Kultur-Lockdown

Das Hofspielhaus klagt gegen die Schließung

Das Hofspielhaus München
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#AlarmstufeRot auch in München: Hofspielhaus

Das erklärte Ziel: Paragraph 23 Nr. 2 der „Infektionsschutzmaßnahmenverordnung vom 30. Oktober 2020“, laut dem Theater, Opern u.a. geschlossen wurden, soll außer Vollzug gesetzt werden.  

Es ist ein Leid, ein elendiges sogar. Der eine, in dem Fall Mutter/Vater Staat, will unsere Gesundheit schützen, und macht das – unter dem Zutun einer großen, verantwortungsvoll handelnden Mehrheit der Bevölkerung – offensichtlich (Stand heute) ganz gut. Hierbei lohnt freilich ein Blick auf die Sterblichkeit pro 100.000 Einwohner, denn im Falle Deutschlands sind es offiziell gerade mal 13 Covid-Opfer (Quelle SZ), zum Vergleich: Belgien (106), Spanien (82), Brasilien (76) und die USA (71).

Die anderen wiederum, Kultur und Gastronomie etwa, wollen raus, und sie wollen spielen, respektive wollen sie Jahreszeit bedingt natürlich rein und ihre Zuschauer beglücken und die ausgehungerten Gäste bewirten. Denn, so sehen es die Verantwortlichen, die Hygienekonzepte der Kulturschaffenden und der Wirte, sie hätten funktioniert, was auch Kanzlerin Merkel und Ministerpräsident Söder anerkennend bestätigten. Und fürwahr, es sind keine relevanten Infektionszahlen in diesen beiden Segmenten auffällig geworden.

Die Ansteckungszahlen müssen runter…

… da sind sich beide Seiten einig. Nur wie? Für die kulturellen Institutionen von Opern über Theater und Konzertsäle bis hin zu Museen und Kinos – die neben Prostitutionsstätten, Spaßbädern und Spielhallen von Bundes- und Staatsregierung etwas unglücklich (oder muss man sagen dämlich?) im weitesten Sinne als „Freizeitgestaltung“ eingestuft wurden – steht jedoch fest, dass sie zu Unrecht schließen mussten. Genau so sehen das freilich die Gastronomen mit ihren Wirtschaften, Restaurants, Bars u.a. Die Politik agiert hier wahrlich hilflos und wirkt somit aktionistisch.

Während also Schulen und Kitas sowie der Einzelhandel geöffnet bleiben, die angeblich und etwas überraschend – wie im Übrigen auch der ÖPNV – ebenfalls kaum eine Rolle spielen sollen im Infektionsgeschehen, denn überwiegend stecken sich Menschen, so heißt es, bei privaten Feiern (auch in den eigenen vier Wänden) oder am Arbeitsplatz an – mussten Kultureinrichtungen und gastronomische Betriebe Anfang November wieder dicht machen.

Als ungerecht empfindet ebendies Hofspielhaus-Leiterin, die Sängerin, Regisseurin und Schauspielerin Christiane Brammer, weswegen sie jetzt klagen will und feststellt: „Wir sind der Ansicht, dass die pauschale Schließung der Theater unverhältnismäßig und gleichheitswidrig ist. Kunst und Kultur sind kein überflüssiger Luxus, den man einfach lahmlegen kann. Wir haben längst ein aufwändiges und virologisch geprüftes Hygienekonzept erstellt und umgesetzt, in diesem Zuge auch die Zuschauerzahlen drastisch reduziert. Und nichts deutet darauf hin, dass die Kunst nennenswert zum Infektionsgeschehen beigetragen hat.“

Gibt sich kämpferisch: Christiane Brammer

Verletzung der Grundrechte

Ihr Rechtsanwalt Mark Mandelbaum ergänzt: „Das Hofspielhaus macht die Verletzung der Grundrechte geltend: des Gleichheitsrechts, der Berufsfreiheit und besonders der in Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes verbürgten Freiheit der Kunst. Die erneute Schließung trifft das Theater härter als die Gastronomie, bei der man relativ einfach zusperren und wieder aufsperren und auch liefern kann. Denn alle Veranstaltungen haben einen monatelangen Vorlauf mit Proben, Regie und nicht zuletzt Öffentlichkeitsarbeit.“ Vor allem der Vergleich mit der Gastronomie klingt jetzt oberflächlich betrachtet ein wenig spalterisch, macht aber durchaus Sinn, wenngleich natürlich klar ist, dass auch Gastronomen immer wieder diverse Vorbereitungen treffen müssen…

Und schon klar, Theaterintendantin Brammer freut sich immer dann ganz besonders, wenn wahre „Herzensprojekte“, nicht nur aber eben auch auf ihrer Bühne realisiert werden. Gerade jetzt auch in diesen schwierigen Zeiten begeisterte das Hofspielhaus nach eigenem Bekunden „das Münchner Publikum mit einem hochkarätigen Repertoire von Oper, Operette, Musical bis hin zum Kabarett.“

Wollt ihr den totalen Lockdown?

