Neue Scheiben von Nick Cave & The Bad Seeds, The Mountain Goats, Kraftklub, Swearing At Motorists und Sexschweiss
Nick Cave & The Bad Seeds – Live God
Zuletzt hatte ja der Kollege Franz Furtner das fantastische Livealbum von Jesper Munk mit dem Filmorchester Babelsberg und seiner Begleitband The Cassette Heads an selber Stelle vorgestellt. Zudem wurden in letzter Zeit vermehrt hochklassige Live-Mitschnitte veröffentlicht. David Gilmour etwa, Iggy Pop (mit deftiger Unterstützung eines Blasorchesters in Montreux), oder auch Radiohead, Def Leppard, Slash, Roland Kaiser, Long Distance Calling, Jethro Tull, The Divine Comedy und und und… und ebenfalls noch im Dezember veröffentlicht: Olivia Rodrigo und Depeche Mode. Was ist da los? Was treibt alle diese herausragenden Künstlerinnen und Künstler – mögen sie noch so unterschiedlich sein – bloß an? Womöglich das, was Nick Cave in einem seiner äußerst beliebten „Red Hand Files“-Briefe im Bezug auf KI (deutsch für AI) so formulierte: „This is what we humble humans can offer, that AI can only mimic, the transcendent journey of the artist that forever grapples with his or her own shortcomings. This is where human genius resides, deeply embedded within, yet reaching beyond, those limitations.“ Was Cave damit meint: Niemals kann KI solche Emotionen bei Menschen hervorrufen, wie die eben genannten Künstlerinnen und Künstler es live und in all ihrer perfekten, womöglich genialen, immer aber auch zutiefst bescheidenen und menschlichen aber immer auch einzigartigen Unzulänglichkeit vermögen. Was also wäre die Musik ohne ihr Live-Aufführung? Nichts. Oder halt wie im Falle der ABBA-Avatare, eine perfekt durchgestylte Show: Ganz und gar unbefleckt, leblos, kalt, antiseptisch, blutleer, folglich also alles andere als, genau: menschlich. Cave dagegen ist da ganz anders: Ein stilvoll gekleideter älterer Herr, zudem stark schwitzend – so zeichnete sich auf seinem Sakko beim Konzert letzten Oktober in der Olympiahalle so etwas ähnliches wie Engelsflügel gleiche Schweißflecken auf seinem Rücken ab. Ein tanzender, unermüdlicher, manischer, mahnender, Speichel sprühender, sich seinen Jüngern ungeniert nähernder Prediger-Derwisch präsentierte sich da, und wer das Glück hatte einer dieser Shows beiwohnen zu dürfen, die für dieses Album während der Tour 2024 (überwiegend in Paris) mitgeschnitten wurden, die/der hat sofort wieder dieses Heiland-Gefühl, dieses Wir-sind-er-und-er-ist-wir-und-wenn-wir-nur-zusammen-singen/schreien/wüten/beten/tanzen-dann-kann-uns-nichts-passieren… Ich persönlich hatte Nick Cave & The Bad Seeds auf dem Piazza Napoleone in Lucca 2018, schon mal besser gesehen und gehört, als zuletzt in der Olympiahalle. Und dennoch war ich wieder einmal schwer beeindruckt, ja geradezu beseelt, zumal bei seiner „Live God“-Tour ein dreistimmiger Background-Gospelchor den spirituellen Habitus des Meisters noch eindrucksvoll untermalte. „Wenn dich der wilde Gott berührt“ titelte die SZ nach dem bislang letzten Konzert seiner Heiligkeit Nick Cave dem Ersten in München, und hätte fortfahren können mit: … dann bist du gewappnet für ein einigermaßen gutes Leben in einer schlechten Welt mit zum Teil sehr bösen Menschen. Aber im Ernst: „An Intension ist das schwer zu überbieten“ schrieb auch unser Chefredakteur Rainer Germann in seiner Kritik und man muss nicht unbedingt ganz vorne dabei sein, da wo sich jene versammeln um dem „Live God“ ihre Aufwartung zu machen und ihm ihre Hände entgegenstrecken und ihn anhimmeln, lobpreisen und huldigen wie niemanden sonst, um das zu fühlen. Auch auf den hinteren Plätzen, egal ob im Sitzen oder Stehen, oder wie jetzt gerade, beim Hören des Live-Albums, im Liegen auf der Couch mit einem Glas Rotwein bei feierlich glänzendem Kerzenschein. Sollte die Menschheit weiter so dämlich sein und es der KI gestatten weiter alles an sich zu reißen (in der Popmusik und anderswo), sind am Ende womöglich analoge Zeitdokumente wie die sämtlichen hier erwähnten Livealben wohl das Letzte, was uns bleibt um nicht völlig den Glauben an die Menschlichkeit (nicht nur in der Musik) zu verlieren. (23.8. Königsplatz)
The Mountain Goats – Through This Fire Across From Peter Balkan
Ohne Zweifel, The Mountain Goats, allen voran Sänger, Gitarrist und überhaupt Chefdenker John Darnielle, sind eine der kreativsten Erscheinungen der zeitgenössischen US-Indie-Folk-Szenerie. Mit 23 Alben in etwas mehr als 30 Jahren, ist auch ihr Output durchaus bemerkenswert. Bemerkenswert vor allem deswegen, weil unter all den Veröffentlichungen überwiegend sehr gute sind, so auch „Through This Fire Across From Peter Balkan“. Dieses funktioniert am ehesten wie ein mitreißender Abenteuerroman, denn es handelt sich hierbei um die Geschichte einer gestrandeten Crew, die nach einem Schiffbruch auf einer verlassenen Insel ums Überleben kämpft. Allen voran Kapitän Peter Balkan und ein Matrose namens Adam werden zunehmend von schwindenden Ressourcen und apokalyptischen Halluzinationen heimgesucht, wie der dritte im Bunde, ein namenlose Erzähler, zu berichten weiß. Atmosphärisch dicht, musikalisch adäquat umgesetzt, hat das neue Album der Mountain Goats alles, was es braucht um bei lausigem Schietwetter gleichermaßen gefesselt wie fasziniert zuhause in der gut geheizten Stube vor den Lautsprechern seiner Stereoanlage zu verweilen.
