Münchner Podcaster im Interview

Ausgezeichneter Fußball-Podcast aus München: Max-Jacob Ost und der Rasenfunk

+
Rasenfunk-Macher Max-Jacob Ost

Sport-Podcasts erleben seit geraumer Zeit einen Boom in Deutschland. Umso schöner, dass einer der interessantesten in München, Giesing ansässig ist und dort produziert wird. Im Interview erzählt uns der Rasenfunker Max-Jacob Ost von seiner Geschichte und gibt Einschätzungen zum aktuellen Fußballgeschehen.

Dieses Jahr wird er fünf Jahre alt: Deutschlands angesehenster Fußball-Podcast, der Rasenfunk. Gegründet im August 2014 von den Fußballenthusiasten Max-Jacob Ost und Frank Helmschrott konnte das Format in der bisherigen Zeit seines Bestehens Podcast-Preise gewinnen, über 240 Gäste verzeichnen und eine treue Fanschar für sich begeistern, die den Podcast als Supporter inzwischen sogar so unterstützen, dass Ost seinen Lebensunterhalt davon finanzieren kann.

Der Rasenfunk bietet dabei drei unterschiedliche Sendungen: Im Kurzpass wird bei einer Dauer von 30 bis 45 Minuten mit einem Gast ein tagesaktuelles Thema genauer beleuchtet. Im Tribünengespräch wird zeitlosen Aspekten aus der Welt des Fußballs auf den Grund gegangen. Und in der Schlusskonferenz werden jeden Sonntag/Montag bedeutende Spiele und Bundesligaspieltage genau unter die Lupe genommen. Tribünengespräch und Schlusskonferenz dauern gerne mal länger als zwei Stunden, sind aber immer informativ, angenehm unprätentiös und obendrein enorm unterhaltsam.

Wir haben uns mit Max-Jacob Ost getroffen und über seinen Werdegang, die Ziele des Podcasts, München als Sportstadt, die aktuelle Lage des FC Bayern und die überraschend verantwortungsvolle Position des Einwurfcoachs gesprochen.

Kannst du die fußballjournalistische Medienlandschaft, wie sie zur Anfangszeit eures Podcasts bestand, kurz skizzieren? Was war der Auslöser für die Podcast-Idee?
Die massenmediale Berichterstattung über Fußball fand meiner Meinung nach im Großen und Ganzen auf einem inhaltlichen Niveau statt, das mich irgendwann gestört hat. Anfangs fiel mir gar nicht auf, dass fast gar nicht über das eben gesehene Spiel geredet wird. Schließlich befasste ich mich aber immer mehr -nicht zuletzt als Redakteur bei 11 Freunde und Spox- mit den Themen Spielanalyse und Taktik und es wurde immer klarer, dass das was auf dem Spielfeld geschieht, in der Berichterstattung kaum thematisiert wird. Oft hört man: „Sie müssen das Ruder rumreißen“ oder „Der Trainer hat die Mannschaft verloren“; Kurz: Man ergeht sich in Floskeln.

Das ging für mich damals so weit, dass ich manche Sendungen nicht mehr anschauen konnte, ohne mich zu ärgern. Man hatte immer das Gefühl, dabei nichts dazu zulernen. Als wir den Podcast schließlich 2014 gestartet haben, gab es in der Nische schon andere Formate, die gegen diese Entwicklung arbeiteten und sich den taktischen Aspekten des Sports widmeten. So zum Beispiel die Blogger von Spielverlagerung, die tolle Analysen schreiben. Da ich es als Rezipient aber schwieriger finde einen Text aufzunehmen, als einem guten Gespräch zu lauschen, wollten wir den Rasenfunk in einem anderen Format veröffentlichen. Zunächst war Video geplant, da uns aber das Internet leider noch so manche Probleme machte, haben wir uns dann für den Audiopodcast entschieden.

„Der jüngste Hörer ist sechs Jahre alt.“ 

Stellst du dir bei der Planung und Sendung eine(n) Musterhörer(in) vor, an den/die sich deine Sendung richtet?
Nein, meistens nicht. In der Regel bin ich sehr tief in den Themen der Sendungen drin und versuche das dann alles „zu vergessen“, sobald die Sendung beginnt. Mein Ziel ist es dann genau die Frage zu stellen, die mir als allererstes in den Sinn gekommen ist, da das meist das ist, was den Hörer oder die Hörerin auch als erstes interessiert. Insgesamt ist mir klar geworden, dass es nicht den Archetyp Hörer(in) gibt.

