Ortsgespräch: Stefan Betz & Richard Oehmann

Ortsgespräch: Stefan Betz & Richard Oehmann

Charmante Derblecker: Wie die Singspiel-Autoren STEFAN BETZ und RICHARD OEHMANN die Politiker auf dem Nockherberg tanzen lassen

Herr Betz, Herr Oehmann, wenn man sich die Weltlage anschaut, hat man ja fast jeden Morgen das Bedürfnis, erst mal nachzusehen, wie viel von der Welt noch steht. Themen, die die Menschen beschäftigen gäbe es also genug, gleichzeitig steigt die Erschöpfung. Macht das die Arbeit am aktuellen Singspiel einfacher oder schwieriger?

Richard Oehmann: Ehrlich gesagt: weder noch. Es ist eher so, dass sich unsere Reizschwelle in den letzten Jahren massiv verschoben hat. Nach Corona, Krieg, Demokratiekrise und all dem Zeug haut dich erst mal nicht mehr so schnell etwas um. Letztes Jahr war es natürlich speziell, weil wir genau wussten: Wir proben eine Woche – und dann ist Wahl. Und du weißt einfach nicht, ob das Stück, so wie du es gerade schreibst, diese Wahl überhaupt überlebt.

Das klingt nach einem Ritt auf der Rasierklinge.

Stefan Betz: „Rasierklinge“ ist ein großes Wort, aber ja: Es war haarig.

Oehmann: Alles nicht so schlimm. Wir haben deshalb bewusst eine offene Form gewählt, eher eine Revue als ein klassisches Stück. Modular, damit man Dinge rausnehmen, verschieben, ersetzen kann. Am Ende war es dann kurioserweise gar nicht die Wahl selbst, die uns dramaturgisch durcheinandergebracht hat, sondern etwas anderes.

Nämlich?

Oehmann: Eine Woche vor der Aufführung beschließt die neue Regierung plötzlich Schulden in einer Dimension, mit der niemand gerechnet hat. Wir hatten eigentlich auf „Es geht halt so weiter wie bisher“ gebaut.

Betz: Und plötzlich war „gefühlt“ wahnsinnig viel Geld da. Das verändert die Stimmung dann schon gewaltig, vor allem fürs Ende eines Abends. Da mussten wir noch mal umbauen.

Also hat Friedrich Merz Ihnen die Dramaturgie umgeschrieben?

Betz: Ja – aber er hat uns dafür immerhin eine Geldkanone beschert. Das ist ja auch was.

Hat sich durch diese permanente Weltunruhe auch Ihr Arbeiten verändert: Springt man heute schneller auf Themen an – oder eher gar nicht mehr?

Betz: Eher letzteres. Wenn wir auf alles reagieren würden, was Donald Trump diese oder nächste Woche sagt oder tut, wären wir völlig verloren. Heute droht er im Iran, morgen marschiert er in Grönland ein, übermorgen ist wieder alles anders. Das ist schwer zu fassen – und vor allem schwer lustig zu machen.

Trump bekommt also keine Singspiel-Rolle?

Betz: Ganz bewusst nicht. Er ist real bedrohlich. Wenn du daraus eine Bamperl-Figur machst, wird es schnell unerquicklich.

Gleichzeitig drückt die große Weltpolitik natürlich auch auf die lokalen Themen. Haben es bayerische oder Münchner Fragen heute schwerer, durchzudringen?

Oehmann: Total. Vor zehn Jahren wäre eine weitere Verzögerung bei der S-Bahn ein Riesenthema gewesen. Heute zuckt man mit den Schultern.

Betz: Wir leben seit Jahren auf Baustellen: Bahnhof Baustelle, S-Bahn Baustelle, Flughafen Baustelle. Dazu kommen diese ganzen Oberkatastrophen – da bleibt kaum Platz für kleinere Aufregungen.

Macht das zynisch?

Betz: Das darf es nicht. Aber man merkt schon, dass viele Themen nicht mehr durchkommen, solange man nicht unmittelbar betroffen ist. Schulklos zum Beispiel: ein Riesenthema – aber nur, wenn dein eigenes Kind dort zur Schule geht.

Bleiben wir bei der Politik auf der Bühne. Figuren wie Robert Habeck oder Olaf Scholz dürften ja weg sein.

Oehmann: Braucht’s nicht mehr.

Richard Oehmann und Stefan Betz (c) Paulaner

Wie entscheiden Sie eigentlich, wer diesmal genau mit einer eigenen Figur vorkommt?

Betz: Ganz pragmatisch: Der Zuschauer muss wissen, wer das ist. Wenn niemand eine Figur kennt, kann er auch nicht einschätzen, ob sie gut oder schlecht persifliert wird.

Oehmann: Prominenz ist wichtig – nicht, weil wir jemanden adeln wollen, sondern weil die Witze sonst ins Leere laufen.

Und die AfD?

Oehmann: Nein! Als Thema steht sie natürlich im Raum, aber als Figur nicht. Sonst lädt man sie ein, und dann muss irgendein armer Schauspieler einem Ungustl nach dem Singspiel auch noch die Hand schütteln. Das kann man niemandem zumuten.

