Zeitgenössische Klänge, charmant serviert: KATRIN BECK und MANUELA KERER geben der Münchner Biennale neuen Schwung
Frau Kerer, Frau Beck, ein Festival wie die „Münchener Biennale“ ist immer vielstimmig. Sie sagen selbst: keine fertigen Antworten, kein Museum! Doch wie ist das diesmal unter Ihrer neuen Führung konkret gemeint?
Manuela Kerer: Für mich gab es nie die Versuchung, etwas festzuschreiben oder zu erklären, was Musik ist. Diese Frage begleitet mich ohnehin ständig. Gerade die Stärke dieser abstrakten Sprache liegt doch darin, dass jede und jeder eigene Antworten finden kann. Und dass diese Antworten eben nicht schon in der Musik selbst vorgegeben sind.
Also kein erhobener Zeigefinger in Richtung Publikum: Man benötigt kein Musikstudium, um „Biennale“-Aufführungen zu verstehen?
Katrin Beck: Überhaupt nicht. Wir wünschen uns, dass man ohne Vorurteile kommt. So wie ins Kino: Man weiß ja vorher auch nicht, ob einen ein Film überzeugt. Im Museum gefällt einem auch nicht jedes Werk – und trotzdem nimmt man etwas mit. Genau dieses Ausprobieren ist uns wichtig.
Viele haben trotzdem Berührungsängste mit zeitgenössischem Musiktheater. Muss man sich einlesen?
Beck: Nein. Es gibt keinerlei Voraussetzungen. Man braucht keinen „Beipackzettel“. Dieses „Verstehen“ wird oft überbetont. Wichtig ist doch: Berührt mich etwas? Löst es etwas aus?
Aber ganz leicht machen Sie es dem Publikum nicht, oder?
Beck: Wir wollen nicht berieseln. Das kann auch anstrengend sein. Aber so ist der Mensch ja auch, nicht immer nur angenehm. Gerade darin liegt die Chance, wirklich berührt zu werden.
Was macht Musiktheater für Sie aus: Ist die Musik immer die Hauptsache?
Kerer: Musiktheater hat viele Ausprägungen. Mal steht Sprache stärker im Vordergrund, mal der Klang. Es ist ein Miteinander der Künste – Theater aus Musik und Theater mit Musik.
Und die Musik darf auch ziemlich ungewöhnlich sein?
Kerer: Absolut. Sie muss nicht aus klassischen Instrumenten kommen. Auch Alltagsklänge können musikalisch sein.
Wie entscheiden Sie, was ins Programm kommt?
Kerer: Auf ganz unterschiedlichen Wegen. Wir reisen viel, hören und sehen viel. Es gibt Einreichungen, aber auch gezielte Aufträge. Entscheidend ist für uns die Qualität: Ob eine Idee in uns etwas auslöst und Potenzial hat.
Sie sehen im Vorfeld also oft nur Konzepte, keine fertigen Stücke?
Beck: Genau. Als Uraufführungsfestival sehen wir ja erst einmal die Zutaten: verschiedene Disziplinen, Ansätze. Ob das am Ende aufgeht, wissen wir nicht sicher. Aber wir vertrauen auf das Potenzial.
Für einen Aufruf an die Künstler, Vorschläge fürs Programm zu machen, haben Sie selbst ein eigenwilliges Motto gewählt: „Martial Arts“ wirkt überraschend. Wie kam es dazu?
Beck: Der Begriff ist sehr weit und verbindet viele Kampfkünste. Darin steckt viel Körperlichkeit, Konzentration, Theatralität – also viele Parallelen zum Musiktheater. Das war für uns ein spannender Rahmen.
Gab es Sorgen, dass dazu nichts Passendes kommt?
Kerer: Die Sorge war eher doppelt: dass zu wenig – oder zu viel kommt. Am Ende hatten wir 83 Einreichungen aus aller Welt. Das hat uns überrascht, auch die Vielfalt der Ansätze.
Ist die Biennale auch ein Treffpunkt für die Musiker-Szene?
Beck: Ja, unbedingt. Wir haben Netzwerktreffen, einen Campus, Austauschformate. Es ist auch eine Art Ideenmesse.
Und fürs Publikum?
Kerer: Wir wollen Türen öffnen. Zeitgenössische Musik wirkt oft wie ein Elfenbeinturm. Das möchten wir aufbrechen.
Sie setzen dieses Jahr stärker als früher auf ein Festivalzentrum im Muffatwerk-Areal an der Isar. Warum?
Beck: Begegnung ist zentral. Menschen sollen sich austauschen können – über Begeisterung, Irritation, Fragen. Dafür schaffen wir Räume.
Wie sieht das konkret aus?
Beck: Dort steht ein offenes Zelt, kostenfrei zugänglich. Man kann dort verweilen, lesen, diskutieren oder einfach Eindrücke sacken lassen.
Im neuen Programm finden sich mit dem Stück „Der Miesepups“ sogar zeitgenössische Komposition für Kinder: Gilt das Arbeiten für diese Zielgruppe nicht oft als ganz besonders schwierig?
Kerer: Absolut. Es ist eine Königsdisziplin. Und es darf nicht „verniedlicht“ werden. Kinder können viel aushalten und verstehen. Man muss sie ernst nehmen – auch mit komplexen Themen.
Spielen Humor und Leichtigkeit trotzdem eine Rolle?
Beck: Auf jeden Fall. Humor ist ein verbindendes Element.
Gibt es diesen besonderen Moment, wenn das Publikum plötzlich „kippt“: Zuerst ein wenig überfordert und verwirrt, dann aber begeistert ist?
Kerer: Ja – und das ist altersunabhängig. Es ist immer schön zu sehen, wenn jemand anders herausgeht, als er hineingegangen ist.
Welche Rolle spielt der Standort München als Musikstadt mit einem breiten Angebot, aber oft auch etwas konservativer Erwartungshaltung ans Programm für die Biennale?
Beck: München ist ein guter Ort, mit großem Publikum und viel Musiktradition. Aber nicht nur konservativ. Es gibt viele Initiativen für neue Musik.
Beck: Entscheidend ist die Offenheit, mit der man kommt.
Das „Foosball“-Stück dreht sich am Kickertisch um Fußball und modernes Musiktheater: Wie kommt man denn auf so eine Idee?
Kerer: Weil Musiktheater alles sein kann. Fußball bringt eine eigene Klangwelt mit sich.
Also mehr als ein Gag?
Kerer: Definitiv. Es geht uns um die klanglichen Aspekte, wenn der Ball rollt, nicht um Effekte.
Das Publikum darf am Kicker mitmachen?
Beck: Natürlich, das ist gewollt. Der Unterschied zwischen Laien und Profis wird dabei hörbar – und das macht Spaß. Man muss sich trauen, da einfach mal mitzumachen.
Für KATRIN BECK und MANUELA KERER, das neue künstlerische Leitungsduo, beginnt ihre erste Münchner Biennale gleich mit geballten Jubiläen. Das Festival, das vom Komponisten Hans Werner Henze als Ort für Uraufführungen und als Labor für neues Musiktheater gegründet wurde, feiert sein 20. Jubiläum. Und Henze wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Im Team haben die Musikmanagerin Beck und die Südtiroler Komponistin Kerer zwölf Produktionen eingeladen, um die Stadt vom 8. bis 20. Mai zum beherzten Eintauchen in neue Klangwelten anzuregen. www.muenchnerbiennale.de
