Theater im Mai: Sorgsam ausgeleuchtet

Theater im Mai: Sorgsam ausgeleuchtet

Bei diesen Bildspektakeln nimmt man Emotionen genau unter die Lupe

Heidi“ im Volkstheater

„Holladihi Holladiho“: Und schön gerät die nur vermeintlich heile Bergwelt ins Rutschen. Eigentlich könnte es eine Idylle sein – mit einem Waisenmädchen unter lauter Männern, die dann doch gar nicht so bärbeißig sind. Und auch nicht so zickig wie die Ziegen. Regisseurin Lena Reißner, Gast beim „Radikal Jung“-Festival, bürstet in ihrer Beschäftigung mit dem Schweizer Kulturerbe die alten Geschichten, bekannt aus Kinderbuch, TV-Manga und allgemeinem Pop-Gedächtnis, gegen den Strich.

Der Herzerlfresser“ im TamS

Schwarzhumorig in den Mai: Auf einem hastig zubetonierten Moor soll ein prachtvolles neu- es Einkaufszentrum entstehen – buchstäblich in den Matsch gesetzt. Die Lokalpolitiker, die immer Wahlkampf führen, stehen schon mit der Schere zum Banddurchschneiden bereit. Doch dann taucht aus dem Sumpf eine Frau- enleiche auf – ohne Herz. Dann noch eine. Der Bürgermeister muss die Krise hektisch weg- lächeln. Das kann doch nicht sein. Oder steckt wirklich was hinter der gruseligen alten Le- gende vom „Herzerlfresser“. Das Moor sickert immer mehr durch, der protzige Konsumpa- last bekommt Risse. Schauerlich schön!

Nur die halbe Wahrheit“ im Blutenburgtheater

Ein neuer packender Thriller, geschrieben von Frank Piotraschke, der schon selbst öfter auf der kleinen Krimi-Kultbühne in Neuhausen stand: Im Zentrum steht ein brutaler Streit in einem Café. Dabei beschützt ein „zufällig“ anwesender Fremder Cleo vor den Attacken ihres Freundes Jannek. Zwischen ihr und ihrem Ret- ter Tom entwickelt sich schnell mehr. Aber ist das wirklich die ganze Wahrheit? Regie beim brisanten Treiben führt Petra Wintersteller.

Giesing Mountain“ im Hofspielhaus

Der ehemalige Präsident vom FC Giesing hat eine Sorge, die ihn um den Nachtschlaf bringt: Er fürchtet, der auch in München fortschrei- tende Klimawandel könnte dazu führen, dass der Giesinger Berg eines Tages in die Isar rutschen könnte. Derweil muss die Nichte der „Sphinx von Giesing“, deren Tante einst selbst Gegenstand des 2015er Stefan-Kastner-Stücks war, die Dinge im liebenswert chaotischen
Viertel in Ordnung bringen. Das Hofspielhaus v feiert das Giesinger Gefühl – angemessen angeschrägt und mit stark besetztem Ensemble, unter anderem mit Michaela May, Michael Grimm, Susanne Rohrer und Veronika von Quast.

Rock to Heaven im Gärtnerplatztheater

Heftige Riffs, treibende Rhythmen und zart W tänzelnde Instrumentalsolos: Die Choreografen Jacopo Godani, Frédérick Gravel und Karl Alfred Schreiner setzen sich für ihren etwas anderen Ballettabend mit der mitreißenden Energie einer Rockband auseinander, die live die Bühne beben lässt.

Der Schauspieldirektor“ im Deutschen Theater

Der Traum ist klar: Es soll eine rauschhaft begeisternde Premiere werden. Doch wie einst auch der junge Mozart, der noch dazu von seinem Wiener Widersacher Salieri klein gehalten wurde, benötigt der Titelheld dringend Geld. Der Schauspieldirektor will schließlich u mit tollen Sängern und bester Bühnentechnik arbeiten. Außerdem benötigt er schnell noch eine feurige Geschichte. Die Zeit drängt. Dominik Wilgenbus und Aris Alexander Blettenberg ermöglichen mit dem Kammeroper- München-Ensemble aus Mozart Arien einen selbstironisch satirischen Blick auf Künstlernöte.

Der Zauberer von Öz – Eine Fußballtragödie“ im Volkstheater

Vielleicht war dann doch alles ein bisschen zuviel. Mesut Özil wollte mit dem Ball zaubern. Dass er trotz allem so traurig schaute, verzieh man ihm lange. Doch dann mischte sich die Politik ein. Und nicht nur Angela Merkel kam in die Umkleidekabine. „My job is a football player and not a politician“, zitiert Aram Tafreshian den sich selbst entzaubernden Spieler, der kein Integrations-Posterboy mehr sein wollte. Ein starker Antritt beim „Radikal Jung“-Festival.

Anna, Mascha und Julia

Kammerspiele

3./4./17.5.

Endlich dürfen sie ins vorderste Licht treten, die vielen Frauenfi- guren, auf die Männer wie Platonow, Iwanow und Trigorin in den Anton-Tschechow-Stücken oft Schatten werfen. Sie werden zwar nicht aus der Geschichte entfernt, aber plötzlich verschiebt sich die Sicht auf eine untergegangene Welt – und ihre Machtkonstellatio- nen. Warum nicht träumen?

People Are Strange

Metropoltheater

3./6./7./12./13./16.5.

So kurz sein Leben, so groß der Nachruhm: Sebastian Kempf, Jakob Tögel und Andreas Lenz von Ungern-Sternberg verneigen sich vor Jim Morrison.

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Oh! Oh! Amelio!

Gärtnerplatztheater

3./5./7./8./16.5.