Ja, all das hat bestimmt seine Richtigkeit und viele werden dem selbstverständlich beipflichten. Bleibt die leidige Frage: Wie runter mit den Ansteckungen? Oder sind 20.000 pro Tag vielleicht gar nicht so schlimm, weil ja Ansteckung nicht gleich schwerer Verlauf bedeutet? Ist all das dann doch nur eine Frage der Relation? Schwierig. Und nein, jede Ansteckung ist eine zu viel! Genauso schwierig: Geschäfte, Schulen, Kitas wieder zusperren?

So ähnlich hat sich ja auch die Kanzlerin schon zu Wort gemeldet, dass wenn uns das nicht passt, was jetzt beschlossen wurde, die einzige logische Konsequenz wäre wieder alles zu schließen. Ist das die Lösung, aus dem herbstlichen „Lockdown light“ einen weiteren totalen Lockdown wie im Frühling zu machen? Oder sollte es auch bei uns eine Ausgangssperre wie in Frankreich geben, so dass von 21 Uhr abends bis morgens 6 Uhr, niemand mehr auf die Straße darf? Oder sollte man gleich, ähnlich wie in China, mikrolokal je nach Infektionsgeschehen ganze Mietshäuser, Wohnblocks oder Straßenzüge unter Quarantäne stellen? Kaum vorstellbar in einer Demokratie wie der unseren.

Die Politik wäre demnach gut beraten langfristig zu planen und dementsprechend zu handeln. Mit gebotenen und angemessenen, mithin also nachvollziehbaren und sinnvollen Maßnahmen für den öffentlichen, auch kulturell genutzten Raum – wie etwa die Maskenpflicht sowie weiteren Hygienemaßgaben (Abstand), ausgeklügelten Belüftungskonzepten und einer adäquaten, speziell für die Veranstaltungsbranche überlebenswichtigen, an die jeweiligen Räumlichkeiten angepassten Zuschauerobergrenzen etc.pp und nicht immer gleich im Angstmach- und Panikmodus mit generellen Verboten den Unmut wecken und Verzweiflung generieren.

Eher wäre es doch klug und nur allzu logisch zur Abwechslung mal auf die Verantwortlichkeit des mündigen und überwiegend aufgeklärten Teils der Bevölkerung, der ziemlich deckungsgleich mit dem der Kulturinteressierten sein dürfte, zu setzen, denn voraussichtlich werden uns diese widrigen Umstände noch erheblich länger begleiten als uns lieb ist. Abgesehen davon, wäre die durchaus berechtigte Empörung der Betroffenen in Kultur und Gastronomie wohl ganz bestimmt etwas moderater ausgefallen, hätte die Politik gleich zu Beginn die richtigen Maßnahmen ergriffen und in Absprache mit Interessenverbänden (DEHOGA, BFDK, BFFS u.a.) zielgenaue Fördermaßnahmen auf den Weg gebracht. Doch in einer Bundes- und Staatsregierung, die schon im Regelbetrieb ein nur mangelhaftes Bewusstsein für die soziale Ungleichheit in ihrem Land hat, war dies wohl im Ernstfall kaum zu erwarten.

Es ist zugegebenermaßen nicht gerade einfach, einen Mittelweg zu finden. Die Schließung von kulturellen Einrichtungen, Gastronomie und anderen Freizeitstätten mag für die politischen Verantwortlichen Sinn machen. Ob es aber nicht nur Aktionismus und demzufolge Symbolpolitik auf Kosten jener ohne Lobby ist, sondern auch ein probates Mittel gegen die Ausbreitung der Seuche, wird sich erst noch zeigen müssen. Derweil kämpft das Hofspielhaus respektive Christiane Brammer als dessen Intendantin den David-gegen-Goliath-Kampf. Im Sinne der Grundrechte auf Gleichheit und Berufsfreiheit sowie der Umsetzung des Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes drücken wir ihr auf alle Fälle die Daumen!

Autor: Gerald Huber

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