Neue Alben von und mit The Rolling Stones, Jack White, Panda Bear & Sonic Boom, Madonna, Manuela und Micha Acher
Platte des Monats
The Rolling Stones – Foreign Tongues
„Rough And Twisted“, der Einstiegssong von „Foreign Tongues“, trägt seinen Titel nicht ganz zu Unrecht. Und ja, ich geb’s ja zu: Die Mundharmonika quietscht und eskaliert dermaßen heftig, dass es mir fast schon wieder zu viel ist. Dennoch, ein toller, ein vielversprechender Beginn. Überirdisch hymnisch dann auch gleich „In The Stars“ mit seinen klassischen, Richards/Wood-typischen Rock-Riffs und den Huhuuuhu-Chöre. Sommerlich soulig kommt dann „Jealous Lover“ daher, das so gehört locker auch auf „Black And Blue“ hätte drauf sein können. Schön auch der bluesige Country-Schleicher „Ringing Hollow“ oder das zackige, wenngleich einigermaßen einfallslose „Never Wanna Lose You“, bei dem The Cure-Chef Robert Smith sowohl Background-Stimme als auch einen Synthesizer beisteuerte.
Bei der Hälfe angekommen, hätte man nun durchaus Verständnis, wenn Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood jetzt Dienst nach Vorschrift machen, wenigstens aber den Fuß vom Gaspedal nehmen würden. Doch weit gefehlt: „Hit Me In The Head“ ist ein gnadenlos guter Uptempo-Stomper, während das im Original von Amy Winehouse stammende „You Know I’m No Good“ mit einer Extraportion souligem R’n’B-Groove daherkommt. Geradezu funky, mit einem knackigen, an die 80er gemahnendem Mitsing-Refrain daherkommend: „Covered In You“, bei dem kein Geringerer als Paul McCartney am Bass zupfte. Zu guter Letzt dann noch die roots-bluesige Akustik-Rock’n Roll-Attacke von Chuck Berrys „Beautiful Delilah“, die mit Chili Peppers-Trommler Chad Smith einen hörenswerte Schlusspunkt setzt.
Eigentlich ist ja alles wie immer, die letzten 64 Jahre: Manches ist genial, manches banal, immer aber ist es ebenso glaubwürdig wie mitreißend im Vortrag. Und wer hätte es gedacht, aber mit „Foreign Tongues“ beweisen die Stones einmal mehr, dass Stillstand für sie – trotz fortgeschrittenem Alter – offenbar keine Option ist. Unter der Fuchtel von Grammy-Produzent Andrew Watt (Lady Gaga, Lana Del Rey, Ozzy Osbourne, Dua Lipa u.a.), den ich erst in der vergangenen Ausgabe reichlich für seine Arbeit an Paul McCartney „The Boys of Dungeon Lane“ lobte, entstand ein Album, das den klassischen Stones-Sound mühelos in die Gegenwart transportiert: Oldschool und – kein Scheiß – doch erfrischend: Blues, Rock’n’Roll und Soul treffen auf jede Menge Spielfreude. So gehört also eine wirkliche Empfehlung!
Kurz & Gut
Jack White – Frozen Charlotte
Jack White ist einer der schärfsten Kritiker des aktuellen US-Präsidenten, der ihn dann auch gleich als „Versager“ beleidigte. Umso komischer, dass bei der unterirdischen WM-Final-Halbzeit-Show „Seven Nation Army“ – des „Versagers“ Signature-Song also – von den Muppets dargeboten, dem präsidialen Dummdreist vor den Latz geknallt wurde. „Frozen Charlotte“ ist Whites siebtes Studioalbum, welches abermals auf seinem eigenen Third Man Records-Label erscheint. Die Live-Kritiken zu den kürzlich stattfindenden Releaseshows waren allesamt hymnisch. Selbiges wünsch ich mir jetzt auch für die Albumreviews, denn dieses ist wirklich herausragend geworden, zumal dann, wenn man auf eine extra raue, dennoch aber immer auch melodische Version des Post-Blues der 2000er steht.
Panda Bear & Sonic Boom – A ? of WHEN
Es fällt einem beileibe nicht allzu schwer, diese Musik zu lieben. Geradezu unbeschwert, ja, selbstverständlich treffen hier teils gut gelaunte, teils melancholisch angehauchte, immer aber freundlich gestimmte Klangexperimente auf unspektakuläre Loops und reihenweise grandiose Songideen. Während Herr Sonic Boom, bürgerlich Peter Kember, einst mit Spacemen 3 die Balance zwischen Psychedelic, Drone und Pop neu erfand um geraume Zeit später mit modularen Synths zu experimentierte, erschafft Noah Lennox aka Panda Bear – solo oder gemeinsam mit dem berühmt berüchtigten Animal Collective – schillernde Klangwelten zwischen Noise, Folk und Elektronik. Ihr Anspruch sei es auf extrem „uncooles“ Zeug wie Harfen, Steel Drums, Pedal Steel und Jodeln zurück zu greifen um daraus einen faszinierenden, ja geradezu himmlisch betörenden Psychdelic-Pop zu schmieden, der – im Kern nah dran an den beglückenden Songs der Beach Boys – im Hirn einzig die guten Botenstoffe mobilisiert. Und weil alle meckern, aber keiner was tut, gehen Kember und Lennox einen anderen, kompromisslosen Weg und veröffentlichen ihr Album streaming-technisch lediglich über die Website ihres Labels Domino und via Bandcamp. Starkes Zeichen !
