Wie ADELE KOHOUT, die neue Chefin beim Dok.Fest München dazu einlädt, die Welt neugierig zu erkunden
Frau Kohout, die Nachrichtenlage ist teilweise ziemlich verwirrend und unübersichtlich. Sind das gerade eigentlich gute Zeiten für Dokumentarfilme, weil es so viel zu erklären gibt, wenn die Weltlage ziemlich kompliziert ist?
Ich weiß gar nicht, ob es irgendwann mal eine schlechte Zeit gab für einen Dokumentarfilm gab. Die kreative Vielfalt war eigentlich immer da. Natürlich hat man heute vielleicht andere Möglichkeiten, sich Themen zu nähern, weil man globaler unterwegs sein kann und weil sich Produktionsbedingungen verändert haben. Aber im Kern bleibt es gleich: Der Dokumentarfilm hat die große Stärke, dass er etwas abbildet, was existiert. Er muss nichts erfinden, sondern hinschauen und etwas sichtbar machen. Und das kann in unterschiedlichsten Richtungen gehen – von sehr komplexen, schweren Themen bis hin zu ganz leichten, beinahe spielerischen Ansätzen.
Also eher Spiegel der Realität als Erklärhelfer?
Beides, würde ich sagen. Natürlich helfen viele Filme dabei, Dinge besser zu verstehen. Aber sie tun das nicht nur analytisch, sondern oft über emotionale Zugänge. Unser Programm zeigt deshalb auch nicht nur Krisen und Konflikte. Es geht genauso um zwischenmenschliche Beziehungen, um Liebe, um Freundschaft – sogar um Beziehungen zwischen Mensch und Chatbot. Diese Bandbreite ist uns sehr wichtig. Das Leben ist ja auch nicht eindimensional. Es gibt Trauer, es gibt Freude, es gibt Humor. Und all das findet sich im Programm wieder.
Selbst den langjährigen Reiseweltmeistern hierzulande sitzt das Geld nicht mehr so locker in der Tasche. Kann ein Dok-Kinobesuch da nicht auch vergleichsweise kostengünstig ein Fenster zur Welt aufstoßen?
Absolut. Das ist für mich persönlich einer der größten Reize. Ich begleite das Festival schon so lange, und mit jeder Ausgabe reise ich gedanklich an Orte, die ich sonst nie erleben würde. Und genau das geben wir auch dem Publikum weiter: die Möglichkeit, aus dem Kinosessel heraus in entlegene Regionen zu reisen, Lebensrealitäten kennenzulernen, für die man sonst keinen Zugang hätte. Das kann der Blick ins Weltall sein oder ganz konkret ein Streik auf europäischen Autobahnen, bei dem plötzlich sichtbar wird, wie fragil unsere Versorgungssysteme sind.
Die Themenvielfalt ist enorm, ein echter Schatz, aber auch eine Herausforderung ans Kuratieren und Einordnen. Wie behalten Sie da den Überblick?
Das ist tatsächlich jedes Jahr eine große Herausforderung. Wir haben deshalb vor einiger Zeit begonnen, das Programm stärker thematisch zu strukturieren. Die Erfahrung zeigt, dass sich das Publikum eher über Themen orientiert als über klassische Wettbewerbsformate. In diesem Jahr haben wir 1.440 Einreichungen gesichtet – ein Rekord – und daraus 15 thematische Reihen entwickelt.
Und diese Struktur hilft dann auch tatsächlich bei der Orientierung?
Ich hoffe doch. Wir haben die Einteilung in Reihen noch weiterentwickelt. Neu ist, dass jede Reihe einen sogenannten Signature Film hat.
Wie muss man das verstehen?
