Der Filmtipp: „Romería“ von Carla Simón.

Der Filmtipp: „Romería“ von Carla Simón.

Spurensuche. Doris Kuhn über „Romería“ von Carla Simón.

Es beginnt mit einer Reise an einen fremden Ort, dort gibt es zwei Geschichten, die übereinanderliegen. Eine Stimme im Off erklärt, das sei Vigo, Hafenstadt im spanischen Galizien, sie redet vom Segeln, vom Glück am blauen Meer. Diese Art Romantik wird immer wieder auftauchen, Regisseurin Carla Simón nutzt ihren Film ROMERÍA auch dazu, Land, Leute und Lebensgefühl möglichst freudig auszustellen. Aber das ist nur der helle Teil. Der verändert sich allmählich, so wie die freundliche Attitüde der Menschen nur ihre Härte verbirgt.

Denn ROMERÍA, die Pilgerfahrt, ist eine Spurensuche in der Vergangenheit, bei der nicht viel Freudiges gefunden wird. Marina, 18 Jahre alt, besucht ihre Verwandten väterlicherseits in Vigo. Sie kennen sich nicht, Marinas Eltern starben hier als sie ein Baby war, sie kam zu einer Adoptivfamilie am anderen Ende Spaniens. Die Familienverhältnisse klären sich stückweise, vieles über die Onkels, Tanten, Cousins bleibt ungesagt, ist auch nicht dringend nötig. Marina will die Geschichte ihres Vater erfahren, dessen Familie rückt damit nicht raus, darum geht es.

Man ist verwirrt mit Marina, die Widersprüchliches hört, die ihre Großeltern zwar trifft, von ihnen aber ignoriert wird. Es gibt keine Tips für den Zuschauer – wie Marina braucht er Zeit, um Leben und Tod des Vaters zu verstehen. Ein Tagebuch der Mutter beschreibt die Jahre in Vigo von 1983 bis zu ihrer Schwangerschaft 1986, daran hält sich Marina, wenn die Verwandten Unfug über den Vater erzählen. Die Daten verweisen darauf, dass Carla Simóns Biografie auch in diesem Film steckt, wer weiß, wie tief das reicht. Marina jedenfalls macht sich in Detektivmanier auf, Informationen von Fremden zu sammeln, manchmal nutzt sie Besuche in den großen Häusern der Familie, um aus den Fotos an der Wand etwas über die Eltern und die Eighties zu entschlüsseln.

Der Film ist in fünf Kapitel gegliedert, mit jedem kommt er der Zeit näher, die Marina interessiert. Dabei verändert er sich zu einem Gesellschaftsporträt, das kein schönes Bild des spanischen Bürgertums zeichnet. Die Fehler der Kinder werden in den Familien versteckt, wenn nötig mit erschreckender Brutalität. Simón zeigt den Versuch, Geschichte zu verleugnen, nicht um Schmerz zu lindern, sondern um den Anstand zu wahren. Was sinnlos ist, denn scheinbar ging eine ganze Generation von Jugendlichen in den 1980ern hier unter. „Ein Gemetzel zwischen Aids und Heroin“ nennt es ein Überlebender, womit er an die Dunkelheit rührt, die der Film schließlich in einer langen Traumsequenz beschreibt.

Simón gelingen ein paar cool choreografierte Tanzszenen, die das Sterben erstaunlich unsentimental zeigen. Auch die Beschreibung einer Junkie-Jugend ist ästhetisch anders, als Filme das aktuell machen, sofern sie das Thema überhaupt anrühren. Simón nutzt wenig Klischees, von Sucht und Not hört man hauptsächlich im Dialog, wenn ein Onkel tatsächlich mal Geheimnisse ausplaudert. Was man hingegen sieht, ist der Spaß. Drogennehmen in der Sonne, Drogenschmuggel auf Segelbooten, ein Piratenleben an der Küste, durchaus von Vergnügen bestimmt. Es wird davon nichts übrigbleiben, aber es wird auch nicht verschwiegen. Simón macht mit ROMERÍA Erinnerungsarbeit, und sie bemüht sich dabei um die Wahrheit.

Doris Kuhn