Madonna – Confessions II
Auch Madonna ist den Millionen der FIFA erlegen und nahm gemeinsam mit zwei unförmigen Ex-Fußball(gött)ern an der desaströsen WM-Pausen-Sause teil. Aber, klar: Promo. Apropos: Undenkbar, ja ausgeschlossen wäre es noch vor ein paar Jahren gewesen, dass die Stones oder Madonna ihre Alben mitten im Hochsommer veröffentlichen. Dank Streaming ist das nun völlig pillepalle, denn es muss ja niemand mehr in den Plattenladen gehen und sich ein Album kaufen, was im Sommer ja immer schwierig ist, wenn man grad lieber am Strand flackt oder zum Sundowner gemütlich am Spritz nuckelt. Gut und gerne 20 Jahre nach ihrem Dance-Album „Confessions on a Dance Floor“ schreibt Pop-Ikone Madonna nun im Alter von bald 68 Jahren (geboren ist Madonna Louise Ciccone am 16.8.) die Geschichte fort. Und selbst einem ausgewiesenen Tanzmuffel wie mir zuckt hier ein ums andere Mal die Bein- und Pomuskulatur, vor allem beim Gedanken an „Confessions and beyond“ welches dann wohl für 2046 zu erwarten ist…
Deep Purple – SPLAT!
Und noch so eine Kapelle, die release-technisch den Sommer früher mied wie der Teufel das Weihwasser: Deep Purple. Aber klar, auch sie verkaufen kaum mehr physische Tonträger (ca.120 Millionen Alben sind es immerhin seit 1968), oder sagen wir sehr viel weniger, und sind so ebenfalls aufs Streaming angewiesen. Also dann, raus mit der „Platte“, scheiß auf die Hitzewelle. Wobei, schweißtreibenden ist das schon mitunter, was die Rock-Dinos hier zum Teil anbieten. Der Opener „Arrogant Boy“ legt gitarren-mäßig gar in Speed-Metal-Manier los. Dann wird’s auch schon riffiger, nostalgischer, dennoch aber irgendwie auch zeitlos. Überraschend ist das allemal, wie das 78-jährige Gründungsmitglied Ian Paice am Schlagzeug, der ab 19.8. gleichaltrige Sänger Ian Gillan sowie Langzeitbassist Roger Glover (81), Orgelgott Don Airey (78) und Jungspung Simon McBride (47) an der Gitarre hier ebenso erfrischend wie vital mit ungezügelter Spielfreude agieren. Mein Anspieltipp ist „The Only Horse In Town“, was für ein grandioses Stück melodischer Hardrock.
Manuela – Ultraviolet
Mein Favorit ist ja ganz klar „Coniine“. Ein majestätisch schwebender Indiepop-Song bei dem sich Manuela von Stereolab-Chefin Laetitia Sadier stimmlich begleiten lässt. Einer Variante des Slow-Core begegnet man bei „Liar“, während „Come“ zwischen Swing und Chanson changiert. Stimmlich bewegt sich das Organ der im Hauptberuf als bildende Künstlerin tätigen Österreicherin, die seit 2019 in München lebt, irgendwo zwischen Micky Mouse, Aldous Harding und Eartha Kitt. Das von Ehemann Nick McCarthy (Ex-Franz Ferdinand) und Polina Lapkovskaya (Pollyester) produzierte und teils auch co-komponierte Album ist auf alle Fälle ein Pop-Schmankerl jenseits festgefahrener Hörgewohnheiten, irgendwo zwischen minimalistischem Synthpop und lässig durchgeknalltem Space-Folk. Als krönenden Abschluss bezaubert dann noch das mit beatles-typischen Harmoniewechseln, reichlich Bläsern und Gitarren verzierte „Roses“. Was für ein würdiger Schlusspunkt.
Micha Acher – Henry And The Ghosts Songbook
An der Seite seines Bruders Markus ist der Multiinstrumentalist und Produzent Micha Acher durchaus ein „Popstar“. Also einer von der guten Sorte, versteht sich. Und durchaus auch international, denn zusammen sind die beiden die kreativen Köpfe von The Notwist und allem was dazugehört, wie etwa die Hochzeitskapelle, 13&God oder das Tied & Tickled Trio. Micha wiederum war zudem auch noch als Kreativkopf des Alien Ensembles oder von Ms John Soda unterwegs. Da schwirren einem freilich jede Menge Noten im Kopf herum und einige davon bringt er nun auf seinem Soloalbum nochmal zu Gehör. „Nochmal“ deswegen, weil die hier kammermusikalisch interpretierten Songs in irgendeiner Form schon bei einem der eben angeführten Bandprojekte erschienen sind. Trotzdem sei die Platte jedem Notwist-and-beyond-Fan wärmstens ans Herz und in die Ohren gelegt, denn, wer auch immer `Henry und seine Geister´ sind, es ist in jedem Fall ein Micha Acher-Songbook.
