Three women in colorful sheer dresses kneel on stools on a stage, with a bright projection backdrop and a ladder behind them.

Bühnenschau: Raus aus der Scham!

Zwei Arbeiten von Leonie Böhm „Fräulein Else“ und „Mein kleines Prachttier“ an den Kammerspielen und Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“ am Residenztheater

Der IN-München-Theaterexperte Peter Eidenberger bespricht drei aktuelle Stücke.

„Fräulein Else“ in den Kammerspielen

Woman in a black gown lies on a glossy floor beneath a large crystal chandelier, emerald-green nails visible.

Foto: Armin Smailovic

Die Regisseurin Leonie Böhm dürften einige noch in Erinnerung haben von ihrer fulminanten, feministischen Schiller-Aneignung „Die Räuberinnen“ 2019 an den Kammerspielen. Nun ist sie zurück an diesem Haus, mit Bühnenadaptionen zweier Erzähltexte.

Die eine ist eine Übernahme vom Volkstheater Wien mit einer der Schauspielerinnen, die bei den „Räuberinnen“ damals auch dabei war: Julia Riedler. Die Novelle „Fräulein Else“ bezeichnet sie als ihren „Lieblingstext“, Arthur Schnitzler lässt darin eine junge Frau in einem inneren Monolog (von 1924) ihre zunehmend unerträgliche Drucksituation offenbaren: sie muss ihrem verschuldeten Vater helfen, das Gefängnis zu vermeiden, indem sie Geld von einem reichen Schnösel besorgt. Doch der verlangt dafür eine Gegenleistung: er will sie nackt sehen.

Kollektiv reißt es das Publikum in den Kammerspielen nach 90 Minuten aus den Sitzen: für ein fulminantes Solo, das ebenso umwerfend ist wie tiefgehend. Aus dem unsicheren, tastenden Mädel bei Schnitzler machen Riedler – für diese Produktion zur Schauspielerin des Jahres (Theater heute) gewählt – und Böhm eine starke Persönlichkeit von heute. Die Selbstermächtigung einer jungen Frau, die den Spieß umdreht – und die das Publikum mitnimmt. Mit hinein in ihren Konflikt.

Erst ist das ein lustiges Plaudern unter Zuschauern, von ihrem Platz im Parkett aus  bewundert sie das Ambiente des Schauspielhauses. Es wird geflachst, ein Selfie muss sein, dann erklimmt diese Else, schwarzes Mantelkleid, weiße High-Sneakers, grüne Fingernägel, die Vorderbühne vor dem Jugendstil-Vorhang, immer noch im Dialog mit dem Publikum, was übrigens nie peinlich ist, dank Riedlers Charme und Impro-Kunst. Und ganz langsam mischt sich Schnitzlers Geschichte in diese Interaktion, die Sache des „keuschen Fräuleins“ wird zu unser aller Angelegenheit: wir haben teil an den Gedanken, Nöten, Widersprüchen, auch weil sie nach Antworten fragt – und auch welche kriegt. Und auf einmal sind wir mitten drin in der #Me-too-Debatte.

Else wird sich ihrer Kraft bewusst, und sie endet anders als in der Novelle: als nackte, aber befreite Frau, die ausgelassen zwischen Kronleuchtern und Nebel tanzt.


„Mein kleines Prachttier“ in den Kammerspielen

Der Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ – von Gisèle Pelicot, der Französin, die von ihrem Mann jahrelang betäubt und vergewaltigt wurde, und mit ihrem Prozess dafür gesorgt hat, dass Taten und Täter sich nicht in einem nicht-öffentlichen Verfahren verstecken können – ist inzwischen schon globale Parole: nicht das Opfer, der Täter muss sich schämen. Der Satz steht auch im Programmblatt zu Leonie Böhms neuer  Inszenierung an den Kammerspielen, der ersten Theaterbearbeitung eines herausfordernden Romans.

Schon sein Debüt 2018 machte Lucas Rijneveld (auf den Vornamen Marieke verzichtet der non-binäre Schriftsteller inzwischen) zum Shootingstar der niederländischen Literaturszene, drei Jahre später veröffentlicht er „Mein kleines Prachttier“, motiviert von eigenem Erleiden, ohne autobiografisch sein zu wollen. Ein Missbrauchstäter spricht, in Form eines Briefes aus dem Gefängnis ist der Roman Selbstbezichtigung und Erklärversuch von Kurt, 49, Tierarzt, der im ländlichen Umfeld sein jugendliches Opfer, 14 Jahre – er nennt es „erwachsen“ – gefunden hat. Ein Mädchen ohne Namen, wir werden es nur durch die Schilderung des Täters kennenlernen.