Die Hörerschaft geht weit auseinander. Der Jüngste ist sechs Jahre alt und großer Fan. Der älteste mir bekannte ist 77. Manche hören den Podcast sehr konzentriert und machen dabei nichts anderes. Andere machen parallel Hausarbeiten und verstehen nur die Hälfte. Manche melden sich mit ausführlichen Mails, wenn ich eine Kleinigkeit falsch gesagt habe, anderen fällt nicht auf, wenn ich ein Ergebnis falsch benenne. Das ist das Tolle am Podcast: Ich bewege mich hier nicht im Sendespektrum von bspw. ARD oder BR, sondern etwas mehr in der Nische, die aber doch unterschiedlicher ist. Der Podcast kann gewissermaßen „entdeckt“ werden und wenn das geschieht, verlieben sich die Leute manchmal ein wenig in ihn.

Sind deine Hörer auch unzufrieden mit der schlechter werdenden Berichterstattung der großen Fußballmedien?
Ich denke teilweise schon. Ich finde aber, dass sich die Berichterstattung im breiten Mainstream nicht groß verschlechtert hat. Es ist mir wichtig zu sagen, dass wir im Kern ja über eine Unterhaltungsindustrie reden und es ok ist, wenn diese auch Unterhaltung ihr Hauptziel nennt. In der Peripherie dessen gibt es aber auch gute Formate, wie zum Beispiel Sport Inside im WDR. Auch die Sportschau und Printmedien gehen immer häufiger in die tiefergehende Berichterstattung. Gut konnte man das an der vergangenen WM sehen: Man wollte den Zusehenden nicht die Laune verderben, aber auch über Doping und den Gastgeber Russland sprechen, wo politisch bei weitem nicht alles toll ist.

Eine leichte Veränderung ist also zu bemerken. Um zu der Frage zurück zu kommen: Ich denke schon, dass Leute, die sich bei uns in der Schlusskonferenz 2,5 Stunden zu einem Spieltag geben, dort etwas finden, was sie sonst nicht haben. Sonst würden sie es nicht tun. Manche schreiben mir auch, dass Sie den gesamten Fußball nicht mehr verfolgen, weil sie von der Kommerzialisierung des Sports so genervt sind. Dennoch wollen sie irgendwie wissen, was los ist und hören deswegen den Rasenfunk. Ein Hörer hat darum sein Sky-Abo gekündigt und überweist uns den Betrag.

Kann man sagen, dass sich dein Podcast mit seinem Fokus auf Taktik und Analyse eher an die Fans des Spiels „Fußball“ richtet, als an die Vereinsfans, die hauptsächlich wissen wollen, was bei ihrem Club passiert?
Ich glaube schon. Pro Bundesligasaison sehe ich weit über 150 Spiele, davon ist die Mehrheit nicht besonders schön, dennoch fasziniert es mich. Betrachtet man den Fußball als Spiel und blendet das Drumherum aus, ist es manchmal sehr komplex und manchmal überraschend einfach. Pro Team müssen elf Individuen auf Veränderungen auf dem Platz oder im Spielstand reagieren. Das kann bedeuten, dass plötzlich neue Kombinationen und Stellungen angewandt werden etc. Dazu kommt dann aber noch, dass der Ball rund ist und mit dem Fuß gelenkt werden muss. Ein Faktor, der alles etwas unberechenbar und faszinierender macht. Hat man all das im Kopf, machen nicht nur Top-Spiele zum Zusehen Spaß. Manchmal muss man nur etwas genauer hinschauen. Auf der anderen Seite kann man sich als Taktikliebhaber oft über Aspekte eines Spiels aufregen, die der breiten Öffentlichkeit nicht besonders auffallen.

Euer Podcast hebt sich nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell -z.B. durch sein Finanzierungsmodell- von etablierten Fußballmedien ab. Inwiefern ist das Notwendigkeit oder politisches Statement? 
Es ist beides. Das eine bedingt das andere. Wir wollten uns nicht in die Abhängigkeit zu einem oder wenigen Geldgebern geben, mussten daher ein anderes Finanzierungsmodell finden und haben daher das Crowdfunding für uns gewählt.

