Die Schönheit des Zweifels. Fritz Göttler über „La Grazia“ von Paolo Sorrentino. Ab 19.3. im Kino
Elvis muss leiden, und diese Szenen sind die bewegendsten im neuen Film von Paolo Sorrentino. Der Präsident hat sein Veto eingelegt, verweigert Elvis den Gnadentod. ‚La Grazia’ heißt der Film (der im vorigen Herbst das Filmfestival in Venedig eröffnete), das bedeutet im Italienischen Gnade genauso gut wie Anmut.
Es ist ein stiller und langsamer Film, eher ungewöhnlich für Sorrentino, der die absurde Überschwänglichkeit liebt und das Leben feiert in der Tradition Fellinis, die große Schönheit, die Liebe und das Glück, das Laster und die Lust. Hier geht es dagegen immer wieder um den Tod … Elvis ist das Pferd des italienischen Präsidenten, es war auf dem Weg der Besserung, dann gab es einen Rückfall. Nun liegt der Hengst am Boden im Sand der großen Reithalle, die Füße weggestreckt, ab und zu mühsam schnaubend.
Toni Servillo verkörpert als Präsident zum dritten Mal einen Politiker für Paolo Sorrentino, nach Giulio Andreotti in „Il Divo“, 2008, und Silvio Berlusconi in „Loro – Die Verführten“, 2018. Nun ist er Mariano De Santis … diesmal ein fiktiver, inspiriert von Sergio Mattarella, dem derzeitigen Präsidenten der Republik Italien. Wunderbar ist, wenn er mit dezenten Bewegungen nach der Zigarette greift, die sein treuer Kürassier ihm reicht, und sie ansteckt, nachts auf dem Dach des Quirinalspalasts, des Sitzes des italienischen Präsidenten. Eine coole Bewegung, stoisch und ohne jedes Schuldbewusstsein … seine Tochter Dorotea will sein Rauchen stark reduzieren, er hat nur noch eine Lunge! Zu essen kriegt er auch fast nur noch Quinoa.
Die ersten zwei Politiker-Filme, meint Sorrentino, ‚zeigten Politik als Showbusiness … Nun wollte ich von einem erzählen, der so sein sollte, wie ich Politiker gerne hätte.‘ Toni Servillo hat als Mariano das Pokerface, das zur Politik einfach dazugehört, seine Ungerührtheit ist so absolut, dass es fast komisch wirkt. (Man traut daher seinen Augen und Ohren kaum, wenn der Präsident plötzlich mal leise einen Rap zu summen scheint.) In Erregung gerät er nur, wenn er unbedingt wissen will, wer einst der Liebhaber seiner Frau Aurora war. Sie ist vor acht Jahren gestorben, das har er bis heute nicht verwunden.
Man spürt eine feudale, fast königliche Aura im inneren Kreis um diesen Präsidenten. Es ist alles sehr förmlich im Palast, streng und rituell, die Menschen sind starr frontal gefilmt, und sie wirken belanglos in den riesigen Räumen, mit ihren gewaltigen Bücherregalen an den Wänden, erdrückend und einschüchternd.
In sechs Monaten endet seine Amtszeit, es ist ein Film zwischen Endzeitstimmung und der Lust auf Neubeginn. Die Tochter Dorotea will davor noch ein Projekt durchbringen, die Vorlage für ein Sterbehilfegesetz, die der Vater unterschreiben soll. Mariano allerdings ist Katholik und enger Freund des Papstes. Und dann gibt es noch zwei Begnadigungsgesuche, für eine Frau und einen Mann, die aus eigenartigen Gründen getötet haben.
In diesem Gefüge von Tod, Schuld und Gnade sucht der Film nach Möglichkeiten für die Leichtigkeit des menschlichen Seins. Mariano findet sie … in einer Raumstation. Und was la Grazia angeht, die ist für ihn die Schönheit des Zweifels.
Fritz Göttler

