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Jürgen Todenhöfer: „Den Problemen junger Menschen widmen“

Jürgen Todenhöfer
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Jürgen Todenhöfer

Durchstarten mit 80: Jürgen Todenhöfer, Publizist, Buchautor, Ex-Medienmanager und Politiker, hat aktuell einen „Team Todenhöfer“-Landesverband in Bayern gegründet. Was er erreichen will.

Herr Todenhöfer, Sie wollen mit ihrem „Team Todenhöfer“ noch mal in der Politik mitmischen. Was hat Sie konkret zu einer Parteigründung veranlasst?
Auch nach meinem Ausscheiden aus dem Bundestag vor 30 Jahren beobachte ich die Politik sehr genau und habe engen Kontakt zu Regierungsmitgliedern. Ich finde, dass die Bundesregierung, insbesondere SPD und CDU/CSU, erstarrt sind und jede Kreativität vermissen lassen. Stattdessen gibt es eine ganze Reihe gefährlicher Fehlentwicklungen. In fast allen Bereichen. So kann es nicht mehr weitergehen - deshalb treten wir an!

Sie waren ja über viele Jahre eine prägende Kraft in der politischen Landschaft. Warum ist das, was Sie nun verändern wollen, in Ihrer langjährigen alten Partei, der CDU, offenbar nicht möglich?
Die CDU/CSU hatte Großes geleistet, als es um den Wiederaufstieg nach dem zweiten Weltkrieg ging. Sie hatte Verdienste wegen ihrer hohen wirtschaftlichen Kompetenz, als Partei des Friedens. Davon ist nichts übrig geblieben. Wenn sich unter Kohl ein CDU-Abgeordneter für einen militärischen Auslandseinsatz der Bundeswehr eingesetzt hätte, wäre er aus der Partei geflogen. Heute ist Deutschland an 13 Militäreinsätzen im Ausland beteiligt, und man muss sich nach Auffassung führender Politiker der CDU inzwischen entschuldigen, wenn man gegen Kriege ist und sie für eine schlimme politische Niederlage, für eine menschliche Tragödie hält.

Was stört Sie außerdem?
Auch die Position der Bundesregierung in Menschenrechtsfragen ist oft nicht überzeugend. Müsste sich die Bundesregierung angesichts der Versklavung von über einer Million Uiguren in China jetzt nicht für einen Boykott der olympischen Winterspiele 2022 in Peking aussprechen? Solange die Uiguren nicht wie Menschen behandelt werden? Die Uigurenfrage zeigt die ganze Unehrlichkeit der deutschen Außenpolitik. Vor dieser Frage kann man sich nicht einfach verstecken, wie das die Bundesregierung tut.

Sie haben aktuell einen Landesverband in Bayern gegründet. Wie geht es nun mit dem Team Todenhöfer weiter, wie wollen Sie Zug um Zug Interessenten, aber auch politische Gegner über Ihre Ziele informieren?
Wir haben nach wenigen Wochen bereits mehrere Tausend Mitglieder und zuletzt unser Parteiprogramm vorgestellt. Auf der anderen Seite muss man sich natürlich angesichts der Corona-Maßnahmen von Bund und Länder, die ich an dieser Stelle nicht kritisieren möchte, die Frage stellen, ob zurzeit in Deutschland überhaupt demokratische Wahlen möglich sind? Demokratische Wahlen setzen nach unserer Verfassung und nach dem Parteiengesetz absolute Chancengleichheit aller Parteien voraus. Eine neue Partei wie unsere hat es durch das Herunterfahren des öffentlichen Lebens schwer, sich bekannt zu machen und einen normalen Wahlkampf zu führen, weil öffentliche Kundgebungen auf Plätzen und Straßen wegen Corona massiven Einschränkungen unterliegen und Wahlveranstaltungen in Sälen zurzeit nicht möglich sind, da nur ein Bruchteil der möglichen Besucher die Säle betreten dürfen.

Das stört die etablierten Parteien wie CDU/CSU, SPD und die Grünen wahrscheinlich nicht sehr. Sie sind ja bekannt. Aber für neue Parteien ist ein klassischer Wahlkampf zurzeit so gut wie unmöglich. Vielleicht wird sich das im Frühsommer ändern, aber dann ist nur noch wenig Zeit bis zur Bundestagswahl. Das wirft eine verfassungsrechtliche Frage auf, ob man Wahlen unter diesen Bedingungen als demokratisch bezeichnen kann. Ich bin gespannt, wie die Bundesregierung und das Bundesverfassungsgericht mit diesem Problem umgehen werden. Aber gehen Sie ruhig davon aus, dass wir uns da einiges einfallen lassen werden. Wir haben ja gar keine andere Wahl.