Frank Helmschrott und Max-Jacob Ost

Wie hast du das Netzwerk an Gästen, Experten und Fans in deinen Sendungen aufgebaut?
Zu Beginn waren die Gäste meist Bekannte aus meiner Zeit bei 11 Freunde und Spox. Heute ist Twitter mein wichtigstes Networking-Tool. Ich bin dort sehr gut vernetzt und die Leute kennen meist meine Sendung, wissen also was sie erwartet. Viele empfehlen mir auch Personen und Experten. Aktuell bekommen die Gäste leider kein Honorar, werden aber zu allen neun Bundesligaspielen befragt. Darauf muss man sich erstmal einlassen wollen. Ich sage immer vorher, dass die Leute nicht jede Frage beantworten müssen und ich darauf achte, dass sie nie in einer Form „schlecht“ wegkommen.

Die Gäste fühlen sich hoffentlich bei mir wertgeschätzt und empfehlen mich deswegen auch als „Gastgeber“ weiter. Dennoch bin ich natürlich sehr dankbar, wenn die Leute freiwillig Teil unserer Sendung sind. Manche Gäste hätte ich gerne in der Sendung, für sie ist der Rasenfunk aber noch etwas zu klein. Abseits davon: Ich bin schon lange auf der Suche nach einem Experten zum Land Katar. Das ist auch in meinem Netzwerk nicht so leicht. Noch ein tolles Beispiel: Kürzlich hatte ich Thomas Gronnemark, den Einwurf-Trainer vom FC Liverpool im Rasenfunk. Auch dieser wurde mir einfach per Twitter empfohlen.

Trainiert er dann mit den Spielern nur Einwürfe?
Das ergibt durchaus Sinn. Einwürfe kommen häufiger vor, als Flanken oder Eckbälle, haben aber die höchste Ballverlustquote. Der FC Liverpool spielt Ballbesitzfußball, hatte den Ball aber nach 50 Prozent der Einwürfe nicht mehr. Durch Gronnemarks Hilfe sind sie schließlich bei einer Quote von über 70 Prozent gelandet. In solchen Aspekten ist die Bundesliga übrigens noch eher hintendran. Hoffenheim hat auch einen Einwurf-Coach, die meisten Bundesligisten würden aber nicht im Traum daran denken. Das erklärt schon ein bisschen, warum der Bundesligafußball so ist, wie er ist.

Dein Kommentar zur Kommerzialisierung des Fußballs und seiner Übertragungsrechte?
Das ist ein schweres Thema, da man sich dabei leider schnell in die eigene Hand schneidet. Wir alle, die wir gerne Fußball schauen und auch der Rasenfunk sind Teil des ganzen Zirkus. Das Geld kommt ja letzten Endes von den Zusehenden, die den Wahnsinn finanzieren. Ich habe auch lange darüber nachgedacht, wie ich im Rasenfunk die WM in Russland behandeln werde und ich denke auch schon intensiv über die WM in Katar nach, an der man viel kritisieren kann. Natürlich werde ich kritisch berichten, aber auch so trage ich gleichzeitig zu dem Spektakel bei. Insgesamt ist zu sagen, dass es im Fußball mit Ausnahme mancher FIFA-Funktionäre kein eindeutig zu benennendes Gut und Böse gibt.

Ist München eine gute Heimat für den Rasenfunk?
Ja! Alleine dadurch, dass wir uns hier in einer großen Stadt befinden, habe ich schnelles Internet und das ist das Allerwichtigste. Ich habe schon an anderen Orten aufgenommen und man bemerkt durchaus infrastrukturelle Unterschiede. Zudem ist München ein guter Ort, weil hier sehr viele Sportmedien beheimatet sind: Sport 1, Sky, Spox und die SZ mit ihrer Sportredaktion. So sind auch viele Experten und potenzielle Gäste für meine Sendung in München ansässig. Sie können einfach schnell vorbeikommen und mit mir vor dem Mikro sitzen. Das macht unsere Sendungen abwechslungsreich und die Planung einfach.

