Neue Alben von und mit Tori Amos, Aldous Harding, Ami Warning, Anna Calvi, Arlo Parks und Snail Mail
Platte des Monats:
Aldous Harding – Train On The Island
Ich muss gestehen, ich hatte ein bisschen Herzklopfen, bevor ich „Train On The Island“ angespielt habe. Die Befürchtung nach „Warm Chris“ enttäuscht oder sagen wir besser nicht voll umfänglich begeistert zu sein, zu mal ich mir längst Tickets für das Konzert gekauft habe, war spürbar. Aber Harding konnte schon mit dem Opener „I Ate The Most“ Entwarnung geben. Zu schön der unaufdringlich aus Keys und Rhythmus gebastelte Loop unter ihrer entspannt sing-sprechenden Hauptstimme, dazu die wundervollen Voice-Overdubs, dann die cleane E-Gitarre. Mit einem hypnotisch marschierendem Solonote-Piano beginnt „One Stop“ und schon setzt ihre auch hier wieder bezaubernd intonierte Stimme ein. Überhaupt, „Train On The Island“ ist einmal mehr ein sehr stimmlastiges Album.
Der Titelsong zieht die Zuhörenden mit einem lässigen Laidback-Beat in seinen Bann, während obenrum wieder ein Piano Hardings Stimme die Richtung weist. „Worms“ schlägt in die selbe Kerbe. Aber wieso eigentlich schlagen? Eher schmiegt es sich an, leicht und luftig, in jedem Fall aber den Ohren schmeichelnd. Bei „Venus In The Zinnia“ schlägt dann doch eine Gitarre. Und ja, die Saiten sind wirklich angeschlagen, wenngleich auch so zärtlich wie möglich. Eine faszinierende Reminiszenz an die 60er Jahre möchte man meinen, womöglich sogar an The Velvet Underground, denn im Background singt der walisische Folkmusiker und mit Cate Le Bon und Gruff Rhys bestens befreundete H. Hawkline alias Huw Evans gleichermaßen gleichgültig wie existenziell, wie das früher nur Lou Reed in Perfektion konnte.
„San Franciso“ erinnert mich entfernt an die Strophe von Cindy Laupers „Time After Time“ und lässt dabei die Pedal-Steel-Gitarre von Joe Harvey-Whyte (Liam Gallagher, James Vincent McMorrow, The Magic Numbers, Tony Visconti, Billy Bragg u.a.) gebührend im Hintergrund winseln. Darauf folgt „What Am I Gonna Do?“ bei dem Polar Bear-Schlagzeuger Sebastian Rochford den beschwingten Besen-Beat vorgibt und Hardings Vertraute, die Harfenistin Mali Llywelyn, die schon mit Leuten wie den Villagers, The Boxer Rebellion, Andrew Mayling u.a. ihre Saiten zupfte, auch hier kräftig in selbige langt. Apropos: Nur zur akustischen Zupfgitarre singt Aldous Harding den Anfang von „Riding The Symbol“, das – spätesten mit dem Synthieeinsatz – harmonisch herausfordert. Zum Ende wird „Coats“ noch mal etwas rauer, mit Schlagzeug, Bass und angezerrter Stromgitarre und entlässt – zumindest mich – in dem guten Gewissen, dass „Train On The Island“ kein „Warm Chris“-Epigon ist, sondern vielmehr nahtlos an dieses so besondere – ebenfalls von John Parish (PJ Harvey, Dry Cleaning u.a.) produzierte – Meisterwerk anschließt. (6.7. Muffathalle)
Kurz & gut:
Christin Nichols – dito
Der Frau könnte ich stundenlang zuhören. Im Ernst: Nichols ist eine Persönlichkeit, der man all ihre Gebrechen – aus denen sie kein Hehl macht – ansieht und -hört, die aber jederzeit bereit ist zu kämpfen und bei aller Zerbrechlich- und Verletzlichkeit eine Stärke an den Tag legt, die einem jeden von uns Vorbild sein kann, auch wenn’s mal wieder echt finster aussieht… Und schon die beiden Vorgänger Alben „I’m Fine“ und „Rette sich wer kann“ geizten nicht mit guten Power-Pop-Songs und hinreißenden Duetten etwa mit Anika oder dem Münchner Rap-Genius Fatoni. Jetzt aber ihr selbstbetiteltes drittes Album und wieder ist bei „Bittere Pillen“ mit Gwen Dolyn ein großartiges Feature-Artist-Schmankerl drauf. Christin Nichols zweifelt auch hier wieder an sich, den Menschen und der Welt die sie erschufen. Aber, wie eingangs bereits erwähnt, sie gibt sich niemals geschlagen oder gar auf. Und nach dem sie früher noch ein Hohelied auf ein bekanntes Antidepressiva sang, stellt sie jetzt unumwunden fest: „Ich habe keine Depressionen, es lag einfach nur an dir.“ Starker Mid- und Uptempo-Deutschrock von einer Frau mit der man ebenso gut leiden, wie sich an ihr aufrichten kann.