Wie ist das eigentlich mit der Wirkung? Glauben Sie oder hoffen Sie zumindest ab und an, dass Sie irgendwen überzeugen oder zum Umdenken bringen?

Betz: Überhaupt nicht. Wir bilden uns da nichts ein. Niemand geht nach Hause und sagt: „Ab heute wähle ich ganz anders.“

Oder man wirft auf dem Heimweg ein für alle Mal den Autoschlüssel in den Gully?

Oehmann: Wir rufen ja eh zu nichts auf.

Also reine Gaudi?

Betz: Auch nicht. Es gibt schon den Wunsch, dass da Inhalt drinsteckt. Aber wir glauben nicht an Erweckungserlebnisse. Politiker nehmen es im Zweifel sportlich. Vorkommen ist besser als nicht vorkommen.

Wie stark haben Sie je erlebt, dass jemand wirklich beleidigt war?

Betz: Eher das Gegenteil. Wir hatten mal den Eindruck, wir wären sehr hart zu jemandem gewesen – und der saß im Publikum und hat sich köstlich amüsiert. Da merkst du: Da dringt nichts durch. Und gleichzeitig läuft die Karriere weiter.

Wie läuft denn Ihre Arbeit beim Schreiben des Stücks ganz praktisch ab?

Oehmann: Wir fangen im Herbst mit Spaziergängen an. Ohne Schreibblock. Einfach reden: Wie ist die Weltlage? Welche Figuren liegen in der Luft? Welche Bilder könnten spannend sein?

Betz: Irgendwann müssen wir das Bühnenbild festlegen – meist vor Weihnachten. Das ist ein wichtiger Punkt, weil man sich dann selbst festnagelt.

Stehen die Kulissen, gibt’s kein radiales Umorganisieren mehr. Machen Sie das, um sich selbst unter Druck zu setzen?

Betz: Eher, um sich selbst zu beschränken. Wenn du sagst: Wir machen ein Krankenhaus, dann ist es ein Krankenhaus. Dann musst du damit umgehen. Das hilft beim Schreiben ungemein.

Wann wird konkret geschrieben?

Betz: Relativ spät. Dieses Jahr eigentlich erst sehr nah an den Proben. Die Welt ändert sich so schnell, dass es sinnvoll ist, möglichst nah dran zu sein. Trotzdem haben wir meist etwa zehn Tage vor Probenbeginn einen fast fertigen Text.

Richard Oehmann (c) Jan Saurer/Paulaner

Und dann wird noch viel geändert?

Oehmann: Schon, aber nicht so ambitioniert wie die Autorenteams vor 20 Jahren. Das waren gut geölte Kabarettisten. Wir sehen das Singspiel eher als Gesamtkomödie. Da kann man auch viel in Bildern erzählen.“

Bilder?

Oehmann: Ja. Eine Ampelkoalition, die wie im vorletztenJahr gemeinsam im Krankenhaus am Tropf hängt. Politiker, die im Kreis rennen, weil sie planlos sind. Solche Dinge. Sowas kannst du im Kabarett kaum zeigen. Mit Musik kannst du dann noch eine weitere Ebene aufmachen, Gefühle unterstellen, die man sonst nie hören würde.

Apropos Musik: Wann kommt der Komponist dazu?

Betz: Meist im Dezember. Wenn klar ist, wohin die Reise geht. Manchmal haben wir schon Textideen, manchmal kommt erst Musik, manchmal spinnen wir einfach rum. Sehr unspektakulär eigentlich.

Und am Aufführungstag selbst – wie hektisch ist der Rundumblick auf die Reaktionen, wo im Saal halten Sie sich da auf?

Oehmann: Hinter einer Kamera, möglichst unsichtbar.

Betz: Die größere Nervosität kommt vorher: In der zweiten Probenwoche ist man sich plötzlich überhaupt nicht mehr sicher, ob das noch lustig ist.

Wie sehr hilft da eine Generalprobe, die nicht komplett abschmiert?

Betz: Sehr. Wenn da gelacht wird, weißt du: Es funktioniert grundsätzlich. Vielleicht bräuchten wir manchmal wirklich eine Lachprobe.

Zum Schluss: Was wird man in diesem Jahr vom Singspiel lernen können?

Betz: Nichts. Wirklich nichts. Und das ist auch okay.

Oehmann: Man darf sich nicht einbilden, dass man irgendwem irgendwas erklären kann. Wenn Leute lachen, reicht uns das völlig.

Mit der spitzen Feder arbeiten STEFAN BETZ und RICHARD OEHMANN, das bewährte Singspiel-Team von der Starkbierprobe auf dem Nockherberg. Das Großspektakel steigt am 4. März, live übertragen im BR-Fernsehen. Beide schreiben schon seit 2018 gemeinsam die von frech über genial bis irrwitzig changierenden Texte für das Politiker-Stück nach der Fastenrede, die in diesem Jahr erstmalig Stephan Zinner hält. Der Niederbayer Betz ist selbst auch Schauspieler – bekannt unter anderem aus den „Eberhofer“-Krimis. Richard Oehmann ist einer der beiden Köpfe hinter „Doctor Döblingers geschmacksvolles Kasperltheater“. Die tollen Singspiel-Texte bringt er unter anderem am 11. April in der Lach und Schieß noch einmal auf die Bühne.