Album cover for the German band Die Toten Hosen with bold white text over a flat landscape and a crashed car in a field in the foreground.

Platten aus nah und fern für den JULI

Neue Musik von Sportfreunde Stiller, Paul McCartney, Die Toten Hosen, Port Not und Christian Pommer

Platte des Monats:

Sportfreunde Stiller – Happy Birthday 

Eines gleich mal vorweg: Dies ist beileibe keine Plattenkritik im herkömmlichen Sinn. Oh nein. Eher handelt es sich, wie sollte es bei den Sportfreunden Stiller, den Sporties, unseren Dreien, auch anders sein, um – genau: Ein Kompliment! Zum 30-jährigen Jubiläum darf – ja muss – das auf alle Fälle drin sein. Vielleicht sogar mehr als das: Persönliche Huldigung, Danksagung, Bundesverdienstkreuz taugliche Würdigung, Heiligsprechung… Haha, wobei verdient hätten es Peter Brugger, Florian Weber und Rüdiger „Rüde“ Linhof allemal.

Und ich will mich auch gar nicht groß mit den letzten 30 Jahren beschäftigen. Zu viel davon ist gerade in Umlauf: Viele Alben, noch mehr Singles, ein Buch, eine ARD-Dokumentation. Alles ist gesagt über Freundlichkeit und Freundschaft, über die Liebenswürdigkeit, die Aufrichtigkeit, die sympathische Normalität und die Empathie der Jubilare, ihrem Manager, ihrem Umfeld und überhaupt – anzunehmender Weise – all ihren Fans. Denn dass sich unter ihnen jemals ein schlechter Mensch verirrt hätte, ist – gefühlt zumindest – von Haus aus aber mal sowas von unwahrscheinlich bis ausgeschlossen. Also widme ich mich ab hier lieber voll und ganz dem Jubiläumsalbum: „Happy Birthday“.

Los geht’s, dem Albumtitel entsprechend pragmatisch: „Immer noch hier“ singen die drei darauf, gleich zu Beginn. Nicht, dass man explizit darauf hätte hinweisen müssen, aber sicher ist sicher. „Willkommen hier im Irrenhaus“ skandieren die Sportfreunde Stiller dann auch schon in „Wir laden uns auf“ und meinen damit nicht nur explizit sich selbst: Stakkato-Keys und stampfender Beat untenrum, refrainseitig entlädt sich dann eine  energetischen Stadion-Hymne, die uns ad hoc alle mit den nötigen Glückshormonen flutet. Mitsingen ist hier freilich ausdrücklich erwünscht: „Also: Alle jetzt die Arme hoch!“

Schon schallt uns „Ti amo, Italiano!“ entgegen, das die winterliche Olympiaberichterstattung vertonte, bis man es fast schon satt hatte… Deswegen: Szenenwechsel. Es folgt die kraftvoll-aufmunternde Mental Health-Hymne „Keine Blumen ohne Regen“ die mit ihren nachvollziehbaren Metaphern so viel (Über-)Lebenswillen spendet. Zeit für ein freundschaftliches Liebeslied, oder andersrum: Mit ordentlich Grunge-Schmackes bis 70er-Hardrock-Reminiszenz kommt „Ohne dich geh’ ich kaputt (gehst du mit)“ daher. „Happy“ ist pure Punk-Emotion, zwischen Post-Punk und Pop-Appeal wiederum pendelnd „Drop The Idee“ – und da wäre ja dann auch noch mein Geheimfavorit „Hey, Buddies!“. Auch deswegen, weil es beim ausverkauften Konzert Mitte Mai in der Olympiahalle von der Konserve kam, als nach gut zwei Stunden Dauerextase das Licht anging. Was für ein Ende… und am Ende folgt oftmals ein Resümee, so auch hier: „Happy Birthday“ ist – selbst für mich – völlig überraschend das beste Sportfreunde Stiller Album aller Zeiten. Deswegen: Applaus, Applaus – für eine Band die sich niemals wichtig nahm, es aber immer war, ist und auch weiterhin sein wird.

KURZ & KNAPP:

Paul McCartney – The Boys Of Dungeon Lane

Im Juni waren es zehn Jahre, seitdem Paul McCartney zuletzt in München im Olympiastadion gespielt hat. Und, obwohl ich mich eigentlich gar nicht so sehr zur Gruppe der ausgewiesenen Beatles-Nerds zähle – wohl wissend freilich, dass ohne sie die Popwelt eine andere, womöglich sehr viel schlechtere wäre – war ich sehr mitgerissen und bewegt. Mit dem 83-jährigen Paul McCartney veröffentlich nun einer sein neues, mittlerweile 18. Studioalbum und wirft einen nostalgischen Blick zurück, klingt dabei aber weder besonders altmodisch noch bemüht modern, sondern eher zeitlos. Unter der Fuchtel von Produzenten-Tausendsassa Andrew Watt (Iggy Pop, The Rolling Stones, Post Malone, Elton John, Lady Gaga, Pearl Jam u.v.a.m.) entspinnt sich so ein äußerst hörenswertes, zudem stilistisch vielfältiges Spätwerk zwischen autobiografischer Aufarbeitung (der Albumtitel bezieht sich auf McCartney Liverpooler Wohnsitz im Kindesalter) und popmusikalischer Unsterblichkeit. Bei „Home To Us“ darf dann sinniger und stimmiger Weise dann auch noch Ringo Starr mitmachen. Schön.