Was für ein charmantes Durcheinander: Alle reißen sich um Amelio von Tschüssikowski, den Travestiekünstler. Von der Showbühne weg möchte ihn ein Filmproduzent für eine Rolle im „Tatort“ engagieren – als „Frau“. Und Freundin Marika braucht ihn unbedingt als „Mann“ – für eine Alibi-Hochzeit. Musikkabarettist Thomas Pigor zieht in der Operette alle Register.

Fünf bis sechs Semmeln und eine kalte Wurst
Kammerspiele
3./16.5.

Sie musste sich erst qualvoll aus familiärer Enge befreien, um als Schriftstellerin eine Stimme zu finden. Zunächst hört es sich für die achtjährige Lena Christ ja noch spannend an, als sie aus der behüteten Idylle bei den Großeltern in Glonn nach München kommt, um zu ihrer Mutter in einem Wirtshaus zu stoßen. Doch schnell stellt sich heraus: Die „Wirtsleni“ wird brutal ausgenutzt und zum Dauerarbeit-

Familienepisch: DAS ACHTE LEBEN

einsatz verdonnert. Ein Albtraum, der lange nicht endet. 100 Jahre später widmet ihr An- nette Paulmann ein Stück, in das sie selbst Wirtshauserfahrungen an der Seite einer sehr strengen Mutter einfließen lässt.

Mercury

Marstall

4./6./23.5.
Es ist eine dieser Geschichten, beflügelt vom Hauch der weiten Welt, die man sich in dieser Stadt gerne erzählt. Von den Jahren 1979 bis 1985, als Freddie Mercury, der flamboyante Frontmann von Queen, sich in der Stadt lie- bevoller Weltdorf-Provinz versteckte und die Lokale der Gay-Community erkundete. Michal Borczuch macht sich auf eine Spurensuche.

Schrecklich amüsant – Aber in Zukunft ohne mich
Hofspielhaus
7./13.5.

Die kleine Bühne wird zum Luxusdampfer. Be- treut von einer charmanten dreiköpfigen Crew lässt man sich auf eine Kreuzfahrt ein – mit

Bingo und Bordgymnastik, Amüsierzwang und der stillen Sehnsucht, mitten in Gesellschaft auch mal wieder abtauchen zu können. Den zarten, latent bittersüßen Humor nimmt die Produktion, in Szene gesetzt von Evelyn Plank, von einem Essay des „Unendlicher Spaß“-Au- tors David Foster Wallace.

Bilder einer großen Liebe

Fraunhofer

7.5.

Der viel zu früh verstorbene Autor Wolfgang Herrndorf hinterließ großartige Texte, aus dem das Ensemble Münchner Heldentheater ein bewegendes Theaterstück machte – über eine Frau, die sich selbst als Verrückte be- zeichnet, aber einfach nur einem sehr weit gefassten Wirklichkeitsbegriff anhängt. „So schön ist alles, wenn es schön ist“, sagt sie. „Aber meistens ist es nur in meinem Kopf.“ Sie ist gerade aus einer Klinik ausgebrochen und nimmt ihre Zuhörer mit auf die Flucht. Es geht um alles: die Suche nach dem Sinn.

Codeborn

Muffathalle

8./9.5.

Endzeitstimmung gefällig, als hätte man davon nicht schon genug. Unbemerkt von den meisten Mitmenschen treibt eine über- mächtige Künstliche Intelligenz den Umbau der Gesellschaften voran. Es ist ein Verände- rungsprozess, der fasziniert, aber auch tiefe Verunsicherung hinterlässt. Und trotzdem zerfallen alte Hierarchien und eigentlich un- mögliche Begegnungen werden doch Wirklich- keit. Ein spannendes, modernes Musiktheater von Zara Ali – auf der „Biennale“.

Appropriate (Was sich gehört)

Volkstheater

8./28.5.

Volkstheater-Intendant Christian Stückl lotet einen Schockmoment beim Familientreffen aus. Drei Geschwister kommen im Anwesen ihres kürzlich verstorbenen Vaters zusammen. Sie entdecken ein Fotoalbum, das vom Wüten eines brutalen Rassisten erzählt.Bühne_Theater_05_2026.indd

Das achte Leben (Für Brilka)

Metropoltheater

8./9./10.5.

Von sechs Generationen und einer Chronik, die ein ganzes Jahr- hundert mit vielen politischen Erschütterungen, darunter Kriege und der Zusammenbruch der Sowjetunion, umfasst, berichtet Nino Haratischwili im georgischen Familienepos. Theaterleiter Jochen Schölch höchstpersönlich hievte es auf die Bühnenbretter, jetzt kommt die gefeierte Produktion wieder zurück.

Glitsch #06

Pathos Theater

9.5.

Diesmal kommt auf der Bühne die Schnellschreiberin Stefanie Ober- hofer aus Stuttgart mit einer kettenrauchenden Gräfin zusammen. Beide dichten gemeinsam im Kreis, bis unten eine Oper raustropft: die „Kasperloper International“. Eine entspannte Performance mit Überraschungsmomenten.

Opern auf Bayerisch

Gärtnerplatztheater

9./10.5.

Auch das werden Musikfreunde aushalten: Monika Gruber, Gerd Anthoff und Michael Lerchenberg verkneifen sich zwar das Singen, nicht aber ihre mundartliche Direktheit. Also gibt’s hier im Schnell- durchlauf mal den „Ring in einem Aufwasch“ zu bewundern.

V01ces/B0d1ez

Akademietheater

9./10./11.5.

Der Komponist Piyawat Louilarpprasert nimmt die Herausforde- rung des Festivals „Münchener Biennale“ angemessen ernst. Er stellt sich einer posthumen Begegnung mit dem „Biennale“-Grün- der Hans Werner Henze, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Ein KI-basiertes Libretto hilft dabei.