Dieser Film steht exemplarisch für das Reihenthema und wird besonders hervorgehoben. Dazu bieten wir Fokus Talks an, in denen wir das jeweilige Thema vertiefen: nicht nur mit den Filmemacherinnen und Filmemachern, sondern auch mit Expertinnen und Experten aus den jeweiligen Bereichen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Der Film „Finding Connection“ beschäftigt sich mit Menschen, die eine emotionale Beziehung zu einem KI-Chatbot eingehen. Dazu laden wir einen Psychologen ein und sprechen zusätzlich mit jemandem aus einem Unternehmen, das solche Technologien entwickelt. So entstehen unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema, das viele Menschen aktuell beschäftigt.
Wie muss man sich das konkret vorstellen: Nach der Vorführung bleibt man dann sitzen und kann beobachten, wie diese Gespräche ablaufen?
Sie sind im Programm klar ausgewiesen und finden zu bestimmten Terminen statt. Die Filme laufen mehrfach, aber die Talks sind gezielt gesetzt. Dadurch entstehen rund um die Screenings zusätzliche Formate, die das Festivalerlebnis erweitern.
Wie reagieren die Filmschaffenden darauf, es kommen ja dann nicht nur sie zu Wort?
Sehr offen. Wer sich über Jahre mit einem Thema beschäftigt und daraus einen Film macht, möchte ja in den Austausch gehen. Der Film ist ein Angebot an das Publikum, darüber ins Gespräch zu kommen. Insofern wird diese Möglichkeit meist sehr gerne angenommen.
Sie begleiten ja teilweise die Arbeit der Filmschaffenden über lange Strecken hinweg: Von der Planung über die Umsetzung, bis dann endlich alles an die Öffentlichkeit geht. Gibt es da auch ab und an so etwas wie Lampenfieber vor Premieren?
Natürlich. Gerade wenn ein Film zum ersten Mal vor einem größeren Publikum gezeigt wird, ist das ein besonderer Moment. Aber genau daraus entstehen oft die intensivsten Gespräche. Die Stimmung im Saal trägt das.
Das Festival geht zunehmend über klassische Filmvorführungen hinaus. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Weil wir den Festivalcharakter bewusst stärken wollen. Es geht nicht nur darum, Filme zu zeigen, sondern Begegnungen zu ermöglichen. Deshalb entwickeln wir Formate, die über das reine Screening noch mehr Erlebnisse und Austausch ermöglichen.
Zum Beispiel Konzerte?
Genau. Beim Wacken-Film gibt es etwa ein Live-Konzert mit Musikerinnen und Musikern aus dem Wacken-Umfeld. Oder das Ensemble Modern, das nach einer Vorführung auftritt. Und als Abschluss des Festivals zeigen wir einen Film über die Sportfreunde Stiller – mit ihnen vor Ort.
Klasse Heimspiel. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Das hat sich sehr organisch ergeben. Der Sportfreunde-Film wurde an uns herangetragen, und wir fanden sofort, dass er perfekt ins Festival passt. Daraus sind dann weitere Ideen entstanden. Nach der Vorführung von „Change My Mind“ laden wir zum Beispiel zu einer Live-Schalte in ein Tonstudio in der Ukraine ein – gemeinsam mit dem Kultur.Konvoi, den Rüdiger Linhof von den Sportfreunden Stiller initiiert hat.
Es gibt auch kleinere, eher ungewöhnliche, fast schon ein wenig schräge Formate im Programm.
Ja, und die sind uns genauso wichtig. Ein Film über Birdwatching hat uns zum Beispiel dazu inspiriert, eine echte Vogelbeobachtungstour anzubieten. Es geht darum, Themen aus dem Film in die reale Welt zu verlängern.
Gleichzeitig existiert weiterhin ein Online-Angebot mit Dok@home. Wie passt das zusammen?
Für mich ist das eine Frage der Zugänglichkeit. Nicht alle können ins Kino kommen – aus zeitlichen, gesundheitlichen oder familiären Gründen. Deshalb verstehen wir die Online-Edition als ergänzendes Angebot. Die Filme laufen zunächst im Kino, danach gibt es eine begrenzte digitale Auswertung.
