Bei diesen Bildspektakeln nimmt man Emotionen genau unter die Lupe
„Heidi“ im Volkstheater
„Holladihi Holladiho“: Und schön gerät die nur vermeintlich heile Bergwelt ins Rutschen. Eigentlich könnte es eine Idylle sein – mit einem Waisenmädchen unter lauter Männern, die dann doch gar nicht so bärbeißig sind. Und auch nicht so zickig wie die Ziegen. Regisseurin Lena Reißner, Gast beim „Radikal Jung“-Festival, bürstet in ihrer Beschäftigung mit dem Schweizer Kulturerbe die alten Geschichten, bekannt aus Kinderbuch, TV-Manga und allgemeinem Pop-Gedächtnis, gegen den Strich.
„Der Herzerlfresser“ im TamS
Schwarzhumorig in den Mai: Auf einem hastig zubetonierten Moor soll ein prachtvolles neu- es Einkaufszentrum entstehen – buchstäblich in den Matsch gesetzt. Die Lokalpolitiker, die immer Wahlkampf führen, stehen schon mit der Schere zum Banddurchschneiden bereit. Doch dann taucht aus dem Sumpf eine Frauenleiche auf – ohne Herz. Dann noch eine. Der Bürgermeister muss die Krise hektisch weglächeln. Das kann doch nicht sein. Oder steckt wirklich was hinter der gruseligen alten Le- gende vom „Herzerlfresser“. Das Moor sickert immer mehr durch, der protzige Konsumpalast bekommt Risse. Schauerlich schön!
„Nur die halbe Wahrheit“ im Blutenburgtheater
Ein neuer packender Thriller, geschrieben von Frank Piotraschke, der schon selbst öfter auf der kleinen Krimi-Kultbühne in Neuhausen stand: Im Zentrum steht ein brutaler Streit in einem Café. Dabei beschützt ein „zufällig“ anwesender Fremder Cleo vor den Attacken ihres Freundes Jannek. Zwischen ihr und ihrem Retter Tom entwickelt sich schnell mehr. Aber ist das wirklich die ganze Wahrheit? Regie beim brisanten Treiben führt Petra Wintersteller.
„Giesing Mountain“ im Hofspielhaus
Der ehemalige Präsident vom FC Giesing hat eine Sorge, die ihn um den Nachtschlaf bringt: Er fürchtet, der auch in München fortschrei- tende Klimawandel könnte dazu führen, dass der Giesinger Berg eines Tages in die Isar rutschen könnte. Derweil muss die Nichte der „Sphinx von Giesing“, deren Tante einst selbst Gegenstand des 2015er Stefan-Kastner-Stücks war, die Dinge im liebenswert chaotischen
Viertel in Ordnung bringen. Das Hofspielhaus feiert das Giesinger Gefühl – angemessen angeschrägt und mit stark besetztem Ensemble, unter anderem mit Michaela May, Michael Grimm, Susanne Rohrer und Veronika von Quast.
Rock to Heaven im Gärtnerplatztheater
Heftige Riffs, treibende Rhythmen und zart W tänzelnde Instrumentalsolos: Die Choreografen Jacopo Godani, Frédérick Gravel und Karl Alfred Schreiner setzen sich für ihren etwas anderen Ballettabend mit der mitreißenden Energie einer Rockband auseinander, die live die Bühne beben lässt.
„Der Schauspieldirektor“ im Deutschen Theater
Der Traum ist klar: Es soll eine rauschhaft begeisternde Premiere werden. Doch wie einst auch der junge Mozart, der noch dazu von seinem Wiener Widersacher Salieri klein gehalten wurde, benötigt der Titelheld dringend Geld. Der Schauspieldirektor will schließlich u mit tollen Sängern und bester Bühnentechnik arbeiten. Außerdem benötigt er schnell noch eine feurige Geschichte. Die Zeit drängt. Dominik Wilgenbus und Aris Alexander Blettenberg ermöglichen mit dem Kammeroper- München-Ensemble aus Mozart Arien einen selbstironisch satirischen Blick auf Künstlernöte.
