Profundes Rot? Franz Furtner über „Mother Mary“ von David Lowery. Ab 21.5. im Kino.
Dieser Text schlägt einen für die Rubrik „Der Filmtipp“ eher ungewöhnlichen Ton an. Aber wenn „Mother Mary“ ein Film ist, ist dieser Text eben auch ein Filmtipp. So viel Süffisanz gönn ich mir hier. Zumal der Satz ähnlich funktioniert, wie der Film: Er suggeriert Cleverness und Tiefe, doch geht dabei nicht ganz auf. Aber ich greife vor. Worum geht’s überhaupt?
Diskurs im Haute-Couture-Stadel
Anne Hathaway mimt Mother Mary, eine Pop-Sängerin, die kurz vor ihrem vielleicht letzten großen Auftritt steht. Um für diesen ein bühnenwirksames Outfit auf den Leib geschneidert zu bekommen, wendet sie sich an Sam Anselm (gespielt von Michaela Coel) – eine Mode-Designerin, mit der sie große Teile ihrer Karriere zusammengearbeitet, sich aber vor ein paar Jahren überworfen hat. Was genau da passiert ist, wissen auch die beiden nicht, sodass wir Zusehenden die erste Hälfte des Films ein zaghaft-kühles Herantasten der beiden Frauen mitansehen dürfen. Die beiden bewegen sich durch einen zum Atelier umgebauten Schuppen, probieren Stoffe an, brainstormen, geraten in Streit. Anselm schlägt scheinbar herausfordernd einen roten Stoff für das Kleid vor, Mother Mary reagiert sehr ungehalten. Während die beiden sich in der Folge vieldeutig durch den Haute-Couture-Stadel diskutieren, funktioniert der Film als theatrales Kammerspiel, wo lediglich durch kryptische Dialoge Verborgenes ans Licht kommt. Und auch wenn man diesen ersten Teil des Films schon mit einem riesigen Fragezeichen im Gesicht sieht, ob des Bedeutungsschwangeren und der schweren Düsternis, die hier die Gespräche über Mode durchwaltet, wartet der Film mit eindrücklichen Szenen auf, die für sich stehend funktionieren.
Ein tiefer Fall
Auch die Songs, komponiert von Jack Antonoff und Charli XCX, sind -wenn schon nicht dringend nötig- interessante Intermezzi zwischen der endlosen Barrage an Worten, die von den Darstellerinnen möglichst dringlich und schicksalsschwanger intoniert werden. Doch dann beginnt die zweite Hälfte. In einem Rückblick sehen wir, dass beide Frauen in ihrer Vergangenheit geisterhafte Konfrontationen mit einer Entität in Form eines roten Stoffes durchlebt haben. In der Folge ging das Verhältnis der Frauen und mit dieser Offenbarung auch der Film den Bach runter. Eine klischeehafte Ouija-Brett-Geisterbeschwörungsszene bietet dem Real-Life-Popstar FKA Twigs die Gelegenheit, kurz auszurasten und die so mühsam aufgebaute entrückt-kühle Atmosphäre geht fortan zugunsten einer Teenhorror-Trash-Ästhetik flöten. Das wäre nicht weiter schlimm, hätte „Mother Mary“ bis dato nicht permanent suggeriert, dass wir hier große Kunst sehen. Diese vorgegaukelte Schaffenshöhe und das Fehlen jeglichen Augenzwinkerns in Plot und Inszenierung lässt den Film zum Ende hin erstaunlich tief fallen und leider geradezu lächerlich wirken.
Dementsprechend misslaunig waren auch so manche Filmjournaille-Kolleg*innen nach der Pressevorführung. Dennoch als leicht versöhnlicher Schluss: In diesem Film wurde etwas ausprobiert und, ja, dabei griff man für meinen Geschmack ziemlich weit daneben. Aber man hat etwas probiert und dafür liebe ich „Mother Mary“ mehr als so manchen tumben Superhelden-Bio-Pic-Sternenkriege-Aufwasch.


