ACT des Monats März: ELENA RUD

ACT des Monats März: ELENA RUD

Unser Leben ist die Grundlage – und die Songs sind der Versuch, das alles so ehrlich, laut und ungefiltert wie möglich zu übersetzen.“

Gefühle sind bekanntermaßen keine guten Berater. Meist kommen sie sowieso ungefragt und ungelegen, bleiben zu lange oder verschwinden genau zu dem Zeitpunkt, wenn man sie dann doch mal bitter nötig hätte, also die guten … Sie sind mal laut, mal leise, meistens aber widersprüchlich – und grundsätzlich, so Elena Rud, ganz bestimmt immer eines, nämlich: unpraktisch.

Elena Rud – sowohl Frontfrau wie auch Bandname – nimmt dieses emotionale Chaos nicht einfach nur hin, sondern macht es zum Konzept ihres musikalischen Universums. „1A Feelings“ heißt deswegen auch ihre neue EP, die Ende Februar auf Eskapaden erschien, und der Titel ist dabei ebenso ironisch wie treffend: sechs Songs, die sich anfühlen wie ein Kribbeln im Kopf, ein Ziehen im Bauch, ein Gedanke zu viel kurz vor dem Einschlafen.

Nach ihrem Debütalbum von 2024 „Heimlich weinen“ mit ebenso grandiosen wie hunderttausendfach gestreamten Songs wie „Dopamin“, „Verhaftet“ und der abstrakt unterhaltenden Ideal-Reminiszenz „Blaue Augen“ hätte Elena Rud problemlos an Bekanntes anknüpfen können. Stattdessen entschied sich die Band bewusst für Neuland, drehte alles auf links und justierte sich neu: mehr Wut, mehr Weichheit, mehr Herz, mehr Hirn und dabei immer volles Risiko. Ihr Sound wirkt dabei eine Nummer rauer und kantiger, zugleich aber auch verletzlicher: Indie-Rock trifft NDW – voller Energie, voller Emotionen, voller Treffer!

Der Einstieg gelingt mit „Vielleicht“, einem „Crush in Reinform“, wie ihn Elena Rud nennt. „Leicht peinlich, leicht horny und völlig unvernünftig“ lautet ihre Kurzanalyse. Dabei ist es ein Song wie ein unausgesprochener Gedanke: Ich will dich – und das sofort! „Kein Bock“ ist die muntere Antwort auf des Kanzlers diskreditierendes Zu-faul-zu-krank-Bashing der arbeitenden, aber womöglich ja auch wählenden Bevölkerung. Easy-poppig wird es dann bei „Please Please Please“: Verliebtsein ist hier wieder heimlich, verspielt und auch ein bisschen kitschig – immer aber im besten Sinne, freilich.

Mit „Foto“ beweist Elena Rud erneut Humor im Umgang mit Schmerz: Therapie trifft Punk-Moshpit, getreu dem Motto: Tränen dürfen auch mal laut sein.

Um es kurz zu machen: „1A Feelings“ bewertet nichts und erklärt auch nichts. Wut darf, ja muss sogar neben Zärtlichkeit stehen, Übermut neben Selbstzweifel. Sechs Songs über das Leben und all das, was man normalerweise kommentarlos runterschluckt. Höchste Zeit also für ehrliche Gefühle, auch wenn sie unpraktisch sind.

Q & A

1. Was inspiriert euch? 

Musikalisch sind wir als Band – und auch als Individuen – sehr facettenreich. Wir konsumieren viel Musik, tauschen uns ständig darüber aus und inspirieren uns gegenseitig. Besonders Einflüsse aus der Neuen Deutschen Welle, aber auch Musik aus den 2000ern spielen dabei eine große Rolle: diese direkte, ungeschönte Energie, die nicht alles zerdenkt, sondern einfach raus will. Textlich entstehen unsere Songs aus Themen, die uns wirklich beschäftigen. Aus unserem Alltag, aus Beziehungen, Frust, Wut, Unsicherheiten, aber auch aus Humor. Das klingt vielleicht simpel, aber genau das ist unser Ansatz: Wir schreiben nicht über abstrakte Konzepte, sondern über echte Gefühle und Situationen. Unser Leben ist die Grundlage – und die Songs sind der Versuch, das alles so ehrlich, laut und ungefiltert wie möglich zu übersetzen. 

2. Euer absoluter Geheimtipp für München? 

Auf alle Fälle die FatCat. Die Zwischennutzung im alten Gasteig neigt sich zwar langsam dem Ende zu, aber genau deshalb sollte man es jetzt noch ausnutzen. Es ist einer dieser Orte, an denen ständig etwas passiert: Comedy-Shows, Konzerte, Jam Sessions, gutes Essen, spontane Begegnungen. Man kann einfach hingehen, ohne Plan, und landet trotzdem immer bei irgendwas Spannendem. Für uns ist die FatCat ein Ort, an dem Münchens kreative Szene wirklich zusammenkommt – offen, niedrigschwellig und lebendig. 

3. Wo seht ihr euch in zehn Jahren? 

Wir wollen wachsen, mehr Menschen erreichen und auf großen Festivalbühnen stehen – alles andere wäre gelogen. Musik zu machen und nicht davon zu träumen, dass sie möglichst viele Leute berührt, ergibt für uns keinen Sinn. Gleichzeitig wünschen wir uns, dass wir uns dabei nicht verlieren. Wenn wir in zehn Jahren immer noch so eng miteinander sind, uns vertrauen und gemeinsam lachen können, wäre das ein riesiger Erfolg. Das Schönste, was uns die Musik bisher geschenkt hat, sind die Begegnungen: Menschen vor der Bühne, hinter der Bühne, auf Tour, bei Konzerten. Wenn uns weiterhin solche Menschen begleiten, die offen, liebevoll und unterstützend sind, dann ist das der Idealfall. 

4. Was ge-/missfällt euch in/an München? 

München ist einfach ein Vibe. Wir lieben die Stadt, ihre Energie, die Menschen, die Kontraste zwischen Hochglanz und Subkultur. Gleichzeitig ist München für viele Kreative extrem herausfordernd. Die hohen Mieten machen es schwer, langfristig hier zu bleiben oder sich auszuprobieren. Was oft fehlt, ist Platz: bezahlbare Proberäume, Ateliers, Orte, an denen Kunst entstehen kann, ohne sofort wirtschaftlich funktionieren zu müssen. Genau dieses Spannungsfeld prägt München für uns – eine Stadt mit wahnsinnig viel Potenzial und Kreativität, die aber dringend mehr Raum bräuchte, um genau das auch zu halten. 

5. Welchen (Münchner) Prominenten würdet ihr gerne zum Kaffee/Bier treffen? 

Ehrlich gesagt fallen uns typische Münchner Promis gar nicht so spontan ein. Vielleicht ist genau das schon sehr München. Wir sind da relativ offen – wir lassen uns auch einfach so gern mal auf ein Gläschen Sekt einladen. Und falls Bill Kaulitz zufällig Zeit hat: Wir wären bereit. 

6. München ist für uns wie … 

… ein Zuhause: man liebt es, auch wenn es manchmal anstrengend ist.