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Tootsie am Gärtnerplatztheater: Besser als Broadway

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Von: Andreas Platz

Tootsie in Tüll: pures Theaterglück
Tootsie in Tüll: pures Theaterglück © Veranstalter

Und niemand vermisst Dustin Hoffman: Tootsie am Gärtnerplatztheater  

Mit Musicals ist das ja so eine Sache. Selten sind sie originär, gerne kommen sie als Zweit-, als Drittverwertung eines Stoffes daher, der schon seinen Mega-Erfolg hatte: als Roman, als Film. Was nicht immer gut geht, dann erinnert man sich wehmütig an die Vorlage – und genau solche Sachen hat man im Kopf, wenn man hört: „Tootsie“ kommt jetzt als Musical.

Aus dem Film-Hit, den Sydney Pollack 1982 mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle gelandet hat, ein Musical zu machen: diese Idee hatte schon einer der Drehbuchautoren. Aber zur Broadway-Premiere kommt es erst 2019, ein Riesenerfolg, belohnt mit „Tony Awards“, den „Oscars“ der Musicalbranche. Diesem Erfolg steht die europäische Erstaufführung jetzt am Gärtnerplatztheater in nichts nach: „Tootsie“ ist hinreißend, charmant, intelligent, witzig, ironisch, musikalisch bunt. Jubel ohne Ende. Standing ovations.

Natürlich ist die Geschichte vom schwierigen, erfolglosen und inzwischen auch schon 40-jährigen Schauspieler, der überall rausfliegt, dann aber als Frau zum TV-Star wird, ein Märchen. Da muss man auch immer ein bisschen was glauben wollen. So vermittelt der groß gewachsene Armin Kahl in der Titelrolle des Michael Dorsey einen deutlich kräftigeren Eindruck als der schmächtige Hoffman seinerzeit im Film, eine Männlichkeit, die auch in Frauenkleidung deutlich präsenter bleibt. Aber wie alle Bühnenbeteiligten schlucken auch wir als Zuschauer das schnell.

Weil Kahl als Mann wie als Frau authentisch ist, nie Parodie. Und weil er eine umwerfende Leidenschaft auf die Bühne bringt – und das restliche Ensemble nicht weniger: Gunnar Frietsch als Michaels trocken-lakonischer Best Buddy Jeff, die verzweifelt-komische Sandy von Julia Sturzlbaum, Alexander Franzen als Dieter-Wedel-haftes Regiemonster, Dagmar Hellberg als toughe Produzentin, Daniel Gutmann als knackiger Jungschauspieler. Und Bettina Mönch als Julie: die sich selbst über Dorothys Vertrauen findet, und dann, als Michael die ganze Sache auffliegen lässt, in diesen neu verlieben muss.

Dieses Musical ist nicht einfach Remake eines 40 Jahre alten Filmklassikers, es ist eine neue Auseinandersetzung mit dem Stoff: die #MeToo-Debatte ist eingeflossen; Rollen wurden verändert oder gestrichen; aus der TV-Soap-Welt des Films wird die des Theaters. Michael spielt hier als Dorothy Michaels die Amme in „Romeo und Julia“ und wird dann zum Broadway-Star in den ganz großen Produktionen. Und so versteht Gil Mehmert – seit „Hair“ (in der Reithalle) und „Priscilla“ am Gärtnerplatz in bester Erinnerung – seine Inszenierung auch als Hommage an die Kraft des Theaters, gerade nach dem massiven Einschnitt durch Pandemie und Lockdown – und entfacht im New York-Ambiente der Drehbühne (Karl Fehringer, Judith Leikauf) ein Bühnen-Feuerwerk.

Die Texte von Robert Horn und David Yazbek hat Roman Hinze pointiert rund bis beißend witzig eingedeutscht, die Musik (auch Yazbek) streift hin und her zwischen den Stilen: schnelle Rhythmen, Bossa Nova, Big Band Jazz, auch mal Funk, Operette oder TV-Serien-Sound aus den Sixties – das Gärtnerplatz-Orchester unter Andreas Partilla ist eine fulminante Band. Und auch wenn die Choreografien eher Beiwerk bleiben, sozusagen um aus dem Musical ein ganzes Musical zu machen: diese „Tootsie“ ist pures Theaterglück. An den Film denkt in den knapp drei Stunden keiner mehr.

Autor: Peter Eidenberger

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