Diese tollen Bühnenerlebnisse erleichtern den Start in ein ungewisses Jahr.
Gschichtn vom Brandner Kaspar
Das beliebte Volksstück mit dem Boandlkramer, der sich mit Schnaps abfüllen und dann über den Kartenspieltisch ziehen lässt, lockt verlässlich Theaterfans an. Franz Xaver Kroetz, bekannt geworden durch archaisch wuchtige Theatertexte, aber eben auch in der „Babi Schimmerlos“-Paraderolle, hat zuletzt bekanntlich eine ganz eigene Brandner-Kaspar-Variante geschrieben. Und Philipp Stölzl hat sie beeindruckend inszeniert – aktuell mit Felix von Manteuffel in der Hauptrolle.
À la du Barry
Wie schmeckt eigentlich Geschichtsbewusstsein? Wie zart zergeht Feminismus auf der Zunge? Kurz vor Weihnachten kommen fünf Frauen zusammen und feiern an einer Tafel. Es geht um ihre Freundin Lina, die nach langer Zeit der Haft endlich freikommt. Doch funktioniert der alte Gleichklang von Freiheit, Gleichheit und Zusammenhalt noch? Der Blumenkohl hat einen politischen Beigeschmack. Heiko Dietz, Theaterintendant und Schauspiellehrer, hat das neue Stück selbst geschrieben.
Der Barbier von Sevilla
Dass Gioachino Rossini ein gefeierter Opern-Komponist war, wusste man. Aber wer kennt ihn auch als leidenschaftlichen Koch und Fein- schmecker? Auf dem Höhepunkt seiner Karriere beschloss der Mann aus dem italienischen Pesaro, seine zweite Lebenshälfte der Kulinarik zu widmen, wovon noch heute Gerichte „à la Rossini“ erzählen. Die schmissige Neuinszenierung seiner Oper durch Regisseur Florian Hackspiel beherzigt das: So kommt es zum Spiel im Spiel – im Restaurant „Der Schwan von Pesaro“. Ein Fest für alle Sinne – lecker!
The Lobster
2026 bietet neue Chancen. Ob man endlich einen Partner oder eine Partnerin fürs Leben findet? Was für eine schöne Idee für einen ausgedehn- ten Hotelaufenthalt (im Theater). Wenn da nur nicht dieser irre Zeitdruck wäre. Lediglich 45 Tage bleiben, bis man sich findet. Andernfalls droht die Verwandlung in ein mehr oder weni- ger bizarres Tier. Wie das Leben halt so spielt…
Wallenstein
Ein Schlachtfest in sieben Gängen. Krieg, wenig Frieden. Kammerspiele-Hausregisseur Jan-Christoph Gockel serviert Schiller. Es geht um schmutzige Geschichten, verlogenen Söldneralltag, um Macht, Hybris und um Loyalität. Gibt es für den Frieden, während die bösen alten Männer ihre Deals machen, überhaupt noch eine Chance? Friedrich Schiller war es gelungen, 30 Jahre Krieg kunstvoll auf die letzten drei Wochen vor dem Mord an Wallenstein zu verdichten. Jetzt wird alles noch einmal neu aufgekocht und genüsslich umgewürzt. Und auch das Publikum ist gefragt: Wer kennt eine Auswegstrategie aus dem Schlamassel?
Android (Baujahr 1737)
Technikgeschichte, spannend wie ein Krimi: Benno Heisel erinnert in seinem neuen Stück an den Erfinder Jacques de Vaucanson, der schon 1737 eine menschenähnliche Maschine baute, die Flöte spielen konnte. Der Metall-Android ist der Reisebegleiter auf einem musikalischen Trip von der Zeit der Aufklärung in die Umbruchszeit der gegenwärtigen KI-Ära.
Der Fiskus
Eine Art beißende „Stromberg“-Satire im Finanzamt: Felicia Zeller schildert in ihrem Stück das hilflose Treiben einer Behörde, in der Computer streiken, Aufzüge steckenbleiben, aber in dem auch das Sachbearbeiter-Team mit Falschangaben in Steuererklärungen so- wie vor allem mit den allgegenwärtigen Büro-Intrigen zu kämpfen hat. Nicht lustig. Aber wohl wahr.
