19:00 Uhr – 21:30 Uhr
Schloss Nymphenburg / Johannissaal im Schloss Nymphenburg, Schloss Nymphenburg, Eingang 19, 80638
München
Klassik
Slawische Seelenlandschaften: Eine Reise gen Osten in b-Moll
Die Tonart b-Moll gehört zu denjenigen Tonarten, die im Laufe der Klavierliteraturgeschichte erst in der Romantik wirklich erschlossen wurden. Die auf die Wiener Klassik folgende Komponistengeneration eroberte noch „unverbrauchte“ Tonarten, mit deren Verwendung man nicht unmittelbar in Assoziation mit dem musikalischen Übervater Beethoven trat – der tatsächlich kein einziges Werk in b‑Moll hinterlassen hat. Bei dieser Tonart fällt insbesondere auf, dass sie im Zuge des 19. Jahrhunderts hauptsächlich von slawischen Komponisten wie Rachmaninow oder Skrjabin verwendet wurde, die zahlreiche Werke in b‑Moll komponierten – sicher maßgeblich inspiriert durch ihr großes Idol Chopin, welcher der Tonart als erster ihre slawische Prägung gab.
Wie kein anderer führt der junge Alexander Skrjabin während des „Fin du Siècle“ in Russland das kompositorische Erbe Chopins fort, dem wohl größten slawischen Klavierkomponisten des 19. Jahrhunderts. In Skrjabins Frühwerk sind dessen Einflüsse omnipräsent, wie auch in seinem rund fünfminütigen Bravourstück „Allegro de Concert“ op. 18 in b-Moll, das eine feurige Chopin-Hommage im Allegro con fuoco darstellt. Skrjabins polnisches Idol komponierte bereits 1841 ein „Allegro de Concert“, op. 46 in As-Dur, welches – wie auch das gleichnamige Werk des jungen Skrjabin – nur sehr selten aufgeführt wird.
Als einflussreichstes Klavierwerk in b-Moll ist wohl Chopins zweite Klaviersonate op. 35 aus dem Jahr 1839 zu werten. Bereits 1837 komponiert er den dritten Satz der Sonate, den weltbekannten „Marche funèbre“ – zu Deutsch „Trauermarsch“, das wohl berühmteste Werk des gesamten Oeuvre Chopins, welches auch auf den Begräbnissen von John F. Kennedy und Winston Churchill erklang. Dieser Trauermarsch gibt das Klima der ganzen Sonate vor, in welcher sich Chopin mit der Vorahnung des eigenen Todes auseinandersetzt. Der erste Satz beginnt im Grave sehr düster und pathosgeladen mit einer Anspielung an Beethovens letzte Klaviersonate op. 111 – ein ebenso endzeitliches Werk. Der zweite Satz, ein Scherzo im Presto, man non troppo, gleicht einem makabren Totentanz, während der auf den Trauermarsch folgende vierte Satz mit einer Spielzeit von knapp zwei Minuten den kürzesten und kryptischsten Satz des Werkes darstellt. Dieses Finale, bestehend aus atonal anmutenden Unisonoläufen in beiden Händen, wird vom großen historischen Chopin-Interpreten Alfred Cortot als „Wind über den Gräbern“ rezipiert – hier löst sich die Musik nebulös auf und beschert der Sonate nach rund 25 Minuten Spielzeit ein gespenstisches Ende.
Was den slawischen Charakter der Tonart b‑Moll ausmacht, wird insbesondere in Balakirews Klaviertranskription des traditionellen russischen Lieds „Die Lerche“ von Michail Glinka deutlich. Das 1840 komponierte Lied handelt vom lyrischen Gesang der Lerche, die während der Romantik als Morgenbote galt und die Verbindung zwischen Himmel und Erde symbolisierte. So heißt es auch im Thema des Glinka-Liedes, aus dem Russischen sinngemäß übersetzt: „Zwischen Himmel und Erde erklingt ein Lied, wie ein Strom ohne Ende es lauter zieht, kein Sänger zu sehen im weiten Feld, doch die Lerche singt für sein Liebchen der Welt“. Dieses Thema transkribiert der 1836 geborene Milij Balakirew im Jahr 1864 für Klavier solo, variiert es dabei mehrmals und vereint so russische Lyrik und Virtuosität.
Inspiriert durch Chopins b‑Moll-Sonate komponiert auch Sergej Rachmaninow im Jahr 1913 seine 2. Klaviersonate op. 36 in der Tonart b Moll, und wird sie 1931 noch einmal überarbeiten und deutlich kürzen, wodurch die zweite Fassung seines wohl gewichtigsten Soloklavierwerkes eine kompaktere und strukturfestere Form bekommt. Wie auch in der chopinschen Vorlage zeichnet Rachmaninow hier düstere Klanglandschaften, eröffnet durch einen erdrutschartigen Abwärtslauf zu Beginn des ersten Satzes im Allegro agitato. Dem ganzen Werk liegt das chromatisch abwärtswandernde, an der Seele zerrende erste Thema des Kopfsatzes zugrunde, welches auch in den beiden Folgesätzen der Sonate Reminiszenzen erfährt. Der zweite Satz im Lento gleicht einer Meditation, in der Rachmaninow im Kontrast zum dystopischen ersten Satz ein kontemplatives Idyll kreiert, zwischenzeitlich getrübt von klanglichen Nachbildern der vorausgegangenen Abgründigkeit im Mittelteil dieses gewichtigen langsamen E-Dur-Satzes. Der Attacca-Einsatz des dritten Satzes sprengt den vorigen seelischen Frieden daraufhin abrupt. In diesem hypervirtuosen Satz im Allegro molto wendet sich Rachmaninow zur Zieltonart B-Dur, arbeitet sich aus den eigenen seelischen Untiefen empor, hin zum Triumph des zweiten Themas des Satzes, in dem der für Rachmaninow so charakteristische Glockenklang golden erstrahlt. In wild wirbelnden Presto beschließt er schließlich das furiose Finale eines seiner prachtvollsten pianistischen Achttausender, wie es begonnen hat: mit einem großen Abwärtslauf, nun aber nicht in Richtung Abgrund, sondern ins Licht.
(Text: Louis Mühlbauer)
Programm
Alexander SKRJABIN (1872–1915)
Allegro de Concert b-Moll op. 18 (1896)
Allegro con fuoco –
Meno mosso –
Maestoso
Jana Förster, Klavier
Frédéric CHOPIN (1810–1849)
Klaviersonate Nr. 2 b-Moll op. 35 (1839/40)
Grave – Doppio movimento
Scherzo – Più lento
Marche funèbre. Lento
Finale. Presto
Anjulie Chen, Klavier
— Pause —
Michail GLINKA (1804–1857)
Aus: „Abschied aus St. Petersburg” (1840)
„Die Lerche” b-Moll
Transkription für Klavier solo von Milij BALAKIREW (1837–1910)
Dmitrij Romanov, Klavier
Sergej RACHMANINOW (1873–1943)
Klaviersonate Nr. 2 b-Moll op. 36, 2. Fassung (1913/31)
Allegro agitato – Meno mosso
Non allegro – Lento
Allegro molto – Tempo rubato – Presto
Louis Mühlbauer, Klavier
Idee, Konzept und Moderation: Louis Mühlbauer
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Schloss Nymphenburg / Johannissaal im Schloss Nymphenburg
Adresse: Schloss Nymphenburg, Eingang 19,
80638 München
