Neue Scheiben von und mit Sleaford Mods, Die Sterne, Robert Gromotka & Jonas Hain, Ásgeir, Kaffkiez und Jisr
Platte des Monats:
Robert Gromotka & Jonas Hain – Between Us
Natürlich fallen einem bei den Stichworten Neo-Klassik in Zusammenhang mit Contemporary Piano auf Anhieb die großen Namen ein: Martin Kohlstedt, Nils Frahm, Hania Rani, Ólafur Arnalds. Robert Gromotka & Jonas Hain nun sind zwei Berliner, die beide auf dem besten Weg sind, sich da oben zu etablieren. Jeder für sich hat dabei schon seine kleineren bis mittelgroßen Erfolge zu verbuchen, nun aber taten sie sich zusammen: „Zwei Musiker, zwei Lebensläufe – und doch ein gemeinsamer Ausgangspunkt“ steht deswegen auch im Infotext zu „Between Us“. Jonas Hain, geboren in München, war relativ früh zwischen elektronischen Beats und klassischer Melancholie sozialisiert. Von den Decks der Clubs als Techno-DJ ging es für ihn dann aber doch schneller als geplant zur intimen Klangwelt des Klaviers, wo er mit „Solopiano“ und „Weißes Rauschen“ zwei Alben mit äußerst fragiler, wie er es nennt „fast durchsichtiger“ Musik geschaffen hat. Gromotka wiederum, stammt aus einer völlig anderen musikalischen Ecke: Querflöte, Bands, Filmmusik, die Arbeit für und an großen und kleinen Bühnen. Seine Kompositionen sind minimalistisch, melodisch und von einer Klarheit durchzogen, wie man sie bei Claude Debussy oder Arvo Pärt schätzt. Gerne zitiert Gromotka deswegen auch den von ihm verehrten französischen Schriftsteller Robert de Saint-Exupéry, der dereinst wissen ließ: „Perfektion ist erreicht, wenn man nichts mehr weglassen kann.“ Und beide, also Hain und Gromotka, kennen sie die Einsamkeit des Komponierens, wissen was es heißt sich nach Resonanz, Austausch und Anerkennung zu sehnen – und auch eine züngelnde Flamme namens Angst lodert gerne mal in ihrem Geist, die nämlich zu versagen. Erst sind sich die beiden digital über den Weg gelaufen, danach auch im Real Life, wie es so schön heißt. Schnell war die Idee geboren etwas zusammen zu erschaffen, gesagt getan: Ihr gemeinsames Debüt „Between Us“ hätte keinen besseren Veröffentlichungstermin als den Jahresbeginn haben können. Alles ist noch neu und fühlt sich frisch an, alte Zweifel sind zwar nicht verflogen dennoch aber von einer Euphorie und Aufbruchsstimmung durchsetzt, die einen zumindest mit etwas Zuversicht in die Zukunft blicken lässt. Ihre durchaus poppigen Kompositionen sind geprägt von Klarheit und Zärtlichkeit, wie man sie bei Chopin, Satie oder – wie bereits erwähnt – auch Debussy findet, und doch durchdrungen von einer modernen, cineastischen Klangästhetik wie bei den eingangs Erwähnten oder eben auch einem Ludovico Einaudi. Im Zentrum steht das Klavier, welches mal solistisch, oder kongenial begleitet von Cello und Geige, gelegentlich auch ergänzt durch sanfte elektronische Texturen, dem Ganzen einen erhabenen Rahmen gibt. Auf den Punkt gebracht: „Between Us“ ist für anspruchsvolle Musikliebhabende jeglicher Couleur ein Ohrenschmeichler der ganz besonders hörenswerten Art. (Record Release Show am 6.2. Fat Cat / Blackbox – Feat. Felicitas Conrad am Cello und Gabriele Kienast an der Geige)
Kurz & gut:
Sleaford Mods – The Demise Of Planet X
Geht schon gut los mit „The Good Life“, jenem minimalistisch-monotonem Opener, bei dem Game of Thrones-Schauspielerin Gwendoline Christie und die Electro-Punk-Jungs von Big Special mitmischen. Fast schon soulig geht’s dann mit „Double Diamond“ weiter bis bei „Elitest G.O.A.T.“ die neuseeländische Indie-Prinzessin Aldous Harding (live in München am 6.7.) in Refrain und B-Teil ihren Beitrag leisten darf. Es folgen noch Kollaborationen mit dem Reagge-Blues-Singer/Songwriter Liam Bailey, dem Jungle- und D’n’B-Produzenten Snowy sowie der bildenden Künstlerin Sue Tompkins, die auch bei der britischen Post-Pop-Indie-Band Life Without Buildings singt. Inhaltlich ist das wie immer nur schwer zu ertragen, auch wenn auf die – nun ja – zu vordergründigen Untergangsszenarien und Endzeit-Klischees diesmal bewusst verzichtet wurde, wie man aus dem Info erfährt. Aber, schon klar, die Welt – allen voran eine verkommene, trübe Masse namens Menschheit höchstselbst – ist im Arsch. Texter und Rapper Williamson sieht aber keinen spektakulären Exodus als vielmehr ein schleichendes, dafür aber um so schmerzhafteres Dahinsiechen. Und warum auch nicht? Es gibt genügend schlaue Leute mit hervorragenden Ideen in Sachen Vermögensumverteilung, Klimaschutz, Frieden und Demokratie – aber die Zeichen, dass sich was bessern könnte sind weiterhin eher mau. Das wirklich schöne an „The Demise Of Planet X“ aber sind die minimal-elektronischen No-Wave-No-Punk-Arrangements von Andrew Fears, die Williamsons Wutausbrüche zumindest tanzbar machen. Als Chronisten des Untergangs sind die Sleaford Mods weiterhin unverzichtbar.