Giesing Mountain
Der ehemalige Präsident vom FC Giesing hat eine Sorge, die ihn um den Nachtschlaf bringt: Er fürchtet, der auch in München fortschreitende Klimawandel könnte dazu führen, dass der Giesinger Berg eines Ta- ges in die Isar rutschen könnte. Derweil muss die Nichte der „Sphinx von Giesing“, deren Tante einst selbst Gegenstand des 2015er Stefan- Kastner-Stücks war, die Dinge im liebenswert chaotischen Viertel in Ordnung zu bringen. Das Hofspielhaus feiert das Giesinger Gefühl – angemessen angeschrägt und mit stark besetztem Ensemble, unter anderem mit Michaela May, Michael Grimm, Susanne Rohrer und Veronika von Quast.
Emma in Love
Von wegen Privatsache: Die Durchamerikanisierung des Gesellschaftslebens überschattet immer mehr auch hiesige Arbeitswelten. Und in den großen US-Konzernen gilt ein eisernes wie stures Gesetz: Keine Liebe am Arbeitsplatz! Dumm nur, dass sich Emma frisch verliebt hat. Plötzlich entwickelt sich ihr vertrautes Umfeld in eine Albtraumlandschaft. Jochen Schölch führt seine Akteure und das Publikum durch ein Minenfeld.
Die Piraten von Penzance
Kurioser Klamauk in Cornwall: Eigentlich wollte Frederic, der seine Freibeuter-Ausbildung erfolgreich hinter sich gebracht hat, den Enterhaken erst mal an die Wand hängen. Doch dann bläst der Generalmajor plötzlich zur Jagd: Ausgerechnet der Vater von Fredrics Geliebter möchte die titelgebenden Piraten bekämpfen. Wo findet man sicheren Halt – zwischen Gut und Böse? Die turbulente Comedy-Oper stammt aus der schmissig geführten Feder des einst legendären britischen Erfolgsduos Gilbert & Sullivan. Lachsalven los!
Die Rückseite des Lebens
Deutschsprachige Erstaufführung: Die gefeierte französische Autorin Yasmina Reza („James Brown trug Lockenwickler“) hat eine Vorliebe für Gerichtsprozesse, die sie selbst besucht und aufmerksam beobachtet – immer mit dem Blick für den Moment, an dem die Dinge ins Rutschen kommen. Es ist für sie ein Panorama der menschlichen Existenz. Resi-Hausregisseurin Nora Schlocker hat ihren neuen Text bühnentauglich gemacht
Play Auerbach
Avishai Milstein erinnert an einen Mann, der in München Großes bewirkte – und schnell wieder (sehr absichtlich) vergessen wurde. Philipp Auerbach überlebte das KZ in Auschwitz und wurde von den Amerikanern in München nach 1945 zum „Staatskommissar für rassisch, politisch und religiös Verfolgte“ ernannt. Eines seiner wichtigen Ziele: Auerbach wollte wieder jüdisches Leben in Deutschland etablieren. Doch dann wurde seine Behörde geschlossen, er wurde wegen angeblicher Korruption und Veruntreuung angeklagt – und beging Suizid. Es lohnt sich, wieder genau hinzusehen.
Glaube Liebe Roboter
Elisabeth hatte einst ihre Leiche an ein anatomisches Labor verkauft. Ein Suizid war für sie der angeblich einzige Ausweg. Doch nun dreht Bonn Park die Schraube gnadenlos weiter. Es geht direkt hinein in die Forschungsanstalt, in der Elisabeths Körper als Mensch-Roboter weiterlebt. Es geht um den Traum von der Unsterblichkeit und die Blindheit, die uns Künstliche Intelligenz immer öfter in unsere Vorstellungswelten diktiert. Wohin jagt der Fortschrittsglaube? Gibt es vielleicht doch noch eine rettende Ausfahrt? Die Stückumschreibung arbeitet mit Motiven von Ödön von Horvath – und seinen Figuren, die einfach mal durch die Jetztzeit spazieren.
Amadeus
Der freche junge Großmeister liegt im Sterben. Und sein Widersacher Antonio Salieri, der um seine Vormachtstellung am Wiener Hof fürchtet, weiß ganz genau, warum es so jäh dahingeht mit dem feschen Wolferl. Regisseur Andreas Wiedermann nimmt sich nach vielen spannenden Opern-Adaptionen diesmal das Sprechstück von Peter Shaffer vor, das auch Vorbild für den mehrfach Oscar-prämierten Hollywood-Hit war. Und Mozart-Musik ist natürlich reichlich im Spiel. Gift aber auch.
