Ortsgespräch

Musikrebell Daniel Puente Encina : „Schreibe wütende Poesie“

Musiker Daniel Puente Encina
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Völkerverständiger der nachdenklichen Sorte: Daniel Puente Encina

Der chilenische Ausnahmekünstler Daniel Puente Encina steht für coolen Latin Blues. Er ist Denker und “Punk“. Pflichttermin auf dem StuStaCulum!

Herr Puente Encina, die Welt ist in größtmöglicher Unruhe. In Europa fürchtet man das Schlimmste – in naher Nachbarschaft. Bei all den aktuellen Krisen und Zuspitzungen fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Wie wichtig ist es, gerade mit Blick auf Ihren Hintergrund, Spannungen in anderen Teilen der Welt, etwa in Südamerika nicht zu vergessen?
Es ist verständlich aber erstaunlich, dass in einer globalisierten Welt die Aufmerksamkeit und Berichterstattung immer noch auf Ereignisse in der Proximität westlicher Zentren fokussiert ist, das ist so anachronistisch. Es ist schon schwer zu verarbeiten, dass in einer Zeit, in der wir weltweit gleichzeitig mit mehreren schwerwiegenden Krisen auf ökologischer, ernährungsweltpolitscher, energetischer und wirtschaftlicher Ebene konfrontiert werden, darüber hinaus auch noch ohnmächtig einen Krieg mitten in Europa verfolgen und mittragen müssen, der unsere de facto ohnehin schon prekäre Situation erheblich verschlechtert. Bisher wurden nur die Probleme diskutiert, die dieser Krieg auf energetischer, ernährungsweltpolitscher und wirtschaftlicher Ebene nach sich zieht, jedoch die immense ökologische Katastrophe, die ein Krieg verursacht, wurde bisher vergessen. Es ist eine absurde Zeit, die uns direkt zu einem Zusammenbruch riesigen Ausmaßes zu führen scheint.

Puh, das wird einem ja ganz kalt, wenn man Sie das beschreiben hört.
Es erinnert mich an den Untergang der großen Imperien wie dem Römischen Reich oder dem Britischen Kolonialreich samt ihrer Wertesysteme. Der einzige Unterschied ist, dass es dieses Mal zum Ende aller Homo Sapiens auf dem Planeten führen könnte.

Heftig. Und wie sieht das aus der Sicht des Südens aus?
Südamerika ist von gewalttätigen Unruhen aufgrund von extremer sozialer Ungleichheit geprägt, seit Jahren brodelt es gewaltig. Eine Elite aus wenigen Familien ist an der Macht und zieht alle Fäden. Die Ausbeutung von Menschen und Natur ist unfassbar. „Ökozid“ ist dort schon seit Jahren bei Umweltaktivisten ein Thema.

Wie muss man das verstehen?
Der Planet wird systematisch „ermordet“. Ganze Lebensräume werden zerstört. Neben Luft- und Wasserverschmutzung nehmen Kahlschlag und Brandrodung der Regenwälder in Brasilien und Venezuela sowie illegaler Abbau von Kupfer, Diamanten und Gold mitten im Amazonas immer weiter zu, die schreckliche Ölkatastrophe Anfang des Jahres in Peru, Vertreibung und Genozid indigener Völker in Guatemala zu Gunsten der Palmölindustrie oder in Chile zu Gunsten der Forstwirtschaft, so kann es nicht weitergehen.

Was wäre zu tun?
Die Anstrengungen Europas und der USA, verstärkt mit südamerikanischen Bodenschatz-Lieferanten wie z.B. Brasilien für Erdöl, Argentinien für Erdgas und Chile für Lithium zusammenzuarbeiten, birgt die Gefahr Regierungen zu unterstützen, die weder Menschen noch die Umwelt respektieren. Wir Südamerikaner nennen das Neokolonialismus, weil die Ausbeutung weitergeht. Es muss ein rasches Umdenken stattfinden. Billig, bequem, unterhaltsam und alles im Überfluss muss ein Ende haben. Laut dem Wissen der alten, noch lebenden indigenen Häuptlinge in Nord- und Südamerika, beginnt eine Zeit, indem die Masken fallen und die Wahrheit einer neuen Welt, die alte ersetzt. Bereits letztes Jahr haben zwei brasilianische indigene Häuptlinge Klage wegen Genozids und Ökozids gegen den Präsidenten Bolsonaro eingereicht und eine Untersuchung in Den Haag eingeleitet, um gegen die rasante Abholzung des Regenwaldes im Amazonasgebiet vorzugehen. Der Kahlschlag des Regenwaldes vertreibt nicht nur die Ureinwohner, er bedroht die gesamte Menschheit.

Unbestritten.
Meiner Meinung nach werden die Probleme unserer Zeit nur mit einer globalen Antwort und entsprechenden Aktionen gelöst. Wir brauchen sofortige Gesetzesänderungen auf internationaler Ebene. „Ökozide“, also Umweltverbrechen großen Ausmaßes, wie Luft-, Wasser- und Umweltverschmutzung, ökologische Zerstörung ganzer Lebensräume und dadurch erzielte Ausrottung von Ureinwohnern sollten schnellstmöglich weltweit als Straftat in internationales Strafrecht und das der jeweiligen Länder aufgenommen werden. Umweltkatastrophen könnten verhindert werden, wenn deren Verursacher endlich angemessen bestraft werden. Die Krisen des Neoliberalismus in Südamerika treiben alle den Klimawandel voran, dort sollte die Welt hinschauen. 