Die Sterne – Wenn es Liebe ist
Herrlich war’s, als Die Sterne zuletzt in unserer Gegend waren und 2024 im rappelvollen Zirkuszelt des Uferlos Festivals in Freising die Meute völlig zum Ausrasten brachten. Damals hatten Bandleader und überhaupt hellster Stern am Firmament Frank Spilker und die Seinen als aktuellen Release nur ein „Best of“-Album dabei. Nur deshalb in kursiv, weil es einer großen deutschen Rockband – wie Die Sterne es ohne jeden Zweifel sind – durchaus zusteht mal einen retrospektiven Nostalgie-Flashback zu veröffentlichen. Was aber erst los sein wird, wenn sie jetzt mit ihrem überaus mitreißenden, brandneuen Album „Wenn es Liebe ist“ wieder die Münchner Metropol-Crowd rocken werden, kann sich vorstellen, wer die Singles im Vorfeld bereits gehört hat. Alle anderen sollten sich nun schleunigst das Album zur Brust nehmen und sich an so großartigen Songs wie „Ich nehme das Amt nicht an“, mit dem schönen Hard-Day’s-Night-Gedächtnis-Zitat zu Beginn, oder auch das beschwingte „Ich habe nichts gemacht (außer weiter)“ oder die schnörkellos treibenden „Ändern wir je den Akkord?“ und „Es war nur ein Traum“ erfreuen. Obwohl Spilker dieser Tage ganz bestimmt auch anderes umtreiben dürfte, er widersteht der Larmoyanz und bereitet mit „Wenn es Liebe ist“ größtmögliche Freude, ohne dabei in jeder Zeile den Untergang heraufzubeschwören. (1.4. Strom)
Ásgeir – Julia
Früher vertonte Ásgeir Trausti Einarsson überwiegend die Texte seine dichtenden Vaters Einar Georg Einarsson, was mit „Julia“ nun zumindest temporär mal endet. Hier nämlich vertont er ausschließlich von ihm verfasste Liedtexte. Das Ergebnis ist ein nachdenkliches, nostalgisches Werk, durchdrungen von poetischen Gedankenreflexionen über Reue und Selbstfindung aber auch Hoffnungen für die Zukunft, welche er gekonnt im Geist der dem Album seinen Titel gebenden Person Julia führt. Das musikalische Ergebnis ist ebenfalls auch wenig überraschend: Hochklassiker Melancholic-Folk, nicht weit entfernt von Leuten Roo Panes oder Gregory Alan Isakov. Alles in allem also eher traditioneller, 100% analoger und handwerklich perfekt inszenierter Singer/Songwriter-Pop dennoch aber hörenswert und für Genre-Fans sowieso ein Muss.
Kaffkiez – Wir
Ok, schon klar, Rosenheim. Aber in Ermangelung eines IN-Rosenheim, wollen wir mal nicht so sein. Aber im Ernst, die paar Kilometer – und 2026 ging für Kaffkiez phänomenal los: Den fünf Oberbayern ist letzte Woche nämlich tatsächlich das Kunststück gelungen sich mit ihrer neuen Single „Hast Du Noch Zeit“ zwischen internationalen Megastars wie Taylor Swift und Mariah Carey in die deutschen Top 100 Airplay Charts so drängeln. Für eine deutschsprachige Indie-Band nicht gerade alltäglich, dennoch aber hoch verdient. Fragt man Kaffkiez nach dem Geheimnis um den „Hype“ geben sie gerne zur Antwort: „Nähe“. Und schon wahr, sie sind nahbar, und gar nicht so superstarmäßig unterwegs. Weiß man dann auch noch, dass sie sich in ihrem rechts-konservativem Wahlkreis aktiv gegen Nazis aller Art zur Wehr setzen und ihre Karriere eigentlich alles andere als geplant war, mag man sich mit seiner Begeisterung für die Antistars gar nicht mehr zurückhalten. Wichtig ist ihnen auch, dass das Album eine – nämlich ihre – Geschichte von Freundschaft und (demokratischem) Zusammenhalt erzählt. Kaffkiez, die Popstars wider Willen, fremdeln nicht mehr mit dem Erfolg und vermitteln den Eindruck des Angekommenseins, und das immerhin in Münchens zweitgrößter Halle, fürs Erste, wohlgemerkt… (21.4. Zenith)
Jisr – Hasra
Zehn Jahre Jisr ! Erstmal: Herzlichen Glückwunsch ! Zweitens wird das natürlich ausgiebige gefeiert: Einmal mit dem soeben erschienenen neuen Album „Hasra“ und dann noch mit einem Release-Konzert am 5.2. im Import Export. Das Multikulti-Ensemble um den marokkanisch-stämmigen Sänger Mohcine Ramda vereint in seiner wahrlich kongenialen weltmusikalischen Übereinkunft das absolute Maximum an Vielfalt. Dabei steht das Sextett, dessen Instrumentalisten aus fünf verschiedenen Ländern stammen, für nordafrikanisch beeinflussten Ethno-Jazz-Sound, der überwiegend mit Gembri, Akkordeon, Trompete, Schlagzeug, Vibraphon und Geige dargeboten wird.
