Programmdirektorin MARINA MAY verrät, was man in der Münchner Volkshochschule lernen kann, um sich selbst krisenfest zu machen
Frau May, Sie sind Münchnerin, haben aber lange Jahre für das Goethe-Institut in Hanoi, Shanghai und in Boston gearbeitet und viel von der Welt draußen gesehen, bevor es zurück in Ihre Heimatstadt ging. Wie schaut man nach so einer Zeit auf die eigene Stadt?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man aus der Ferne die Dinge wieder schätzen lernt. Das beginnt beim Gesundheitssystem, über das wir gern schimpfen. Wenn man in den USA oder Vietnam war, blickt man noch einmal anders darauf. Ich schätze hier die Möglichkeit, mit dem Fahrrad überall hinzufahren, das Grüne der Stadt und die Bewegungsfreiheit. Meine Kinder hatten hier schon früh eine Freiheit, die ich an den Orten, an denen ich war, so nicht erlebt habe. Dort durften Kinder zum Teil unter zwölf Jahren gar nicht allein unterwegs sein. Auch beim Blick auf die Demokratie hat mir die Distanz gutgetan. Wenn man hier sagen kann, es gebe Zensur, und gleichzeitig laut aussprechen darf, was man nicht sagen darf, ist das doch ein Zeichen für eine sehr lebendige Demokratie. Ich habe das Gefühl, dass wir unser Land manchmal selbst schlechtreden und sehr pessimistisch auf die Dinge schauen. Mir tat der Blick von außen gut.
Und wie viel München nimmt man eigentlich mit in die Welt?
Am Goethe-Institut war die Arbeit gar nicht so weit von dem entfernt, was ich heute mache. Man arbeitet mitten in der Stadt mit Partnern vor Ort und muss verstehen: Was interessiert die Menschen? Wofür stehen sie vom Sofa auf und kommen zu uns? Auch die Frage, wie man jüngeres Publikum erreicht oder Menschen, die noch nichts mit uns zu tun hatten, ist überall ähnlich. Man muss sehr nah an den Menschen sein und verstehen, was eine Stadt bewegt.
Ist die MVHS also auch eine Art Kulturbotschaft – nur eben mitten in München?
Wir sind erst einmal ein Teil der Stadtgesellschaft. Allein unsere rund 3.500 Dozierenden bringen ganz unterschiedliche Blickwinkel mit. Als Institution wollen wir schauen: Welchen Mehrwert können wir bieten, wie können wir Entwicklungen begleiten und Zugänge schaffen? Natürlich reichen unsere Themen in der MVHS weit über München hinaus. Wir haben uns mit China beschäftigt, blicken gespannt in die USA und haben Dozierende, die digital etwa aus Hongkong berichten. Es ist spannend zu sehen, was in der Welt passiert und was man davon wieder mit zurücknehmen kann. Unser Ziel ist schon auch, die weite Welt nach München zu bringen – und umgekehrt.
Sie haben den demokratischen Austausch als zentrale Aufgabe bezeichnet. Warum ist die Volkshochschule gerade heute so wichtig?
Volkshochschulen sind aus der Idee heraus entstanden, Bildung zu demokratisieren und für jeden zugänglich zu machen, unabhängig von Klasse oder Abschluss und lebensbegleitend. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte auch dazu, demokratisches Verständnis wieder in die Gesellschaft zu bringen. Heute passiert das nicht nur über Veranstaltungen, die erklären, wie die Welt funktioniert. Es passiert etwa auch in einem Bewegungs- oder Kochkurs. Man trifft Menschen, die einen anderen Blick haben oder Dinge anders machen. Auch da muss man manchmal aushalten, dass jemand eine andere Meinung hat. Und man kann lernen, zivilisiert zu streiten, Kompromisse zu finden oder eine andere Position einfach stehen zu lassen. Vielleicht wollen ja am Ende alle dasselbe: einfach mal koreanisches Essen kochen.
Kann ein Kochkurs also tatsächlich ein demokratischer Ort sein?
