Group of people talking outside a glass-front shopping center with bright posters and a row of bicycles in the foreground.

Glosse: Alles nur künftige Ruinen?

Ein künftiger Abriss des Mathäser-Kinos wird leider wahrscheinlicher. Ein paar Gedanken.

Unglaublich aber wahr: Die Zurich Immobilien Deutschland GmbH und Co. KG mit Sitz in Köln hat einen Bauvorbescheid bezüglich des Areals des Mathäser-Gebäudes am Stachus in der Tasche. Die Lokalbaukommission hat diesen dabei ausgestellt, ohne den Stadtrat miteinzubinden. Nun können die Investoren also einen Bauantrag stellen. Und wenn dieser sich in den im Bauvorbescheid ausformulierten Vorgaben bewegt, muss die Stadt ihn auch bewilligen. Entstehen soll dort laut der SZ „ein neues, aus sechs Bauteilen bestehendes Quartier mit Büros, Wohnungen, Geschäften und möglicherweise einem deutlich verkleinerten Kino“. Das alles soll aber nicht vor 2033 -bis dahin geht der Mietvertrag von Kinobetreiber Kinopolis – starten. Sieben Jahre und ein bissl was haben wir also das besucherstärkste Kino Deutschlands, unser Mathäser eben, definitv noch.

Reaktion: Kopfschütteln

In der Kinobranche und der Stadtgesellschaft gibt es nur eine Reaktion: Kopfschütteln. Ja, da gibt es wahrscheinlich irgendwelche bürokratischen Gründe, die diesen Vorgang grauen, verbeamteten Existenzen und/oder Immobilienhaien logisch erscheinen lassen. Vor der durchschnittlichen Münchner Bevölkerung – Ihnen und mir, meine Lieben – ist ein Abriss des erst 2003 fertiggestellten Gebäudes, das den größten Kinosaal Bayerns enthält und zwischen dem leerstehenden Kaufhof und dem noch länger leerstehenden Hertie steht, nur schwer zu rechtfertigen. Wie auch? Es ist absolut, völlig, gänzlich und rundum absurd. Um ein innerstädtisches Graffito von der alten Akademie – eine der Benko-Ruinen – zu zitieren: „Ohne Kapitalismuskritik läßt sich das hier nicht begreifen.“ (sic!) Hochtrabend aber die Person, die sich sprühend der alten Rechtschreibung bediente, hat recht: Eine Stadt darf sich – wenn sie lebenswert bleiben will – nicht der Gewinnmaximierungslogik hingeben.

Rechenzentren an den Marienplatz

Ein KI-Rechenzentrum würde sich am Marienplatz finanziell auch mehr lohnen als ein Rathaus, aber man braucht letzteres eben. Und Kinos braucht man auch. Vom Mainstream-Multiplex hin zum kleinen Nischenkino. Wo sonst sollen Markus Söder „Star Wars“ und ich „Cannibal Holocaust“ schauen? Im Filmtheater Sendlinger Tor, einem weiteren Prachtstück der Münchner Kinolandschaft geht das bereits seit 15.1.2025 nicht mehr. Ohne Faible für ein gewisses Maß an Katastrophentourismus und Ruinenfaszination braucht man als kulturell interessierte Person diese Innenstadt fast nicht mehr zu durchschreiten. „Wo soll mer‘n im Sommer hinfahren: Pompeii oder München?“ – „München! Fänd ich interessanter, wie sowas ganz ohne Vulkan passieren kann!“ – „Hast recht, aber kulturell ist da sonst so wenig zu holen.“ – „Stimmt, besser Pompeii!“ Verzeihen Sie aber man wird als Kultur-Schreiberling und Kino-Fan von Entwicklungen dieser Art praktisch in die Polemik gezwungen. The End? Nein. Schauen wir, wie es ab 2033 weitergeht und bis dahin viel Spaß im Kino!