Portrait of a mature man with blue eyes and short gray hair, wearing a dark jacket indoors by a brick wall.

Ortsgespräch Heio von Stetten: Gott spielen im Hofspielhaus München

Der Schauspieler spielt in „Oh mein Gott!“ am Hofspielhaus und erzählt von Zweifel, Proben und seinen liebsten Plätzen in München

Heio von Stetten spielt im November im Hofspielhaus Gott: In „Oh mein Gott!“ (7., 8., 14., 20. und 22.11.) landet der Schöpfer wegen Depressionen bei einer Psychologin. Im Ortsgespräch erzählt der Schauspieler, warum Zweifel keine Schwäche ist und wohin er Gott in München zum Entspannen schicken würde.

Herr von Stetten, Sie haben schon sehr viele Rollen gespielt. Wie fühlt es sich an, wenn man plötzlich Gott spielt?
Das ist schon etwas ganz Besonderes. Hamlet, das kennt man so, hat man mal gespielt oder nicht, aber man kennt Hunderte, die das schon gespielt haben. Gott nicht. Ehrlich gesagt achte ich gar nicht so darauf, was da vorne draufsteht, sondern ich schaue mir den Text genau an. Und ich fand dieses Stück einfach wahnsinnig spannend, amüsant und berührend. Der Aufmacher ist natürlich toll: Gott hat Depressionen, muss zu einer Psychologin.

Im Stück wird viel gezweifelt. Ist das gerade doch ziemlich zeitgemäß?
Total. Dass man den Zweifel immer diffamiert als Schwäche oder als nicht tauglich im Alltag, finde ich falsch. Für uns Menschen ist der Zweifel eine der wichtigsten Eigenschaften, die wir überhaupt besitzen. Wie sollen wir uns von Dingen, die wir nicht verstehen, ein Bild machen, wenn wir nicht auch zweifeln? Also lieber einen Schritt zurücktreten, nachdenken, nicht sofort reagieren. Ich muss nicht alles glauben, ich darf das anzweifeln, ich darf auch die Perspektive wechseln, ich darf nachfragen, dann entscheide ich.

Man in a brown blazer raises his left hand while speaking; two people sit in the background against a dark blue curtain.
Heio von Stetten (c) Severin Vogl

Was kann Gott auf der Bühne, was sonstige Rollen nicht hergeben?
Man denkt erst mal: Jetzt kann ich alles machen. Aber wenn man genauer hinsieht, stellt man fest: Was genau kannst du also wirklich als Gott bewirken? Das Schöne an dem Stück ist, dass sich meine Idee von Gott da auch irgendwie wiederfindet. Nicht als ein Gott, der ist wie wir, mit den gleichen Moralvorstellungen und Ideen von Gut und Böse, sondern vielleicht gelegentlich eher so wie ein kleines Kind, voller narzisstischer Unschuld.

Wir glauben also ziemlich viel, ohne es zu wissen?
Genau. Wenn man mal überlegt, wie oft wir am Tag das Wort „glauben“ sagen und „wissen“ meinen: „Das glaube ich“, „das glaube ich nicht“, „das habe ich gelesen, das glaube ich“. Was wir alles einfach glauben, ohne es zu wissen, das ist frappierend. Wir alle bewegen uns eigentlich permanent in Grauzonen. Wenn wir das nicht täten, wären wir keine Menschen. Wir sind uns gar nicht so sicher. Wir müssen unsere Unsicherheiten kaschieren. Wir entscheiden einfach, wir machen erst mal.

Also irrational und unberechenbar?
Aus unserer Sicht, ja. Weil die Vorstellung, dass Gott wie einer von uns ist, ja absurd ist. Das kann nicht funktionieren.

Und dann landet Gott bei einer Psychologin.
Er braucht dringend Hilfe. Und er trifft auf eine junge Frau, gespielt von der wunderbaren Mira Huber, die zum einen die Nerven hat und zum anderen den Kopf, um der Sache auf den Grund zu gehen. Es ist ein Zwei-Personen-Stück, ein Dialogstück. Wir haben viele Szenen, die immer wieder wie Streitgespräche von einem alten Ehepaar daherkommen. Auseinandersetzungen um Begrifflichkeiten, um das, was richtig und was falsch ist.

Und Gott hat dafür nur eine Stunde Zeit.
Eine Stunde, mehr geht nicht.

Wenn es um Begrifflichkeiten geht: Beim Hofspielhaus-Team betont man jetzt gerne, dass Sie schon bei der „Schöpfungsgeschichte“ des kleinen Theaters einst dabei waren. Jetzt kommen Sie als Gott zurück.
Das ist sehr lustig, ja. Christiane Brammer hat damals irgendwann mal bei mir angerufen und gefragt, ob ich eine Lesung machen will. Es war Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“. Jahre später, also jetzt Ende Juni, ruft sie mich an und sagt, sie schickt mir ein Stück – mit der Frage, ob ich Lust habe, Gott zu spielen. Das Buch „10 Jahre Hofspielhaus“ lag anbei.

Musste Christiane Brammer Sie lange überreden?
Überhaupt nicht. Ich habe das Stück gelesen und dann habe ich zu meiner Frau gesagt: Ich spiele im Herbst Theater in München. Ich kenne die Christiane und ich kenne dieses Theater und es passt da einfach rein wie die Faust aufs Auge.

