Was für ein Jazz-Monat: Er lädt zu Weltraum-Trips, Schlagzeug-Wahnsinn und zum süßen Leben ein.
Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Oder auch im Ohr. Für die Tiroler Saxofonistin Yvonne Moriel darf sie ruhig einen „etwas seltsamen Touch“ enthalten, darf undurchsichtig bleiben, darf Ecken und Kanten haben – denn unverstellte Schönheit kann schon verdammt langweilig sein. Genauso wie das süße Leben. Und so stattet sie die Musik ihres Quartetts Sweetlife mit allerlei Komponenten aus, die das Dasein spannend machen, die unvorhersehbar sind, auch mal unbequem.
Schwer einzuordnen ist der Sound ihrer Band. Und das ist gut so. Er nährt sich aus allem, was stilistisch Sinn macht, nutzt zudem Einflüsse, die mit Jazz vordergründig nichts zu tun haben. Yvonne Moriel: „Ich habe schon einen sehr breiten Einflussbereich. Wie andere aus meiner Generation versuche ich immer, etwas Neues zu finden, und das stammt oft aus der Jetztzeit. Es ist Fluch und Segen, so viel Zugang zu verschiedenen Musiken zu haben. Das kann schnell überfordern. Aber eigentlich finde ich es spannend, Dinge zusammenzuführen und plötzlich ganz woanders zu landen, als man es sich vorher ausgemalt hat.“
Yvonne Moriel, die 2024 in Österreich zur besten Jazz-Newcomerin gewählt wurde, feiert nun in München ihr Debüt als Solo-Künstlerin. Am 5. Februar kommt die studierte Medizinerin mit „Sweetlife“ zur Visite in die Unterfahrt. Rhythmus ist mehr als der Herzschlag der Musik. Er steuert zwar Puls und gesunde Extrasystolen bei, kann aber auch die Farbgebung des Sounds beeinflussen und die Betonungen in den Melodien. Bei den „Westend Vibes“ in der Auferstehungskirche (12.2.) zeigt uns der Münchner Simon Popp mit seinem Drum Trio nun, dass man nichts vermissen muss, wenn das Instrumentarium nur aus Trommeln, Becken und anderen Utensilien besteht, auf die sich schlagen lässt. Mit Sebastian Wolfgruber und Flurin Mück versteht er es, Musik von orchestraler Dichte zu gestalten. Wichtig ist die Spontaneität. Simon Popp: „Der Idealzustand beim Musizieren ist, an nichts zu denken und alles zuzulassen. Ich versuche, aus dem Moment heraus etwas Gehaltvolles zu kreieren.“
Jazz-Tipps
Es böte sich Anfang Februar an, eine Pritsche ins Einstein zu stellen – denn in der Unterfahrt folgt ein Highlight aufs nächste. Heimzugehen lohnt sich eigentlich nicht. Erst entführt uns das Nürnberger Oumuamua Orchestra in interstellare Räume (2.2.), dann stellt Drummer Dan Weiss sein Allstar-Quartett (mit Peter Evans, Miles Okazaki, Patricia Brennan) im Club vor (3.2.) und schließlich gibt Bill Frisell dort gleich zwei Vorstellungen (4.2.). // Mit der Reunion seiner Band „Tubawabohu“ erfüllt sich der Keyboarder Horst Neher anlässlich seines 60. Geburtstags einen Herzenswunsch: mit den mittlerweile hochkarätigen Jazzmusikern, u. a. Johannes Enders (ts), Axel Czinke (g) und Tommy Eberhard (dr), im Bürgerhaus Pullach wieder einmal gemeinsam auf der Bühne zu stehen (8.2.). /// Ein Trip zum Bergson Kunstkraftwerk lohnt sich, weil dort die Klarinettistin Rebecca Trescher gastiert (11.2.). /// Happy Birthday: Gitarrist Geoff Goodman feiert seinen 70. Geburtstag mit gleich drei Formationen in der Unterfahrt (14.2.). /// Am 18.2. dürfte die Spanierin Marta Sánchez am präparierten Flügel in der Seidlvilla bei „Jazz+“ zeigen, warum sie in der Jazz-Szene ihrer Wahlheimat New York für Gesprächsstoff sorgt. Blöderweise ist ihr deutscher Kollege Pablo Held zeitgleich in der Unterfahrt aktiv, wo sein Trio den Star-Saxofonisten Chris Potter als Gast begrüßt (18.2.).
Bei den „Offenen Ohren“ gibt es im MUG ein Wiederhören mit dem grandiosen Stimmkünstler Phil Minton, der sich dort auf einen Dialog mit dem Tubisten Carl Ludwig Hübsch einlässt (21.2.). Parallel macht sich Akkordeonist Vincent Peirani im Bergson Kunstkraftwerk am Balg seines Instruments zu schaffen (21.2.). /// Gleich zweimal schaut der Kölner Schlagzeuger Jens Düppe in unserer Region vorbei: In der Pasinger Fabrik trifft er auf die Schauspielerin Katharina Bach von den Kammerspielen (22.2.), und dann tritt sein grandioses Quartett im Ismaninger Kallmann-Museum auf (27.2.). /// Space-Trip No. 2: unbedingt hingehen zum Konzert des Wiener Quartetts Alpha Trianguli. Außerirdisch gut (Unterfahrt, 26.2.). /// Zum Kehraus des Monats gibt’s wieder einen Gewissenskonflikt. Lieber in die wunderbaren Räumlichkeiten der Dachauer Kunstwerke, wo der Schlagzeuger Nathan Ott sein Quartett Continuum mit Christof Lauer und Camila Nebbia an den Saxofonen und Bassist Jonas Westergaard vor großformatigen Gemälden auftreten lässt? Oder doch in die Unterfahrt, wo sich die sibirische Saxofonistin Olga Amelchenko entdecken ließe (beide am 28.2.)?