„Der Zauberer von Öz – Eine Fußballtragödie“ im Volkstheater
Vielleicht war dann doch alles ein bisschen zuviel. Mesut Özil wollte mit dem Ball zaubern. Dass er trotz allem so traurig schaute, verzieh man ihm lange. Doch dann mischte sich die Politik ein. Und nicht nur Angela Merkel kam in die Umkleidekabine. „My job is a football player and not a politician“, zitiert Aram Tafreshian den sich selbst entzaubernden Spieler, der kein Integrations-Posterboy mehr sein wollte. Ein starker Antritt beim „Radikal Jung“-Festival.
„Anna, Mascha und Julia“ in den Münchner Kammerspielen
Endlich dürfen sie ins vorderste Licht treten, die vielen Frauenfiguren, auf die Männer wie Platonow, Iwanow und Trigorin in den Anton-Tschechow-Stücken oft Schatten werfen. Sie werden zwar nicht aus der Geschichte entfernt, aber plötzlich verschiebt sich die Sicht auf eine untergegangene Welt – und ihre Machtkonstellationen. Warum nicht träumen?
„People Are Strange“ im Metropoltheater
So kurz sein Leben, so groß der Nachruhm: Sebastian Kempf, Jakob Tögel und Andreas Lenz von Ungern-Sternberg verneigen sich vor Jim Morrison.
Oh! Oh! Amelio! im Gärtnerplatztheater
Was für ein charmantes Durcheinander: Alle reißen sich um Amelio von Tschüssikowski, den Travestiekünstler. Von der Showbühne weg möchte ihn ein Filmproduzent für eine Rolle im „Tatort“ engagieren – als „Frau“. Und Freundin Marika braucht ihn unbedingt als „Mann“ – für eine Alibi-Hochzeit. Musikkabarettist Thomas Pigor zieht in der Operette alle Register.
Fünf bis sechs Semmeln und eine kalte Wurst in den Münchner Kammerspielen
Sie musste sich erst qualvoll aus familiärer Enge befreien, um als Schriftstellerin eine Stimme zu finden. Zunächst hört es sich für die achtjährige Lena Christ ja noch spannend an, als sie aus der behüteten Idylle bei den Großeltern in Glonn nach München kommt, um zu ihrer Mutter in einem Wirtshaus zu stoßen. Doch schnell stellt sich heraus: Die „Wirtsleni“ wird brutal ausgenutzt und zum Dauerarbeitseinsatz verdonnert. Ein Albtraum, der lange nicht endet. 100 Jahre später widmet ihr An- nette Paulmann ein Stück, in das sie selbst Wirtshauserfahrungen an der Seite einer sehr strengen Mutter einfließen lässt.
„Mercury“ im Marstall
Es ist eine dieser Geschichten, beflügelt vom Hauch der weiten Welt, die man sich in dieser Stadt gerne erzählt. Von den Jahren 1979 bis 1985, als Freddie Mercury, der flamboyante Frontmann von Queen, sich in der liebevollen Weltdorf-Provinz versteckte und die Lokale der Gay-Community erkundete. Michal Borczuch macht sich auf eine Spurensuche.
„Schrecklich amüsant – Aber in Zukunft ohne mich“ im Hofspielhaus
Die kleine Bühne wird zum Luxusdampfer. Betreut von einer charmanten dreiköpfigen Crew lässt man sich auf eine Kreuzfahrt ein – mit Bingo und Bordgymnastik, Amüsierzwang und der stillen Sehnsucht, mitten in Gesellschaft auch mal wieder abtauchen zu können. Den zarten, latent bittersüßen Humor nimmt die Produktion, in Szene gesetzt von Evelyn Plank, von einem Essay des „Unendlicher Spaß“-Au- tors David Foster Wallace.
„Bilder deiner großen Liebe“ im Fraunhofer Theater
Der viel zu früh verstorbene Autor Wolfgang Herrndorf hinterließ großartige Texte, aus dem das Ensemble Münchner Heldentheater ein bewegendes Theaterstück machte – über eine Frau, die sich selbst als Verrückte bezeichnet, aber einfach nur einem sehr weit gefassten Wirklichkeitsbegriff anhängt. „So schön ist alles, wenn es schön ist“, sagt sie. „Aber meistens ist es nur in meinem Kopf.“ Sie ist gerade aus einer Klinik ausgebrochen und nimmt ihre Zuhörer mit auf die Flucht. Es geht um alles: die Suche nach dem Sinn.
