Aus diesen Lese- und Vortragserlebnissen zieht man viel Widerstandskraft
Gisèle Pelicot „Eine Hymne an das Leben“
Man kann sie nur bewundern, für ihren unerschütterlichen Mut, entschlossen für die Wahrheit zu kämpfen und sich den Augen der Öffentlichkeit zu stellen: Gisèle Pelicot, die von ihrem Mann und seinen Mitvergewaltigern in Avignon über Jahre brutal missbraucht wurde, wollte nicht länger Opfer sein und wagte das Maximum an Selbstbehauptung. „Eine Hymne an das Leben“ erzählt davon. (Literaturhaus, 26.2.)
Christian Springer & Kerstin Schweiger „Bayerischer Mob“
Er kann auch anders: Christian Springer, der Orienthelfer und engagierte Kabarettist, hat zuletzt zusammen mit Kerstin Schweiger ein wuchtiges Thema in gebotener Stringenz bearbeitet – in Buchform. „Wie die Gewalt in die Politik einzog“ ist die Leitfrage. Es geht um Gespräche mit betroffenen Politikerinnen und Politikern – und natürlich um Schuldfragen. Zudem haben beide Essays von Autoren wie dem Journalisten Karl Stankiewitz, Interviews mit Staatsschutz-Kommissaren und Einsichten von Musikkabarettist Hans Well versammelt. (Deutsches Theater, 27.2.)
Daniel Speck: Villa Rivolta
Wieder eine italienische Familiengeschichte, von Verlust, Freundschaft und von gesellschaftlichen Gräben: Daniel Speck stellt seinen neuen Roman „Villa Rivolta“ vor. (Literaturhaus, 27.2.)
feast machine
Jan Geiger und L.J. Jeschke wollen Literatur nicht luftleer durch den Raum schicken. Ganz im Gegenteil: Ihr Abend soll eine „Feast machine“ antreiben. Es geht um eine Performance, die Lyrik, Gedicht, Sehnsucht, Stille, Trauer, Fantasien und/oder Realität lebendig werden lässt. Dazu kann man trinken, essen, quatschen und Musik hören. (Pathos Theater, 28.2./1.3.)
U20 Poetry Slam
Wer hätte das gedacht: Die UNESCO zählt die Kunstform des Dichterwettstreits am Mikrofon mittlerweile zum immateriellen Weltkulturerbe. Und der Nachwuchs formiert sich früh, wie man auf dem U20 Poetry Slam selbst bezeugen kann. (Volkstheater, 5.3.)
Peter Stamm: „Auf ganz dünnem Eis“
Aushalten, auch wenn nur noch Kompromisse möglich sind: So erzählt Peter Stamm von einem Skilehrer aus der Schweiz, der nach einem schweren Unfall ausgerechnet in einer Skihalle Arbeit findet. Es fällt Schnee, es ist kalt. Man bewegt sich „Auf ganz dünnem Eis“, so der Titel seiner neuen Kurzgeschichtensammlung. (Literaturhaus, 5.3.)
Tanja Kinkel – Im Wind der Freiheit
Weltfrauentag: Tanja Kinkel arbeitet in ihrem Roman „Im Wind der Freiheit“ heraus, wie das Meisterwerk der Demokratie maßgeblich von Frauen erkämpft wurde. (Amerikahaus, 5.3.)
Auf einen Mokka mit Sue
Die kurdische Dichterin Yildiz Cakar hat viel zu berichten. Sie schreibt über das Leben im Exil, über Verlust, aber auch über Hoffnung: „Auf einen Mokka mit Sue“. (Bellevue di Monaco, 7.3.)
Sonja Eismann: „Candy Girls“
Zu dick, zu dünn, zu sexy, zu schüchtern – und plötzlich dann sogar zu alt: Wer auf der Bühne steht, setzt sich den Blicken, den Sprüchen, der Gewalt aus – vor allem als Frau. Sonja Eismann, Mitgründerin der Magazine „nylon“ und „Missy“, untersucht in „Candy Girls“ die Mechanismen der Popindustrie. Gruselig gut. (Feierwerk Hansa 39, 9.3.)
Ilja Richter „Lieber Gott als nochmals Jesus“
Eine echte Überraschung: Ilja Richter, den Fernsehhistoriker noch als junger TV-Moderator der ZDF-Sendung „Disco“ kennen, umkreist in seinem Buch „Lieber Gott als nochmal Jesus“, das er selbst als humoristische Beichte bezeichnet, die Frage nach der Zugehörigkeit, der religiösen Heimat. Und dann hagelt es bitter-komische Alltagsbeobachtungen, Scherze – und es spielt Musik. (Jüdisches Gemeindezentrum München, Sankt-Jakobs-Platz 18, 10.3.)
