schlägt er wild um sich. So ist diese Pulpenfiktion Kapitalismussatire und existenzialistisches Lehrstück in einem. Vergleiche mit Bong Joon-ho’s Meisterwerk „Parasite“ (2020) drängen sich auf. Doch hat Park-Chan Wook, der den Filmfans bislang eher durch finstere (Rache-)Thriller wie „Old Boy“ und „Lady Vengeance“ bekannt war, mit „No Other Choice“ eine ganz eigenständige, schwarzhumorige Erzählung aus dem Spätkapitalismus geschaffen, die in Drastik, Thematik und Herkunftsland oberflächlich an das holzhämmernde „Squid Game“ erinnern mag, dabei aber wesentlich mehr Zwischentöne bespielt. Diese sei an dieser Stelle allen Arbeitnehmer- und geber*innen wärmstens empfohlen.

