Wie HANS-GEORG STOCKER das Backstage dauerhaft absichern möchte
UPDATE: Am 20. Mai hat der Stadtrat die finale Zustimmung zum Bebauungsplan für das PaketPost-Areal gegeben: Er tritt zum 30. Juni in Kraft. Auf dem Areal entstehen knapp 1200 Wohnungen in einem gemischten Quartier. Der Bestand des benachbarten Backstage wird auf Antrag von SPD und Grüne gesichert, außerdem erhält es die Genehmigung für den gewünschten Ausbau (s.o.).
Herr Stocker, zuerst einmal Glückwunsch zum Bayerischen Popkulturpreis. Wie wichtig ist so eine Auszeichnung in Zeiten wie diesen?
Es ist natürlich ein schönes Gefühl und eine große Wertschätzung. Gleichzeitig ist es fast tragisch, dass wir solche Momente kaum genießen können. Wir bekommen den Preis – und am nächsten Tag ist sofort wieder Alarm wegen irgendeiner anderen Baustelle. Das ist schon bezeichnend für unsere Situation. Trotzdem bedeutet uns so eine Auszeichnung viel. Nicht nur wegen des Preises selbst, sondern wegen der Menschen dahinter. Die eigentliche Auszeichnung sind die Künstlerinnen und Künstler, die vielen Besucherinnen und Besucher und die enorme Unterstützung, die wir seit 35 Jahren erfahren. Wenn man merkt, dass so viele Leute hinter einem stehen, dann ist das eigentlich der größte Preis.
Zum Backstage gehört seit jeher Aufregung und Herzklopfen.
Das klingt romantischer, als es ist. Dieses permanente Kämpfen kostet wahnsinnig viel Kraft. Natürlich haben wir es immer irgendwie geschafft, aber das hinterlässt Spuren. Es ist kein Zufall, dass ich der Einzige bin, der seit der Gründung noch im Backstage arbeitet. Viele andere haben irgendwann gesagt: Ich mache mich kaputt, ich halte das nicht mehr aus. Wenn einem so ein Projekt nicht egal ist, dann geht das permanent an die Substanz.
Was treibt Sie trotzdem immer weiter an?
Wahrscheinlich eine gewisse Grundkonstitution. Aber ich merke schon, dass diese jahrzehntelange Belastung Folgen hat. Nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Früher konnte ich mit Konflikten und Behördenwahnsinn gelassener umgehen. Heute merke ich, dass mich vieles viel stärker mitnimmt. Es gibt Situationen, in denen ich einfach nicht mehr cool bleiben kann. Und ehrlich gesagt empfinde ich manches inzwischen fast als Körperverletzung. Wir machen hier seit Jahrzehnten Kulturarbeit ohne große öffentliche Unterstützung und werden trotzdem ständig in prekäre Situationen gedrängt. Das ist auf Dauer kein gesundes Modell.
Zur Erinnerung für Menschen, die Ihr Veranstaltungszentrum an der Friedenheimer Brücke noch nicht so gut kennen: Wie entstand ursprünglich die Idee zum Backstage?
Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger war München kulturell ziemlich ausgedünnt. Viele Clubs und alternative Orte verschwanden. Gleichzeitig zogen viele Leute nach Berlin oder Hamburg, weil München als langweilig galt. Wir wollten etwas dagegen tun. Ursprünglich wollten wir gar keinen Veranstaltungsort gründen, sondern eher eine Plattform schaffen, um Szene und Subkultur zu vernetzen.
Löblich.
Wir hatten damals einen Verein gegründet, der alternative Medienprojekte unterstützen sollte. Es ging um Stadtzeitungen, um Vernetzung, um Benefizveranstaltungen und darum, Räume für Kultur zu schaffen. Das Backstage entstand eher aus dieser Bewegung heraus. Eigentlich war das damals nur eine Turnhalle des TSV Forstenried. Wir haben einfach so getan, als wäre es ein Veranstaltungsort.
Also eher laut der Divise: Improvisieren als Businessplan?
Absolut. Niemand hat uns ernst genommen. Wir hatten anfangs nicht einmal eine richtige Infrastruktur. Es gab keine U-Bahn-Anbindung, wir haben sonntags Konzerte gemacht und danach gemeinsam geputzt. Geld verdient hat sowieso niemand. Ich habe die Leute nachts mit dem Lieferwagen aus dem Metzgereibetrieb meiner Eltern heimgefahren. Dafür musste ich morgens mit demselben Wagen Wurst ausfahren. Das war alles komplett improvisiert. Aber genau daraus entstand diese besondere Energie. Viele Dinge passierten damals aus purer Not. Wir haben Bier in Flaschen ausgeschenkt, weil wir keine Spülmöglichkeiten hatten. Berliner Bands fanden das plötzlich total cool. Oder Jägermeister – das galt damals eher als Getränk für Bauarbeiter oder ältere Herren. Und plötzlich wurde daraus ein Szenegetränk.
Kommen wir zur aktuellen Situation. Wie ist momentan das Verhältnis zum Investor Büschl?
