Smiling man with short brown hair and light stubble, wearing an olive jacket against a dark gray background (head-and-shoulders portrait).

Ortsgespräch: Michael Altinger

Meister des Absurden: MICHAEL ALTINGER feiert am 15. September die 30-Jahre-„schlachthof“-Ausgabe, die am 17. September im BR ausgestrahlt wird

Herr Altinger, 30 Jahre „schlachthof“, ein schönes rundes Jubiläum und schon ein Stück Kulturgeschichte der Stadt. Ist der „schlachthof“ nach so vielen Jahren überhaupt noch ein rebellischer Ort oder längst Kulturbürger-Establishment?

Er ist tatsächlich sehr etabliert. Aber wir bemühen uns sehr, immer wieder frische Köpfe und konfrontative junge Leute in die Sendung zu holen. Das haben wir zuletzt mit Teresa Reichl gemacht. Sie polarisiert das Publikum und sagt Dinge, die Christian Springer und mir sehr gut gefallen.

Manchmal hat man derzeit das Gefühl, die Realität überholt jede Satire. Da fragt man sich bei manchen Nachrichten zuerst, ob das ein schlechter Scherz ist.

Genau das passiert ständig. Als ich kürzlich gelesen habe, Donald Trump schlage Gianni Infantino als UN-Generalsekretär vor, da war ich mir sicher, das sei Satire. Dann stand da aber „ZDF heute“ darüber. Die Realität ist inzwischen einfach schneller als alles, was wir uns ausdenken könnten. Das ist momentan wirklich ein Wettlauf.

Macht das Ihren Job leichter, weil es so viel Material gibt? Oder schwerer, weil man kaum noch hinterherkommt?

Ich merke vor allem, dass die Leute wieder mehr Leichtigkeit wollen. Sie brauchen den Typen, der sich über den Irrsinn lustig macht, damit die Realität überhaupt erträglich bleibt. Deshalb geht es unserem Metier eigentlich gar nicht schlecht. Natürlich gibt es diesen Wettlauf mit der Wirklichkeit. Aber es braucht eben trotzdem jemanden, der das Ganze kommentiert, weiterspinnt und fragt: Wo könnte das noch hinführen? Und vielleicht sortiert man damit die Welt für die Leute auch ein bisschen.

Kabarett übernimmt damit fast schon eine journalistische Funktion.

Tatsächlich schon. Viele informieren sich inzwischen auch über Satireformate wie den „schlachthof“ oder „Die Anstalt“, weil dort jemand die Informationsflut vorsortiert. Ein normaler Mensch, der sich durch all das selbst arbeiten will, wird ja komplett zerlegt. Ich glaube schon, dass sich die Bedeutung von Kabarettisten – und zum Teil auch von Comedians – spätestens seit Corona massiv verändert hat.

Two men in suits hold large gold balloons '3' and '0' on a red carpet, neon-lit stage with 'schlachthof' sign in the background.
Michael Altinger und Christian Springer (c) BR/Markus Konvalin

Da muss es selbst ein Hubert Aiwanger inzwischen schwer haben, überhaupt noch aufzufallen.

Dafür haben wir zum Glück Wolfgang Krebs. Der sagt teilweise eins zu eins Aiwanger-Sätze, und die Leute halten das für Satire und lachen sich kaputt. Da kann einem der Hubert tatsächlich fast leid tun.

Worauf dürfen sich die Zuschauer beim Jubiläum freuen?

Die Sendung wird doppelt so lang wie sonst und wir haben doppelt so viele Gäste. Natürlich werden Wegbegleiter aus den vergangenen 30 Jahren dabei sein. Auch im Publikum werden viele Gesichter sitzen, die uns seit Jahrzehnten begleiten. Kürzlich hat mir Paul Breitner zugesagt. Darüber habe ich mich als Löwe natürlich besonders gefreut.

Wenn man an den „schlachthof“ denkt, denkt man natürlich sofort auch an Ottfried Fischer. Wie geht es ihm?

Ottfried wird hervorragend von seiner Frau Simone und seinem Pfleger betreut. Den Umständen entsprechend geht es ihm wirklich gut. Er wird bei der Jubiläumssendung im Publikum sitzen. Er ist eingeladen, hat zugesagt, und selbstverständlich zeigen wir auch viel Archivmaterial mit ihm. Immerhin hat er die Sendung 17 Jahre lang geprägt.

Kommentiert er das Geschehen dann wie die beiden Herren aus der „Muppet Show“?

Hoffentlich erst hinterher. Sonst stiehlt er uns noch die ganze Show.

Smiling man in an olive blazer leaning on a white railing against a plain light background.
Michael Altinger (c) Martina Bogdahn

Wie entsteht eigentlich eine normale „schlachthof“-Ausgabe?

Spätestens zwei Wochen vorher beginnen wir mit der Themensammlung. Dann schauen wir gemeinsam, was uns interessiert, verteilen die Aufgaben und recherchieren. Wir haben großartige redaktionelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sehr viel vorbereiten. Geschrieben wird in erster Linie von mir, gemeinsam mit Autoren. Christian bringt natürlich ebenfalls seine Ideen ein. Nach 13 Jahren haben wir inzwischen Routinen entwickelt. Jeder weiß ziemlich genau, was bis wann fertig sein muss.

Hat sich das Publikum in den vergangenen Jahren verändert? Muss man heute vorsichtiger sein?

Die Gereiztheit ist mit Sicherheit gestiegen. Es kommen schon einmal Rückmeldungen mit sehr deutlichen Worten. Aber ich habe deshalb keine größere Schere im Kopf. In den vergangenen 14 Jahren gab es vielleicht zwei- oder dreimal inhaltliche Diskussionen mit dem Sender. Am Ende haben wir immer eine Lösung gefunden, die mit meiner Grundhaltung vereinbar bleibt.

Wenn Sie sich einen Politiker für ein Gespräch wünschen könnten: Wer wäre das?

Im Moment hätte ich tatsächlich Lust auf Jens Spahn. Zeit hätte er ja gerade. Mich würde interessieren, wie privilegiert er sich seine weitere Zukunft vorstellt. Und wie er den Begriff „Verantwortung“ heute definieren würde. Ich würde versuchen, dabei möglichst sachlich zu bleiben. Versprochen.

Interview: Rupert Sommer

Zitat: „Die Gereiztheit ist mit Sicherheit gestiegen. Es kommen schon einmal Rückmeldungen mit sehr deutlichen Worten. Aber ich habe deshalb keine größere Schere im Kopf.“

BU:

Würde gern Jens Spahn in die Mangel nehmen: MICHAEL ALTINGER (Foto: Martina Bogdahn)

Lachtherapeut: Eigentlich hat MICHAEL ALTINGER ja mal als Diplom-Sozialpädagoge gearbeitet, seit 1995 steht er allerdings auf allerlei Bühnen. Die Bande zum BR waren dabei schon immer eng, gehörte er doch lange zum „Die Komiker“-Ensemble. Seit 2013 moderiert er gemeinsam mit Christian Springer den Satire-Stammtisch „schlachthof“, der einst von Ottfried Fischer ins Leben gerufen wurde.