München als Sportstadt

Beurteilst du München abseits des Fußballs auch als Sportstadt?
In den letzten Jahren haben sich ja die Basketballmannschaft des FC Bayern oder EHC Red Bull München im Eishockey sehr hervorgetan. Ich würde München insgesamt nicht als klassische Sportstadt bezeichnen. Der Freizeit- und Breitensport ist durch die Nähe zu den Bergen natürlich sehr etabliert und viele Münchner sind sehr bewegungsfreudig. Geschehen Events in der Stadt, finden diese oft nicht viel Anklang. Eishockey und Basketball konnten sich besonders durch die großen Geldgeber etablieren. Beim Basketball sehe ich zudem das Problem, dass der Erfolg so schnell und im Reagenzglas erzeugt wurde, dass die Zuschauer Leistungen und Erfolge noch nicht so richtig wertschätzen können. Es fehlt einfach das Wissen darum, dass zum Beispiel die Türkei ein absolut basketballbegeistertes Land und ein Sieg gegen ein türkisches Team somit ein großer Erfolg ist. Ein anderes Beispiel: Handball kann sich hier einfach nicht etablieren. Es ist für die Sportarten in München sehr schwer am Fußball vorbei zu kommen.

Wie fühlt es sich eigentlich an, hauptsächlich am Spiel und seinen taktischen Aspekten interessiert zu sein und zugleich Fan des FC Bayern zu sein, der ja auch abseits des Sports besonders viele Schlagzeilen macht?
Vielleicht ist gerade mein Bayern-Fan-Dasein der Grund für mein Taktikinteresse. Aber ernsthaft: Als Podcaster bin ich wirklich sehr froh, dass ich zu diesem Bereich nichts in meiner Sendung machen muss. Wenn Uli Hoeneß mal wieder irgendwas gesagt hat, habe ich natürlich eine Meinung und Haltung dazu und es freut mich, dass sich die Leute dafür interessieren. Aber insgesamt ist die Analyse von Dingen, die neben dem Platz gesagt werden, meist Kaffeesatzleserei und die will ich nicht betreiben. Dennoch gehört es auch zum Fußball dazu. Bei den Football-Leaks beleuchte ich diese Aspekte etwas mehr.

Natürlich können private Angelegenheiten die Leistung bei Spielern beeinflussen. Aber auch das ist immer Vermutung. Oft werden auch Leistungen von Spielern bewertet, ohne dabei den Auftrag an den Spieler zu kennen. Es kann ja sein, dass ein Spieler den Auftrag hat, die Mittellinie nie zu überschreiten. Weiß man davon nix, wird er eventuell dafür kritisiert. Matthias Sammer hat mal zu mir gesagt, dass man sich durch bloße Beschreibung dessen, was auf dem Platz geschieht, auf sicherem Terrain bewegt. Die Frage warum etwas wie passiert, kann dann aber ganz unterschiedlich beantwortet werden. Bei der Beantwortung dieser Frage lasse ich dann manchmal meine Vermutungen oder etwas, das ich aus diversen Quellen gehört habe, miteinfließen.

Halbzeit

Liebe*r Leser*in: Ein Pfiff ertönt. Halbzeit-Pause. Das halbe Interview ist geschafft. Echt gut gemacht. Holen Sie sich ein kühles Getränk, ruhen Sie ihre Augen auf der Tapete aus. In der zweiten Hälfte sollten Sie nochmal alles geben. Vielleicht lesen Sie auch mal zwei oder drei Wörter auf einmal, das steigert die Lesegeschwindigkeit um bis zu 50%. Und jetzt wieder raus aufs Spielfeld, Leser*in! - Die Redaktion

Max-Jacob Ost, Ralph Gunesch und Frank Helmschrott

Collinas Erben, Spielverlagerung, Rasenfunk – Wird der Fußball von den Nerds neu entdeckt?
Wenn man als Nerd eine Person versteht, die sich sehr tief mit einer Materie beschäftigt und dort richtig hineinfuchst, kann man sagen, dass der Fußball diesem Menschenschlag seit den 1980er Jahren weit mehr Taktik zu bieten hat, als davor. Die Trainer waren damals einfach noch nicht so versiert. Heute wissen wir, dass der Fußball die Summe mehrere Wissenschaften ist. Daher ist es auch legitim das Spiel so in seine Bestandteile zu zerlegen.