Musik mit „Latin“-Anmutung wird hierzulande oft vorschnell als Unterhaltungsklang mit hohem Fernweh- und Urlaubsfaktor eingestuft. Wie schwer fällt es, hinter Texten, die vermutlich nicht jeder sofort versteht, den Biss und die politische Brisanz sichtbar zu machen?
Ja, das mit der Brisanz ist schon schwer, aber in meinem Fall war es nie meine Absicht, politische Statements abzugeben Lieber bringe ich mein Realitätsverständnis in einen poetischen Kontext. Meist schreibe ich melancholische oder wütende Poesie. Meine Musik ist wie Tanzen mit Tränen in den Augen.

Sie kommen ja vom Punk. Es heißt ja: Einmal Punk, immer Punk. Wie sehr trifft das auch auf Sie zu?
Hmmmmm... zur Zeit höre ich nur Klassik (lacht). Aber wenn es um meine eigene Musik geht, bin ich aufgrund von nicht existierenden Erfolgsstrategien tatsächlich bei der „DIY“-Philosophie hängen geblieben. Ich mache das, worauf ich gerade Lust habe, ob solo, in kleiner oder großer Besetzung mit wechselnder Instrumentierung und immer neuen Sounds. Mein Leben ist ein musikalisches Abenteuer.

Klingt verführerisch, kann aber auch Kraft kosten.
Für Soziale Medien habe ich kaum Zeit. Ich lebe bescheiden und halte den global gelebten, überdrehten Kapitalismus geprägt von Konsumgeilheit und Narzissmus für ein dysfunktionales System, das kurz vor dem Zusammenbruch steht.

Sie haben viel mit Fatih Akin zusammen gearbeitet, dann auch mit den Einstürzenden Neubauten. Was hat Sie zusammengebracht und wie wichtig sind solche transkulturellen Kooperationen?
Der Entdecker meiner zweiten Band Niños Con Bombas war Mark Chung, der ehemalige Bassist der Einstürzenden Neubauten. Wir hatten 1995 den Talentwettbewerb des Itzehoer John Lennon Förderpreises gewonnen und er saß in der Jury. Plötzlich wurden wir von Magazinen wie dem Rolling Stone, Visions, dem Billboard Magazin oder Intro beachtet und unsere erste Platte wurde mit guten Kritiken geradezu überhäuft. Als Fatih Akin unsere Musik in die Hände fiel, war er sofort Fan und bat darum, diese in seinen Filmen benutzen zu dürfen. Daraus ist dann eine langjährige Zusammenarbeit und enge Freundschaft entstanden. Fatih hat mich zu türkisch-griechischen Jam Sessions seiner Musikerfreunde mitgenommen und die Zeit hat mich natürlich sehr geprägt, und es war unglaublich inspirierend.

Na klar. Muss eine tolle Zusammenarbeit gewesen sein.
Musik an sich ist ein Produkt transkultureller Kooperation. Wir Musiker haben uns schon immer Tonleitern, Rhythmen oder Stilistiken aus anderen Ländern bzw. anderen Kontinenten “geliehen”. In Südamerika ist man sich dessen sehr bewusst. Unsere Musik ist seit jeher multikulti gewesen. Beispiele afrikanisch-europäischer Musikkooperation sind der Blues, Bossa Nova und Son. Flamenco ist indisch-arabisch-europäischen Ursprungs, wie eigentlich die Musik der gesamten Welt. Die Instrumente und die Technik der europäischen klassischen Musik kommen aus den arabischen Ländern. Damals ist etwas großartiges passiert. Zuerst haben die arabischen Musiker die Europäer ausgelacht, weil sie Lauten mit festen Metallbünden ausstatteten, während ihre eigenen Kinder lediglich in der Lernphase mit Bünden aus Schnur oder Faden spielten. Doch erst die Bünde hatten es ermöglicht, dass Akkorde gespielt werden konnten und das war Europas großer Beitrag zur Weltmusik: die Harmonie. Ich wünschte, die Völkerverständigung und -zusammenarbeit wäre in allen Bereichen so einfach und fruchtbar wie in der Musik.

Sie treten als einer der Top Acts auf dem StuStaCulum auf. Studenten wird gerne mal vorgeworfen, nur noch eigene Interessen vor Augen zu haben und das große Ganze zu vernachlässigen. Wie wollen Sie Münchens verwöhnte, vielleicht etwas träge Studenten wachrütteln?
Na die Studenten müssen beim Konzert mitmachen, ich brauche die als Begleitchor. Das könnte lustig werden. Außerdem erkläre ich ihnen teilweise meine Texte, damit sie wissen, worauf sie sich einlassen.

Interview: Rupert Sommer

Sound des Sommers: Der Singer-Songwriter und Gitarrist Daniel Puente Encina aus Chile steht für chilligen und tanzbaren Latin Blues und Latin Jazzs, aber auch für eine unangepasste Haltung, politische Botschaften und musikalische Rafinesse. Am 15. Juni stellt er auf dem StuStaCulum auch sein neues Album „Sangre y Sal“ vor. www.danielpuenteencina.com