Older man with glasses sitting on a wooden bench, holding a white cup, with a snow-capped mountain in blue sky behind him.

Ortsgespräch: Franz Xaver Gernstl

Über Lebensweisheiten, Tankstellenkindheiten, das Fernweh – und warum Franz Xaver Gernstl das Fern­ sehen heute für lauter und nervöser hält

Herr Gernstl, wie fühlt es sich an, nach über 40 Jahren Film plötzlich als Schriftsteller am Schreibtisch zu sitzen?

Super.

So einfach?

Prima. Man sitzt am Schreibtisch, sortiert seine Gedanken, schreibt sie auf, muss nicht raus in die Kälte, kann sich einen Kaffee holen, wenn man lustig ist – also ich bin ganz zufrieden damit.

Aber wenn man die eigene Biografie umkreist, kommt man sich dabei auch selbst näher. Wird einem das manchmal unheimlich?

Das Ganze sollte ja eigentlich bloß so ein Reisebericht werden. So eine Erzählung über die Leute, die wir kennengelernt haben. Ich hab das Buch mit Abstand nochmal gelesen, nachdem es schon Monate beim Verlag war, und gemerkt, dass da doch allerhand persönliche Sachen und Lebensweisheiten eingeflossen sind.

Wie entstand das Buch überhaupt?

Los ging das schon vor zwanzig Jahren. Da haben wir einen Kinofilm gemacht, und dann kamen Verlage auf mich zu und wollten ein Buch zum Film. Das kam mir damals aber blöd vor. Ich dachte: Man macht doch nicht einen Film und schreibt dann ein Buch dazu. Dann hat mein späterer Lektor Tobias Winzel immer wieder gesagt: „Schreibt doch mal auf, wie ihr euch kennengelernt habt.“ Der Fischer und ich. Das hab ich irgendwann gemacht, dann wieder liegen lassen. Während Corona hab ich wieder weitergeschrieben. Und nachdem der BR keine Filme mehr bestellt hat, kam Tobias wieder daher und hat gesagt: „Jetzt schreibst du das Buch fertig.“ So ist das entstanden.

(c) Eva-Katrin Herrmann

Und plötzlich war es mehr als nur eine Sammlung von Anekdoten?

Ja. Angefangen hat es als Lausbubengeschichte voller Abenteuer und lustiger Unterbrechungen. Geendet hat es als Sammlung von Lebensweisheiten.

Man meint ja als Zuschauer oft, man kennt den Gernstl, den Fischer und den Ravasz ziemlich gut. Im Buch gibt es aber durchaus private Einblicke, die man so aus den Filmen nicht kennt.

Ja klar. Da gibt’s schon Einblicke ins Privatklima. Der Hans-Peter Fischer, der Kameramann, erlaubt sich ja gern den einen oder anderen Ausdruck. Der Klaus Lemke hat immer gesagt: „Gut wird eine Geschichte, wenn es weh tut.“ So schlimm ist es zwar nicht, aber wir geben schon Einblicke in unser Privatleben. Ich glaube, dass die Leute das interessiert.

Ist das Buch auch ein Trostpflaster für Menschen, die neue Gernstl-Filme vermissen?

Ja, offenbar schon. Ich kriege immer noch viel Resonanz bei Facebook und Instagram. Da gibt’s viele, die sagen: „Macht’s halt wieder mal was.“ Es scheint also tatsächlich einen Mangel an Gernstl-Unterwegs-Folgen zu geben. Es gibt zwar genug Zeug, das der BR rauf und runter wiederholt – aber ein Gernstl-Buch kann man halt lesen.

Wie wurde Ihnen eigentlich mitgeteilt, dass keine neuen Filme mehr bestellt werden?

Es gab schon ein Gespräch. Da hieß es, man würde jetzt umstrukturieren, mehr auf „Leuchtturmprojekte“ setzen. Die einfachen Sachen seien jetzt eher vorbei, jetzt sei die Jugend dran. Erst hat mich das natürlich geärgert. Aber inzwischen finde ich das völlig okay. Wir haben fast 50 Jahre lang Filme gemacht. Jetzt kann man auch mal was anderes machen.

Der Begriff „Leuchtturmprojekt“ ist allerdings schon lustig. Wenn es einen Leuchtturm im BR gab, dann doch wohl „Gernstl unterwegs“.

Ja, aber Leuchttürme sind heute anders beleuchtet. Es muss krachen, laut sein, schnell sein. Diese ganzen ARD-Dokus heute sind schon oft gut gemacht, aber alles ist sehr aufgedreht und voller Effekte. Die wollen halt mit den Streamern mithalten.

Sie haben sich immer stark auf Zufall und Glück verlassen.

Ja, klar. Das war ja von Anfang an unser Prinzip. Als wir die ersten Aufträge bekommen haben, hieß es: Wir recherchieren nichts, planen nichts – wir fahren einfach los und schauen, was passiert. Du lieferst dich dem Zufall aus und den Launen des Glücks.

Hat das immer funktioniert?

Am Anfang schon. Da waren diese schrägen und kuriosen Figuren überall. Später wurden sie weniger, da musste man schon ein bisschen suchen. Dann haben wir manchmal jemanden vorgeschickt, der sich in der Gegend umgehört hat. Aber wir haben die Leute nie vorher informiert. Wenn da ein komischer Rosenzüchter oder Friseur war, dann haben wir uns halt vor dem Laden aufgebaut und gewartet, bis der rauskommt und fragt: „Was treibt’s denn ihr da?“ Ich hab nie Vorgespräche geführt.

Warum nicht?

