Ortsgespräch

Stefan Weyerer: „Musik ist die einzige Therapie, die hilft“

Stefan Weyerer und Nick Flade
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Kriegen als Steilwandfahrer jede Kurve: Stefan Weyerer und Nick Flade

Songpoet Stefan Weyerer hat mit Nick Flade lange am neuen Album „World, let’s hug the A**holes“ gefeilt. Reinhören und mittanzen tut sehr, sehr gut

Herr Weyerer, lieber Stefan, wenn das Experiment einer Schubumkehr und der Verwandlung von negativer in positive Energie gelingt, ist das großartig. Der Weg dorthin ist aber anstrengend, manchmal sogar gefährlich. Herausgekommen ist bei Ihnen ein großartiges neues Album. Wer hat denn von Ihnen im Unterricht für Praktische-Lebens-Physik so viel besser aufgepasst?
Mal der eine, mal der andere würde ich sagen. Wir zwei von Kupfer sind schon jeweils eigene Typen, aber sehr enge Freunde, und wir passen aufeinander auf, auch wenn es mal schwierige Situationen gibt. Und klar, die letzen anderthalb Jahre waren für alle eine Herausforderung, auch für uns. Und doch gab es immer wieder die heiligen Momente, in denen wir irgendwie zum Musizieren kamen, indem wir z.B. in unseren beiden Studios unabhängig voneinander an Songs arbeiteten oder uns doch mal treffen konnten trotz Homeschooling und Lockdown. Und so dauerte diese Album eine Weile, aber irgendwann gelang uns die Schubumkehr und das ist ein tolles Gefühl.

Die Welt war ja zuletzt tatsächlich arg ungemütlich, um mal ein wenig zu verharmlosen. Woher haben Sie für sich die Energie genommen, trotzdem nicht durchzudrehen, sondern mit ganz viel Musik und starken Songs aktiv zu bleiben?
Songs sind für mich wie mein Tagebuch, manche Zeile oder Metapher oder auch Akkord bewahrt für mich Momente, die mein Leben in eine bestimmte Richtung gelenkt haben. Das ist so, seitdem ich ungefähr siebzehn bin. Und so gab und gibt es wenige Phasen in meinem Leben, in denen ich nicht Zeilen, Wortkreationen, Ideen oder Aufgeschnapptes auf tausend Zetteln sammle oder in ein Büchlein schreibe. Und während der Pandemiezeit wurde das Sammeln noch intensiver.

Aus den Fragmenten entstehen dann irgendwann Songs, die in unseren gemeinsamen Kupfer-Kosmos einfließen und an denen wir dann gemeinsam weiterfeilen. Wir empfinden beide diese kreative Arbeit meist als sonnige Inseln in einer manchmal eben auch ungemütlicheren Welt. Und so gab uns die Freude am Machen eigentlich schon die meiste Energie.

Ein bisschen platt klingt das ja schon immer: Aber wie verlässlich kann künstlerische Arbeit tatsächlich auch als Selbsttherapie funktionieren?
Für mich persönlich scheint das die einzige Form von Therapie zu sein, die wirklich hilft… Diese Arbeit ist meine Meditation und ein großer Teil meines Selbstausdruckes. Musik hat mich so oft aus schwierigen Phasen gerettet. Zum großen Glück gibt es auch einige geliebte Menschen in meinem Leben. Deshalb kann ich wirklich sagen: Ich bin ein glücklicher Mensch, und die künstlerische Arbeit hat daran einen großen Anteil. Es ist sicher noch nicht alles austherapiert, aber das Ganze ist auf einem ganz guten Weg.

Wenn Sie mal auf den Entstehungsprozess der neuen Songs zurückblicken – und das wüste Weltgeschehen dazu: Ab wann saß der Entschluss, wieder weiterzumachen und auch ganz Schlimmes zu verarbeiten?
Manchmal beobachten wir Entwicklungen mit Sorge wie z.B das Phänomen Trump oder ähnliches und manchmal wächst der Leidensdruck, der „Grant“, der Schmerz über die eigene ver-meintliche Machtlosigkeit. Das war z.B. der Punkt an dem der Song „World Let’s Hug The A++holes“ entstand. Für mich ein Versuch der Miesheit, die es manchmal eben im Großen und im Kleinen auch auf dieser Welt gibt, zu begegnen. ohne sich das eigene Herz vergiften zu lassen und ohne selbst ein A**hole zu werden. Und so gibt und gab es es immer wieder Momente, in denen klar war: Hey, dazu will ich mich äußern, dazu wollen wir unsere Idee der Welt zur Verfügung stellen. Und manchmal waren es wunderbar schöne persönliche Erfahrungen oder traurige Erlebnisse, die dann in einen Song gepackt werden wollten. Und dann war irgendwann ein ganzes Album da.