Figaros Hochzeit
An der übergriffigen Ungeheuerlichkeit des Stücks kommt man ohne Schrammen nicht vorbei. Wie gut, dass die Neuinszenierung der Mozart-Oper über Graf Almaviva, der die Kammerzofe bedrängt, bei Staatsintendant Josef E. Köpplinger höchstpersönlich in sicheren Händen lag. Und auch die kesse Susanne weiß natürlich, wie man sich behauptet. Puh!
Love Me Tender
Eine erfolgreiche Anwältin verlässt nach 20 Jahren Ehegefängnis ihren Mann, um endlich neu zu leben, zu schreiben und zu lieben. Doch der Preis für ihre „Selbstenteignung“ ist hoch. Es entbrennt ein grausamer Sorgerechtsstreit um den achtjährigen Sohn. Es steht die Frage im Raum: Was würde man riskieren, um wirklich frei zu sein?
Illusionen – Wie Schwanensee
Die Erinnerung an den Kini ist immer noch quicklebendig und erfasst jetzt auch den Choreographen John Neumeier, der sich für sein Ballettdrama vom Leben und Leiden des Märchenregenten Ludwig II inspirieren ließ. Im Stück flüchtet sich der menschenscheue Träumer in die majestätische Bergwelt rund um Neuschwanstein und in die Motivwelt von „Schwanensee“. Schnüff!
Trauer ist das Ding mit Federn
Eine junge Mutter stirbt – einfach so. Ihr Mann schafft es gerade so, sich mehr schlecht als recht mit den beiden kleinen Kindern durchzu- schlagen. Doch dann ziehen weitere Mitbewohner ein – dunkle, undurchsichtige Gestalten, die wie Krähen wirken. Plötzlich hat das lähmende Gefühl, das nie wieder weggehen wird, einen Namen. Die Krähen sind lästig, aber notwendig. Es geht ums Weitermachen. Und den Schmerz. Der Roman von Max Porter, aber auch die Bühnenumsetzung durch Regisseur Mathias Spaan finden dafür eindringliche Bilder. Bewegend!
Hamlet
Der Dänenprinz am Intrigenhof hadert mit sich selbst: Kann er seinem Verstand überhaupt noch trauen? Den brisanten Shakespeare-Stoff sieht mandochimmerwiedergern–geradeinZeiten,in denen keine Gewissheiten mehr garantiert sind.
Die Zirkusprinzessin
1926 feierte Emmerich Kálmán mit seiner turbulenten Operette einen Sensationserfolg. Die Premiere am Theater an der Wien bahnte ihm den Weg an den Broadway. Höchste Zeit für ein Wiedersehen: Erzählt wird vom Trubel in einem Prinzenpalais im noch zaristischen Sankt Petersburg, in das selbstbewusstes Artisten-, Gaukler- und Tänzer-Volk strömt.
Der kleine Prinz
Ja, ja: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Weiß man ja. Und doch ist der schmale Klassikerband von Antoine de Saint-Exupéry ein Text, auf den sich alle einigen können – und der auch verschüttete Erinnerungen wieder wecken kann. So ergeht es einem Mann mittleren Alters, der vereinsamt an einem fremden Flughafen strandet und sich nicht mehr zurechtfindet. Seltsames geschieht. Und nur der kleine Prinz hilft, wieder etwas Überblick zu finden. Michael A. Grimm spielt in der neuen Fassung des Stücks, mit dem sich das Hospielhaus-Team auch vor dem Schauspieler Ferdinand Schmidt- Modrow verneigt, der 2020 viel zu früh verstarb.
Pioniere in Ingolstadt
Männer, Militarismus und Misogynie: Es ist kein schöner Dreiklang, von dem Marieluise Fleißer in einem ihrer berühmtesten Stücke erzählte. Es geht um eine Gruppe Soldaten, die im kleinstädtischen Alltag – abgeordert zum Brückenbauen – für ein wenig Abwechslung und aufgeregte Herzen sorgen. Schnell zeigt sich: Das Drucksystem, das die Männer fest im Griff hat, entlädt sich auch in den Beziehungen und Tän- deleien, die sie eingehen. Zärtlichkeit scheitert schmerzhaft. Regisseurin Lucia Bihler, deren Handschrift man von „The Lobster“ kennt, erzählt vom Kreislauf der Demütigungen.
Ein sanfter Tod
Abschied nehmen von dem Menschen, der einem selbst das Leben geschenkt hat. Davon erzählte auch Simone de Beauvoire. Sibylle Canonica, Barbara Horvath, Lisa Stiegler und der Geräuschkünstler Max Bauer bringen das stimmungsvoll auf die Bühnenbretter.
