Lesen! Unsere Buchempfehlungen im März

Lesen! Unsere Buchempfehlungen im März

Neue Bücher von Patti Smith, Jonathan Coe, Mario Wurmitzer, Kristof Magnusson und Safae El Khannoussi

Patti Smith – Bread Of Angels (KiWi)

Als Kind lernte sie Gebete, heute predigt die „Godmother of Punk“ von Liebe und Hoffnung: Die 79-jährige Patti Smith hat ein magisches Memoir voller Poesie und Dankbarkeit geschrieben, so dicht und ergreifend wie eine Rockoper. Als Zeugin Jehovas platzt der jungen Patti der Kragen, als einer der Ältesten in der Gemeinde erklärt, im Reich Christi sei kein Platz für die Kunst. Patti quittiert ihre Religion, widmet sich der Kunst. Es ist ein steiniger Weg: Als Kind erlebt sie materielle Knappheit und geistigen Überfluss, sie ist oft krank und in Quarantäne, mit 19 Jahren wird sie schwanger und gibt die geborene Tochter zur Adoption frei. Mit einem karierten Koffer, Bob Dylan und Arthur Rimbaud im Herzen, verlässt sie die Familie. Die New-York-Jahre, die Symbiose mit Robert Mapplethorpe, im Vorgänger „Just Kids“ so leuchtend beschrieben, huschen nur vorbei. Die Autorin widmet sich in elf Kapiteln ihrer Kindheit, dem Tod, der sie ein Leben lang begleitet, und korrigiert Legenden, die sich hartnäckig halten. Im Zentrum von „Bread of Angels“ steht Fred „Sonic“ Smith, der „Mann ihres Lebens“. Für ihn gibt sie Tourleben und Rockstar-Mythos auf – nicht als Opfer, sondern als Entscheidung fürs Schreiben und Familienleben. Das Ehepaar zieht in ein halb zerfallenes Steinhaus an einem Kanal in Detroit, bekommt zwei Kinder, kauft ein Boot, das im Garten steht und lauscht in der Kajüte Baseball-Spielen. Als kurz hintereinander Fred und Pattis Bruder Todd sterben, ist sie eingehüllt in ein klaustrophobisches Schweigen, wartet auf ein Zeichen von Fred. Selbst die Rückkehr zur Musik beschreibt sie als Mischung aus biblischer Beschwörung, Improvisation und leichtem Pathos. Patti Smith meint es ernst mit Kunst und Liebe, Treue und Trauer; im Buch besingt sie mit ihrem markanten, melancholischen Timbre voller Inbrunst die Brandung des Meeres und das Rauschen der Blätter im Wald.

Wolfgang Scheidt

Jonathan Coe – Der Beweis meiner Unschuld (Folio)

Dieses Buch ist vieles: eine bissige Gesellschaftssatire, die mit feiner Feder erzählt wird, ein klassischer britischer Kriminalroman mit „Whodunit“-Plot sowie eine aktuelle politische Analyse des Rechtsrucks in westlichen Demokratien anhand einer erzkonservativen Bewegung in England, die bereits seit Jahrzehnten einen politischen Umsturz im Land fordert bzw. plant. Der linksliberale Journalist und Blogger Christopher Swann reist im Herbst 2022 auf einen alteingesessenen Landsitz in den Cotswolds, wo eine dreitägige British-TrueCon-Konferenz stattfinden soll – ein transatlantisches Gipfeltreffen rechter Gesinnungsgenoss*innen, die über die Zukunft des Konservatismus beraten wollen. Swann konfrontiert die Teilnehmer, die er zum Teil bereits aus seinen Studententagen in Cambridge kennt, mit seiner Vermutung, dass die neue Premierministerin Liz Truss das Gesundheitswesen gänzlich privatisieren möchte. Nachdem er sich dort nebenbei auch noch weitere Feinde gemacht hat und den Hausherren mit der Vergangenheit seiner Adelsfamilie als Sklavenhändler konfrontierte, wird Swann tot aufgefunden, „in einem Furor war elfmal auf ihn eingestochen worden.“ Seinen Tod nimmt nun Phyl, die Tochter einer ehemaligen Collegefreundin Swanns, die er vor dem Kongress besucht hatte, zum Anlass, sich als Schriftstellerin zu versuchen. Zusammen mit Christopher Swanns Stieftochter Rashida und der herrlich exzentrischen Ermittlerin Prudence Freeborne macht sie sich auf den Weg, um sowohl den brutalen Mord aufzuklären als auch einer Verschwörung auf den Grund zu gehen, die bis in die Studienzeit in Cambridge zurückführt, wo sie einen geheimen konservativen Zirkel zu entdecken glaubt. Wie bereits in „Middle England“, seinem Roman über den Brexit, versteht es Jonathan Coe, der selbst in Cambridge studierte, auch diesmal, eine spannende Geschichte vor dem Hintergrund aktueller Politik auf seine ganz eigene, sehr britische Weise zu erzählen. Must read.