Elektra – 750 PS Vergangenheitsbewältigung

Volkstheater

10./19./20.5.

Gewagte Überschreibung: Sofie Boiten und Lorenz Noting adaptie- ren die blutige Familientragödie von Sophokles, in der es keinen Ausweg aus dem ewigen Morden zu geben scheint, und blenden über zur belasteten Historie einer der reichsten deutschen Unter- nehmerdynastien. Auch die Familie Quandt, die hinter BMW steht, hat Schuld auf sich geladen – durch die Ausbeutung von Zwangsar- beitern in der Nazi-Zeit. Wie kriegt man das unter einen Hut? Lässt sich Schuld vererben oder doch nur verdrängen?

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Of One Blood

Nationaltheater

10./14./17./21.5.

Eigentlich floss verwandtes Blut in ihren Adern. Und auch nach dem Tod liegen die zwei Herrscherinnen in ihren Gräbern in der Lon- doner Westminster Abbey nahe beieinander. Und doch war da so viel Hass und Missgunst zwischen Elisabeth I, die ein halbes Jahrhun- dert als „jungfräuliche“ Königin über England herrschte, und der lebensfrohen Mary Stuart, die ein Vierteljahrhundert lang Schottland regierte. Das weiß man nicht erst seit Fried- rich Schiller. Brett Dean hat daraus eine neue Oper geschaffen, deren Libretto auch auf Briefe der beiden Königinnen zurückgreift. Er- zählt wird von einem Machtkampf mit Intrigen und Gewalt, der sich immer unausweichlicher zuspitzt.

Glitsch

Kammerspiele

11.5.

Alles im Fluss: In den Zwischenwelten, in de- nen es rutschig und schmierig zugeht. Die Choreografin Doris Uhlich, die in ihren Arbei- ten gerne allzu glatte, normierte Körperbilder hinterfragt, nimmt das Publikum mit auf eine Schlitterpartie – zum Fluiden und Uneindeuti- gen. Es kommen Menschen auf die Bühne, die sonst oft aus der Öffentlichkeit entschwinden – Obdachlose, eine stark gealterte Ballerina, Profis und Laien. Lustvolles Gleiten und Glit- schen!

version des Stoffes 1978 für Marcia Haydée und das Stuttgarter Ballett, jetzt kommt sie in einer Neuinzenierung ans Staatsballett. Er- zählt wird die bewegende Geschichte um die lungenkranke Kurtisane Marguerite und ihren Liebhaber Armand – zur Musik von Frédéric Chopin, voll von romantischer Virtuosität und Ausdruck existentieller Verlorenheit. Beein- druckend ist der „Stück im Stück“-Aspekt, weil Neumeier auch das Motiv des Theaterbesuchs der Hauptdarsteller aus dem Roman aufnimmt. Gespiegelt wird das unglückliche Schicksal von Marguerite und Armand im „Bühnenschicksal“ zweier anderer literarischer Figuren aus einem früheren Jahrhundert: durch Manon Lescaut und ihre Liebhaber Des Grieux.

Sauhund

Kammerspiele

12.5.

Auf in die Stadt, in der seinerzeit Freddie Mer- cury, Rainer Werner Fassbinder und Franz Jo- sef Strauß gleichzeitig lebten: Der junge Flori, der sich so gerne in Frauenkleidern sieht, zieht von Wolfratshausen in die große Stadt, die so

© Hupfeld

gerne liberal wäre, aber dann doch knallharte schwulenfeindliche Politik betrieb – auf dem Höhepunkt der HIV-Pandemie. Schöne, schau- erliche 80er Jahre!

Der zerbrochene Krug

Theater Und so fort

13./20./21./22./23./24./27./28./29./30./31.5.

Kann man sich der grotesken Übergriffs-„Ko- mödie“ von Heinrich von Kleist vielleicht nur noch mit Computerhilfe nähern? Andreas von Studnitz nimmt das Publikum mit zu ei- ner spannenden Experimentalanordnung. Er schlüpft in alle zehn Rollen des berühmt-be- rüchtigten Stücks, lässt sich aber für sein je- weiliges Dialog-Gegenüber von einer KI einen Avatar erschaffen, der in Echtzeit mitagiert.

Spitzenreiterinnen

Marstall

13.5.

Autorin und Filmemacherin Jovana Reisinger ist eine Frau von einer unbestechlich scharfen Beobachtungsgabe. So porträtiert sie Frau- entypen, die alle in und um München leben. Reisinger gibt ihnen die Namen von Frauen- zeitschriften und seziert ihre Schwächen – mit dem Skalpell. Die Bühnenadaption zum Er- folgsroman hatte sie selbst geschrieben, zu- sammen mit Regisseurin Yana Eva Thönnes.

Der Miesepups

Volkstheater

14./15./16.5.

Mächtig was los im Mooswald: Dort wohnt in einer Baumhöhle der titelgebend miese- petrige Miesepups. Er ist derart schlecht ge- launt und unhöflich, dass er sogar dem Kucks die Tür vor der Nase zuschlägt. Doch so ein Kucks lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Er will den alten Stinker aus der Re- serve locken. Man staune: Die Komponistin Margareta Ferek-Petric hat aus dem Kinder- buch von Kirsten Fuchs und der Illustratorin Cindy Schmid ein launiges modernes Musik- theaterstück gemacht – für die „Münchener Biennale“.

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Sushi für alle

Theater Und so fort

14./15./16./17.5.

Klingt einladend, ist aber ein doppelbödiges Spiel: Familienvater Ingo allein weiß, dass er aufgrund einer bösen ärztlichen Diagnose unheilbar krank ist und nicht mehr lange leben wird. Also macht er sich auf die Suche nach einem „Nachfolger“ und arrangiert dafür mit einer fingierten Trick-Identität im Internet ein Treffen mit Al- ban Lenz. Selbiger möchte endlich die Frau fürs Leben finden. Geht die Rechnung wirklich so leicht auf?