Ich glaube, genau das ist der Punkt. Man fragt nicht erst: Wen wählt der? Was macht der? In einem Bewegungskurs denkt man vielleicht einfach: Am Ende der Stunde haben wir alle Muskelkater. Dann sagt man: Lasst uns noch einen Kaffee trinken. Und irgendwann kommt man dabei auf ein politisches Thema und merkt plötzlich: Hier sitzt ja gar kein Gegner, obwohl sie oder er eine andere Partei wählt. Das Persönliche macht einen großen Unterschied. Das gemeinsame Ziel eines Kurses, ob Pilze bestimmen oder kochen, bringt Menschen zusammen, die sonst vielleicht nicht miteinander in Kontakt kämen.
Wie bunt ist die Stadtgesellschaft, die sich in den Kursen der MVHS trifft?
Ich kenne wenig Einrichtungen, in denen so unterschiedliche Menschen zusammenkommen. Wir bieten Integrationskurse, die Senioren- und die Junge Volkshochschule, Angebote für berufliche Weiterbildung und die Möglichkeit, einen Schulabschluss nachzuholen. Wenn das Semester startet, sitzen unter unserem Dach wirklich ganz unterschiedliche Menschen zusammen. Das mischt sich auch innerhalb der Kurse. Die MVHS ist parteipolitisch unabhängig, wenn auch nicht werteneutral. Wir haben eine breite Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft. Und fast jeder findet bei uns ein Angebot, das passen könnte. Diese Abbildung der Stadtgesellschaft ist ein hohes Gut, das wir noch stärker nutzen können, um die Gesellschaft zusammenzuhalten.
Was nimmt man also aus einem Kurs mit, außer der eigentlichen Fähigkeit, die man lernen wollte?
Es gibt diejenigen, die sagen: Ich muss für meinen Job etwas können, ich ziehe das durch und gehe nach dem Kurs wieder. Das ist völlig legitim. Es gibt aber auch Menschen, die sagen: Ich habe etwas gelernt – und ich habe Leute getroffen, mit denen ich vielleicht den nächsten Kurs mache. Wir haben eine ziemlich hohe Weitermeldungsquote. Es gibt Kurse, in denen sich über zehn oder zwölf Jahre mehr oder weniger dieselben Menschen treffen. Die passen auch aufeinander auf. Ich finde es oft bewegend, wie sich manche Gruppen über Jahre zu Gemeinschaften entwickeln.
Sie haben für die Herbst-Winter-Saison thematisch einen München-Schwerpunkt gesetzt. Ist das nicht ein bisschen tautologisch: Was gibt es in der Volkshochschule denn noch über München zu entdecken?
Wir wollen bei unseren Programmschwerpunkten nicht einfach bündeln, was wir ohnehin schon machen, sondern tiefer eintauchen. Jetzt ist München als Thema an der Reihe. Die Kommunalwahlen spielen eine Rolle, aber auch der Finanzdruck, den wir in dieser Form als Stadt nicht kannten. Unser Oberbürgermeister bezeichnet die Situation als die angespannteste Lage der Stadt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Da kommen Fragen auf: Was hat Priorität? Was können wir uns noch leisten? Und wo soll sich diese Stadt eigentlich hin entwickeln? Vieles war lange selbstverständlich. Jetzt ist ein Paradigmenwechsel passiert. Man muss sich fragen: Wo möchte ich als Teil der Stadtgesellschaft mitreden? Was ist mir wichtig? Und zumindest: Was passiert gerade?
Wie kann das im Programm konkret aussehen?
Wir bieten etwa Möglichkeiten, mit Vertreterinnen und Vertretern der Stadt ins Gespräch zu kommen. Man kann bei Veranstaltungen mit jemandem aus dem Baureferat oder Mobilitätsreferat sprechen und fragen: Wie wollen Sie das angehen? Was bedeutet das für mich? Auch Themen wie die geplanten 50.000 Wohnungen werfen solche Fragen auf.
Sie wollen dabei stärker in die Stadtteile gehen. Warum?
Wir sind mit unserem Programm an knapp 30 eigenen Standorten im gesamten Stadtgebiet vertreten. München ist ja nicht nur das Zentrum. Wir besuchen zum Beispiel Orte, an die man normalerweise nicht kommt, etwa die Dornier-Siedlung Neuaubing oder die Pathologie im Schwabinger Krankenhaus. Gleichzeitig schauen wir nach vorn, etwa mit Speed-Datings mit Technologieunternehmen und Start-ups aus München. Fußball, BMW und Oktoberfest – dieses Bild von München wird uns immer wieder gespiegelt. Vielleicht hat sich das längst verschoben. Es ist spannend, dieses Bild mit der Stadt zusammenzubringen, die wir heute erleben.