„Codeborn“ in der Muffathalle
Endzeitstimmung gefällig, als hätte man davon nicht schon genug. Unbemerkt von den meisten Mitmenschen treibt eine übermächtige Künstliche Intelligenz den Umbau der Gesellschaften voran. Es ist ein Veränderungsprozess, der fasziniert, aber auch tiefe Verunsicherung hinterlässt. Und trotzdem zerfallen alte Hierarchien und eigentlich unmögliche Begegnungen werden doch Wirklichkeit. Ein spannendes, modernes Musiktheater von Zara Ali – auf der „Biennale“.
„Appropriate (Was sich gehört) im Volkstheater“
Volkstheater-Intendant Christian Stückl lotet einen Schockmoment beim Familientreffen aus. Drei Geschwister kommen im Anwesen ihres kürzlich verstorbenen Vaters zusammen. Sie entdecken ein Fotoalbum, das vom Wüten eines brutalen Rassisten erzählt.
Das achte Leben (Für Brilka) im Metropoltheater
Von sechs Generationen und einer Chronik, die ein ganzes Jahr- hundert mit vielen politischen Erschütterungen, darunter Kriege und der Zusammenbruch der Sowjetunion, umfasst, berichtet Nino Haratischwili im georgischen Familienepos. Theaterleiter Jochen Schölch höchstpersönlich hievte es auf die Bühnenbretter, jetzt kommt die gefeierte Produktion wieder zurück.
Glitsh #06 im Pathos Theater
Diesmal kommt auf der Bühne die Schnellschreiberin Stefanie Oberhofer aus Stuttgart mit einer kettenrauchenden Gräfin zusammen. Beide dichten gemeinsam im Kreis, bis unten eine Oper raustropft: die „Kasperloper International“. Eine entspannte Performance mit Überraschungsmomenten.
Opern auf Bayerisch im Gärtnerplatztheater
Auch das werden Musikfreunde aushalten: Monika Gruber, Gerd Anthoff und Michael Lerchenberg verkneifen sich zwar das Singen, nicht aber ihre mundartliche Direktheit. Also gibt’s hier im Schnell- durchlauf mal den „Ring in einem Aufwasch“ zu bewundern.
V01ces/B0d1ez im Akademietheater
Der Komponist Piyawat Louilarpprasert nimmt die Herausforderung des Festivals „Münchener Biennale“ angemessen ernst. Er stellt sich einer posthumen Begegnung mit dem „Biennale“-Gründer Hans Werner Henze, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Ein KI-basiertes Libretto hilft dabei.
„Elektra – 750 PS Vergangenheitsüberwältigung“ im Volkstheater
Gewagte Überschreibung: Sofie Boiten und Lorenz Noting adaptieren die blutige Familientragödie von Sophokles, in der es keinen Ausweg aus dem ewigen Morden zu geben scheint, und blenden über zur belasteten Historie einer der reichsten deutschen Unter- nehmerdynastien. Auch die Familie Quandt, die hinter BMW steht, hat Schuld auf sich geladen – durch die Ausbeutung von Zwangsar- beitern in der Nazi-Zeit. Wie kriegt man das unter einen Hut? Lässt sich Schuld vererben oder doch nur verdrängen?
„Of One Blood“ im Nationaltheater
Eigentlich floss verwandtes Blut in ihren Adern. Und auch nach dem Tod liegen die zwei Herrscherinnen in ihren Gräbern in der Londoner Westminster Abbey nahe beieinander. Und doch war da so viel Hass und Missgunst zwischen Elisabeth I, die ein halbes Jahrhundert als „jungfräuliche“ Königin über England herrschte, und der lebensfrohen Mary Stuart, die ein Vierteljahrhundert lang Schottland regierte. Das weiß man nicht erst seit Friedrich Schiller. Brett Dean hat daraus eine neue Oper geschaffen, deren Libretto auch auf Briefe der beiden Königinnen zurückgreift. Erzählt wird von einem Machtkampf mit Intrigen und Gewalt, der sich immer unausweichlicher zuspitzt.
„Glitsch“ in den Münchner Kammerspielen
Alles im Fluss: In den Zwischenwelten, in denen es rutschig und schmierig zugeht. Die Choreografin Doris Uhlich, die in ihren Arbeiten gerne allzu glatte, normierte Körperbilder hinterfragt, nimmt das Publikum mit auf eine Schlitterpartie – zum Fluiden und Uneindeutigen. Es kommen Menschen auf die Bühne, die sonst oft aus der Öffentlichkeit entschwinden – Obdachlose, eine stark gealterte Ballerina, Profis und Laien. Lustvolles Gleiten und Glitschen!
