Starke Impulse kommen im Wonnemonat vom Starnberger See.
— Also, „Festival“ ist vielleicht ein arg großes Wort für eine Veranstaltung, die gerade mal einen Abend füllt – mit einem Doppelkonzert. Allerdings leitet sich der Begriff vom lateinischen „festivus“ ab, was übersetzt so viel wie „festlich“ oder „feierlich“ heißt – und damit passt es wieder. Denn die Seidlvilla- Reihe „Jazz+“ kann zelebrieren, dass es sie nun schon seit 32 Jahren gibt und dass sie ihren Platz im Münchner Kulturleben verteidigen konnte. Leider ist die Zukunft keineswegs gesichert. Gespräche mit dem neuen Träger der Seidlvilla laufen aber.
„Es hat sich über die Zeit eine Nische gebildet, in die die Reihe super hineinpasst“, sagt Martin Kolb, der „Jazz+“ erst ohne Programmierungs-Partner kuratierte und dann mit zwei befreundeten Musikern veranstaltete. Seit vielen Jahren ist er wieder alleine für das Gelingen zuständig. „Es gibt eigentlich keine Konkurrenz im Jazzleben der Stadt für uns – denn die Impro-Konzerte der „Offenen Ohren“ sind viel freier angelegt, und die Unterfahrt ist stilistisch total breit aufgestellt. Wir kommen uns alle nicht in die Quere.“ Kolb bietet musikalischen Abenteurern ein Forum, Künstlern, die unbekannte Wege suchen und finden, Instrumentalisten, die für ein klares Profil stehen, sich aber ohne jede Zwanghaftigkeit auch neu erfinden wollen.
Mit BR-Redakteur Ulli Habersetzer hat er lange überlegt, wen er zum Jazz+-Festival einladen soll (BR Klassik schneidet mit). Sie machten schließlich der derzeit allgegenwärtigen polnischen Pianistin Marta Warelis eine Offerte und gaben ihr eine carte blanche. Sie entschied sich, den norwegischen Bass-Berserker Ingebrigt Håker Flaten nach München mitzubringen. Die zweite Einladung erfolgte an den israelisch-amerikanischen Saxofonisten Michaël Attias, hinter dem Kolb schon seit Jahren her ist. Diesmal klappte es. Attias hat den Pianisten Benoît Delbeq und den Schlagzeuger Samuel Ber im Schlepptau. Martin Kolb: „Das „Jazz+“- Programm trifft übrigens genau meinen Geschmack. Ich mache das ganz eigennützig: ich hole die Bands, die ich selber hören möchte (lacht). Statt irgendwo hinzufahren, um sie live zu erleben, lade ich sie ein.“
Vieles ist der südkoreanischen Schlagzeugerin und Komponistin Sun-Mi Hong in ihrer Heimat verwehrt geblieben. Sie entkam dem Frust durch ein Studium in Amsterdam, wo sie fortan musikalisch schalten und walten konnte, wie sie wollte. Mit unbändiger Energie scheint Sun-Mi Hong alles nachzuholen, was ihr zuhause nicht möglich war. Jetzt hat die Stadt München diese ungeheuer umtriebige Frau eingefangen und ihr eine Residency ermöglicht. Mehrere Monate kann die Asiatin in der Villa Waldberta am Starnberger See über Konzepten brüten, an Kompositionen arbeiten und vom Anwesen aus Netzwerke spinnen. Mehrere Projekte wird die grandiose Musikerin in der Unterfahrt vorstellen. Im Mai fährt sie gleich groß auf. Da kommt sie mit dem Saxofonisten Jeremy Viner, dem Gitarristen Simon Jermyn und dem Bassisten John Hébert in den Club (13.5.).
Jazz-Tipps:
Ein paar wenige JAZZ- TIPPS diesmal, nicht, weil es an großartigen Konzerten mangeln würde. Ein paar Musts in der Unterfahrt: Konzerte des Gitarristen Gilad Hekselman (2.5.), der Bassistin Eva Kruse (5.5.), von Stéphane Galland & The Rhythm Hunters (6.5.) und des Duos Andreas Schaerer / Daniel Garcia Diego (12.5.). /// Im BR Club-Konzert würdigt das Quintett Tristano Unchained das Idol, das im Bandnamen steckt, diesmal allerdings mit Eigenkompositionen (Bergson, 13.5.). /// Im Import Export kommt es zum Dialog zwischen der britischen Percussionistin und Elektronikerin Bex Burch und dem Shake Stew-Saxofonisten Johannes Schleiermacher (15.5.). /// Wo nimmt die Gitarristin Mary Halvorson nur die Ideen für ihre grundverschiedenen Projekte her? Jetzt stellt sie ihr neues Quartett Canis Major in der Unterfahrt vor (16.5.). /// Bitte immer Ausschau halten nach dem Programm der Impro-Reihe „Offene Ohren“ im MUG. Die hat im Mai neben zwei anderen Acts das japanisch-niederländisch-amerikanische NEPA Quartet im Angebot (19.5.). /// Die Band Wind’s Whisper vereint bei den „Westend Vibes“ in der Auferstehungskirche persische Klangpoesie mit Jazz und Pop (20.4.). /// Noch mal Gotteshaus: andächtig und inbrünstig wird es wohl, wenn Vibrafonist Joel Ross in der Unterfahrt sein Album „Gospel“ vorstellt (20.4.). /// Saxofonist Daniel Erdmann lädt mit seinem aktuellen Projekt zur deutsch-französischen Paar-Therapie ein (29.5., Unterfahrt)
