Willkommen zurück: ULRICH NOETHEN kommt für einen Gustav-Mahler-Abend in seine Geburtsstadt.
Herr Noethen, Sie leben in Berlin – aber München spielt in Ihrer Biografie ja durchaus eine nicht ganz unwichtige Rolle. Wie gern kommen Sie ab und an hierher zurück?
Mit großer Freude. Das gehört ja zum Selbstverständnis des Menschen, dass er sagen kann, wo er herkommt. Ich bin im Krankenhaus Rechts der Isar zur Welt gekommen und fühle mich dieser Stadt sehr verbunden. Auch wenn ich hier nicht aufgewachsen bin – meine Familie ist früh weggezogen –, habe ich mich in München immer heimisch gefühlt.
Diesmal treten Sie im Münchner Künstlerhaus auf. Ein Ort, den auch unter den Münchner Kulturfreunden nicht jeder sofort und in seiner früher oft ein wenig übersehenen Kostbarkeit kennt.
Ich glaube, das liegt daran, dass das Künstlerhaus erst in den letzten Jahren wieder so einen Aufschwung erlebt hat. Früher wurde es wohl oft für Feiern genutzt. Aber mit dieser wunderbaren Bühne und dem aktuellen Programm hat sich das, glaube ich, verändert. Es ist zu einer Art „geheimer Perle“ geworden.
Was macht das Haus so besonders?
Es ist ein Schmuckkästchen. Viele Künstler haben dort wieder einen Ort gefunden, an dem sie andocken können.
Sie lesen dort aus dem Briefwechsel von Gustav Mahler und Alma Mahler-Werfel. Dabei wirkt ein Besuch im Künstlerhaus fast wie eine Zeitreise zurück in die Pracht der damaligen Zeit, auch wenn es natürlich nicht nach Wien geht. Wie sehr hilft das Kronleuchter-Ambiente bei der Annäherung an diese Figuren, die ja gleichzeitig auch aus heutiger Sicht etwas sperrig sind?
Natürlich ist es eine Herausforderung, sich mit Mahler zu beschäftigen. Seine Musik ist für viele bis heute nicht leicht zugänglich. Ich selbst wäre wahrscheinlich gar nicht auf die Idee gekommen, mich intensiv damit zu befassen, wenn das Projekt nicht an mich herangetragen worden wäre. Aber wenn man sich dann einarbeitet, entsteht eine große Faszination – gerade für diese Beziehung zwischen zwei so unterschiedlichen, zerrissenen Persönlichkeiten.
Was macht die Liebes- und dann Ehebeziehung so spannend?
Beide waren auf ihre Art extrem. Alma war selbst eine Künstlerin. Leidenschaftlich, sehr selbstbewusst, eine Frau, die gewohnt war, im Mittelpunkt zu stehen. Sie wurde einmal als „Inbegriff einer Wiener Operette“ beschrieben. Sie war lebensgierig und voller Energie.
Und Mahler?
Leonard Bernstein hat ihn als zutiefst zerrissenen Menschen beschrieben, als einen, der musikalisch mit dem einen Fuß noch im 19. Jahrhundert steht und mit dem anderen, aber noch unsicher, bereits im 20. Jahrhundert. Für Mahler stand seine Kunst im Zentrum, der sich alles andere unterzuordnen hatte. Das hat natürlich Folgen für eine Beziehung.
Ein Verhältnis zwischen „Nicht frei von Spannungen“ und „Hochproblematisch“?
Absolut. Es gibt Briefe von Mahler, die sind aus heutiger Sicht kaum vorstellbar. Er verlangt von ihr, sich ihm ganz unterzuordnen – keine eigene künstlerische Tätigkeit mehr, sondern ganz für ihn da zu sein. Diese Briefe sind atemberaubend und verstörend in ihrer Tiefe und Unbedingtheit.
Wie stark irritiert das den Zugang?
Naja, immer wieder dieses widersprüchliche Verhältnis zwischen dem Leben des Künstlers und seinem Werk! Man muss vielleicht versuchen zu verstehen, aus welcher Zeit heraus das kommt. Mahler war auch als Dirigent mit seinen klaren künstlerischen Forderungen – für die Zeit üblich – eine autoritäre Figur: Die Musiker im Orchester hatten Angst vor ihm, haben ihn aber auch verehrt.
Alma wiederum hatte eigene Ambitionen als Komponistin.
Sie musste sich entscheiden – und hat sich für Mahler entschieden. Aber verständlicherweise nicht so richtig. Das ist eine Beziehung voller Spannungen, Widersprüche und Verletzungen.
Ein berühmtes Beispiel ist der Liebesbrief von Walter Gropius, dem sich Alma später, nach Mahlers Tod, zuwandte. Angeblich landete der Brief an sie „versehentlich“ bei Mahler, obwohl ihn Gropius so adressiert hatte.
