Der Element-of-Crime-Sänger liest am 17.11. in der Alten Kongresshalle und spricht über Brüder, West-Berlin und Komik
Am 17.11. liest Sven Regener in der Alten Kongresshalle aus seinem neuen Roman „Frankie und Freddie“. Im Ortsgespräch erzählt der Autor und Element-of-Crime-Sänger, was ihn am Lehmann-Kosmos reizt, wie Musik seine Dialoge prägt und warum er in der Kunst nicht für das Sentimentale ist.
Herr Regener, Ihr neuer Roman führt wieder in den Lehmann-Kosmos. Wie ist es, eine solche Welt immer weiterzuschreiben?
Jedes Buch hat eigentlich eine eigene Geschichte. Dass man das Personal schon kennt, ist natürlich eine gute Sache, aber die Stoßrichtung ist oft ganz anders. Dieses Buch hat sehr viel mit Familie, mit zwei Brüdern und ihrem Verhältnis zueinander zu tun. Der eine geht nach New York, der andere bleibt in West-Berlin. Beide haben ihre Heimatstadt und ihre Eltern verlassen. Das ist natürlich ein ganz anderer Roman als „Herr Lehmann“. Gleichzeitig ist durch die Figuren eine gewisse Kontinuität da. Wenn man solche Figuren hat, kann man mit ihnen fast jede Geschichte erzählen. Man muss nur die richtige Idee haben.
Zwischen den Romanen liegt immer etwas Abstand. Tut das den Geschichten gut?
Ja. Man könnte das wie ein Cluster sehen. „Neue Vahr Süd“, „Der kleine Bruder“, „Wiener Straße“, „Glitterschnitter“ und jetzt „Frankie und Freddie“ ballen sich in einem kurzen Zeitraum zusammen. Aber wichtig ist: Jeder Roman kann für sich alleine stehen. Man braucht keine Vorkenntnisse, um ihn zu verstehen. Eine Fortsetzungsgeschichte, die man nur lesen kann, wenn man die anderen Bücher kennt, würde ich nicht machen.
Die Dialoge haben einen sehr eigenen Rhythmus. Spielt dabei Ihre Musik eine Rolle?
Auf jeden Fall. Sprache hat einen Klang und einen Rhythmus. Diese Menschen singen alle ihr Lied, sozusagen. Sie versuchen, sich durchzusetzen und sich verständlich zu machen. Und das ist eine sehr schwierige Angelegenheit zwischen Leuten. Wie sie das tun, wie das klingt und wie sie ihre Sprüche raushauen, ist eine unterschwellige Musik.
Der Roman spielt kurz vor Weihnachten. Ist „Frankie und Freddie“ auch ein Weihnachtsroman, weil viele Musiker ja auch mal ein Weihnachtsalbum rausbringen wollen?
Ich glaube, es ist nicht mehr ein Weihnachtsroman als etwa „Der Fänger im Roggen“, der auch kurz vor Weihnachten spielt. Wichtig ist, dass die familiäre Geschichte, das Brüder- und Familienthema und die Eltern, die die beiden hinter sich gelassen haben, durch das Nahen von Weihnachten noch einmal verstärkt werden. Auch die Frage, ob sie über Weihnachten wegen Heiligabend noch einmal schnell nach Hause fahren sollten, spricht da Bände.
Worauf spielen Sie an?
Weihnachten hat diesen Kern von Familie, aber auch etwas von Zwangsgemeinschaft und Zwangsfest.
Sie machen Musik und schreiben Romane. Wie stark vermischt sich beides?
Bei mir geht das nicht. Wenn wir mit der Band einen Song schreiben und ich dafür Texte machen will, habe ich das die ganze Zeit im Kopf. Dann kann ich mich nicht in denselben Tagen und Wochen auch mit einem Roman beschäftigen. Und umgekehrt: Wenn ich einen Roman schreibe, findet das vor allem im Kopf statt. Dann habe ich den Kopf auch nicht frei für andere Dinge. Deshalb sind Songschreiben und Plattenproduzieren ganz klar voneinander getrennt.
Wie viel eigene Erinnerung steckt in den Szenen aus dem West-Berlin der frühen 80er?
Ich kann mich an viele Aktionen dieser Art erinnern. Das war eine Zeit, in der sich viele Leute intensiv mit Kunst beschäftigten und das für diese Altersgruppe eine große Attraktivität hatte. Gerade in West-Berlin, aber auch in anderen Städten. Mir hat das Spaß gemacht, weil ich mich an diese Haltung zur Kunst erinnern kann: „Hey, egal, ich habe da diesen Job: Wir sollen Weihnachtslieder auf dem Weihnachtsmarkt spielen, wir geben uns ein paar Mark, lass uns mal ein paar Saxophonisten zusammentrommeln und das zusammenspielen.“ Daraus eine Kunstaktion zu machen, ist sehr dem Geist der Zeit geschuldet.
Ihr West-Berlin ist dabei alles andere als verklärt.
Ich bin in der Kunst nicht so für das Sentimentale. Die Kunst wirkt an sich schon so stark aufs Gefühl. Da muss man das nicht noch extra verstärken und verdoppeln. Unter dieser Geschichte liegt eine gewisse Melancholie wegen der Situation der beiden Brüder, ihres Verhältnisses zueinander und dessen, was aus ihnen werden wird – und weil sie das selbst wissen.
Wie handhabt man das beim Schreiben sensibel?
Auch die Komik schafft Distanz. Komik hat ja immer auch damit zu tun, dass man Gefühle wieder abtötet, dass man Distanz schafft, indem man sich auch darüber lustig macht. Das Leben hält eine Menge Situationen bereit, die einen, wenn man Humor mitbringt, kurz aus der Verbissenheit herausbringen können. Das Sentimentale an sich, also das Schwelgen in Gefühlen und eine nostalgische Verklärung, ist nicht so meine Sache. Dafür sind die Romane zu sehr vom Realismus geprägt.
Interview: Rupert Sommer
Sven Regener: Kodderschnauze: Die Kauzigkeit und der staubtrockene Humor sind das Markenzeichen von Multitalent SVEN REGENER, der aus Bremen kommt und wie Frankie, Freddie und Chrissie lange im alten West-Berlin gelebt hat. Wenn er nicht mit Element of Crime auf Tour oder im Studio ist, schreibt er fleißig Romane – darunter schon sieben aus dem „Herr Lehmann“-Kosmos.
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