Jeff Mills und Kurtis Blow feiern Jubiläen, Tobi Neumann kehrt als Housemeister zurück nach München, und Yasmine Hamdan verbindet musikalische Welten
Jeff Mills im Blitz Club
Wer sich eine (leicht verspätete) Jubiläumstour anlässlich des 30-Jährigen eines DJ-Mixes gönnt, muss entweder einen großen Namen mitbringen oder einen verdammt guten Mix hingelegt haben. Im Fall von Jeff Mills und seinem „Live at Liquid Room“-Mix von 1995 ist tatsächlich beides der Fall. Zelebrierte der heute 62-jährige Detroit-Techno-Pionier darauf mit 36 Tracks über eine Spielzeit von 66 Minuten doch nichts weniger als große, stilbildende DJ-Kunst. Mittels extrem schnellem Mixing, furchtlosen Über- gängen und einer ebenso rohen wie energiegeladenen Atmosphäre ging dieses Tondokument aus dem Tokioter Club „Liquid Room“ in die Techno-Geschichte ein. Da kann man sich schon mal mit einem Jubi- läums-DJ-Set und einer Leinwand-Vorführung dieses Glanzstücks feiern lassen. Am 6. Februar lädt der Blitz Club zur großen Jubiläumssause.
Tobi Neumann im Bahnwärter Thiel
Pionierarbeit leistete in den Neunzigern auch der Münchner DJ Tobi Neumann. Hängte der doch damals seine Karriere als Toningenieur an den Nagel, um im sagenumwobenen Ultraschall als DJ und Veranstalter lieber die House Music jenseits ihrer kommerziellen Ausformungen salonfähig zu machen. „Flokati“ hieß die Reihe, die derart einschlug, dass man sich beim Tanzen auch vom Anrücken der Putzkolonne nicht stören ließ. Heute agiert der Wahlberliner von seinem Berliner Apollo-Studio aus mal als Produzent von Indiepop-Bands wie The Parcels, mal als Kollaborationspartner junger Techno-Virtuosen wie Fjaak – und auch weiterhin als hochversierter DJ wie am 6. Februar im Bahnwärter Thiel.
Kurtis Blow im Milla
Und wo wir schon mal bei Pionieren sind, hängen wir doch gleich noch einen hintendran. Kommt mit dem New Yorker MC Kurtis Blow am 9. Februar doch niemand geringerer nach München als der weltweit erste Rapper mit einem Major-Label-Vertrag und internationalem Riesenerfolg. In der Milla begeht der heute als Pastor tätige Blow nun (ebenfalls leicht verspätet) das 45-jährige Jubiläum seines funky groovenden Überhits „The Breaks“. Stand der 1980 doch am Anfang eines künstlerischen Laufs, in dessen Rahmen Kurtis Blow 1986 für den Track „Street Rock“ sogar Bob Dylan als Gastrapper gewinnen konnte. Musik- geschichte im kleinen Live-Rahmen also, die schönerweise auch noch ohne jede dickhosige Gangsta-Rap-Attitüde auskommt, um dafür umso mehr gute Laune zu versprühen.
Anna Of The North im Strom
Falls an dieser Stelle der Verdacht aufkommen sollte, dass es sich hier um eine Ü60-Pionier-Ausgabe dieser Kolumne handeln sollte, so sei dieser mit der Norwegerin Anna Lotterud aka Anna Of The North ( Jahrgang 1989) entkräftigt. Skandinavien und der Pop, das ist ja seit jeher eine glorreiche melodische Tradition, in der auch Lotterud mit ihrem filigranen Electropop steht. Mit ihrem vierten Studioalbum „Girl In A Bottle“ bringt sie am 13. Februar nun eine brandneue Platte mit ins Strom, die mit einer Spielzeit von 22 Minuten zwar sehr kompakt ausfällt, dafür aber mit solch einer melancholischen Eleganz um das Pop- Urthema Liebe kreist, dass einem vor lauter Synthie-Schmelz ganz blümerant werden kann.
Streichelt in der Kranhalle
Elektronisch grundiert ist indes auch der „Neue Neue Deutsche Welle“-Pop des Nürnbergers Hannes Weichelt, der sich als Streichelt ins romantisierende Fahrwasser des NNDW-Überfliegers Edwin Rosen gehängt hat, und dabei mit seinen am Laptop kreierten Songs doch eine ganz eigene Vision verfolgt. Gemein ist beiden freilich der Rückgriff auf die wavige Kühle der Achtziger, die Streichelt auf seiner neuen EP „Rosenkrieg“ (VÖ: 20. Februar) mit Lust an der Autotune-Verleierung zu neuen Ufern führt. Cool wie Trockeneis klingt das – und dürfte am 16. Februar auch in der Kranhalle seine Wirkung nicht verfehlen.
Yasmine Hamdan
Eine völlig andere Form der Faszination geht wiederum von den Songs der libanesischen Songwriterin und Sängerin Yasmine Hamdan aus. Verband sie mit ihrer Indie-Band Soapkills bereits um die Jahrtausendwende in Beirut Trip-Hop, Elektronika und traditionelle arabische Klänge zu etwas gänzlich Neuem, so ist auch ihr jüngstes Album „I Remember I Forget“ ein ebenso visionäres wie betörendes digitalanaloges Amalgam zwischen westlichen und östlichen Klangaspekten. Allein der pulsierende Titeltrack zieht einen derart zwingend in seinen Bann, dass man sich davon ausgehend immer wieder aufs Neue durch diese bezirzend andersartige Platte hören möchte. Am 19. Februar wird Yasmine Hamdan bei der Präsentation von „I Remember I Forget“ im Technikum beweisen, dass auch im Jahr 2026 noch Pionierarbeit möglich ist. Es spricht viel dafür, dass man sich lange an diese Musik erinnern wird.