Tori Amos – In Times Of Dragons
Ihr neues Album, so lässt es uns Tori Amos auf ihrer Website wissen, sei „eine Geschichte, die die gefährlichen Zeiten, in denen wir uns derzeit befinden – in denen die Demokratie selbst auf dem Spiel steht –, als Parabel darstellt.“ So befindet sich Amos’ künstlerisches Ich „auf der Flucht vor meinem sadistischen Milliardärs-Ehemann, dem Echsen-Dämon“ und begegnet dabei Menschen, die sie seit Jahren nicht mehr sehen durfte, oder die sie wegen der Beziehung, in der sie sich befand, nicht sehen wollten. So kennt man Tori Amos, als furchtlose Aktivistin, als meinungsstarke Persönlichkeit mit dem nötigen und zugleich auch immer subversiven Popappeal. So düster das Thema, so düster gestimmt ist auch so mancher Song: „Shush“ wirkt bedrohlich, mit entschlossenem Piano-Einsatz kämpft Amos gegen patriarchale Gesetzmäßigkeiten: „You shush yourself down now“ – von wegen ihr Arschgeigen… In „Stronger Together“ meint sie zuvorderst ihre Tochter, die auch gleich neben der Mama auf dem Singlecover posiert und doch verbindet der Song alle, die sich gegen Ungerechtigkeit aufzulehnen wagen. Die aktuelle Single „Gasoline Girls“ taucht noch tiefer ein: „Stalked by henchmen. Of that lizard scum. Free Speech? What was that? Here there is none. Now there is none“. Es wird Zeit zu rebellieren, gegen all die milliardenschweren Echsen-Dämonen und die mit ihren Machenschaften einhergehenden Ungerechtigkeiten, und Tori Amos steuert den richtigen Soundtrack bei. (10.5. Circus Krone)
Anna Calvi – Is This All There Is?
Im Zentrum dieser wirklich bemerkenswerten 4-Track-EP steht ein intensives Duett zwischen Anna Calvi und The National-Frontmann Matt Berninger. Ursprünglich für einen Film geschrieben, hat’s dann irgendwie doch nicht gepasst und blieb bislang unveröffentlicht. Jetzt entstand eine neue Version, in der sich Calvis expressive Gesangslinien und Berningers dunkler Bariton wie ein Liebespaar umgarnen. Der mitreißende Song entfaltet sich als hymnische Reflexion über eine große existenzielle Frage, bei der es Calvi vor allem um Hoffnung geht: „Der Song handelt von dem Mut zu hoffen und von der Bereitschaft, Fragen zu stellen, auch wenn man weiß, dass es keine endgültigen Antworten geben wird.“ Hinzu gesellen sich drei weitere Hinhörer: Das mystische, transzendente Klangmantra „Computer Love“ feat. Laurie Anderson, die herrlich verschrobene Coverversion von Calvis Labelmate Bonnie `Prince´ Billy’s „I See A Darkness“ gemeinsam mit Perfume Genius und das straight vorwärts rumpelnde „God’s Lonely Man“ mit dem Godfahter Of Punk: Iggy Pop.