Wortspiele 26
So nah kommt aufregende neue Literatur sonst nur selten. Man kann mit den 18 Autorinnen und Autoren des dreitägigen Party-Festivals Wortspiele 26 nicht nur diskutieren, man trifft sie auch gleich nach ihrem Auftritt für ein Bier an der Bar. So lernt man unter anderem Alisha Gamisch vom Tegernsee kennen, die für ihren Erstling „Lustdorf“ zu den besten Lyrikdebüts des Landes ausgezeichnet wurde. Mit „Parasiti“ stellt sie nun ihren ersten Roman vor. Vom afrodeutschen Alltag erzählt Jessica Mawuena Lawson in „Kekeli“. Mit dabei sind auch Anja Gmeinwieser, Leon Engler, Bernhard Heckler, Stefan Sommer oder Mercedes Spannagel („Crashtest Dummies“). Und der Autor, Künstler und DJ Nikolai Vogel macht das Fest mit seinen Visuals und Beats zum Festival. (Muffatwerk, 11. bis 13.3.)
Jan Weiler, Das Beste
Das große Panoptikum, von der ersten Begegnung mit dem Urzeitkrebs bis hin zu Partys, Pickeln und Popkonzerten. Jan Weiler schlägt noch einmal den Bogen und führt Neulinge in die Welt der „Pubertiere“ ein. Und die Kenner kichern. (Kleines Theater Haar, 13.3.)
Best of Poetry Slam
Ein Besuch in der Champions League: Ko Bylanzkys Anspruch, tatsächlich Best of Poetry Slam zu bieten, ist nicht vermessen. Der Szenekenner, Slam-Leiter und Moderator hat vielfach prämierte Autorinnen und Autoren zum Gipfeltreffen zusammengetrommelt – darunter die Berlin-/Brandenburg-Meisterin Kirsten Fuchs aus Berlin oder den Vize-Europameister und deutschsprachigen Meister Anuraj Sri Frjarajendran aus Landau. Und aus Wien kommt der Österreich-Chef David Samhaber, aus Regensburg reist Teresa Reichl, prämiert mit dem Deutschen Kleinkunstpreis, an. (Volkstheater, 15.3.)
Am Abgrund – Ein Abend mit Annette Ramelsberger
„Ich arbeite am Abgrund. Ich schaue dorthin, wo Deutschland dunkel wird“: Annette Ramelsberger, seit über 20 Jahren Gerichtsreporterin der „SZ“, übertreibt nicht. Sie hat die vielen düsteren Verfahren begleitet, gegen den NSU, gegen Reichsbürger, gegen die Täter des Halle-Attentats. (Literaturhaus, 17.3.)
Gamze Kubaşık & Semiya Şimşek „Unser Schmerz ist unsere Kraft“
Sie waren erst 14 und 20 Jahre alt, als ihre Väter von der Terrorzelle NSU ermordet wurden. Von heute auf gleich war nichts mehr so wie zuvor, im Leben von Gamze Kubasik und Semiya Şimşek, die von der Katastrophe, aber auch von der anfänglichen Vorverurteilung und dann dem Desinteresse weiter Teile der Öffentlichkeit in ihrem Buch „Unser Schmerz ist unsere Kraft“ berichten. (Volkstheater, 19.3.)
Tupoka Ogette „Trotzdem zuhause“
Von den Widersprüchen im Leben, vom Dazwischen und vom Wunsch, Zugehörigkeit zu finden: Tupoka Ogette erzählt in „Trotzdem zuhause“ vom Aufwachsen als schwarzes junges Mädchen in der DDR, von der Flucht, vom Neuanfang in der BRD. Von Rassismus, Sexismus und Gewalt. Und von der Sehnsucht nach Ruhe. (Kammerspiele, 25.3.)
Joachim Sartorius „Die besseren Nächte“
Joachim Sartorius hat ein schönes Bild für den Dichter gefunden. Er nennt ihn den „Erinnerer“. Schreiben ist für ihn Zurückschauen, Bewahren, aber auch Erneuern. Der frühere Generalsekretär des Goethe-Instituts, der die Berliner Festspiele leitete und zum Kuratorium des Lyrik Kabinetts gehörte, stellt mit „Die besseren Nächte“ neue Werke vor – auch im Gespräch mit Angelika Overath. (Lyrik Kabinett, 26.3.)
Siri Hustvedt „Ghost Stories“
Als ihr Ehemann Paul Auster im Sterben lag, sagt er ihr, dass er ein Geist werden wolle. Nun liest Siri Hustvedt aus ihren „Ghost Stories“, die auf 43 gemeinsame Jahre zurückblicken. Und doch geht es um die Perspektive nach vorn. Ein Trauer-, Gedächtnis- und Liebesbuch, vorgetragen auch von Maria Furtwängler. (LMU, 28.3.)
Isar Slam
Zum Monatsabschluss hängt man noch mal den aufregendsten Stimmen der Stadt und den vielen Gästen an den Lippen: beim Isar Slam – Poetry Slam, diesmal unter anderem mit Philipp Potthast und Elena Caliope aus München. (Muffatwerk, 30.3.)