Kraftklub – Sterben in Karl-Marx-Stadt
„Wenn ich tot bin, fang ich wieder an zu rauchen…“ singt Frontmann und Sänger Felix Kummer, der spätestens seit seiner jederzeit gültigen Gegenwartshymne „Der letzte Song (alles wird gut)“ aus dem Jahr 2021 bekannt ist, für seinen trockenen und eher schwarzen Humor. Zu „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ sagte er, dass es durchaus auch darum gehen soll, eine neue Sprache für den Tod zu finden. Und, na klar, Kraftklub sind mit ihren tanzbaren Grooves, den aufbrausenden Gitarren und Kummers rezitierender Stimme die geborenen Mutmacher in düsteren Zeiten des allgegenwärtigen Neofaschismus, der offensichtlich politisch gewollten systematischen Demokratiezerstörung durch soziale Ungerechtigkeit, unterfinanzierte Bildung und überhaupt einen völlig entfesselten Neokapitalismus kurz vor seinem Exodus. „Solang noch einer ‘Fickt euch alle’ schreit, ist hier noch nichts verlor’n…“ heißt es dann auch konsequent in „Schiеf in jedem Chor”. Oder um es ganz klar mit einem anderen Songtitel zu sagen: „Halts Maul und spiel“.
Swearing At Motorists – 31 Seasons In The Minor Leagues
Eine rekordverdächtige Latte an „Past members“ führt die Wikipedia-Seite der Swearing At Motorists auf. Darunter auch eine Schlagzeugerin namens Scoutt Niblett, aber dies nur nebenbei. Es gibt nämlich tausende Geschichten über den ebenso kauzigen wie liebenswert schrulligen Chefdenker Dave Doughman zu erzählen. Etwa, dass er vor der sage und schreibe elfjährigen Bandpause – die mit diesem Album endet – mit Bands wie Guided By Voices, Songs:Ohia, The Breeders, Spoon, The Lemonheads, My Morning Jacket u.v.a. auf Tour war und sich die selben Bühnen teilte. Oder auch seine Sympathien für den politisch zwar standhaften, sportlich aber oft hoffnungslos überforderten FC St. Pauli. Auch der Albumtitel ist eine Anspielung auf den Kiezclub, in dessen Millerntor-Stadion angeblich alle Songs mehr oder weniger entstanden sein sollen. Es geht darin nämlich darum, immer an seinen Träumen (oder Illusionen) festzuhalten, auch wenn der Erfolg ausbleibt. Die „31 Seasons“ so Doughman „könnten auf ein ganzes Leben voller Versuche, Rückschläge und kleinere Triumphe anspielen…“ Zusammen mit Drumsidekick Martin Boeters erschuf der amerikanische Wahl-Hamburger einen wunderschön entspannten Post-Slacker-Fuzz-Folk, der einen mit seinem pragmatischen Minimalismus einfach nur verzaubert.
Sexschweiss – Dada
Zwei Platten im Jahr schaffen nun wirklich auch nicht viele. Sexschweiss schon, und zwar spielend. Zumindest klingt’s so… Im Januar erschien das Debüt „Gestank“ und jetzt machten sie mit „Dada“ Mitte Dezember die 2025er Klammer zu. Und auch der Zweitling bebt und schreit und kratzt … Frontfrau Claudia Röhrl entpuppt sich einmal mehr als Energiebündel, getragen von den „vielfach dekorierten Jazzern“ Maximilian Hirning (g), Basti Pfeifer (moog) und Dominik Scholz (dr). Und fürwahr: Gitarrist Herning kennt man in der Jazzszene als versierten Kontrabassisten (u.a. wieder am 11.1. beim Jazzbrunch in der Brasserie Oskar Maria), Tastenmann Pfeifer lernte bei den Jazzgrößen Christian Elsässer und Tizian Jost und Trommler Scholz wiederum ist staatlich anerkannter Schlagzeuglehrer sowie Studio- und Livemusiker bei der Monika Roscher BigBand, Jamaram u.a. und aktuell auch fester Bestandteil der Dark-Metal-Legende Lacrimas Profundere. Womit wir uns inhaltlich zumindest ein bisschen dem Krach von Sexschweiss annähern. Aber im Ernst: Claudia Röhrl, die Zeilen wie „Es gibt immer beides / das andre und das eine / doch ich will immer beides und das ist das gemeine fick scheisse fick fick scheisse dada“ ins Mikrophon kreischt umgibt eine besonders energetische, mitreißende Aura. Denn schon auf „Gestank“ stellte sie unumwunden fest: „Meine Tiere kannst du nicht zähmen! Diesen Wahnsinn schaffst du nicht!“ Ihr gewaltiger „Punkrotz“ wie Sexschweiss ihre Musik selbst gerne nennen, lebt von abstrakter Lyrik und unbarmherziger Härte. Wahrlich keine schlechte Mischung will man es im Punkrock zu was bringen.