Der andere Punkt ist, dass sich das Sender-Empfänger-Prinzip durch die sozialen Medien verändert hat. So können sich ähnlich denkende Menschen, die im besten Falle sogar Sendungen zum gleichen Thema machen, leicht austauschen. Gerade mit den genannten Jungs von Spielverlagerung tausche ich mich gerne und oft aus. Der taktische Ausbau des Sports und die Vernetzung begünstigen die von dir angesprochene Entwicklung sehr.

Gibt es fußballjournalistische Vorbilder für deine Sendungen?
So direkt nicht. Früher wollte ich immer Radiokommentator werden. Hans-Peter Pull und Günther Koch haben meine Jugend geprägt. Die Radioschlusskonferenz ist meiner Meinung nach das Tollste, was man im Radio anhören kann. Als Hommage heißt unser Format auch so. So kam auch schon früh die Neigung dazu, einen Podcast zu machen. Außerdem habe ich mal eine Hospitanz beim BR gemacht. Zu dieser Zeit ist gerade eine alte Garde an Kommentatoren abgetreten, sodass ich bei Beginn eines Volontariats wohl genau etwas zu spät dran gewesen wäre, selbst ans Mikro zu treten.

Insgesamt sind die Radiomoderatoren so etwas wie meine Vorbilder, weil sie es schaffen Bilder zu erzeugen. Das merkt man vielleicht im Rasenfunk nicht so häufig, aber letztlich muss ich dasselbe schaffen. Der Hörer und die Hörerin haben das Spiel, über das wir reden in der Regel nicht gesehen, sodass ich neben dem Ergebnis auch die wichtigsten Situationen verbal skizzieren muss. Da sind die Radioprofis unübertroffen. Nebenbei höre ich gerne Interviews und achte dabei darauf, warum ein Gespräch gut oder schlecht verlief. In diesem Bereich will ich mich auch noch am meisten weiterentwickeln. Ein klares Vorbild kann ich aber nicht nennen.

Wann war der Augenblick, an dem du gemerkt hast, dass ihr mit dem Rasenfunk Podcast Erfolg habt? Gab es einen Schlüsselmoment?
Mehrere. Kurz nach dem Start, nach etwa sechs Folgen, gab es mal eine dreiwöchige Pause im Rasenfunk und sogar da haben die Leute schon nett-ungeduldig gefragt, wann die nächste Folge kommt. Das hatte mich verblüfft. Auch heute schreiben mir Leute in der Hoffnung, dass eine Sendung noch am Sonntag und nicht erst am Montag online gestellt wird. Manchmal stresst mich das etwas, ich erkenne aber, dass es ja eigentlich nur etwas Schönes und lieb gemeint ist.

Wenn man Erfolg anders bemisst, war die WM in Russland letztes Jahr mein Schlüsselerlebnis. Ich habe in der Zeit eigentlich nur am Podcast gearbeitet. Ich habe 62 von 64 Spielen gesehen, wir haben jeden Tag eine Sendung gemacht und in 30 Tagen 41 Stunden Podcast veröffentlicht. Es war wirklich sehr viel, aber das waren auch die ersten Monate, in denen die Einnahmen durch die Supporter für meinen Lebensunterhalt ausgereicht haben. Zu dieser Zeit habe ich zusammen mit Frank beschlossen, alles auf die Karte „Rasenfunk“ zu setzen und den Rest auslaufen zu lassen. Im November 2018 haben wir zudem einen Podcast-Preis gewonnen. Das war ein sehr schöner Abend und definitiv auch ein Schlüsselmoment.

Gab es auch einen fachlichen Moment, der dir klar machte, dass du gerade Erfolg hast? Beispielsweise durch einen besonderen Gast?
Anfangs fühlte ich mich gegenüber meinen Gästen tatsächlich ein wenig als Zeiträuber. Irgendwann habe ich aber mitbekommen, dass es Journalisten gibt, die ich sehr schätze, die auch gerne den Rasenfunk hören – das war schon eine großartige Bestätigung für mich. Dann gab es noch das bereits erwähnte Gespräch mit Matthias Sammer im April letzten Jahres, das für mich nicht nur wegen des großen Namens toll war. Ich hatte den Ehrgeiz ihm Fragen zu stellen, die er vielleicht so noch nicht gehört hatte. Im Interview hat man dann gemerkt, dass es ihm Spaß gemacht hat. Wir haben zeitlich überzogen und uns angeregt unterhalten. Feedback dieser Art ist etwas ganz Besonderes für mich.

