Lesen! Unsere Buchempfehlungen im April

Lesen! Unsere Buchempfehlungen im April

Neue Bücher von Judith Holfernes, Maik Brüggemeyer, Sasha Filipenko, Aisling Rawle und Heinrich Hauser

Judith Holofernes – Hummelhirn (KiWi)

Judith Holofernes ritt als Galionsfigur von Wir sind Helden auf dem trojanischen Pferd der Kreativität. „Im Schreiben und Musikmachen konnte ich meiner Hummeligkeit schon immer freien Lauf lassen, auch als Kind und Teenager“, erinnert sie sich. „Dieses Sprunghafte, das Zickzack-Denken, ist in der kreativen Arbeit ja ein großer Vorteil.“ Im zweitem Memoir „Hummelhirn“ dichtet Judith als Teenie Songtexte im Schul-Musical um, weil ihr die deutschen Texte zu ungelenk und brav sind. „Und auf der Bühne, beim Singen, habe ich mich das erste Mal richtig zuhause gefühlt, fast so, als käme mein Gehirn das erste Mal auf Wohlfühltemperatur“, erzählt sie im Gespräch. „Verbogen habe ich mich immer nur dann, wenn ich versucht habe, neben dem Kunstmachen noch furchtbar fleißig und gesellschaftsfähig zu sein.“ 2019 kehrte sie der Musikbranche den Rücken. „Absurderweise ist das Musikbusiness ja so ausgerichtet, dass nur die robustesten Naturen da heil durchkommen“, resümiert sie. „Und die sind unter Künstlerinnen leider eher selten.“ „Hummelhirn“ beschreibt ein Leben zwischen Revolte und Totalverweigerung, Nettigkeit und Besonderheit. Tragikomisch blickt Holofernes auf ihre Kindheit zurück, die von Labilität, Leseattacken und Liebeswirren geprägt ist. Mit der lesbischen Mutter zieht sie von Berlin ins beschauliche Freiburg, Judith wird zum People Pleaser und schwirrt wie eine betrunkene Hummel durch die Welt: Sie eckt an, scheitert charmant, reüssiert als nettester Rockstar der Welt und spielt Konzerte mit dem Kotzeimer neben der Bühne. Holofernes verwebt Erinnerungen ans Aufwachsen mit der Zeit als Musikerin, Mutter und Wolkenkuckuckskind, die den Vater stolz macht, aber fünf Jahre nicht schläft. Der Austritt aus dem Musikbusiness ist ein Neubeginn. „Für mich ist es immer sehr wichtig gewesen, anderer Leute Lebensgeschichten zu lesen“, erklärt Holofernes, warum sie das Buch schrieb. „Selbst wenn jemand über ‘Mein Aufwachsen auf einer Lama-Farm‘ schreibt, ich finde es immer tröstlich und schön, sich in den Erinnerungen Anderer zu spiegeln.“

Wolfgang Scheidt

Heinrich Hauser – Donner überm Meer (Weidle)

Ein deutscher Schriftsteller sucht im Irland der 1920er Jahre die Einsamkeit, um dort in Ruhe an einem Roman schreiben zu können. Wir Lesenden erfahren in Episoden, wie es ihm damit ergeht und bekommen obendrein auch den Roman zu lesen, der entsteht. In dem geht es um den Flieger Fonck, dessen Wege sich mit denen der mysteriösen jungen Frau Lala kreuzen.
Erdacht hat sich diese für seine Zeit (das Buch erschien erstmals 1929) ungewöhnliche Struktur Heinrich Hauser (1901 – 1955). Der war seines Zeichens Schriftsteller, Seemann, Weltenbummler, Farmer, Fotograf, emigrierte 1939 in die USA, kehrte nach dem zweiten Weltkrieg zurück und war 1948 für wenige Monate sogar Chefredakteur des Stern – Kurz: Er ist einer der teils unterschlagenen Protagonisten der literarischen Moderne Deutschlands, die der Verlag Weidle regelmäßig in rührigen Editionen wieder auflegt. Und wie schreibt er, der Herr Hauser? Wunderbar eigensinnig. Egal ob gerade ein Schaf stirbt, eine Figur in einem Krankenbett vor sich hindämmert, der Pilot beim Steuern seines Flugzeugs mit ebenjenem zu verschmelzen scheint oder man anhand verbaler Schnappschüsse durch eine Großstadt treibt – Ausgestaltet ist der Text in betörend entrückender und doch sehr präziser Sprache. Lange Passagen verweilt der Erzähler auf der von ihm geschaffenen metaphorischen Ebene, ohne vermeintlich „konkret“ zu werden. Bei aufmerksamer Lektüre aber bröckelt die äußere Handlung schließlich aus den Sprachskulpturen heraus. Das „Wie“ des Erzählens ist dabei stets viel wichtiger als das „Was“. Ja, dieser Roman will langsam gelesen werden. Zumindest von mir. Aber gelesen werden, will er unbedingt. Denn wie formuliert es der Autor des Buchs im Buch? „Man muss manchmal schreiben, wenn man nicht zersprengt werden will“. Und diese Dringlichkeit tritt auf jeder Seite zutage.