„Die Kameliendame“ im Nationaltheater
Der berühmte Roman von Alexandre Dumas aus dem Jahr 1848 wurde schon zur Vorlage der Verdi-Oper La traviata sowie von unzähligen Filmen. John Neumeier kreierte seine Ballettversion des Stoffes 1978 für Marcia Haydée und das Stuttgarter Ballett, jetzt kommt sie in einer Neuinzenierung ans Staatsballett. Erzählt wird die bewegende Geschichte um die lungenkranke Kurtisane Marguerite und ihren Liebhaber Armand – zur Musik von Frédéric Chopin, voll von romantischer Virtuosität und Ausdruck existentieller Verlorenheit. Beeindruckend ist der „Stück im Stück“-Aspekt, weil Neumeier auch das Motiv des Theaterbesuchs der Hauptdarsteller aus dem Roman aufnimmt. Gespiegelt wird das unglückliche Schicksal von Marguerite und Armand im „Bühnenschicksal“ zweier anderer literarischer Figuren aus einem früheren Jahrhundert: durch Manon Lescaut und ihre Liebhaber Des Grieux.
„Sauhund“ in den Münchner Kammerspielen
Auf in die Stadt, in der seinerzeit Freddie Mercury, Rainer Werner Fassbinder und Franz Josef Strauß gleichzeitig lebten: Der junge Flori, der sich so gerne in Frauenkleidern sieht, zieht von Wolfratshausen in die große Stadt, die so gerne liberal wäre, aber dann doch knallharte schwulenfeindliche Politik betrieb – auf dem Höhepunkt der HIV-Pandemie. Schöne, schauerliche 80er Jahre!
„Der zerbrochene Krug“ im Theater Und so fort
Kann man sich der grotesken Übergriffs-„Komödie“ von Heinrich von Kleist vielleicht nur noch mit Computerhilfe nähern? Andreas von Studnitz nimmt das Publikum mit zu einer spannenden Experimentalanordnung. Er schlüpft in alle zehn Rollen des berühmt-berüchtigten Stücks, lässt sich aber für sein jeweiliges Dialog-Gegenüber von einer KI einen Avatar erschaffen, der in Echtzeit mitagiert.
Spitzenreiterinnen im Marstall
Autorin und Filmemacherin Jovana Reisinger ist eine Frau von einer unbestechlich scharfen Beobachtungsgabe. So porträtiert sie Frauentypen, die alle in und um München leben. Reisinger gibt ihnen die Namen von Frauenzeitschriften und seziert ihre Schwächen – mit dem Skalpell. Die Bühnenadaption zum Erfolgsroman hatte sie selbst geschrieben, zusammen mit Regisseurin Yana Eva Thönnes.
Der Miesepups im Volkstheater
Mächtig was los im Mooswald: Dort wohnt in einer Baumhöhle der titelgebend miesepetrige Miesepups. Er ist derart schlecht gelaunt und unhöflich, dass er sogar dem Kucks die Tür vor der Nase zuschlägt. Doch so ein Kucks lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Er will den alten Stinker aus der Reserve locken. Man staune: Die Komponistin Margareta Ferek-Petric hat aus dem Kinderbuch von Kirsten Fuchs und der Illustratorin Cindy Schmid ein launiges modernes Musiktheaterstück gemacht – für die „Münchener Biennale“.
„Sushi für alle“ im Theater Und so fort
Klingt einladend, ist aber ein doppelbödiges Spiel: Familienvater Ingo allein weiß, dass er aufgrund einer bösen ärztlichen Diagnose unheilbar krank ist und nicht mehr lange leben wird. Also macht er sich auf die Suche nach einem „Nachfolger“ und arrangiert dafür mit einer fingierten Trick-Identität im Internet ein Treffen mit Alban Lenz. Selbiger möchte endlich die Frau fürs Leben finden. Geht die Rechnung wirklich so leicht auf?
„Organism“ im Muffatwerk
„Münchener Biennale“: Navid Navab erweckt neues Leben in einem Instrument, das längst brutal entsorgt werden sollte. Für seine szenische Musikinstallation holt er eine hundertjährige Pfeifenorgel in die Club-Atmosphäre – und lässt die Klänge von einem Roboter steuern.