Arlo Parks – Ambiguous Desire
Steil bergan ging es zuletzt für Arlo Parks. Kein Wunder, für wahr, aber „Ambiguous Desire“ ist doch nochmal eine hörbare Steigerung. Zumindest empfinde ich das neue Album der von Kritikern gefeierten, zweimal für den Grammy nominierten und darüberhinaus mit dem Mercury Prize und dem BRIT Award ausgezeichneten Sängerin mit der samtweichen, immer aber auch packenden Singstimme. Und ja, bevor jemand fragt: Das ist Tanzmusik. Höchst ansprechend und anspruchsvoll, versteht sich. Dazu Parks: „Während ich dieses Album aufnahm, habe ich mehr getanzt als je zuvor, habe mehr Freunde gefunden als je zuvor, habe mich in den schrägen Untiefen der New Yorker `Juke´-Nächte wiedergefunden, mich gehen lassen und gelacht und gelacht und gelacht.“ Und man hört es ihr an, die Freude, die Ausgelassenheit, die Lust auf das Leben, trotz widriger geopolitischer Umstände. Queerer Hedonismus trifft auf von The Streets und Burial inspirierte Beats und die funkelnde Synth-Katharsis des LCD Soundsystem auf die eleganten House-Vibes eines Theo Parrish. Macht extrem gute Laune und wirkt ansteckend, also dann: Tanzt und lacht, solange es noch geht. (16.11. Muffathalle)
Snail Mail – Ricochett
Ein wahrlich euphorischer Mix aus Collage-Pop und Indie-Rock ist Lindsey Jordan aka Snail Mail auf ihrem neuen Album gelungen. Fünf Jahre hat es gedauert, bis sie wieder so viele Songs beinander hatte, das man ein Album ins Auge fassen konnte. Aber gut, sie hatte ja zwischenzeitlich auch alle Hände voll zu tun (s.u.) und debütierte zudem als Schauspielerin in einem DIY-Horrorfilm, in dem sie eine – wie passend – Buffy-artige Heldin mit übersinnlichen Kräften mimte. Jetzt aber steht ihr der Sinn wieder mehr nach Musik und die ist, s.o. gar wunderhübsch gelungen. Was man sonst noch zu Snail Mail wissen muss, nun, das Info weiß es: „Lindsey zog fort aus New York, ließ sich eine Weile umhertreiben und landete schließlich in der Gegend um Greensboro, North Carolina. Sie ist nun 26 Jahre alt und hat einen flauschigen weißen Hund, den sie in den Nachthimmel hält, damit er die Sterne sehen kann.“ Einfach nur süß.
Ami Warning- live at home
Und auch hier soll eine tolle EP, allerdings mit immerhin sechs Songs, kurz erwähnt sein: Genau wie ihr Jugendspezl Jesper Munk, mit dem Ami Warning zusammen als Teenager beim „Fish’n’Bues“ in der Glockenbachwerkstatt erste musikalische Erfahrung sammeln durfte, ist sie eine, die schon immer viel Wert auf das legt, was passiert, wenn Musik nicht am und/oder im Rechner entsteht, sondern analog im Raum mit „Menschen, die zusammen Musik machen“. Ein halbes Dutzend Songs sind so entstanden: Drei Begegnungen, jeweils ein Ami-Song und ein Gast-Song, neu gedacht und arrangiert für die „live at home“-Session. Alles an einem Tag, gänzlich ohne Proben, live aufgenommen. Mit am Start: Haller, bekannt für Streaming-Erfolge wie „Schön genug“ oder „Irgendwann glücklich“. Zudem Jonny Mahoro, auch kein Unbekannter im deutschsprachigen Befindlichkeitspop sowie: fiora, sanftmütige Bedroom-Popperin mit ebenso brüchiger wie höchst charmanter (Mädchen-)Stimme. So, so schön, all das … (20.11. Rocketclub Landshut)
