„Ein Satansbraten aus dem Walde„. Franz Furtner über „Nightborn“ von Hanne Bergholm. Ab 6. August im Kino
Mit dem Ekel im Film ist es so eine Sache. Er wirkt von der Leinwand fast körperlich auf uns herunter und kann für sich genommen in seiner Drastik sogar oft direktere Kino-Erfahrungen bieten als so manche intellektuell stimulierende Erzählung. Wenn ein Film hingegen nur auf solche Reize setzt, kann man wohl dennoch mit Fug und Recht von faulem Filmemachen sprechen. Aber es gibt eben auch Werke wie „Nightborn“, in dem durchaus eine Vielzahl drastischer bis ekelerregender Szenen zu sehen sind, diese aber niemals zum Selbstzweck verkommen, sondern folgerichtig in Handlung und Intention des Films eingeflochten sind. So viel sei eingangs schon mal gelobt. Aber worum geht’s denn überhaupt?
Mit dem Traum von einer perfekten Familie ziehen Saga (vielseitig bis zum äußersten: Seidi Haarla) und ihr britischer Ehemann Jon (großartig überfordert: Rupert Grint) in ein abgelegenes Haus tief im finnischen Wald – ein Ort, an dem Saga den Großteil ihrer Kindheit verbracht hat. Doch kaum ist das Baby geboren, weiß Saga, trotz aller Beteuerungen ihres Umfelds, dass mit ihrem Sohn etwas ganz und gar nicht stimmt. Er schreit und schreit, wenn er schläft, schnarcht er in der Heiserkeit eines alten Mannes und wenn er gestillt wird, beißt er zu fest zu. Obendrein scheint im Wald etwas zu lauern, gegen das kein Mähroboter ankommt. Während die Ehe zunehmend zu zerbrechen droht, versucht Jon verzweifelt, seine Frau zu unterstützen.
Gerade im Aufeinanderprallen dieser Verzweiflung des britischen Ehemannes, der sich in Kontrolle wähnt und dem zunehmend fatalistischen Ansatz an die Kindererziehung und ihr Leben, dessen sich die finnische, ländlich aufgewachsene Saga bedient, entstehen viele Konflikte; durch geschickte Überzeichnung aber auch ein gehöriges Maß an Komik. Seidi Haarla weiß in ihrem Spiel zwischen liebenswürdig, ungezähmt und harmoniebedürftig zu wechseln und in dieser Vielseitigkeit konsequent die Nöte, die eine quasi alleingelassene Mutter (wohl) hat, abzubilden. Grint gibt hervorragend den Schluck Wasser, dessen halbgare Versuche doch vielleicht irgendwie eine Autorität darzustellen, grandios scheitern. Als müsste Mr. Bean für einen Nachmittag auf Damien aus „Das Omen“ aufpassen. Beim eingangs erwähnten Ekel denke man an den Body-Horror eines David Cronenberg vermischt mit dem Augenzwinkern des ebenfalls satirisch-feministischen, letztjährigen Kino-Hits „The Ugly Stepsister“. Er steht stets im Dienste der Grundthemen Mutterschaft, Mutter-Kind-Entfremdung, Verteilung der Care-Arbeit, Rollenverteilung in Partnerschaften u.v.m.
Regisseurin Hanna Bergholm hat ein dunkles, humorvolles und durch und durch feministisches Horrorjuwel geschaffen, dessen komplexe Figurenkonstellationen bei näherer Betrachtung immer noch mehr Perspektiven auf Paar- und Elternschafts-Dynamiken aufzeigen. In diesem Sinne: ein dämonisch abschließendes „Duzi Duzi.“