Franz Furtner

Aisling Rawle – Das Spiel (btb)

Ganz großer Käse. Und doch enorm unterhaltsam sowie wirklich schlecht wegzulegen. In einem abgelegenen Luxusanwesen irgendwo mitten in einer Wüstenlandschaft setzt das titelgebende Spiel ein, das Trash-TV-Süchtige schnell an eine Mischung aus „Love Island“, „Dschungelcamp“, „Big Brother“, aber auch an Popkulturklassiker wie „Truman Show“ oder „The Beach“ erinnert. Es ist eine perfide aus dem Off orchestrierte Reality-Show-Anordnung, die keine Grenzen mehr kennt: Zehn Frauen werden mit zehn Männer zusammengepfercht – und dann wartet man einfach ab, was passiert. Die noch junge irische Autorin, die als Englischlehrerin in Dublin arbeitet, kennt die Regeln des Genres, führt sie aber mit zunehmend galligem Humor in immer drastischere Übersteigerung. Natürlich ist es ein körperfetischistisches, konsumgeiles Narrentheater, das sie in Gang setzt. Für wertvolle „Belohnungen“, die er zynische Spielmechanismus den Kandidaten in Aussicht stellt, machen die genau: alles. Und klar ist auch: Aus dem Spiel kommt niemand unzerstört raus. Rawle gelingt ein beeindruckendes, provokativ abgebrühtes Debüt: Guilty Pleasure mit Köpfchen.

Rupert Sommer

Sasha Filipenko – Die Elefanten(Diogenes)


Die gängige „Elefant im Raum“-Metapher hat Sasha Filipenko einmal wörtlich genommen. In seinem neuen Roman okkupieren plötzlich „Die Elefanten“ (so der Titel) Straßen und Plätze der Stadt und stehen sogar in den Häusern der Bewohner, die, als wäre nichts, ihrer Wege gehen. Auch in der Villa des Großschriftstellers Alexander, der mit Ehefrau Sofija, Töchterchen Anna und ihrem Freund Pawel gerade frühstückt, macht sich ein Dickhäuter breit, der dem Familienpatriarchen kaum mehr als ein „nanu“ entlockt. Klar, dass ein solches Ignorieren des Problems nicht gut gehen kann, und es schon bald zu ersten Unglücksfällen kommt, sogar Menschen zertrampelt werden. Da erst schreitet die Regierung ein. Man erfindet einen Elefantenkult, der die kollektive Sympathie zu den Tieren stimulieren soll – und verfolgt den Einzigen, der unermüdlich gegen die neue Normalität anpredigt: den Stand up-Comedian Pawel, der dabei alles riskiert, sein Leben, seine Freiheit und seine große Liebe … Die vielschichtige Parabel des belarusischen Putin-Kritikers Filipenko braucht den Vergleich zu Gaea Schoeters brillanter Politsatire „Das Geschenk“ (2025) nicht scheuen, in der die Regierung ebenfalls einer Elefanteninvasion Herr zu werden versucht. Doch nimmt der junge Exilautor das Schicksal eines Widerständigen in den Blick, der nichts anderes will, als „die Stadt zu befreien und dafür zu sorgen, dass wir alle glücklich sind“, als Dank aber die üblichen Schikanen des autoritären Staats erfährt: Von Einschüchterung und Diffamierung bis zur brutalen Folter („Entmenschlichung“) nach einem Schauprozess. Erzählt wird mit Mitteln der Avantgardeliteratur, eingeblendeten Geheimdienstprotokollen, offiziellen Regierungsstatements oder bissigen Kommentaren in Chatforen. Große Kunst!

Eveline Petraschka

Maik Brüggemeyer – Wie jeder weiß, ist das hier das Nirgendwo (Ventil)

Man muss sich Brüggemeyers Romanhelden Peter „Pete“ Justen als einen armen Tropf vorstellen. Nicht viel ärmer als der Durchschnitt, aber womöglich doch ein bisschen desillusioniert(er) von dem, wie sich sein Leben so entwickelt hat. Rasant auf die 50 zugehend, ist Justen – ehemals ambitionierter Musikjournalist in Berlin – nach Hause in die westfälische Provinz zurückgekehrt. Nachdem sein (vielleicht etwas zu elitäres) Popmagazin den Betrieb einstellen musste, bekam er – von einem Fan seiner popliterarischen Ergüsse – ein Jobangebot als Kulturredakteur bei der Flöthenbecker Volkszeitung, nahe seinem Geburtsort Tüskenbüren. Da er der Hauptstadt sowieso längst überdrüssig war, fiel es ihm somit ein bisschen leichter, sich mit seinem Scheitern und der damit verbundenen demütigenden Rückkehr abzufinden … Ausgehend davon entspinnt sich eine melancholisch unterhaltende, zuweilen auch hinreißend komische Tragikkomödie, gespickt mit popmusikalischen und literarischen Bezügen, denn Brüggemeyer ist ja nicht umsonst Redakteur beim Rolling Stone. Manchmal hat man den Eindruck, dass er ein bisschen viel will auf nur 218 Seiten – dabei reißt er wichtige Themen wie Machtmissbrauch im Musikbusiness, Rechtsaußen-Gesinnung in der Provinz u.a. oft nur an. Alles in allem aber vermag er mit seinen kenntnisreichen Milieubeobachtungen in herzerwärmend flüssigen Stil glänzend zu unterhalten und ist somit so ziemlich alles, außer langweilig.

Gerald Huber