„Hidden Heartache“ im Hoch X
Es ist der Ort, an dem Musik mehr ist als nur Klang, sondern Bewegung, Vibration und Nervenkitzel: Die Musiktheater-Performance baut auf die unterschiedlichen Sinnenswelten auf – für hörende und für taube Mitwirkende. Und natürlich für Staunende.
„Gschichtn vom Brandner Kaspar“ im Residenztheater
Himmel Herrgott: Das beliebte Volksstück mit dem Boandlkramer, der sich mit Schnaps abfüllen und dann über den Kartenspieltisch ziehen lässt, ist zurück. Franz Xaver Kroetz, bekannt geworden durch archaisch wuchtige Theatertexte, aber eben auch in der „Babi Schimmerlos“-Paraderolle, hat eine ganz eigene Brandner-Kaspar-Variante geschrieben. Und Philipp Stölzl hat sie beeindruckend inszeniert. Aktuell spielt die kauzig-urige Titelrolle: Sigi Zimmerschied!
„Meister und Margarita“ in den Kammerspielen
Ist Feigheit die größte Sünde? Eine junge Frau geht einen Pakt ein, um ihre große Liebe zu retten. Dann aber setzt sie Kräfte frei, die sich nicht mehr kontrollieren lassen. Der Teufel, getarnt als aus- ländischer Tourist, zieht durch Moskau und verbreitet Chaos in der Stadt. Er wirkt aber auch als Brennglas: entlarvt Gier und Willkür. Haben nicht längst alle vermeintlichen braven Bürger einen Teu- felspakt geschlossen? Regisseurin Jette Steckel bringt Michail Bul- gakows Roman als metaphysischen Thriller mit überdeutlichen „Faust“- und Gegenwartsanklängen auf die Bühne, unter anderem mit Wiebke Puls und Thomas Schmauser.
Femina im Akademietheater
19./20.5.
Einfach mal was wagen: Die Künstlerin Esther Strauß sorgte 2024 für Aufsehen, als sie im Linzer Dom eine gebärende Maria zeigte – eine Mutter Gottes beim breitbeinig sitzenden Kraftakt der Geburt. Wenig später wird die Statue von einem Unbekannten enthauptet. Ihr Stück für die „Biennale“ beschäftigt sich mit Frauenbildern, mit biblischen Narrativen und mit feministischen Stoßgebeten.
„Wachse oder weiche“ in den Kammerspielen
Er war der Mann, der es noch ernsthaft gewagt hatte, dem wahren „Derbleckn“-Anspruch gerecht zu werden und auf dem Nockherberg die Mächtigen und Großen ganz klein zu falten. Im Kammerspiel-Stück blickt Maxi Schafroth „mit Raiffeisenbank, Riesenkürbis und Allgäublues“ auf die weite Welt – und der Blick geht bis über den Horizont hinaus. Trotzdem hat sich der gar nicht mehr so kleine Maxi vom Land noch immer den staunenden Blick auf die Großstadt, auf die ganz spezielle Münchner Melange, be- wahrt. So trifft man bei ihm auf Zahnarztkinder im Geländewagen, auf Bildungsbürger in senfgelben Cordhosen, auf Hipster mit Holz-Look-Brillen. Und so geht es von der Baywa in Ottobeuren auf direktem Weg zu Vintage-Gummistiefel-Regal bei Manufactum.
„Eurydike und Orpheus“ in den Kammerspielen
Man wird ja wohl noch träumen dürfen – auch von der Unsterblichkeit: Das war in der Antike so beim großen Sänger Orpheus, der zwar Tiere, Mitmenschen und die Elementarkräfte verzaubern, seine gestorbene Geliebte aber nicht mehr lebendig machen konnte. Auch in der gar nicht so fernen Zukunft bleibt das erst mal so. Die Menschen erhalten zwar täglich ein aktualisiertes, präzise vorausberechnetes Sterbedatum. Nur aufhalten, besser noch: aushebeln, kann immer noch niemand den Tod. Das arbeitet dieses Musiktheaterstück durch, nach einem Libretto von Robert Bolesto und zur Musik von Jan Duszynski.