Organism

Muffatwerk

15.5.

„Münchener Biennale“: Navid Navab erweckt neues Leben in einem Instrument, das längst brutal entsorgt werden sollte. Für seine sze- nische Musikinstallation holt er eine hundertjährige Pfeifenorgel in die Club-Atmosphäre – und lässt die Klänge von einem Roboter steuern.

Hidden Heartache

Hoch X

15./16./17.5.

Es ist der Ort, an dem Musik mehr ist als nur Klang, sondern Bewe- gung, Vibration und Nervenkitzel: Die Musiktheater-Performance baut auf die unterschiedlichen Sinnenswelten auf – für hörende und für taube Mitwirkende. Und natürlich für Staunende.

Gschichtn vom Brandner Kaspar

Residenztheater

16./23.5.

Himmel Herrgott: Das beliebte Volksstück mit dem Boandlkramer, der sich mit Schnaps abfüllen und dann über den Kartenspiel- tisch ziehen lässt, ist zurück. Franz Xaver Kroetz, bekannt gewor- den durch archaisch wuchtige Theatertexte, aber eben auch in der „Babi Schimmerlos“-Paraderolle, hat eine ganz eigene Brandner- Kaspar-Variante geschrieben. Und Philipp Stölzl hat sie beeindru- ckend inszeniert. Aktuell spielt die kauzig-urige Titelrolle: Sigi Zim- merschied!

Meister und Margarita

Kammerspiele

18./22./29.5.

Ist Feigheit die größte Sünde? Eine junge Frau geht einen Pakt ein, um ihre große Liebe zu retten. Dann aber setzt sie Kräfte frei, die sich nicht mehr kontrollieren lassen. Der Teufel, getarnt als aus- ländischer Tourist, zieht durch Moskau und verbreitet Chaos in der Stadt. Er wirkt aber auch als Brennglas: entlarvt Gier und Willkür. Haben nicht längst alle vermeintlichen braven Bürger einen Teu- felspakt geschlossen? Regisseurin Jette Steckel bringt Michail Bul- gakows Roman als metaphysischen Thriller mit überdeutlichen „Faust“- und Gegenwartsanklängen auf die Bühne, unter anderem mit Wiebke Puls und Thomas Schmauser.

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Femina

Akademietheater

19./20.5.

Einfach mal was wagen: Die Künst- lerin Esther Strauß sorgte 2024 für Aufsehen, als sie im Linzer Dom eine gebärende Maria zeigte – eine Mutter Gottes beim breitbei- nig sitzenden Kraftakt der Geburt. Wenig später wird die Statue von einem Unbekannten enthauptet. Ihr Stück für die „Biennale“ be- schäftigt sich mit Frauenbildern, mit biblischen Narrativen und mit feministischen Stoßgebeten.

Wachse oder weiche

Kammerspiele

19./25.5.

Er war der Mann, der es noch ernsthaft gewagt hatte, dem wahren „Derbleckn“-Anspruch ge- recht zu werden und auf dem Nockherberg die Mächtigen und Großen ganz klein zu falten. Im Kammerspiel-Stück blickt Maxi Schafroth „mit Raiffeisenbank,

Riesenkürbis und Allgäublues“ auf die weite Welt – und der Blick geht bis über den Horizont hinaus. Trotzdem hat sich der gar nicht mehr so kleine Maxi vom Land noch immer den staunenden Blick auf die Großstadt, auf die ganz spezielle Münchner Melange, be- wahrt. So trifft man bei ihm auf Zahnarztkinder im Geländewa- gen, auf Bildungsbürger in senf- gelben Cordhosen, auf Hipster mit Holz-Look-Brillen. Und so geht es

von der Baywa in Ottobeuren auf direktem Weg zu Vintage-Gum- mistiefel-Regal bei Manufactum.

Eurydike und Orpheus

Kammerspiele

20.5.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen – auch von der Unsterb- lichkeit: Das war in der Antike so beim großen Sänger Orpheus, der zwar Tiere, Mitmenschen und die Elementarkräfte verzaubern, seine gestorbene Geliebte aber nicht mehr lebendig machen konnte. Auch in der gar nicht so fernen Zukunft bleibt das erst mal so. Die Menschen erhalten zwar täglich ein aktualisiertes, präzise vorausberechnetes Ster- bedatum. Nur aufhalten, besser noch: aushebeln, kann immer noch niemand den Tod. Das ar- beitet dieses Musiktheaterstück durch, nach einem Libretto von Robert Bolesto und zur Musik von Jan Duszynski.

Der blinde Passagier

Volkstheater

21./22./27.5.

La traviata

Gärtnerplatztheater

22./25./28.5.

Wenn doch nur mal die besorgten Väter ihre Klappe halten könnten: Eigentlich steht dem Glück der beiden Turteltauben Violetta und ihrem Alfredo nicht allzu viel im Wege. Er hat die durch altes Geld vermittelte Gelassenheit, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen. Sie hat ihre flatterhafte Vergan- genheit als Kurtisane, die sich nie binden wollte, längst hinter sich gelassen. Alfredo meint es ernst. Der gestrenge Vater aber dum- merweise auch. Auch heute noch zählt das einst meistgespielte Guiseppe-Verdi-Meisterwerk zu den beliebtesten Opern – mit ganz hoher Ohrwurmbefallsge- fahr.

Spiel(t)raum

Pathos Theater

22./23./24.5.