Die Toten Hosen – Trink aus, wir müssen gehen

Ehrlich gesagt hatte ich eher gemischte Gefühle nach Betrachtung der ARD-Doku „Das letzte Album“. Bandleader „Campi“ hat sich viel vorgenommen (Band auflösen, letztes Album aufnehmen, EU-Clubtour zwischendrin, weiter aufnehmen und all das ständig begleitet von einem Filmteam) und stand so offensichtlich und deutlich spürbar unter enormem Druck. Die anderen vier – ständig ihre große Freundschaft bekundend – kamen eher wie diplomatische Betrachter daher, die ständig darum bemüht waren, nichts Falsches zu sagen oder ihren Chef – denn nichts anderes ist Andreas „Campino“ Frege ohne Frage –  sonst wie zu verärgern. So gehört ist „Trink aus…“ dann doch um einiges besser geworden als befürchtet. Auch die Hosen weisen gleich zu Beginn gerne daraufhin, wer und dass sie immer noch da sind, was „Hier sind die Hosen“ feat. – huch – Chefarzt Farin Urlaub und „Wir waren nie weg“ verdeutlichen. Dazwischen ein bisschen politisch korrektes Punkrockgebaren mit „Schlechte Nachbarn“ oder augenzwinkerndem Kokettieren („Lass mal nicht machen“). Jetzt also soll Schluss sein, was Campino in der Dokumentation zu Tränen rührt, die man ihm sogar abnimmt. Dennoch lassen sie ihre Fans nicht im Stich und predigen mit Songs wie „Die Show muss weitergehen“ und „Nur nach vorn“ etwas Zuversicht. Ganz zum Schluss dann noch das pathetisch-wehmütige „Trink aus“. In diesem Sinne: Einmal Hose, immer Hose! Und danke für die letzten 44 Jahre. (8. + 9.7. Hans-Jochen-Vogel-Platz – beide Shows sind ausverkauft)

Port Noo – Standing On The Moon

Einige Jahre war es nun doch recht still geworden um die gebürtige Münchnerin Hannah Permanetter, ehemals Frontfrau der Band Dear Henry Bliss). Nun jedoch kehrt sie mit ihrem Soloprojekt Port Noo zurück und hat vorsichtshalber gleich mal diese wunderhübschen EP mitgebracht. Irgendwo zwischen Indie-Folk, Pop und feiner Singer/Songwriter-Melancholie kann man hier Songs lauschen, die angenehm unaufgeregt wirken und gerade deshalb so sehr unter die Haut gehen. Die seit vielen Jahren schon in Berlin residierende Musikerin und Komponistin setzt auch weiterhin konsequent auf DIY, produziert vieles selbst und knüpft damit an ihre lange musikalische Geschichte an. Analog und warm klingt das, nicht nur aber auch für Fans von Cat Power bis Kim Deal. (17.7. Milla Club, Support: Hanna Fearns)

Christian Prommer – Rhythmic Nocturne

Der Münchner Produzent, Schlagzeuger, DJ und Multiinstrumentalist, nicht nur Insidern bekannt durch seine genreübergreifenden Arbeiten mit Trüby Trio, Fauna Flash, Peter Kruder, DJ Hells, Bugge Wesseltoft, Carl Craig, Til Brönner u.v.a., präsentiert hier seine  neuestes Klangforschungen. Wie viele andere verzog es auch Prommer nach Berlin, wovon nun „Rhythmic Nocturne“ handelt. Unter tags wurden Skizzen gefertigt, die des nachts zerlegt wurden, so entstand ein elektronisch schillernder Drift zwischen klarer Struktur und gezieltem Kontrollverlust, zwischen Morgengrauen und letzter U-Bahn. Jazz-Harmonien bilden das Fundament auf dem sich Deep House und balearischer TripHop mit straighten Techno-Basslines und analogen Drums begegnen. Apropos: Klavier, Schlagzeug, Percussion, Cello und Streicher tun ihr Übriges um immer wieder in neue akustisch-analoge Räume einzutauchen. So entsteht ein Klangbild, das das Unperfekte feiert und die besondere Magie nächtlicher Großstadtstreifzüge einfängt – frei, spontan und voller unerwarteter Wendungen. Achtung: Ansteckend.