„Der blinde Passagier“ im Volkstheater
Eigentlich könnte Mitmenschlichkeit so einfach sein: Käpitän Petersen, der auf seinem kleinen dänischen Paketboot mit seinen beiden Kindern unterwegs ist und gerade von Nazi-Deutschland aus Richtung Heimat ablegen möchte, entdeckt einen zusätzlichen Mann an Bord: Es ist Fritz Hartmann, der als jüdischer Arzt verfolgt wird. Einfach mal Augen zu und helfen. Doch dann gerät die Situation doch noch an moralische Schmerzgrenzen. Steuermann Jörgen möchte kurz vor Überschippern der Grenze kein Risiko eingehen. Das Theaterstück stammt aus dem Nachlass der Österreicherin Maria Lazar, die einst selbst Sicherheit im dänischen Exil fand.
„La Traviata“ im Gärtnerplatztheater
Wenn doch nur mal die besorgten Väter ihre Klappe halten könnten: Eigentlich steht dem Glück der beiden Turteltauben Violetta und ihrem Alfredo nicht allzu viel im Wege. Er hat die durch altes Geld vermittelte Gelassenheit, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen. Sie hat ihre flatterhafte Vergangenheit als Kurtisane, die sich nie binden wollte, längst hinter sich gelassen. Alfredo meint es ernst. Der gestrenge Vater aber dummerweise auch. Auch heute noch zählt das einst meistgespielte Guiseppe-Verdi-Meisterwerk zu den beliebtesten Opern – mit ganz hoher Ohrwurmbefallsgefahr.
Spiel(t)raum im Pathos Theater
Wenn der alte Sandkasten plötz- lich doch noch zum Abenteuerspielplatz wird, wo man nicht beobachtet und schon gar nicht überwacht wird. Also raus mit den ersten Zigaretten! Es wird geknutscht und getrunken. Und es geht zurück in eine Kindheit, in der zwar oft vieles grau, aber immerhin noch neu war. Sascha Malina Hoffmann und Ying Yue nehmen das Publikum mit auf eine Zeitreise rückwärts.
„Fräulein Else“ in den Münchner Kammerspiele
Was tun, wenn man den eigenen Lieben nicht mehr vertrauen kann? Die junge Frau, die sich gerade in der Sommerfrische befindet, erhält einen Expressbrief aus Wien: Sie sollte sich gefälligst um die finanzielle Schieflage ihres Vaters kümmern. Einen Plan hat er auch schon: Warum nicht der reiche Kunsthändler, der im gleichen Hotel logiert? Der erkennt schnell seine düstere – und Elses schier ausweglose Situation. Leonie Böhm, die auch Regie führt, und Julia Riedler holen den berühmt-berüchtigten Bewusstseinsstrom von Arthur Schnitzler auf die Bühne. Ganz groß, enorm mutig – und streckenweise frei improvisiert. Dieser Fragestelle kommt hier niemand aus: Me too?
„Love is not Enough“ im Hoch X
Die Schauspielerin Sarella Vargas wurde in Peru geboren und kam als Adoptivkind nach Deutschland. Auf der Bühne setzt sie sich mit den großen schweren Fragen nach Identität, Verlust und Zugehörigkeit auseinander – ohne offensichtliches Happy End. Kitsch findet hier keinen Platz.
„Troja“ im Gärtnerplatztheater
Eine friedlichere Welt, wie schön wäre die. Und was lernt und liest man da bei den alten Griechen? So richtig einfach war’s noch nie, trotz Kultiviertheit und Wohlstand miteinander auszukommen. Der griechische Choreograf Andonis Foniadakis hat sich die Euripides-Tragödie „Die Troerinnen“ noch mal vorgenommen, klopft den Staub ab und Überzeitliches heraus. Ein wirklich bewegendes, bildgewaltiges Ballett.
„Das Krokodil im Kasten und andere phantastische Tiere“ im La Cantina
30./31.5.
… und andere fantastische Tiere. Die neue Produktion der Truppe Theater des hölzernen Gelächters greift Erzählungen von Fjodor M. Dostojewski und Franz Kafka auf, um über die Absurdität des Alltags zu philosophieren. So denkt ein Mensch, der von einem Krokodil ver- schlungen wurde, im Bauch des Tiers über das Menschsein nach. Und dann debattiert auch noch das Volk der Mäu- se über den fragilen Stellenwert der Künste in der Gesellschaft. Schön schräg eben, beleuchtet von Filmprojektionen und begleitet von Musik.
RUPERT SOMMER
RUPERT SOMMER