Weil ich die Leute im Moment kennenlernen wollte. Werner Herzog hat das auch so gemacht. Der wollte seine Interviewpartner vorher nie treffen.

Mit vorbereiteten Kalendersprüchen konnte man Ihnen vermutlich ohnehin nicht kommen.

Nein. Wobei ich da oft auch drauf reingefallen bin. Mir fehlt beim Drehen jegliche journalistische Distanz. Der Mensch, mit dem ich gerade drehe, ist erstmal mein Held. Ich versuche immer, ihn zum Glänzen zu bringen. Manchmal merkt man erst im Schneideraum: Das war vielleicht doch eher Dampfplauderei. Dann fliegt’s halt raus.

Das muss manchmal weh tun.

Nein, da bin ich professionell. Wenn etwas nicht funktioniert, funktioniert es halt nicht. Wir hatten immer Berge von Material. Die eigentliche Arbeit bestand darin, aus diesem Berg die guten Pilze rauszusuchen.

Gab es Szenen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Ja, einmal hatten wir eine Einstellung von dreieinhalb Minuten Länge. Ein Bäckermeister in Landshut hat uns morgens um vier einen Vortrag über die Breze gehalten. Komplett ungeschnitten.

Dreieinhalb Minuten? Heute undenkbar.

Ja. Fernsehen ist nicht nur schneller geworden, sondern auch lauter und nervöser. Bei uns sind die Einstellungen im Lauf der Jahre auch kürzer geworden. Aber trotzdem haben die Leute das geschätzt, dass bei uns ein bisschen anders erzählt wurde.

Auch jüngere Zuschauer?

Ja, erstaunlicherweise schon. Nicht nur Opa und Oma. Es gibt durchaus junge Leute, die mögen diese Ruhe.

Merken Sie auf der Straße, wie sehr die Leute Sie mit Ihren Filmen verbinden?

Ja, das passiert oft. Dann sagt jemand: „Servus, du bist doch der Gernstl.“ Und plötzlich erzählen mir die Leute ihre Geschichten.

Das Bedürfnis, gesehen zu werden, scheint riesig zu sein.

Das ist gleich geblieben. Die Welt ist heute lauter und nervöser geworden, aber die Sehnsucht der Menschen, gesehen zu werden, ist dieselbe geblieben. Und die Freude, wenn jemand wirklich zuhört. Das ist etwas zutiefst Menschliches.

War das vielleicht überhaupt das Geheimnis Ihrer Filme?

Im Grunde schon. Wir haben nichts wirklich Neues erfunden. Wir haben dokumentarisches Filmemachen einfach auf ein Minimum reduziert: Kamera, Mikrofon und Interesse daran, wie Menschen ihr Leben gestalten.

Wie steht es heute um Ihr Fernweh? Reisen Sie privat noch gern?

Immer schon. Ich war immer gern mit dem Auto unterwegs. Einfach losfahren, irgendwo übernachten, jeden Tag ein anderes Hotel. Das war immer meine Lieblingsart zu reisen.

Im Buch erfährt man auch, dass Sie auf einer Tankstelle aufgewachsen sind.

Zumindest die ersten zwei Jahre meines Lebens. In Bad Feilnbach. Da gibt’s Fotos, wie ich als Zweijähriger zwischen Mopeds herumkrieche. Angeblich wusste ich schon, wie man beim Vergaser draufdrückt, wenn die Benzinleitung verstopft ist. Aber das könnte auch eine Familienlegende sein.

Tankstellen sind ja Orte des Aufbruchs.

Ja, total. Mein Vater war ein Autofreund. Wir sind sonntags nicht in die Berge gegangen, sondern spazieren gefahren. Dieses Unterwegssein steckt mir wahrscheinlich bis heute in den Knochen.

(c) Kösel

Das Buch heißt „Mit dem Glück unterwegs“. Auf dem Cover schauen Sie allerdings ziemlich grantig.

Ja, das war nicht ganz meine Entscheidung. Ich wollte eigentlich ein anderes Foto nehmen, wo ich lache. Aber der Verlag meinte, das grantige Bild wäre besser.

Warum?

Die fanden, das macht neugieriger. Ich war erst skeptisch, aber inzwischen finde ich’s auch ganz okay.

Vielleicht gehört zum Glück auch immer ein bisschen Nachdenklichkeit.

Ja. Glück ist ja sowieso kein Zustand, den man besitzen kann. Die Kunst besteht eher darin zu erkennen, dass man eigentlich schon ziemlich viel Glück gehabt hat.

Das klingt fast philosophisch.

Ich hab mal einen Krippenschnitzer getroffen, der gesagt hat: „Nicht Glück macht zufrieden, sondern Zufriedenheit macht glücklich.“ Das klingt nach Kalenderspruch, aber da ist schon was dran.

Alltagsphilosoph: FRANZ XAVER GERNSTL hat jahrzehntelang Menschen getroffen, die andere übersehen hätten: Grantler, Träumer, Sonderlinge, Lebensweise. Gemeinsam mit Kameramann Hans-Peter Fischer und Cutter Stefan Ravasz schuf er mit „Gernstl unterwegs“ einen ganz eigenen Kosmos zwischen Dokumentation, Roadmovie und Lebensschule, bis der BR 2024 beschloss, die Reihe – sehr zum Verdruss vieler Fans – nicht mehr fortzusetzen. Jetzt hat der 75-Jährige mit „Glück gehabt!“ (Kösel-Verlag) ein Buch geschrieben – irgendwo zwischen Reisebericht, Erinnerungsalbum und Sammlung von Lebensweisheiten.