Also keine Konkurrenz zum Vor-Ort-Erlebnis, sondern Ergänzung?
Genau. Das Kinoerlebnis bleibt zentral. Aber wir wollen niemanden ausschließen. Deshalb schaffen wir zusätzliche Zugänge, ohne den geschützten Rahmen der Filme zu gefährden.
Wie sehen Sie Streaming-Plattformen in diesem Kontext: Sind das die Endgegner, weil sie Leute davon abhalten, endlich mal wieder das Sofa zu verlassen und außer Haus zu gehen?
Sie zeigen ja auch selbst dokumentarische Inhalte. Streamer wie Amazon Prime oder Netflix sind längst Teil der Landschaft, aber nicht das Ganze. Unser Anspruch ist es, die Vielfalt des Dokumentarfilms zu zeigen – auch Werke, die nicht auf großen Plattformen stattfinden. Gerade diese Vielfalt macht das Genre aus.
Es ist Ihr erstes „eigenes“ Festival als Leiterin. Was hat sich für Sie konkret verändert?
Die Verantwortung ist natürlich eine andere. Ich war viele Jahre in der Co-Leitung und kenne das Festival sehr gut, aber die Perspektive verschiebt sich. Gleichzeitig ist da viel Vorfreude, weil man gestalten kann und sieht, wie sich Dinge entwickeln.
Auch wenn natürlich nach dem Spiel bald schon wieder vor dem Spiel ist: Wie intensiv ist die Arbeit während eines Jahres?
Sehr intensiv. Wir starten mit über 1.400 Filmen und verdichten das Programm Schritt für Schritt. Im Laufe der Monate entsteht ein immer klareres Bild. Und am Ende kennt man die Inhalte sehr genau.
Bleibt danach Zeit für Erholung – und auch mal Tage zum einfach nur Die-weiße-Wand-Anstarren oder zum entspannenden Holzhacken, abseits der Bildschirme und Leinwände?
Nicht sehr lange. Schon im Sommer beginnt die Phase, in der wir mit Förderern und Partnern der kommenden Ausgabe sprechen. Ab Herbst beginnt schon wieder die inhaltliche Vorbereitung für die nächste Ausgabe. Unsere Taktung ist relativ straff. Und das ist ja auch schön so.
Und privat: Können Sie überhaupt noch entspannt Filme schauen?
Ja, aber anders. Man nimmt vieles intensiver wahr, achtet stärker auf Details. Gleichzeitig bleibt die Freude am Medium erhalten, vielleicht sogar mehr denn je.
Was wünschen Sie sich für die kommende Ausgabe?
Dass das Publikum neugierig ist und sich auf die Vielfalt einlässt. Wir haben ein sehr facettenreiches Programm zusammengestellt. Jetzt geht es darum, es gemeinsam zu erleben.
Und was macht für Sie das DOK.fest letztlich aus?
Die Begegnung. Zwischen Filmen und Publikum, zwischen Menschen, zwischen Perspektiven. Genau das macht ein Festival lebendig – und genau das wollen wir weiter stärken.
Seismografin der Weltschwingungen: ADELE KOHOUT leitet seit vergangenem Herbst das Dok.fest München, dem sie schon seit 2008 eng verbunden ist. Zuletzt war sie an der Seite ihres Vorgängers, des aktuellen HFF-Chefs Daniel Sponsel, Co-Leiterin. Daran, dass sie es mit dem Film ernst meint, bestand für Adele Kohout, die aus einer Künstlerfamilie stammt, nie ein Zweifel. Sie studierte Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Film in Düsseldorf und Zürich und arbeitete früh auch beim Fernsehen und für Museen. Deutschlands größtes Dokumentarfilmfestival läuft in diesem Jahr von 6. bis 18. Mai. Und in der @home-Variante von 11. Bis 25. Mai. www.dokfest-muenchen.de
