Glosse: Oper für Alle!

Glosse: Oper für Alle!

Oper und Ballett boomen, auch wenn ein Schauspiel-Star das anders sieht.

Da ging ein Raunen durch die Kulturlandschaft als der amerikanische Schauspiel-Star Timothée Chalamet kürzlich in einem Interview sagte, dass er nicht in Oper oder Ballett arbeiten wolle, da sich für diese Felder niemand interessiere. Und auch wenn er das nur mit vermeintlichem Augenzwinkern sagte, zeugen die Kommentare doch von großem Unwissen und einem recht engen Horizont. Genauer: Auch in seiner Sparte -dem Film-  gibt es abseits der großen Mainstream-Produktionen, in denen Chalamet mitspielt, zahllose Werke, die nicht viele Menschen erreichen aber wichtig für die Kunstform sind. Kurz: Chalamet hat Relevanz und Popularität verwechselt. Obendrein: Wäre Chalamet nicht in New York oder Los Angeles oder wo er eben wohnt, sondern bei uns heimisch, hätte er wohl anders gesprochen. Denn… Kalte Zahlen lügen nicht.

100 Prozent Auslastung

Serge Dorny, der Intendant der Bayrischen Staatsoper gab kürzlich im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa nicht ohne Stolz bekannt: »In der Sparte Oper liegt sie [die Auslastung] derzeit bei 99 Prozent, beim Bayerischen Staatsballett sogar bei 100 Prozent«. Unglaubliche Zahlen. Und sogar besser als vor der Coronakrise! Die guten Zahlen lägen laut der Geschäftsführerin des Bühnenvereins Claudia Schmitz auch daran, dass der Standort München als Kulturhauptstadt offensiv kommuniziert werde. Hoffentlich hat das unser neuer OB auf dem Schirm, weiß diese Erkenntnis auch für andere kulturelle Sparten (Theater! Literatur! Bildende Kunst! Film!) urbar zu machen und dementsprechend auch die Fördertöpfe wieder zu füllen.

Mit großem Dank an Hui He

Zum Abschluss noch eine persönliche Anekdote: Im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit hatte ich im Jahr 2019 -29-jährig und von Oper bislang nur peripher tangiert- das Glück bei einem PR-Event der Arena di Verona die chinesische Sopranistin He Hui im intimen Rahmen des Hofspielhauses nur von einem Klavier begleitet, ein Puccini-Stück darbieten zu hören. Ich saß da, im Dead-Kennedys-T-Shirt, verstand nichts vom Text und war doch völlig hin und weg. Unfassbar was für eine wundervolle Wucht da aus dem Nichts auf mich niederprasselte. So eine Epiphanie wie mir die werte He Hui da in drei Minuten reingedrückt hat, konnte mir die Filmografie des frechen Wonneproppens Timothée -von „Interstellar“ bis „A Complete Unknown“- noch nie mitgeben. Sexy Schlafzimmerblick hin oder her. Und hat die Oper seit diesem Erweckungserlebnis Einzug in mein Leben gehalten? Nicht in dem Ausmaß, das ich mir wünschen würde. Aber eben nur nicht, weil man -erfreulicherweise- so schwer an Karten kommt. Dafür ist „Oper für Alle“ schon dick im Kalender angestrichen. Am 4.7. um 17 Uhr wird Wagners „Die Walküre“ in der Inszenierung von Tobias Kratzer live auf den Max-Joseph-Platz übertragen. Komm doch auch Timothée. Wird schön und relevant!