Der FC Bayern im Umbruch

Wer wird deutscher Meister?
Ich glaube, dass es der FC Bayern schafft, aber dass es viel knapper wird, als die meisten gerade glauben. Alle gehen davon aus, dass es so wie derzeit weitergeht und Dortmund seine Probleme nicht los wird. Ich denke nicht, dass die Meisterschaft bereits am 6.4., wenn der BVB bei den Bayern spielt, entschieden sein wird. Der FC Bayern könnte auf die letzten Meter meiner Meinung nach aber Erfolg haben, weil er die Situation besser kennt. Es wird nicht das alles entscheidende Endspiel geben. Vielmehr geht es um in diverse kleine Situationen in mehreren Spielen, in denen sich die Teams beweisen müssen. Darin hat Bayern schlichtweg mehr Erfahrung als Dortmund.

Was ist deine Meinung zur aktuellen Lage des FC Bayern München, der sich gerade ein wenig im Umbruch befindet?
In der Tat befinden sich die Bayern in der spannendsten Zeit seit ca. 8 oder 9 Jahren. Ich glaube, dass das 1:3 gegen Liverpool als Zeitenwende in die Geschichte eingehen wird. Der FC Bayern ging in die Bundesligasaison mit sieben Spielern in der Startelf, die auch schon beim Champions-League-Finale 2013 mit auf dem Platz standen. Eigentlich ist es logisch, dass das nicht für immer so weitergehen kann. Beim Liverpool-Spiel wurde auch dem Club und der Öffentlichkeit deutlich bewusst, dass Handlungsbedarf besteht. Nun steht über der Nachfolge von Robben und Ribéry ein großes Fragezeichen. Mit der Personalfrage muss auch geklärt werden, was für einen Fußball die Bayern überhaupt spielen wollen.

Immer wenn diese Frage Uli Hoeneß oder Karl-Heinz Rummenigge gestellt wurde, wurde sie anders beantwortet als beispielsweise von Louis van Gaal. Der hat Bayern damals ein Ballbesitzspiel beigebracht, das die Grundlage für alles ist, was die folgenden Trainer mit der Mannschaft gemacht haben. Jetzt muss sich Bayern fragen mit welchen Spielertypen sie den Umbruch einleiten wollen. Da wird es pro Position Konkurrenzkämpfe geben. Und wird Bayern den Flügelfokus ohne Robben und Ribéry behalten? Die beiden Spieler waren eigentlich der Grund für diese Taktik. Will der Klub weiterhin Ballbesitzfußball spielen?

Der ist in der Bundesliga sicher gut, aber international kann man damit eher schlecht mithalten. All das macht die aktuelle Lage zu einer sehr spannenden Zeit. Hinzukommt, dass der FC Bayern der einzige Verein weltweit ist, der wirtschaftlich solide 200 Millionen Euro ausgeben kann, ohne seine Seele an die Bank oder den Investor zu verkaufen. Der Fan Max hat etwas Angst vor den anstehenden Entscheidungen, der Journalist findet’s einfach nur geil, weil sich endlich wieder was rührt in der Bundesliga.

Die Transfermonate sind für die Sportberichterstattung ohnehin etwas ganz Besonderes. 
Total. Die reichweitenstärksten Monate sind immer die bis zur Schließung des Transferfensters. Eigentlich ist das auch für die Fans die spannendste Zeit, weil alles möglich ist. Jeder kleine Spieler, der von irgendeinem Zweitligisten kommt, könnte eine echte Entdeckung sein. So kann man auch den Sommer ohne Spiele genießen. Es werden wenig Fakten geschaffen und man kann sich als Fan sogar ein paar Illusionen machen, die dann manchmal am ersten Spieltag nach der Pause leider zerstört werden.