Wenn der alte Sandkasten plötz- lich doch noch zum Abenteuer- spielplatz wird, wo man nicht beobachtet und schon gar nicht überwacht wird. Also raus mit den ersten Zigaretten! Es wird geknutscht und getrunken. Und es geht zurück in eine Kindheit, in der zwar oft vieles grau, aber immerhin noch neu war. Sascha Malina Hoffmann und Ying Yue nehmen das Publikum mit auf eine Zeitreise rückwärts.

Fräulein Else

Kammerspiele

23.5

Was tun, wenn man den eigenen Lieben nicht mehr vertrauen kann? Die junge Frau, die sich ge- rade in der Sommerfrische befin- det, erhält einen Expressbrief aus Wien: Sie sollte sich gefälligst um die finanzielle Schieflage ihres Vaters kümmern. Einen Plan hat

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Eigentlich könnte Mitmensch- lichkeit so einfach sein: Käpitän Petersen, der auf seinem kleinen dänischen Paketboot mit seinen beiden Kindern unterwegs ist und gerade von Nazi-Deutsch- land aus Richtung Heimat able- gen möchte, entdeckt einen zu- sätzlichen Mann an Bord: Es ist Fritz Hartmann, der als jüdischer Arzt verfolgt wird. Einfach mal Augen zu und helfen. Doch dann gerät die Situation doch noch an moralische Schmerzgrenzen. Steuermann Jörgen möchte kurz vor Überschippern der Grenze kein Risiko eingehen. Das Thea- terstück stammt aus dem Nach- lass der Österreicherin Maria La- zar, die einst selbst Sicherheit im dänischen Exil fand.

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er auch schon: Warum nicht der reiche Kunsthändler, der im gleichen Hotel lo- giert? Der erkennt schnell seine düste- re – und Elses schier ausweglose Situa- tion. Leonie Böhm, die auch Regie führt, und Julia Riedler holen den berühmt- berüchtigten Bewusstseinsstrom von Arthur Schnitzler auf die Bühne. Ganz groß, enorm mutig – und streckenwei- se frei improvisiert. Dieser Fragestelle kommt hier niemand aus: Me too?

Love is not Enough

Hoch X

23./24.5.

Die Schauspielerin Sarella Vargas wurde in Peru geboren und kam als Adoptivkind nach Deutschland. Auf der Bühne setzt sie sich mit den großen schweren Fragen nach Identität, Verlust und Zugehörigkeit auseinander – ohne offensichtliches Hap- py End. Kitsch findet hier keinen Platz.

Selbstermächtigend: FRÄULEIN ELSE

Troja

Gärtnerplatztheater

27./29.5.

Eine friedlichere Welt, wie schön wäre die. Und was lernt und liest man da bei den alten Griechen? So richtig einfach war’s noch nie, trotz Kultiviertheit und Wohlstand miteinander auszukommen. Der griechische Choreograf Andonis Fo- niadakis hat sich die Euripides-Tragödie „Die Troerinnen“ noch mal vorgenom- men, klopft den Staub ab und Überzeit- liches heraus. Ein wirklich bewegendes, bildgewaltiges Ballett.

Das Krokodil im Kasten

La Cantina, Elisabethstr. 53

30./31.5.

… und andere fantastische Tiere. Die neue Produktion der Truppe Theater des hölzernen Gelächters greift Erzäh- lungen von Fjodor M. Dostojewski und Franz Kafka auf, um über die Absurdität des Alltags zu philosophieren. So denkt ein Mensch, der von einem Krokodil ver- schlungen wurde, im Bauch des Tiers über das Menschsein nach. Und dann debattiert auch noch das Volk der Mäu- se über den fragilen Stellenwert der Künste in der Gesellschaft. Schön schräg eben, beleuchtet von Filmprojektionen und begleitet von Musik.

RUPERT SOMMER

Der Graf von Luxemburg“ im Gärtnerplatztheater

Fasching ist vorbei. Aber auf der Champs Élysées tobt immer noch der Karneval – mit allen nur denkbaren Verführungs- und Verstellungsspielchen. Franz Lehar, damals auf dem Höhepunkt seines Operetten-Zenits, greift frivol in die Vollen und gibt einem Dienstmädchen sowie einem Kammermädchen die schmissigsten Arien. Sie werfen sich ins Getümmel – unter falscher Identität, versteht sich. Das führt zu Missverständnissen, Durcheinander, viel Herzklopfen und dann eben doch einem Happy End.


„Kurzschluss“ im Metropoltheater

Was heißt schon normal? Eigentlich ist es der übliche Kleinkinder-Wahnsinn, den die Familie von Neta und David durchmacht. Sohn Leonhard hat etwas eigenwillige Essensvorlieben, schleudert gerne mal den Löffel durch die Küche und hasst Überraschungen. Doch dann blitzt die Schockdiagnose „Autismus“ in den Familienalltag. Anlass für einen Kurzschluss? Nicht wirklich: Noa Lazar-Keinan arbeitet das Thema mit Humor und Situationskomik auf – und rät zur Gelassenheit.


Giesing Mountain“ im Hofspielhaus

Der ehemalige Präsident vom FC Giesing hat eine Sorge, die ihn um den Nachtschlaf bringt: Er fürchtet, der auch in München fortschrei- tende Klimawandel könnte dazu führen, dass der Giesinger Berg eines Tages in die Isar rut- schen könnte. Derweil muss die Nichte der „Sphinx von Giesing“, deren Tante einst selbst Gegenstand des 2015er Stefan-Kastner-Stücks war, die Dinge im liebenswert chaotischen Viertel in Ordnung zu bringen. Das Hofspiel- haus feiert das Giesinger Gefühl – angemes- sen angeschrägt und mit stark besetztem Ensemble, unter anderem mit Michaela May, Michael Grimm, Susanne Rohrer und Veronika von Quast.