Was ist das Besondere am Hofspielhaus?
Das ist Theater in seiner reinsten Form. Dort gibt es nicht viel drumherum. Keine großen Licht-, Ton-, Bühneneffekte, Kostüme oder sonst was. Das ist sehr pur. Und man ist ganz nah am Publikum. Man hört die Leute atmen, wenn man auf der kleinen Erhöhung für die Bühne steht.

Das klingt ziemlich direkt.
Klar, ganz nah dran. Ein sehr, sehr direktes Theater. Das ist echt super. Als Zuschauer sitzt man praktisch mit auf der Bühne.

Was macht dieses „ganz pur“ mit Ihnen als Schauspieler?
Die Arbeit ist immer die gleiche, egal ob man am Set für einen Kinofilm ist oder im kleinen Theater. Das Drumherum ist ein bisschen anders, aber das Drumherum ist nicht die Arbeit. Ich muss mich mit der Situation, mit dem Text auseinandersetzen, muss überlegen, wie ich das selbst greifen kann. Ich muss eingehen können auf Regie und Partner: Wie sehen die das und wie kriegt man das zusammen? Es ist immer analog, es ist immer direkt.

Sie sind in München an der Schauspielschule gewesen und haben hier Theater gemacht. Was bedeutet Ihnen die Stadt als Theaterort?
Ich war zuerst in der Schauburg fünf Jahre und dann noch mal zwei Jahre am Volkstheater. Davor fast eineinhalb, zwei Jahre in der freien Szene. Ich war einfach viel unterwegs. Als ich angefangen habe, ging es erst einmal darum, überhaupt den Fuß reinzubringen. Es ging nicht nur um künstlerische Verwirklichung. Ich musste auch meine Miete bezahlen.

Sie verschwinden bei einer Produktion wochenlang im Probenbetrieb. Was macht das mit Ihnen?
Du bist über fünf, sechs Wochen lang eigentlich die meiste Zeit in einem dunklen Probenraum. Und bist total konzentriert auf das Stück, den Text, die Abläufe, die Kollegen. Du gehst nach Hause, du isst, trinkst, schläfst und dann geht es wieder aus dem Haus. Und dann ist Premiere und man hat erst mal ein bisschen Luft – und stellt fest, dass die Welt sich verändert hat. Das ist ein abgeschlossener Mikrokosmos. Für mich war das zum Teil erschreckend, dass man da so abtaucht, dass man gar nicht mitkriegt, dass außen auch noch etwas passiert.

Theatrical performance: man in brown jacket on a rope swing prop against a dark stage backdrop.
Heio von Stetten (c) Severin Vogl

Jetzt spielen Sie Gott in München. Wo würden Sie ihn zum Entspannen hinschicken?
Was ich sehr gerne mag, ist die Isar-Alm unten am Tierpark. Es ist ein kleiner Biergarten, der wirklich absolut im Grünen ist. Total schön. Dann liebe ich natürlich den Max-Emanuel-Biergarten. Oder den Biergarten am Hofbräukeller in Haidhausen. In München gibt es schon Plätze, wo Gott sich entspannen kann.

Was sollte Ihrer Meinung nach beim Publikum nach dem Abend hängen bleiben?
Es wäre schön, wenn man sagt: Das war jetzt toll gemacht und man sollte häufiger ins Theater gehen. Es wäre noch schöner, wenn es uns gelingt, dass das Stück die Menschen auch zum Nachdenken bringt oder man vielleicht für den Heimweg noch was mitnimmt.

Was nehmen Sie selbst aus der Rolle mit?
Das kann ich Ihnen noch gar nicht sagen, ich lerne die Rolle ja gerade erst kennen. Das ist ein bisschen, als ob ich in einer neuen Landschaft spazieren gehe, ich taste mich so durch, entdecke lauschige Plätze, manches erschreckt mich, es wird eng und dunkel, dann weitet sich der Blick wieder. Ich trage die Texte immer mit mir herum – und dann fallen mir später an den unpassendsten Orten wieder Teile davon ein.

Ach ja, wo denn?
Das kann beim Einkaufen passieren, vor dem Kühlregal, dass ich plötzlich irgendwas aus einem Stück vor mich hersage. Das bringt mir dann den ein oder anderen besorgten Blick ein.

Und irgendwann ist das Stück, aber dann auch Ihre Rolle als Gott wieder weg?
Zum Glück vergesse ich die vielen Texte irgendwann auch mal wieder. Aber solange ich da drin bin, stecke ich ganz drin. Es hat für mich viel damit zu tun, den Augenblick zu genießen, im Augenblick zu sein, wertzuschätzen, was ist, und dankbar dafür zu sein.

Interview: Rupert Sommer

Heio von Stetten: Vom Bauernhof auf die Bühne: HEIO VON STETTEN, dessen Familie auf einen alten Augsburger Patrizier-Clan zurückgeht, wuchs mit fünf Geschwistern auf einem elterlichen Gutshof auf und lernte dort viel – anpacken, Bulldog-Fahren und Improvisieren. In München besuchte er die Otto-Falckenberg-Schule und wurde dann Ensemble-Mitglied in der Schauburg und im Volkstheater. Nach unzähligen Filmen und Fernsehprojekten kehrt er am Hofspielhaus im Zwei-Personen-Stück „Oh Mein Gott!“ aktuell zu seinen Bühnenwurzeln zurück. www.hofspielhaus.de/stuecke/oh-mein-gott/

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