Mit welcher Schlagkraft rechnen Sie mittelfristig bis zur Bundestagswahl?
Genaue Zahlen habe ich nicht. Es sind in jedem Fall schon mehrere Tausend. Aus allen Parteien. In unserem Wahlkampfteam sind frühere Mitglieder der Linken, der Grünen, der FDP, der SPD und der CDU. Unser Ziel ist, die AfD bald bei der Zahl der Mitglieder zu überholen. Jeder kann da mithelfen. Die AfD hat 34.000 Mitglieder. Wir wollen dadurch der Welt zeigen, dass es vernünftige Gegenpositionen zur Politik der jetzigen Bundesregierung gibt, ohne dass man wie die AfD rassistisch oder rechtsradikal auftritt.

Wie wichtig ist es für Sie, nun personelle Strukturen aufzubauen, und auf welche Kräfte wollen Sie bauen?
Ich weiß von meinen Buchlesungen, dass meine Leser und Anhänger sehr jung sind (Durchschnittsalter 24). Das bedeutet, wir haben eine sehr junge Anhängerschaft und wir werden uns daher auch den Problemen junger Menschen widmen. Die junge Generation wird durch die jetzige Sozialpolitik massiv benachteiligt. Ihre Sozialbeiträge werden in den nächsten Jahren steigen, wahrscheinlich auch ihre Rentenbeiträge. Aber sie werden das Geld, das sie jetzt einzahlen, nie wieder zurückbekommen. Wir sehen uns allerdings nicht als eine Partei, die eine bestimmte Gruppe Deutschlands bedienen möchte.

Wir wollen eine Partei sein, die einen historischen Kompromiss anstrebt und alle Bevölkerungsschichten vertritt: die neue Mitte, die alte Mitte und auch Menschen, denen es richtig schlecht geht. Menschen denen keiner zuhört und um die sich niemand kümmert. Wir wollen die fortschreitende Spaltung Deutschlands stoppen. Wir planen mit der jüngsten Kandidatenliste und mit dem höchsten Frauenanteil anzutreten. Im Falle einer Regierungsbeteiligung, die wir wie jede Partei anstreben, würden wir allerdings auch auf bekannte parteipolitisch ungebundene Experten und Wissenschaftler zurückgreifen, mit denen ich jetzt schon in engem, regelmäßigem Kontakt stehe. Wir setzen da auf eine gesunde Mischung.

Gerade mit Ihren zentralen Forderungen wie nach „mehr Menschlichkeit“ in der deutschen Politik könnte man ja vermuten, dass Sie auf ein dezidiert junges Publikum blicken. Wie wollen Sie das konkret erreichen?
Die meisten unserer Anhänge sind ohnehin sehr jung. Wir kommunizieren mit ihnen hauptsächlich über unsere Social Media Kanäle. Aber wir werden uns genauso um die Probleme der älteren Menschen kümmern. Zum Beispiel um das Problem der Einsamkeit älterer, kranker Menschen. Ich habe vor zehn Jahren ein Projekt gegründet, in dem wir zusammen mit jungen Studenten und mit der Sozialkompetenz der Stadt München versuchen, diese älteren Menschen, die schließlich unser Land mit aufgebaut haben, wieder ins gesellschaftliche Leben zu integrieren.

Wir machen mit ihnen Ausflüge, Theaterbesuche, Sommerfeste. Wir bringen ihnen die ersten Frühlingsblumen und das letzte herbstliche Obst, Weintrauben aus meiner Heimat Baden. Wir wollen ein derartiges Programm (Jung für Alt) für ganz Deutschland promoten. Es gibt in Deutschland so viele wohlhabende Menschen und so viele idealistische junge Menschen, dass man in allen großen Städten Deutschlands mehr für ältere Menschen tun könnte und ihnen helfen könnte ihrer Isolation und Einsamkeit zu entkommen.