Fräulein Else“ in den Münchner Kammerspiele

Was tun, wenn man den eigenen Lieben nicht mehr vertrauen kann? Die junge Frau, die sich gerade in der Sommerfrische befindet, erhält einen Expressbrief aus Wien: Sie sollte sich gefälligst um die finanzielle Schieflage ihres Vaters kümmern. Einen Plan hat er auch schon: Warum nicht der reiche Kunsthändler, der im gleichen Hotel logiert? Der erkennt schnell seine düstere – und Elses schier ausweglose Situation. Leonie Böhm, die auch Regie führt, und Julia Riedler holen den berühmt-berüch- tigten Bewusstseinsstrom von Arthur Schnitzler auf die Bühne. Me too!

Carmen“ im Gärtnerplatztheater

Entdecke den Stier in dir: Dieses Motto stellt Regisseur Herbert Föttinger über seine Neuinszenierung des Opernklassikers mit der Musik von Georges Bizet, die tiefenpsychologische Schichten her- ausarbeiten will. Liebe kennt kein Gesetz, Carmen lebt (und stirbt) nach dieser Devise.

Salon Afterglow“ im Pathos Theater

Es gibt Lücken, die schließen sich nicht mehr so einfach. Nicht im Mund, nicht im Leben. Das Team Beige arbeitet in der diskursiven Reihe mit starken Texten, spontanen Einfällen, performativen Momenten und Ritualen. Und so lohnt es sich, doch auch als Erwachsener mal an die Zahnfee zu glauben und die teuren Preise für Implantate kurz zu vergessen. Oder wenn wir lernen müssen, mit dem Alleinesein dauerhaft fertig zu werden.

Elektra – 750 PS Vergangenheitsbewältigung“ im Volkstheater

Gewagte Überschreibung: Sofie Boiten und Lorenz Noting adaptieren die blutige Familientragödie von Sophokles, in der es keinen Ausweg aus dem ewigen Morden zu geben scheint, und blenden über zur belasteten Historie einer der reichsten deutschen Unternehmerdynastien. Auch die Familie Quandt, die hinter BMW steht, hat Schuld auf sich geladen – durch die Ausbeutung von Zwangsarbeitern in der Nazi-Zeit. Wie kriegt man das unter einen Hut? Lässt sich Schuld vererben oder doch nur verdrängen?

Fischer Fritz“ im Volkstheater

Provinzgeschichten mit Blattgoldrand: Die großartige Münchner Autorin Raphaela Bardutzky entwirft auf engstem Raum ein bittersüßes Miteinander. Eine polnische Pflegekraft soll einen mürrischen alten Mann betreuen. Ein wenig Aufheiterung bringen nur ihre Chats mit dem Fahrer, der sie einst in die Abgeschieden- heit gebracht hatte. Doch dann geht Verstän- digung durch den Magen. Es geht um den Fisch.


Und Federn überall“ im theater … und so fort

Heiko Dietz holt den Roman der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi auf die Bretter. Es geht um sechs Menschen, die im Morgennebel einer Kleinstadt im Emsland vor einem Wendepunkt stehen. Es bricht ein Tag an, der die Wende bringen soll – weg von den vielen verlogenen Kompromissen und leeren Routinen.

Drive“ im Hoch X

Alle zwei Minuten rollte in den modernen, in Ungarn von Deutschen geführten Automobilfabriken ein neues Auto vom Band. Und auch neue Stücke drängeln sich vor den Theatern. Ein Trio aus Schauspiel und echter Fabrikarbeit schuftet sich ab – an Geschichten, die von Arbeit, Gemeinschaft, Zugehörigkeit und vom Motor im Konsumbetrieb, der nicht ins Stocken geraten darf, erzählen.

Munich Machine“ im Residenztheater

Die Spielzeit-Premiere, über die alle sprechen und die man gesehen haben muss: Regisseur Ersan Mondtag lässt ein UFO in Weißwurstform über München kreisen. Noch einmal zieht der trotzigste Asphaltcowboy der Maxvorstadt, der 2022 verstorbene No-Budget-Big-Ego-Filme- macher Klaus Lemke (auf der Bühne verkör- pert von Brigitte Hobmeier) durch die Stadt. An seiner Seite hat er diesmal überraschender- weise keine wunderschönen Frauen, sondern einen Außerirdischen. Ihn nimmt er mit auf eine Zeitreise durch ein tatsächlich leuchtendes München und auf einen Schlenker hin zur Hoffnung, dass alles mal wieder so sein könnte. Albert Ostermaier verneigt sich vor Lemke.


Der Besuch der alten Dame“ im Volkstheater

Durch weibliche Augen geblickt: Die Enkelin von Claire Zachanassian reist in die Kleinstadt, aus der ihre verstorbene Großmutter einst stammte und rekonstruiert einen Skandal. Es leben dort lauter Nachgeborene – Menschen, die einst weg- gesehen hatten und die mit ihren Lebenslügen alt werden mussten. Erst nach und nach kommt die Wahrheit ans Licht: Claire wurde mit einem Kind im Stich gelassen. Jeder wusste davon, alle sahen weg. Sapir Heller hat ein wenig den Staub vom Friedrich-Dürrenmatt-Klassiker geblasen. Jetzt ist er wieder schrecklich. Schrecklich schön.


„Tide“ im Volkstheater

Die Atmung macht es vor: Ein Ein und ein Aus, ein Vor und ein Zurück. Mal schnell, mal langsamer. Sophie Haydee Colindres Zühlke und Serhat „Said“ Perhat, die dem Volkstheater zuletzt schon das tolle Tanztheaterstück „Grey“ ermöglichten, gehen wieder auf eine Spurensuche – getragen von der Frage: Was passiert, wenn man die allgemeine Atmung der Gegenwart untersuchen, messen, nachahmen müsste? Tanzkörper lassen sich von gesellschaftlichen Strömungen mittragen, stellen sich aber auch mutig gegen den Sog.