Max-Jacob Ost und Frank Helmschrott

Beobachtest du denn auch den TSV 1860 München?
Ja, aber nicht so intensiv wie die Erstligisten. Ich finde der TSV befindet sich gerade in einer etwas misslichen Lage. Natürlich werden sie ziemlich sicher nicht absteigen, aber auch nicht aufsteigen. Die wichtige Frage ist ja die nach der internen Veränderung nach dem Abstieg. Die Hoffnung war doch, dass man dadurch zumindest die Abhängigkeit vom Investor Ismaik abschwächen kann. Daran hat sich aber augenscheinlich wenig verändert. Daher finde ich, dass sich die Sechziger gerade in einer Art Auszeit befinden. Als Fan kann man innehalten und durchatmen. Es ist schön zu beobachten, wie sich Giesing an Spieltagen verändert.

Im Grunde müssen aber bei sportlichem Erfolg und eventuellem Aufstieg die gleichen Probleme wie vor dem Abstieg erneut diskutiert werden. Man muss wieder fragen, ob das Stadion zweitligatauglich ist, Ismaiks Darlehen werden wieder in den Fokus rücken etc. Insgesamt hat sich also leider wenig zum Positiven gewendet, es ist nur gerade nicht so relevant für den Verein und das ist eine im Kern gemeine Situation. Das Thema hat auch mit all seinen Nebenschauplätzen in meinen Augen wenig mit Fußball zu tun. Wenn man bedenkt wo der Sport herkommt und nun eine Gemengelage dieser Art betrachtet, ist es schon traurig.

Gibt es einen Verein in unserer Stadt, den man sich abseits der beiden Großen als Münchner noch anschauen sollte?
Leider sehe ich auch hier zu wenig Spiele. Ich weiß aber, dass es großen Spaß machen kann, sich auch Bezirksklassenfußball live anzusehen. Das machen Freunde von mir regelmäßig. Gerne und völlig ironiefrei sage ich noch, dass man den MTV München verfolgen muss, da dort mein Bruder in der zweiten Mannschaft spielt. Grundsätzlich sollte man sich auch mit Frauenfußball befassen. Der ist in vielen Fällen viel schöner zum Zusehen, da sich da Schwalben, Beschwerden beim Schiedsrichter, Rudelbildung etc. bislang nicht etabliert haben.

Das macht das Spiel automatisch flüssiger. Die Frauenmannschaft des FC Bayern ist sehr erfolgreich, hat aber leider eher wenig Zuschauer. Derzeit sind sie als Tabellenzweite punktgleich mit Tabellenführer Wolfsburg. Hinzu kommt, dass diesen Sommer auch die Frauen-WM stattfinden wird, wo viele Spielerinnen des FC Bayern in der Nationalelf mitspielen werden. Man kann diese Sportlerinnen also jetzt im verhältnismäßig kleinen Rahmen schon live erleben.

Trennst du denn den (FC-Bayern-)Fan und den Journalisten in dir?
Ich versuche es. Natürlich finde ich vieles am FC Bayern nicht gut, ich kritisiere es total und dennoch denke ich mir, wenn das Team den Rasen betritt: „Ach, ein 8:0 wäre heute echt schön.“ Und dass man davon nicht loskommt, finde ich schon bemerkenswert. Natürlich vergrößert sich die Distanz als Journalist, auch dadurch, dass man viele Spieler und Funktionäre kennenlernt. Aber man löst sich nicht komplett.

Daher erstaunt es mich auch, dass viele Sportjournalisten mit Ihrem Fan-Dasein so hinterm Berg halten. Dabei ist es doch logisch, dass ein Gros der Journalisten einen Lieblingsverein hat. Wie wird man sonst Fußballfan? Meistens kann man den Lieblingsverein erahnen, aber einen offenen Umgang gibt es nicht. Dabei kann dann jeder selbst für sich entscheiden, wie sehr er auf die Neutralität meiner Einschätzung vertraut.

DFB und FIFA: Im Graubereich des Rechts?

Thema DFB und FIFA: Wie stehst du dazu, dass diese Verbände deinen Lieblingssport organisieren?
Natürlich agieren diese Verbände häufig im Graubereich des Rechts, auch wenn in der Schweiz, wo die FIFA ihren Hauptsitz hat, Vieles lange gar nicht strafbar war. Man kann der FIFA schlecht habhaft werden, weil sie inzwischen diese große Institution ist, die meist alles auf ein paar schwarze Schafe schiebt. Die Funktionäre werden also selten bis nie nach den Gesetzen, die wir in Deutschland anlegen würden, zur Rechenschaft gezogen. Es gibt aber auch weder deutsche Politiker noch Fußballfunktionäre die sich diesen Machenschaften nachhaltig widmen.