Ob das wirklich ein Versehen war, darf bezweifelt werden. Der Effekt war natürlich verheerend. Das hat wie eine Bombe eingeschlagen.
Aus heutiger Sicht ist Alma natürlich eine beeindruckende Frau, die mit den klügsten und kreativsten Männern ihrer Zeit zusammenkam – und sich durchaus behaupten konnte. Hand aufs Herz: Wenn das möglich gewesen wäre, hätten Sie lieber Alma gelesen?
(lacht) Die Frage hat sich nicht gestellt. Alma ist womöglich die schillerndere Figur. Aber Mahler ist herausfordernd, gerade in seiner Komplexität und Zerrissenheit.
Wie nähert man sich so einem Stoff an?
Zunächst einmal arbeite ich mit dem vorhandenen Material. Das Manuskript zur Lesung wurde ja erstellt, bevor ich dazukam. Also: lesen, verstehen, ein Gefühl dafür entwickeln.
Wie sehen die Momente aus, die besonders schwierig sind?
Es sind vor allem die sehr intimen Passagen. Wenn Mahler verzweifelt ist und sich Alma gegenüber geradezu erniedrigt, wird es schwierig. Das sind intimste Texte, die nie für die Öffentlichkeit gedacht waren. Da muss man einen Weg finden, sie zu vermitteln, ohne dass es peinlich oder lächerlich wirkt.
Es ist also mehr als eine klassische Lesung?
Das ist genau die Frage, mit der sich Anika Pages und ich beschäftigen. Für mich ist eine Lesung in erster Linie etwas fürs Ohr. Mein Ziel ist es, dass die Menschen zuhören. Wenn diese Konzentration im Raum entsteht, ist das etwas sehr Schönes.
Wird es auch Musik geben?
Ja, es wird musikalische Elemente geben. Das gehört natürlich zu Mahler. Markus Kreul spielt ausgewählte Kompositionen am Klavier.
Es klingt so, als ob Sie noch in der Erarbeitung des Abends stecken: Das ist noch kein fertiges Projekt, dass Sie schon mehrfach gespielt haben – und das dann an andere Orte weiterzieht?
Es ist eine Premiere. Ob und wie sich das weiterentwickelt, kann ich im Moment nicht sagen.
Wie intensiv tauchen Sie privat in Mahler ein: Gehen Sie im Moment mit Streicherbegleitung ins Bett und lassen sich morgens vom Waldhorn-Klang wecken?
(lacht) Nicht wirklich. Ich versuche jetzt nicht für die Lesung, den Menschen Gustav Mahler mit Haut und Haar zu erfassen oder nachzuspielen. Anika Pages und ich, wir geben Eindrücke wieder, ein Bild von zwei Menschen – mehr nicht. Und das reicht auch.
Zum Schluss noch ein Blick zurück: Ihre Rolle als Kriminalkommissar Tabor Süden in den zwei tollen ZDF-Krimis hat viele mit München verbunden. Warum gibt es davon nicht mehr: Wie oft drängen Sie darauf, dass es mal weiter geht – Friedrich Ani hat ja noch mehr geschrieben?
Da überschätzen Sie meinen Einfluss. Wir haben zwei Filme gemacht, und die Verantwortlichen beim Sender haben sich gegen eine Fortsetzung der Reihe entschieden.
Wie sehr hat Sie das geärgert?
Das ist jetzt fast zwanzig Jahre her. Ich habe die Figur sehr gerne gespielt. Sie hatte den besonderen Ani‘schen Blick auf die Welt. Aber wie heißt es: Des muass ma megn, sonsd mog mas ned.
Also keine Chance auf ein Comeback?
Schwer vorstellbar.
Wie schade. Vielen Dank für das Gespräch.
Sehr gern. Ich danke Ihnen.
Ausnahmetalent: ULRICH NOETHEN, der 1959 als Pfarrersohn in München zur Welt kam und mit Filmen wie „Comedian Harmonists“, aber auch „Das Sams“ und „Das fliegende Klassenzimmer“ berühmt wurde und in München mit den zwei „Tabor Süden“-Krimis unvergessen ist, liest am 16. Mai in der „Starke Stimmen“-Reihe zusammen mit der Schauspielerkollegin Anika Pages aus dem Briefwechsel zwischen Alma und Gustav Mahler. Zur Einführung empfiehlt sich bereits um 18 Uhr der Vortrag „Leben, Werk und Philosophie Gustav Mahlers“ mit dem Autor der Lesefassung Klaus Michael Groll, langjähriger Dozent an der Münchner Musikhochschule. www.kuenstlerhaus-muc.de