„Zauberberg“ im Schwere Reiter

Wie wäre denn das: Erleben statt Lesen? Wer die VR-Brille aufsetzt, trifft in der vom Kunstkol- lektiv Raum + Zeit verdichteten Live-Digital-Imnszenierung tatsächlich den schüchternen Ingenieur Hans Castorp, die einsame Russin Clawdia Chauchat, den stinkreichen Ekel Mynheer Peeperkorn oder den kruden Nihilisten Leo Naphta. Die Katastrophe dämmert schon am Horizont. Was würde man tun – mit dem Wissen von heute, um das Erstarken der Rechten doch noch aufzuhalten?

„Alice“ im Akademietheater

Meret Mareike Behschnitt holt die berühmte Teegesellschaft aus dem Roman von Lewis Carroll in einen spießigen Reihenhausgarten. Alice setzt sich zum Tee mit sich selbst ans Tischchen und stellt sich die Frage aller Fragen: Wer erfindet hier eigentlich immer diese Regeln? Und warum sollte nicht Nonsense die vernünftigste Form des Widerstands sein?


People Are Strange“ im Metropoltheater

So kurz sein Leben, so groß der Nachruhm: Sebastian Kempf, Jakob Tögel und Andreas Lenz von Ungern-Sternberg verneigen sich vor Jim Morrison.


Fake or Real?“ im Hoch X

Sind wir schon so weit: Sind jetzt wirklich Likes wichtiger als Menschen? In einem Influencer-Camp kommt es zu einem unerwarteten Zwischenfall. Plötzlich ist eine Teilnehmerin verschwunden. Es gibt einen Abschiedsbrief. Doch was ist wirklich passiert? Das Stück wühlt sich durch die Abgründe von Gerüchten, Gos- sip, Fake News, Hass und Verdächtigun- gen. Nicht schön, aber erkenntnisreich.


Die Turing Maschine“ im Pasinger Fabrik

Ohne Alan Turing hätte die Weltgeschichte eine andere Wendung genommen: Dem englischen Mathematiker gelang es, während des Zweiten Weltkriegs den Geheimcode der Nazis zu knacken. Doch Ruhm, geschweige denn Glück, hat ihm dieser Triumph nicht gebracht. Als Homosexueller, zu einer Zeit, als das noch strafrechtlich verfolgt wurde, drängte ihn der Geheimdienst im- mer mehr ab – bis Turin sich suizidierte. Er biss in einen vergifteten Apfel, der bis heute an ein berühmtes Computerfirmenlogo erinnert.


Still stand ich da nicht“ in den Münchner Kammerspiele

Eine Wohngemeinschaft. Verschiedene Generationen. Alle unter einem Dach – mit ganz unterschiedlichen Strategien: Widerstand, Anpassung, Rückzug, Resignation, Kampfgeist. Es herrscht eine Zeit vor, die Sicherheit und Freiheit in Frage stellt. Leben wirklich alle in derselben Wirklichkeit?


Echtzeitalter“ im Volkstheater

Raus aus dem Einerlei von Schule, Hausaufgaben, Raucherecken, Computer-Daddeln: Toni Schachinger hat für seinen Roman 2023 den Deutschen Buchpreis erhalten. Es geht um eine Coming-of- Age-Entwicklung, an deren Überraschungen zwei junge Mädchen nicht ganz unschuldig sind. Ein cooler Text, der konservative Selbstgefälligkeiten zur Schau stellt – und demontiert. Jetzt kommt er auf die Bühne.


Felix Krull“ im Volkstheater

Die gefeierte Produktion, die aus dem Schelmen- und Hochstaplerroman von Thomas Mann ganz große Bühnenkunst macht – und ganz nebenbei die Gesetze der Schwerkraft aus den Angeln hebt.


Münchner Leben“ im Prinzregententheater

Ein Schwanken zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Satire und Ernst: Die Kammeroper München hat sich für ihren Operettenabend zur Musik von Jacques Offenbach mit einem großen Grantler zusammengetan: mit Markus Stoll, besser bekannt als „Harry G“.


Balance und Harmony“ in den Münchner Kammerspielen

Wie so oft ist es der Raucherbereich, in dem die Dinge explodieren. Es ist der einzige Ort im Schweige-Retreat, in dem kurzzeitig gesprochen werden darf. Und was es nicht eigentlich alles zu bereden gäbe, wenn man sich nicht anschweigen müsste – und wollte. Lennart Kos skizziert eine beklemmende Intimität, in der die wesentlichen Themen erst einmal hintangestellt werden müssen, um dann noch leidenschaftlicher zu eskalieren.


Botis Seva | Far From The Norm – „Until We Sleep“ in der Muffathalle

Ein einsamer Nomade sucht nach Glauben – in einer Welt, die von autoritären Mächten drangsaliert wird. Anschluss findet er in einer Gemeinschaft, die sich dem HipHop verschrieben hat und dem Aufgehen in Klanglandschaften, die Geborgenheit bieten. Der Londoner Choreograf Botis Seva nimmt das Ensemble Far From The Norm (und das Publikum) mit auf eine Erkundungsreise durch Widerstand und Anpassungszwang zum selbstbestimmten Überleben.


Würdest du lieber …?“ im Pathos Theater

Manchmal sind es diese kleinen Fragen, die sich auf die Schnelle gar nicht so leicht beantworten lassen: Würde man sich lieber von einer Schlange erdrücken oder von einem Krokodil fressen lassen? Einfach mal ausprobieren, geht ja nicht.