Penis – Eine Umarmung
Auf politisch vermintes Gelände geht’s in dieser Männlichkeitsschau: Ines Hollinger und Lucy Wirth haben mit ChatGPT-Hilfe ein Bühnenstück entwickelt, das sich um Empathie bemüht. Im All stoßen zwei Astronautinnen auf ein seltsames Gewächs, das beim Anschwellen vertraute Formen annimmt.
RCE-#RemoteCodeExecution
Zum letzten Mal in den Kammerspielen: Plötzlich poppt auf dem Handy die lange erwartete Nachricht auf – und der Weltumsturz kann kommen. Sibylle Berg liebt es drastisch. Ihr Roman fand eine kongenial durchgeknallte Sprache für einen leider völlig überhitzten Weltzustand. Die Theater-Umsetzung durch Regisseur Dennis Duszczak ist eine Schau. Es geht um Widerstand, der eben nicht zwecklos ist. „Hoffen ist mir zu passiv“, sagt Duszczak. „Wenn Dystopien zur Realität werden, ist es Zeit zu handeln und nicht zu hoffen.“
Dienstags bei Kaufland
In Pasing macht gerade die sehenswerte Ausstellung mit dem provokant hintersinnigen Titel „Ich bin schön“ Furore – abgerundet durch ein breites Rahmenprogramm mit Diskussionen, Film und eben auch Theater. Für Roberta ist der jeweilige Dienstagseinkauf für den Va- ter ein Spießrutenlauf. Die Leute starren und gaffen. Roberta war früher ein Junge. Und im Supermarkt möchte sich niemand mit der Verwandlung abfinden. Schlim- mer noch: Auch der Vater, ein verbitter- ter Witwer, möchte seinen Sohn zurück- haben. Das Stück ist ein Plädoyer für ein offenes Miteinander und für Toleranz.
Dionysos Stadt
Auf vielfachen Wunsch zurück – für nur vier Vorstellungen im neuen Jahr, zwei davon im Januar, zwei weitere Ende Juni. Regisseur Christoph Rüping und seine Marathon-Mitstreiter zeigen in einer Zehn-Stunden-Ausdauervorstellung die von Kritikern und Publikum umjubelte Antiken-Produktion. Wer sich darauf einlässt, taucht ein in eine Welt, in der die Götter noch das Sagen hatten. Es gibt Verpflegung.
75 Jahre Neues Residenztheater
Ein Jubiläum mit Möglichkeiten zur Rückschau: 1948 beschlossen Landtag und Regierung, den im Krieg zerstörten Bau, ursprünglich entworfen von François Cuvilliés, an neuer Stelle wieder aufzubauen. Am 28.1. 1951 hob sich der erste Vorhang für Ferdinand Raimunds „Der Verschwender“. Nun hält die Soziologin Eva Illouz die Festrede.
Die Tür nebenan
Ohne Musik, dafür mit mindestens genauso viel Leidenschaft wird in der flotten Gesellschaftskomödie von Fabrice Roger- Lacan geflirtet, geliebt – und durchgedreht. Auf einem Flur leben zwei Singles, die sich gegenseitig nicht ausstehen können. Und doch sind beide einsame Herzen, suchen in den Tiefen des Internets nach der Liebe. Als sie endlich Partner gefunden haben, ist die Verwirrung groß. Türen werden geknallt, öffnen sich aber auch.
The Old Maid and the Thief
Was passiert, wenn man zu lange einsam lebt: Miss Todd aus der amerikanischen Kleinstadt staunt nicht schlecht, als ihr das Dienstmädchen Laetitia einen Landstreicher vorstellt, der eines Tages einfach so an der Tür geklopft hat. Und das in einer Zeit, in der überall von einem entflohenen Strafgefangenen die Rede ist. Die beiden Frauen nehmen den Fremden auf – und genießen den wohligen Schauer, der ihn umgibt. Doch wie lang kann das gut gehen? Gian Carlo Menotti hatte 1939 Gesellschaftssatirisches, Krimi-Elemente und Romanze zu einer ungewöhnlichen Mischung verquirlt.
Akram Khan’s Turning of Bones
Verborgene Abgründe ausloten: Das ist die Spezialität des unerschrockenen bri- tischen Choreographen Akram Khan, der hier erstmalig für eine deutsche Compa- gnie ein Auftragswerk geschaffen hat.
Caligula
Was für einen Sinn hat das Sterben, wenn schon das Leben keinen hat? Albert Camus beobachtet einen
dekadenten Herrscher in der Krise. Es gibt zunehmend mehr als nur einen Grund, ihn zu ermorden.