Beim DFB befinden wir uns in dem großen Spannungsfeld, dass wir es mit einem gemeinnützig organisierten Verband zu tun haben, der daher auch Steuervorteile genießt, gleichzeitig aber enorm viel Umsatz und Gewinn macht. Auch er hat keine weiße Weste, wie wir durch die Sommermärchen-Affäre etc. gelernt haben. Immer wieder gibt es Empörungswellen, konkrete Versuche etwas zu ändern, sieht man in der Politik aber nicht. Das liegt zum einen daran, dass der Fußball der Deutschen liebstes Kind ist und die Politiker es sich nicht bei der Wählerschaft verscherzen wollen und zum anderen daran, dass die Verschränkungen zwischen Politik und Fußball sehr eng sind. Reinhard Grindel saß auch schon im Bundestag und hat dort Abstimmungen durchgeführt. Dieses Geflecht ist sehr schwer zu reformieren, da der Verband in seiner Struktur im Auge zu vieler Interessenten genau so bleiben soll, wie er gerade ist.

Wir als Zuschauer sind dabei alle Teil des Problems. Die Verbände haben ein wunderbares Spiel gekapert und kommen, weil wir den Fußball so genießen, mit allem durch. Hier kann man auch das eine wachsende Problem der FIFA benennen: Aktuell wächst eine Generation von Jugendlichen nach, für die es wenig Absurderes gibt, als der Gedanke daran 90 Minuten ein Spiel anzusehen, das im blödesten Fall sogar 0:0 ausgeht. Man schaut sich auf Youtube lieber den Highlight-Clip und ansonsten E-Sports etc. an. Diese Generation könnte der Endgegner für die FIFA sein, weil die Funktionäre dort auch viel zu alt sind, um das zu verstehen. In 20 Jahren wird der Sport eventuell viel weniger Breitenwirkung haben, wodurch die Wichtigkeit der FIFA auch stark eingeschränkt werden würde.

Gibt es zum Abschluss noch ein paar weitere Podcasts, die du empfehlen kannst?
Ui, ja. Ganz viele! Für den Fußballbereich würde ich gerne auf unsere Liste auf rasenfunk.de/fussballpodcasts verweisen. Aus München heraus produziert empfehle ich noch das Sportradio 360. Sie machen täglich Sendungen und jeden Donnerstag erscheint die sogenannte „Big Show“, in der sie in drei Stunden über alle möglichen sportlichen Ereignisse reden. Von Rugby über Wintersport bis Tennis.

Ansonsten höre ich gerne den Aufwachen Podcast, ein politisches Format, das Nachrichten betrachtet und dann analysiert, wie diese präsentiert werden. Daran ist auch Tilo Jung von Jung & Naiv beteiligt. Gästeliste Geisterbahn empfehle ich allen Leuten, die sich einfach gut unterhalten wissen wollen. Der Wissenschaftspodcast Methodisch Inkorrekt wird von zwei Physikern gemacht. Er funktioniert so, dass die Moderatoren sich interessante neue wissenschaftliche Papers aussuchen und dann einer der beiden dem anderen den Inhalt erklärt. Ferner erzählen sie auch aus ihrem Wissenschaftsalltag. Zu guter Letzt empfehle ich noch das Logbuch Netzpolitik für alle, die sich für Digitales und das große Feld Netzpolitik interessieren.

Max, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Franz Furtner / Andreas Platz

Den Rasenfunk finden Sie unter rasenfunk.de, auf Spotify und weiteren Podcast-Portalen.

Die Feed-URL für Ihren Podcatcher der Wahl finden Sie hier.

Sollten Sie Max-Jacob Ost, Frank Helmschrott und freien Fußballjournalismus unterstützen wollen, können Sie das unter diesem Link tun: rasenfunk.de/supportersclub

Auch interessant

Special

Heiligabend außer Haus

Heiligabend außer Haus

Gesundheit

Meditations- und Gymnastikübungen nach dem Norbekov-System

Meditations- und Gymnastikübungen nach dem Norbekov-System

Tollwood

Pariser Nächte auf der Wiesn

Pariser Nächte auf der Wiesn

Weihnachtsmärkte

Budenzauber out of Munich

Budenzauber out of Munich