Ortsgespräch: Kilian Sladek

Ortsgespräch: Kilian Sladek

Eine Verbeugung vor dem Jazz: Wie Sänger Kilian Sladek das Bergson als Kraftquelle nutzt

Herr Sladek, zunächst einmal Gratulation zum Erscheinen der neuen EP „Psycho“. Wie fühlt es sich an, wenn man auf diese Art Menschen, die Sie vielleicht noch nie auf einem Konzert erlebt haben, eine musikalische Visitenkarte überreichen kann?

Vielen Dank! Wie bei einem ersten Date – da macht man sich ja auch vorab entsprechende Gedanken und möchte natürlich einen guten Eindruck hinterlassen. Die EP ist meine Opening Line, der allererste Satz. Hinter dem muss ich voll und ganz stehen – und das tue ich. Alles, was danach passiert, hängt total von der Reaktion des Publikums ab und davon, ob wir in einen guten Dialog finden. Spoiler Alert: Bei meinem EP-Release-Konzert hat das zum Glück wunderbar geklappt! Ich kann mir gut vorstellen, dass es da bald ein zweites Date geben wird.

Man ahnt ja oft nicht so recht, wie viel Anstrengung, vielleicht sogar Ringen und Schmerz, hinter dem liegt, was dann im Ergebnis so leicht und bezaubernd daherkommt. Wie lange haben Sie mit den Songs gerungen, bis sie veröffentlichungsreif waren?

Ich fühle mich geschmeichelt! Tatsächlich sprechen wir bei der Produktionsphase, also nach dem eigentlichen Komponieren, von gut zwei Jahren. Da ist aber natürlich auch viel experimentiert und filtriert worden, sodass schließlich nur das pure Destillat – die besten Songs – erscheint. Jeder einzelne Song braucht so circa 12 Stunden, bevor er ins Mixing geht.

Kilian Sladek (c) Uschi Sonnenwald

Und vorher schon?

Wie lange ich brauche, um auf eine Idee zu kommen, kann sehr unterschiedlich sein – das ist meistens die Phase, in der man die Kontrolle ans Universum abgeben muss. Aber offen gesagt, wenn ich einmal bei einer Idee angebissen habe, bin ich so motiviert, dass ich nur ganz schwer nochmal ablassen kann. Da zähle ich dann auch keine Stunden mehr…

Sie bedienen einen Stil, auf den man nicht unbedingt als Erstes kommt, wenn man singt und eine Band gründen möchte. Was macht für Sie die Faszination von Jazz-Gesang, ja sogar vom Scatting, aus?

Wer mich schon etwas kennt, weiß, dass ich in vielen – teilweise sehr unterschiedlichen – musikalischen Kontexten unterwegs bin, denn in meiner Brust schlagen einige Herzen. Mit der EP bewege ich mich im Genre Neosoul, also irgendwo zwischen R&B und Jazz. Knackige Beats, sexy Basslines, vibey Harmonien und soulige Vocals.

War das schon immer so?

Angefangen habe ich im Swing mit dem Bigband-Repertoire von Robbie Williams und Michael Bublé, um schnell auf die eigentlichen Giganten à la Sinatra, Bennett usw. zu treffen. Parallel habe ich die instrumentale Seite meiner Stimme kennengelernt – das habe ich immer als Inspirationsquelle und offene Spielwiese empfunden. Sounds entdecken und dann damit Stimmungen kreieren, manchmal für sich allein stehend und manchmal als dezente emotionale Schattierung in meinen Song-Interpretationen. Die Stimme ist einfach ein tolles Instrument.

Wenn Sie zurückblicken: Gab es denn so etwas wie eine Aha- oder Erweckungsmusik, die Sie auf den musikalischen Weg gebracht hat, auf dem Sie jetzt so souverän weiterziehen?

Musik war in meiner Kindheit allgegenwärtig – jeder um mich herum hat Musik gehört und gemacht. Musik war Identität, Mittel zur Rebellion, Zufluchtsort. Für mich war es eher eine Challenge, aus dem ganzen „Lärm“ das herauszufiltern, was mich persönlich berührt. Und je mehr ich diese Elemente entdecke, desto überzeugter agiere ich als Künstler. Diese Entwicklung wird nie aufhören.

Sie arbeiten als Musiker und unterrichten auch selbst: Ab wann stand für Sie fest, dass Musik Ihr Lebensinhalt und auch Ihre Hauptbeschäftigung werden würde?

Ich habe mir immer alle Optionen offengehalten. Es ist nicht so, als hätte ich keine andere Wahl gehabt. Aber trotz aller Widrigkeiten gibt es nichts, was mich mehr reizt, als der Gedanke, ein neues musikalisches Projekt zu starten und auf der Bühne zu stehen. Das war mir sehr früh klar – auch wenn sich meine Vorstellung vom Berufsalltag als Künstler sehr von der Realität unterschied.