Wie sah für Sie der tiefste Punkt aus, von dem es hoffentlich wieder aufwärts gehen musste?
In der Coronazeit bisher der zweite Lockdown.

Im Song „Die Welt hat Kratzer“ geben Sie fast ein wenig zu verführerisch das Versprechen ab, dass man sie ja raustanzen könnte. Kann das klappen?
Ja, das klingt natürlich erstmal recht hippiemäßig überhöht und naiv... Aber tatsächlich hilft es mir oft sehr, mich zu schütteln, einfach zu zappeln, auf Musik auszuflippen und zu tanzen. Das befreit, klärt erstmal den Blick. Und der öffnet oft einen anderen Blick auf die Welt. Und dann sind nicht alle Probleme der Welt sofort gelöst, aber vielleicht einen Tick leichter anzugehen. Mit positiver Energie in Herz und Körper lösen sich manche Probleme leichter. Und wir haben uns gesamtgesellschaftlich schon in einige bedenkliche Fahrwasser begeben, die mit borniertem Beharren auf dem eigenen Standpunkt schwer aufzulösen sind. Also insofern sagt der Musikant: Tanzen hilft!

Die Anspannungen selbst im engsten Freundeskreis sind oft enorm. Die Verletzlichkeit und Gereiztheit, auch das Misstrauen oder die Angst bleiben hoch. Wie leicht fällt es Ihnen da eigentlich, auf den eigenen Vorschlag einzugehen, und trotz allem auch mal wieder ein paar titelgebende „A**holes“ zu umarmen?
Wir sind echt keine Heiligen und scheitern oft genug am eigenen Anspruch. Aber wenn sich jemand in der Tram z.B über meinen kleinen Sohn aufregt, weil er vielleicht einen Tick zu laut ist, dann fühlt es sich witzigerweise sehr gut an, freundlich zu bleiben und nicht gleich zurück zu blaffen. Ich denke dann heimlich in mir inzwischen oft: „Hey Peace!“ Oder „Der Friede sei mit Dir!“ Auch wenn das vielleicht pathetisch klingt. Danach fühle ich mich tatsächlich besser. Ich empfehle echt, das mal auszuprobieren. Ich denke das bessere Gefühl fußt darauf, dass man auf diese Weise die Negativität, den Frust und die Angespanntheit einfach bei demjenigen oder derjenigen lassen kann, die sie in dem Moment initiiert haben.

Viele Künstler mussten zuletzt ja oft die ganz großen Sinnfragen stellen – und in Zeiten ohne Auftrittsmöglichkeiten an die eigene Zukunft denken. Wie schafft man es, wie Ihr Steilwandfahrer im Song, sich nicht aus der Kurve tragen zu lassen?
Ich hatte großes Glück in dieser Zeit, denn ich war mit vielen Studioproduktionen beschäftigt, da auch viele andere Künstler, für die ich dann arbeitete, die Zeit für neue Aufnahmen nutzten. Mein Kompagnon Nick war in dem Fall der große Lebenskünstler, der den Ausfall von vielen, vielen geplanten Konzerten mit anderen Künstlern ziemlich cool annahm. Die Sinnfrage stellte ich mir aber tatsächlich früher in meinem Leben einigermaßen regelmäßig, und ein paar Mal trug es mich dann schon aus der Kurve, um ehrlich zu sein. Aber um im Bild zu bleiben: Die Steilwandkurvenfahrerei fühlt sich eben sehr lebendig an und viel besser als die Eintönigkeit. So dass ich dann doch immer wieder zurück stieg auf die Maschine. Momentan geht es mir sehr gut im Sattel.

Letzte Frage: Das Album muss ja raus. Der Drummer zählt ein. Es geht auf die Bühne. Wie muss man sich in solchen Momenten Ihren Endorphine-Rausch vorstellen?
Erst kürzlich spielten wir unser erstes Konzert seit langem in München und ich kann sagen: Wow, es flattert im Bauch vor Freude und auch vor Aufregung. Und ich warte sehnsüchtig darauf, dass Nick dann endlich den ersten Akkord spielt, und dann fliegen wir in den allermeisten Fällen ganz schön los. Und es ist dann tatsächlich wie im Song: „Der Drummer zählt ein, wir beginnen zu schweben und los! So waren wir immer schon am besten“

Alle Infos zum neuen Album und den Tour-Terminen, darunter ein Musik-Gast-Auftritt am 12. August im Kabarett-Programm von Helmfried von Lüttichau in der Seidl-Villa, gibt’s hier: www.kupfer.jetzt

Interview: Rupert Sommer

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