Es gab vor Kurzem ein Gespräch, das tatsächlich überraschend konstruktiv war. Meine Frau und ich haben Herrn Büschl und seinen Geschäftsführer zum Essen eingeladen, und zum ersten Mal seit Jahren hatte man das Gefühl, dass man vielleicht auch miteinander reden kann, statt sich nur gegenseitig zu bekämpfen. Wir brauchen keine Sonderbehandlung, sondern Fairness.
Klingt doch gut.
Wir sind uns eigentlich alle einig, dass es viel sinnvoller wäre, gemeinsam Lösungen zu finden. Es könnte ja sogar ein Modellprojekt werden: Wie können Kultur, Subkultur, Wohnen und Stadtentwicklung nebeneinander funktionieren? Andere Städte schaffen das schließlich auch.
Trotzdem bleibt das Machtverhältnis Backstage – Investorengruppe schwierig.
Natürlich. Wir sind immer der schwächere Partner. Genau deshalb ist politische Unterstützung so wichtig. Es geht nicht darum, einen Investor zu verteufeln. Aber die Rahmenbedingungen dürfen nicht automatisch immer zugunsten des Investors ausfallen. Wenn Politik nur die Interessen großer Investoren stärkt und kulturelle Projekte permanent unter Druck geraten, dann bleibt uns irgendwann nur noch die Mobilisierung der Öffentlichkeit. Das Problem ist: Eigentlich können wir uns diese Dauerauseinandersetzung gar nicht leisten. Wir müssen planen, Veranstaltungen buchen und investieren. Gleichzeitig weiß man oft nicht einmal, ob man langfristig überhaupt existieren kann.
Was macht die aktuelle Situation besonders kompliziert?
Unser Glück ist, dass uns mittlerweile die Grundstücke gehören, auf denen das Backstage steht. Das unterscheidet uns von vielen anderen Clubs. Man kann uns nicht einfach räumen. Aber natürlich kann man uns den Betrieb erschweren oder verbieten.
Etwa durch eine Klagewelle, wenn es im Konzertbetrieb laut wird.
Deshalb kämpfen wir gerade für eine langfristige bauliche und rechtliche Lösung. Wir haben neue Bauanträge gestellt und eigentlich ein sehr gutes Konzept entwickelt. Die Idee ist, den Charakter des Backstage zu erhalten und gleichzeitig neue Möglichkeiten zu schaffen.
Wie soll das konkret aussehen?
Die Arena soll zu einer multifunktionalen Halle umgebaut werden. Dort könnten Konzerte, Festivals, Kongresse oder andere Veranstaltungen stattfinden. So ein Ort fehlt in München eigentlich. Zwischen kleineren Clubs und der Olympiahalle gibt es eine große Lücke. Wichtig ist dabei: Wir wollen niemandem Konkurrenz machen, sondern eine Ergänzung sein. Und wirtschaftlich wäre diese neue Halle enorm wichtig. Sie könnte die Einnahmen erwirtschaften, mit denen kleinere Bereiche wie Club oder Werk überhaupt querfinanziert werden können.
Warum ist die zu erwartende riesige Baustelle für Sie so problematisch?
Weil eine Großbaustelle über zehn oder fünfzehn Jahre massive Auswirkungen auf unseren Betrieb hätte. Viele Leute unterschätzen das. Es geht nicht nur um Schallschutz oder Gebäude, sondern auch um Atmosphäre. Wenn Firmen oder Veranstalter sehen, dass nebenan eine riesige Baustelle ist, überlegen sie sich zweimal, ob sie dort eine Veranstaltung machen wollen. Wir erleben das jetzt schon. Jeder spricht darüber, wie wir möglicherweise andere stören – aber kaum jemand fragt, wer eigentlich uns stört.
Im Raum standen zuletzt enorme Summen und Forderungen. Wie realistisch ist eine Einigung?
Diese Zahlen wurden oft missverstanden. Es ging nie darum, dass wir einfach Geld wollen. Es ging immer um die Frage: Wie kann man die Folgen dieser gigantischen Baustelle ausgleichen? Wir müssen massiv in Schallschutz investieren. Allein das kostet Millionen. Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass wir danach überhaupt rechtssicher arbeiten können. Das sind reale Kosten. Ich habe immer gesagt: Geld ist nicht der Kernpunkt. Der Kernpunkt ist eine faire Lösung.
Wie sehen Sie die Zukunft des Backstage?
Ich hoffe, dass wir endlich eine stabile und langfristige Lösung finden. Eigentlich wäre es vollkommen absurd, dieses Projekt scheitern zu lassen. Es geht ja nicht um einen Kampf zwischen Wohnungen und Kultur. Beides muss möglich sein. Die spannende Frage ist doch: Wie schafft man Städte, in denen unterschiedliche Interessen nebeneinander existieren können? Und vielleicht gibt es tatsächlich ein Umdenken. Selbst bei Investoren merkt man inzwischen, dass sterile Neubauviertel allein niemanden mehr begeistern. Viele Menschen wollen urbane Orte mit Charakter, mit Kultur und mit Substanz. Vielleicht liegt genau darin auch eine Chance.