Welche Art von Zaubertrank wird oder wurde denn eigentlich in der Familie Sladek mit dem Familienessen serviert?

Kreativität und Improvisation. Bei vier ausgesprochen charakterstarken Kindern bzw. Geschwistern, einem alten Bauernhaus in der katholisch-niederbayerischen Provinz und einem halben Instrumentenmuseum im Dachgeschoss waren diese beiden Komponenten das Salz in der Suppe.

Sie wirken sehr eng im Austausch mit Ihren Mitmusikern auf der Bühne – bis hin zum kleinsten Blick- und Gestenaustausch. Wie wichtig, wie essenziell ist dieses Miteinander, vor allem bei komplexen Klangwelten?

Musik ist für mich in erster Linie ein Mittel der Kommunikation – egal, wo ich bisher auf diesem Planeten unterwegs war, über Musik bin ich immer in einen lebendigen Austausch geraten. Sobald keine menschliche Verbindung mehr auf der Bühne stattfindet, ist die Musik eigentlich tot. Das ist schier unmöglich.

Wie auch in anderer Form Ihr Bruder Roman Sladek (künstlerischer Leiter vor Ort sowie Bandleader der Jazzrausch Bigband, Anm. der Redaktion) sind Sie eng mit dem tollen neuen Kulturort Bergson verbunden. Inwieweit war und ist er auch für Sie ein Inspirationsort oder eine Kraftquelle?

Ich sehe im Bergson enormes Potenzial – in verschiedenster Hinsicht. Für mich als gesignter Künstler ist es ein One-Stop-Shop.

Was heißt das konkret?

Das Bergson vereint für mich in einem sehr kompetenten Team alle essenziellen Parameter zur Umsetzung hochwertiger künstlerischer Produktionen. Von Live-Konzerten in diversen Größenordnungen bis hin zur Entwicklung von Release-Strategien und Content-Produktion kann alles unter einem Dach umgesetzt werden. In der Vielfalt seiner Angebote ist es vergleichbar mit dem Lincoln Center in New York, nur eben direkt um die Ecke im Münchner Westen.

KilianSladek (c) Lea Fleck

Im Bergson arbeitet ein eigenes Label mit neuen Künstlern. Wie wichtig ist dieser Rückhalt für Sie, und wie muss man sich das praktisch vorstellen?

Neben zahlreichen Eigenproduktionen hat Bergson Music mit mir nun zum ersten Mal einen Künstler mit seiner eigenen Musik veröffentlicht, worauf ich sehr stolz bin! Der wesentliche Unterschied zu den gängigen Labeldeals ist, dass bei Bergson durch die One-Stop-Shop-Ausrichtung und durch die künstlerische Expertise ein Klima herrscht, das einen nachhaltigen und organischen Künstleraufbau zulässt. Wir können dort alle Parameter meiner künstlerischen Marke erfassen, kombinieren und lernen, sie Schritt für Schritt bestmöglich zu platzieren.

Sie treten gern im eleganten Anzug auf: Wie wichtig ist ein gewisses Maß an Haltung für Ihre Musik – und wie viel Halt gibt so ein Anzug?

Das Auge hört mit, sage ich immer. Die Genres Soul und Jazz tragen beide eine gewisse Zeitlosigkeit in sich – eine Qualität, die sich auch in der Mode widerspiegelt. Daher der Anzug. Gleichzeitig liebe ich am Jazz auch seine Progressivität, weshalb ich immer auf zeitgenössische Elemente wie übergroße Schnitte oder Accessoires achte. Es ist also weniger die Suche nach einem „Halt“ als die konsequente Übersetzung der Musik in einen authentischen Look.

Wohin geht für Sie musikalisch die Reise als nächstes?

Bereits im Februar werde ich das nächste Mal im Bergson auf der Bühne stehen – mit dem Trompeter Joo Kraus. Und dann geht es auch schon in großen Schritten auf mein Album zu, was kommenden Herbst bei Bergson Music erscheinen wird.

Starke Stimme: KILIAN SLADEK, geboren 1994, ist Sänger, Komponist, Kulturmanager und Geschichtenerzähler mit Wurzeln im Jazz. Er steht für einem Sound zwischen Neo-Soul, R&B und modernen Pop – mit einem warmen, nahbaren, intensiven Gesang. Schon seit früher Kindheit an bewegt er sich mit Leichtigkeit zwischen musikalischen Welten. Er war Mitglied im Bundesjazzorchester, Jazzpreis-Gewinner und Stipendiat internationaler Kulturprojekte. Im Bergson, das von seinem Bruder Roman Sladek geleitet wird, hat er seinen Kraftort gefunden. Von seiner Vielseitigkeit überzeugt man sich am besten selbst – am 13. Februar, zusammen mit dem Startrompeter Joo Kraus. www.kiliansladek.com