Wie aktiviert man Ihrer Meinung nach kommunikativ am besten die Generation Greta?
Die Generation Greta ist leider zum Teil noch nicht wahlberechtigt. Junge Menschen gewinnt man, indem man Glaubwürdigkeit und Menschlichkeit beweist und nicht nur darüber redet. Menschen wie Luisa Neubauer und Co müssen sich von unseren Parteien doch komplett verarscht vorkommen. Zurzeit ist unsere angeblich klimafreundliche Energiepolitik eine große Farce. Mit den jetzigen Konzepten werden wir die Klimakatastrophe nie aufhalten. Die Chancen von grünem Wasserstoff beispielsweise sind bisher sträflich vernachlässigt worden. Es könnte sehr wohl sein, dass das Elektroauto eine dramatische Fehlentwicklung ist. Bernie Sanders in Amerika war übrigens fast genauso alt ist wie ich und hatte eine ähnlich junge Anhängerschaft hinter sich. Und er hatte großen Erfolg.

Schon namentlich erinnert Ihr Auftritt mit einem Team Todenhöfer an den früheren Kurs etwa von Österreichs Kanzler Kurz, der mit dem Namen Team Kurz in den Wahlkampf ging. Was kann man von ihm in Sachen PR-Strategie und Wahlkampfführung abschauen?
Kurz vertritt eine völlig andere Politik als wir. Wir kennen uns übrigens vom Bergsteigen in Südtirol. Da haben wir aber nicht über Wahlkampf, sondern über Bergsteigen gesprochen.

Einige Ihrer Forderungen, etwa was Friedens- und Machtpolitik angeht, rufen Erinnerungen an Ihre medial vielbeachteten Reisen etwa in den Nahen Osten wach. Waren Sie damals in Ihrer eigenen Wahrnehmung eigentlich eher als Aktivist oder als Journalist unterwegs?
Die Frage habe ich mir nie gestellt. Ich war wahrscheinlich ähnlich neugierig wie alle Journalisten. Wenn es eine Gelegenheit gab, sich für friedliche Lösungen einzusetzen, habe ich zusätzlich versucht, meine alten Kontakte nach Berlin und auch nach Washington zu nutzen. Die Bundesregierung hat mir damals mehrfach geholfen. Besonders Wolfgang Schäuble, aber auch die Kanzlerin. Die Versuche von Männern der Wirtschaft - und nach 22 Jahren Medienmanagement bin ich ja auch ein Mann der Wirtschaft - bei Konflikten nach Vermittlungslösungen zu suchen, haben übrigens eine lange Tradition. Der frühere US-Präsident Wilson schickte vor dem ersten Weltkrieg einen engen Freund, einen Mann der Wirtschaft, zu den europäischen Regierungen, um den Krieg doch noch zu verhindern. Leider vergeblich. Bei mir war auch vieles vergeblich. Nicht vergeblich waren die Waisenhäuser in Afghanistan, die Kinderprothesen in Syrien und unser kleines mobiles Krankenhaus für die Rohingya in Bangladesch. Wenn dies nur einem einzigen Kind geholfen hat, dann hat sich alles gelohnt.

Ihre sehr eigenen Vor-Ort-Erfahrungen, etwa im Irak oder den Ländern, in denen vom „Arabischen Frühling“ die Rede war, haben Sie zum Talkshow-Dauergast und zum erfolgreichen Buchautor gemacht. Fühlten Sie sich dadurch zuletzt nicht mehr ausgelastet oder fanden Sie nicht das Gehör, das Ihnen vorschwebt?
Doch, die Bücher waren ja alle Bestseller! Kein politisches Buch hat sich letztes Jahrbesser verkauft als „Die große Heuchelei“. Aber wenn man etwas verändern will und merkt, die anderen bleiben stur, dann muss man eben selber loslegen. Das mache ich jetzt. Wir wollen das verschlafene Berlin aufmischen.

Letzte Frage: Mit Verlaub, Herr Todenhöfer, woher gewinnen Sie Ihre Energie?
Zurzeit vor allem durch Süßigkeiten. Aber sonst wohl davon, dass ich jeden Tag mindestens eine Stunde Sport mache und so paradox das auch klingen mag, dadurch dass ich gerne arbeite. Und viel lese. Gerne lese.

Interview: Rupert Sommer

Was im Parteiprogramm steht und alle weiteren Infos zu den Aktionen von Team Todenhöfer erfährt man hier: www.teamtodenhoefer.de. Am 19. Februar hat Jürgen Todenhöfer, der selbst als Kind in Hanau lebte, um 19.00 Uhr in der Bad-Schachenerstr. 14 eine Mahnwache gegen Rassismus geplant. Sie soll an das Attentat in Hanau erinnern, bei dem vor einem Jahr neun Mitbürger in Hanau ums Leben kamen.

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