Rainer Germann

Safae el Khanoussi – Oroppa (Hanser)

Eine Spurensuche durch ein Europa, das leicht wiederzuerkennen ist und doch oft kalt, fremd und ungewohnt düster wirkt: Die 1994 im marokkanischen Tanger geborene Autorin, die als Dozentin der politischen Philosophie in Amsterdam lebt und zu Themen rund um Flucht, Exil und Migration forscht, legt mit ihrem Debütroman ein Vexierspiel vor, das zunächst schwer zu greifen ist, sich laufend wieder verändert und jeweils neue Blickachsen zulässt. Immer wieder verfolgt das vielstimmige Erzählen Spuren, die zu einer rätselhaften Frau führen – Salomé Abergel, einer Künstlerin aus Marokko, die auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs aus ihrer Heimat verschwindet. Es geht in die Verhörräume und Folterkeller, in den Widerstand gegen ein betäubendes Machtsystem. Kunst öffnet Räume des freien Denkens, endet aber auch in Sackgassen. Wege führen nach Paris, zu einem verlassenen Haus in Amsterdam, aber auch nach Casablanca und Tunis sowie quer über einen in Tiefenschichten von vielen Außenseitern eng vernetzten Kontinent. Jede und Jeder hat hier seine Geschichte und findet Gehör. Es ist ein Appell ans Genau-Hinsehen und Besser-Zuhören. Europa ist mehr als eine Utopie, es kann ein echtes Miteinander werden. Safae el Khannoussi erinnert daran, was auf dem Spiel steht – so nachdrücklich wie derzeit nötig.

Rupert Sommer

Kristof Magnusson – Die Reise ans Ende der geschichte (Klett-Cotta)


Der perfekte Spion beobachtet gerne Menschen, verbringt unauffällig Stunden mit seinem Notizbuch im Café und taucht überall auf, ob diplomatischer Empfang oder Sexparty. Jeden noch so ungewöhnlichen Aufenthalt kann er mit Recherchen für ein Buchprojekt erklären. Denn der perfekte Spion ist ein Dichter – wie Jakob Dreiser. Eben noch auf dem Sommerfest der russischen Botschaft in Rom befindet sich der junge Poet jetzt auf dem Flug nach Kasachstan. Im Handgepäck drei Glasphiolen mit Gegengiften, die er seinem Chef Germeshausen im Notfall spritzen soll. Der Doppelagent für BND und KGB, Spezialist für neue Identitäten, hat Dreiser rekrutiert, um mit ihm ein letztes großes Ding zu drehen. Wir schreiben das Jahr 1995: Der Eiserne Vorhang ist weg, der Kalte Krieg vorbei und Germeshausen muss selbst verschwinden… Mit „Die Reise ans Ende der Geschichte“ hat Kristof Magnusson, der Mann fürs Komische in der deutschen Literatur, einen irrwitzigen Abenteuerroman geschrieben, der vom Clash zweier gegensätzlicher Charaktere lebt: Hier der abgeklärte, 55-jährige Agent, der den alten Zeiten nachtrauert, dort der blauäugige Menschenfreund als Vertreter der neuen Generation. Wie so viele in den Neunzigern hat auch Dreiser geglaubt, der ewige Friede sei gekommen, um eines Besseren belehrt zu werden. Aber wer sagt denn, dass ein solcher Idealist nicht selbst in die Geschichte eingreifen und für ein filmreifes Finale sorgen kann.

Eveline Petraschka

Mario Wurmitzer – Tiny House (aufbau)

Wer sich Sorgen macht, muss weg. Das hatte die Geschäftsleitung in einem Rundschreiben klargemacht. Emil wird dafür bezahlt, in einem sogenannten Tiny House in einer Mustersiedlung zu wohnen; er wird dabei 24/7 per Livestream auf Social Media höchst erfolgreich präsentiert. Nach diversen Brandstiftungen in der Siedlung und Differenzen mit dem Arbeitgeber (siehe Anfang) muss er sich umorientieren, jobbt als Fahrradkurier und gerät aber schon bald als Social-Media-Manager in die Fänge seines ehemaligen Schulkameraden Martin, der gerade mit seinem Finanzdienstleistungs-unternehmen PayNice in Richtung Multimillionär unterwegs ist. Teambuilding, Jetski und Pumpgun-Ballern in Kuala Lumpur können nicht darüber hinwegtrösten, dass die Staatsanwaltschaften in Deutschland und Österreich bereits Ermittlungen gegen PayNice aufgenommen haben. Da helfen auch von Pillen befeuerte Monsterräusche in Skybars und Martins Jagdschlossbunker nichts. Schon bald ist klar: Emil muss den Absprung schaffen, sonst wird er zusammen mit den zwielichtigen Egomanen und PayNice untergehen … Der Wiener Autor Mario Wurmitzer hat hier neben dem humorvollen Porträt eines neurotischen Lebenskünstlers eine gelungene Wirtschaftskrimisatire vorgelegt, für die er mit dem Floriana-Literaturpreis prämiert wurde. Sollte verfilmt werden!

Rainer Germann