München ist internationaler geworden. Ist das auch eine Chance für die Volkshochschule?
Die Stadtgesellschaft ist heute nicht mehr die von vor 20 oder 30 Jahren. Das sieht man an den Menschen mit Migrationsgeschichte, aber auch an denen, die zum Arbeiten hierherkommen und das Modell Volkshochschule gar nicht kennen. Wir haben zunehmend Angebote auf Englisch und auch in anderen Sprachen. Und die gehen über das reine Sprachenlernen hinaus. Vielleicht ist es schön, wenn man sich einmal die Woche zum Kochen trifft und dabei Menschen kennenlernt, die einem eine andere Seite der Stadt zeigen. Da müssen wir noch mehr rausgehen und passgenauer schauen: Wie sieht die Gesellschaft aus und passt unser Angebot noch dazu? Beim München-Schwerpunkt war das auch für uns selbst ein Ansporn: Bildung für alle – stimmt das eigentlich wirklich?
In Zeiten von Krieg, Klimawandel und wirtschaftlicher Unsicherheit: Wie kann man mit Bildung einem weit verbreiteten Gefühl von Lähmung und Überforderung etwas entgegensetzen?
Ich glaube, die viel beschworene Resilienz ist ein wichtiges Schlagwort. Was machen wir als Gesellschaft, wenn es zunehmend hybride Krisen gibt oder tatsächlich einmal das Stromnetz ausfällt? Auf solche Fragen können wir uns vorbereiten. Aber auch für den Einzelnen stellt sich die Frage: Wie komme ich durch eine unsichere Welt? Ich bin als Kind der Achtziger mit dem Glauben aufgewachsen, dass alles immer besser wird. Dieses Grundvertrauen ist leider weg, wenn gefühlt eine Krise in die nächste übergeht. Auch wir merken den Wunsch nach Orientierung: Gerade Angebote zu Religion und Philosophie haben bei uns einen enormen Zulauf. In den vergangenen zwei Jahren hatten wir dort Steigerungsraten von 40 oder 45 Prozent. Das sind Bereiche, in denen existenzielle Fragen verhandelt werden. Die Menschen suchen Orientierung und wollen Antworten.
Sie sind jetzt ein Jahr an der MVHS. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus – schon mal Ihre Entscheidung bereut?
Auf gar keinen Fall, keinen einzigen Tag. Ich glaube, nach wie vor, dass es der schönste Job ist, den die Stadt zu bieten hat. Natürlich müssen wir gerade als Volkshochschule in diesen Zeiten schauen: Wie halten wir uns stabil? Wie können wir unser breites Angebot weiterhin garantieren? Wie können wir kostenfreie Angebote über kostenpflichtige querfinanzieren, damit wir für alle etwas haben? Gleichzeitig müssen wir unseren Kern schärfen und fragen: Wo wollen wir in den nächsten Jahren hin?
Und wenn Sie selbst abends nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommen: Nutzen Sie die Schätze der MVHS noch?
Meine Kinder sind neun und elf. Die letzten Jahre war abends wirklich wenig Luft für anderes als Familienaktivitäten. Jetzt merke ich langsam, wie ich langsam etwas mehr Autonomie zurückgewinne. Durch den Job bin ich drei- oder viermal die Woche abends bei unseren Veranstaltungen. Immer wieder denke ich mir dabei selbst noch immer ganz verblüfft: Das machen wir auch? Das ist ja toll. So anstrengend das alles ist: Wenn ich abends noch einmal in eine Veranstaltung gehe, holt mich das gedanklich raus. Ich beschäftige mich mit etwas ganz anderem, und das tut mir gut. Natürlich braucht man manchmal Motivation. Aber wenn man sich einmal aufrafft, merkt man den Mehrwert. Man bekommt wieder Inspirationen – und blickt ganz anders auf die Welt.
Einmal große weite Welt und zurück: Die gebürtige Münchnerin MARINA MAY leitet seit September vergangenen Jahres als Programmdirektorin die Münchner Volkshochschule (MVHS) – und nimmt in diesem Herbst schwerpunktmäßig München-Themen ins Visier. Sie studierte Film, Kommunikation und BWL, leitete die Goethe-Institute in Shanghai und Boston sowie zuletzt die Kulturabteilung im Goethe-Institut.