Dem Täter zuhören müssen: die 364 Seiten im Buch sind in Böhms Bühnenversion eine 60 Minuten kurze, aber intensive Annäherung ohne große theatrale Mittel. Auf der sonst leeren Bühne ein Riesengeweih – das Mädchen wünscht sich einmal ein Geweih, als Symbol ersehnter Männlichkeit –, zwei Schauspielerinnen, Sommerdress, rotes T-Shirt, kurze Jeans. Die junge, kindlichere Maren Solty und die ältere Annette Paulmann wirken wie große und kleine Schwester. Aber nein, sie beide behaupten, Kurt zu sein, sie spielen ihn aber nicht, sondern teilen sich Kurts Erzählen. Frontal zum Publikum, klar, nachdrücklich, mitunter irritierend leicht: von Bewunderung, Geilheit (er, der Tierarzt, nennt sein Opfer Prachttier), Prägung durch eigenes Missbrauchserleben, die Verteidigung vor Gericht. Das Unsagbare aussprechen: das führt an die Grenzen des Erträglichen, die Popkultur schafft Durchatmen, Freiraum: toben und brüllen zu Bonnie Tyler und Kate Bush. Eine bewegende Aufführung, aufrüttelnd, schmerzhaft – die atemlose, fast satzzeichenlose Wucht des Romans aber fehlt.


„Die Präsidentinnen“ im Residenztheater

Three drag performers on a stage wearing colorful gowns; central figure has blood-red accents on a white dress while others pose beside under a lit archway.
© Birgit Hupfeld

In den 1990er Jahren war er eine Zeit lang so etwas wie der Popstar des Theaters: der Grazer Autor Werner Schwab. Aus kleinbürgerlichem Milieu stammend, von der Kunst der Wiener Aktionisten und ihren Happenings beeinflusst, schrieb er zwischen dem Erfolg seines Debüts 1991 und seinem frühen Tod durch Alkoholmissbrauch in der Silvesternacht 1993/94 mit nur 35 Jahren 16 Stücke. Schwabs Texte wühlen in menschlichen Nöten, im Sexuellen und Exkrementellen – „Fäkaliendramatiker“ nannte man ihn –, und das mit einer solitären Kunstsprache, der Literatur- und Theaterwelt längst ein eigenes Siegel verpasst haben: Schwabisch. Was ein kleinbürgerliches Mühen um Hochsprache meint, mit ungelenkem Satzbau und ungewollter Komik.

Am Residenztheater läuft nun sein Erstling. „Die Präsidentinnen“ sind in der Regie von Claudia Bauer die Show von drei Kunstfiguren. In einer Küche sitzen sie, die eng ist und hoch, wie in einer raumhohen Nische für Heiligenfiguren, gerahmt von Variéte-Lichtern. Schreckschraubenhaft aufgedonnert, die Puppengesichter mit den Latex-Teilen wirken wie schlecht operiert, Fat-Suits mit Riesen- bzw. Hängebusen, darüber transparente, negligéhafte Kleider. Dieses bunte Alptraum-Trio ist grandios besetzt: bei Myriam Schröder blitzt immer die Tragik durch ihre notgeile Grete, Katja Jung ist die sparsame Erna, ein Teebeutel muss schon für drei reichen, und Lisa Wagner ist Mariedl. Ohne Handschuhe wühlt die Verstopfungsspezialistin im Abort herum und schildert das mit völlig selbstverständlichem Berufsstolz.

So kämpfen sie mit Worten und auch handgreiflich, wenn sie zum Tango rangeln (untermalt von der Dreier-Trachten-Band mit den Glitzer-Gamsbärten). Sie schauen dem dem Papst zu, auch sonst bricht das Religiöse immer wieder mal durch, aber der Frieden dieser Frauengemeinschaft kennt Grenzen. Da kann Mariedl noch so fordern: „Jetzt vertragt ihr euch wieder, jetzt muss wieder eine Nächstenliebe aufgebaut werden.“ Dass sie die Träume der anderen beiden schlechtmacht, wird sie mit dem Tod bezahlen. Schwabs Sprachbilder sind immer noch prägnant, doch insgesamt ist der Abend ist zu bunt, als dass einen die verhandelte zwischenmenschliche Tragik nachdrücklicher beschäftigen würde. Trotzdem: langer Beifall.