„Don Juan“ im Deutschen Theater

Willkommen auf dem Lotterbett des wohl berühmtesten Frauenhelden, Charmeurs, Lüstlings und Macho-Despoten der Weltliterator – so wie ihn Molière in seiner Komödie sah. Er sucht nach Erfüllung im Liebesrausch und kommt aus der Spirale der Abhängigkeiten einfach nicht mehr frei. Kongenial bietet der Silbersaal dem Ensemble Persona eine stilvolle Bühne.


Der kleine Prinz“ im Hofspielhaus

Gestrandet am Großflughafen, sehnsüchtig wartend auf den Rückflug zum Miniplaneten. Michael Grill und Isabel Kott versuchen auch im größten Durcheinander mit dem Herzen zu sehen. Eine beeindruckend originelle Adaption des Kalendersprücheklassikers.


Jennerwein“ im Kulturhaus Milbertshofen

„Auf hartem Fels hat er sein Blut vergos- sen/und auf dem Bauche liegend fand man ihn./Von hinten ward er angeschossen,/zer- splittert war sein Unterkinn.“ Es war vormittags um Viertel vor zehn, als man am 6. November 1877 am Peißenberg einen Schuss hörte. Erst Tage später, am 13. November fand man seine Leiche. Johanna Bittenbinder, Heinz-Josef Braun und Stefan Murr steigen knietief in die Freiheitslegende. Und erzählen vom Traum, der verhassten Obrigkeit ein letztes Schnippchen zu schlagen.


Fidelio“ im Justizpalast

Grandiose Räume zu ungeahnten Spielstätten zu machen (und dort dann wirklich mitreißend gutes Theater zu veranstalten): Das ist die Spezialität des Opera Incognita-Ensembles von Ernst Bartmann und Andreas Wiedermann. Jetzt geht es mit Beethovens revolutionär befreiender Oper Fidelio in den Justizpalast. Dort setzen sich die kunstvoll angeordneten Treppenanlagen und Umläufe viel Fantasie frei – ganz im Stil von Piranesis Unterweltzeichnungen der „Carceri“.


Rock to Heaven“ im Gärtnerplatztheater

Drei Choreografen, die es wagen: Sie setzen sich mit der schwer zu bändigenden Energie einer Live-Rockband auf offener Bühne auseinander. Herauskommen elektrisierende Arbeiten, bei denen Jacopo Godani, Frédérick Gravel, Karl Alfred Schreiner und ihre Teams Funken entfachen.


Ödipus“ im Residenztheater

Was man zu kennen meint, hier noch einmal ganz anders aufgezäumt: Der britische Dramatiker Robert Icke hat seinen Sophokoles frisch durchgeföhnt und verlegt die Antikentragödie in eine Wahlkampfzentrale, in der der Spitzenkandidat die wenigen letzten Minuten, bis zur Bekanntgabe seines vermeintlich sicheren Sieges verbringt. Doch dann kommen fiese Gerüchte auf. Was hat es mit der unter Verschluss gehaltenen Vergangenheit von Ödipus auf sich? Warum erfährt man so wenig über den tödlichen Verkehrsunfall seines Vorgängers? Ein Mythos, der in einen Thriller übergeht und doch bittere Familientragik enthält.


„Glitsch“ in den Kammerspielen

Alles im Fluss: In den Zwischenwelten, in denen es rutschig und schmierig zugeht. Die Choreografin Doris Uhlich, diein ihren Arbeiten gerne allzu glatte, normierte Körperbilder hinterfragt, nimmt das Publikum mit auf eine Schlitterpartie – zum Fluiden und Uneindeutigen. Es kommen Menschen auf die Bühne, die sonst oft aus der Öffentlichkeit ent- schwinden – Obdachlose, eine stark gealterte Ballerina, Profis und Laien. Lustvolles Gleiten und Glitschen!


Oh! Oh! Amelio!“ im Gärtnerplatztheater

Was für ein charmantes Durcheinander: Alle reißen sich um Amelio von Tschüssikowski, den Travestiekünstler. Von der Showbühne weg möchte ihn ein Filmproduzent für eine Rolle im „Tatort“ engagieren – als „Frau“. Und Freundin Marika braucht ihn unbedingt als „Mann“ – für eine Alibi-Hochzeit. Musikkabarettist Thomas Pigor zieht in der Operette alle Register.


Kaltgestellt“ Im Hofspielhaus

Hochprozentiger Komödienspaß, der rührt und schüttelt – eiskalt serviert: Drei Freundinnen bleibe Monat für Monat ihrem eingespielten Ritual treu. Sie treffen sich zu Cocktails und lästern über die Männer. Die sind im Nebenraum – und dann fällt eine Tür zu!


Eurydike und Orpheus“ in den Münchner Kammerspielen

Man wird ja wohl noch träumen dürfen – auch von der Unsterblichkeit: Das war in der Antike so beim großen Sänger Orpheus, der zwar Tiere, Mitmenschen und die Elementarkräfte verzaubern, seine gestorbene Geliebte aber nicht mehr lebendig machen konnte. Auch in der gar nicht so fernen Zukunft bleibt das erst mal so. Die Menschen erhalten zwar täglich ein aktualisiertes, präzise vorausberechnetes Sterbedatum. Nur aufhalten, besser noch: aushebeln, kann immer noch niemand den Tod. Das arbeitet dieses Musiktheaterstück durch, nach einem Libretto von Robert Bolesto und zur Musik von Jan Duszynski.

Mercury“ im Marstall

Es ist eine dieser Geschichten, beflügelt vom Hauch der weiten Welt, die man sich in dieser Stadt gerne erzählt. Von den Jahren 1979 bis 1985, als Freddie Mercury, der flamboyante Frontmann von Queen, sich in der liebevollen Welt- dorf-Provinz versteckte und die Lokale der Gay-Community erkundete. Michal Borczuch macht sich auf eine Spurensuche.

RUPERT SOMMER