Ortsgespräch: Masha Aljochina (Pussy Riot)

Ortsgespräch: Masha Aljochina (Pussy Riot)

Unerschrocken wachsam: MASHA ALJOCHINA stellt beim Literaturfest ihr Buch „Political Girl“ vor. Ein Abend mit Strahlkraft.

Frau Aljochina, darf ich Sie Mascha nennen?

Ja, klar.

Sie kommen zum Literaturfest ins Literaturhaus nach München. Sie waren schon einmal hier, mit der Ausstellung „Velvet Terrorism“ im Haus der Kunst. Aber Sie leben im Exil. Wo ist für Sie eigentlich Heimat?

Ich glaube, Heimat ist im Moment oft die Show, die wir spielen. Sie basiert auf meinen beiden Büchern. Ich mache sie mit Menschen, die meine engste Gefährt*innen sind. Manche kenne ich seit zwölf, dreizehn Jahren. Das bedeutet mir viel. Was ich in meinen Büchern beschreibe, sind vor allem Menschen. Abenteuer, Freundschaft, Liebe, Bewegung – aber immer „wir“. Dieses alternative Russland, das Gegenteil von Putins Russland, das sind Menschen.

Masha Aljochina (c) Rachel Rayes

Und das ist eine ideelle Form von Heimat?

Einen festen Ort habe ich nicht mehr. Keine Basis, kein Land, keine Stadt. Ich bin viel in der Ukraine. Dieses Land ist mir sehr nah. Ich möchte dort etwas lernen, was ich in Russland nicht lernen konnte: Widerstand im Krieg, nicht nur friedlichen Widerstand. Was dort passiert, diese Kraft, nach vier Jahren immer noch nicht aufzugeben – das ist das mutigste Beispiel, das wir gerade haben.

Sie wirken sehr klar darin. Aber Exil heißt auch: keine Füße mehr auf dem eigenen Boden.

Ja. Physisch stehen meine Füße nicht mehr auf unserem Land. Das ist katastrophal für den Zustand des Geistes. Politisch aber sind wir da.

Viele erinnern Pussy Riot als Band. Sie waren aber von Anfang an politische Künstlerinnen?

Natürlich. Von Beginn an. Und es ist falsch, bei Pussy Riot Kunst und Aktivismus zu trennen. Das war nie getrennt. Wir waren nie „nur“ eine Band.

Klar, aber die Auftritte?

Musik war für uns ein Mittel, um die Botschaft stärker zu machen. Ich bin keine Musikerin. Ich kenne keine Noten. Ich kann nicht singen. Es ist gut, dass Sie mich noch nie singen gehört haben – Sie würden leiden. Heute können wir nicht einmal zurück. Für ein Musikvideo bekam ich 13 Jahre und 15 Tage Haft in Abwesenheit. Das Berufungsverfahren ist gerade bestätigt worden. Pussy Riot wurde zur extremistischen Organisation erklärt, ich zur Anführerin ernannt. Die Repression geht weiter.

Sie haben zwei Bücher geschrieben. War das Schreiben ein neuer Raum für Sie?

Das erste Buch war ein Traum. Ich wollte schon als Kind ein Buch schreiben. Das zweite, „Political Girl“, war viel schwieriger. Es ist doppelt so umfangreich, sehr persönlich. Ich wusste während der Arbeit daran nicht, wie es endet. Es war wie ein Tagebuch. Dann begann der Krieg – und ich musste mein Leben komplett ändern. Bücher sind wichtig. Es klingt banal, aber es ist so. Es ist meine Art festzuhalten, was ich gesehen habe, was ich gefühlt habe. Für die Zukunft. Für unsere Kinder. Als Erklärung: Was zur Hölle ist da passiert – und was haben wir versucht zu tun, um es zu stoppen?

Masha Aljochina (c) Rachel Rayes

War das zweite Buch schmerzhafter?

Ja. Aber schmerzhafter für das Land. Für die Menschen, die ich kenne. Der Moment, in dem dein Land plötzlich ein anderes bombardiert – ohne Grund –, dieser Schock wirkt bis heute. Es ist schwer zu beschreiben.

Werden Sie nicht müde, ständig Russland erklären zu müssen? Putins Kopf zu deuten?

Es geht nicht darum, was ich fühle. Es ist wichtig, dass Menschen im Westen verstehen, wie Länder funktionieren – nicht, was in Putins Kopf vorgeht. Das weiß niemand. Was ich erzählen kann, ist Realität aus erster Hand. Propaganda kann das nicht simulieren. Und russische Propaganda wirkt stark im Westen. Deutschland ist besonders wichtig – größte Wirtschaft Europas, also Ziel Nummer eins. Man muss Sie nicht mit Panzern angreifen. Man kann von innen zersetzen, indem man Politiker stärkt, die loyal gegenüber Putin sind. Man sieht das Wachstum der AfD. Ihre Loyalität zu Putin. Das ist gefährlich.

Viele würden sagen: Die Menschen in Deutschland, im westlichen Europa sind naiv.

Es ist weniger Naivität als Gleichgültigkeit. Wer in einer demokratischen Gesellschaft aufgewachsen ist, denkt, das sei ein Naturgesetz. Etwas, das für immer bleibt. Wir haben auch gedacht, wir seien „normal“. Wir hörten Spice Girls und Radiohead, reisten nach Paris. Und plötzlich wacht man in einer faschistischen Realität auf. Der Übergang von einer halbwegs freien Gesellschaft zu einer autoritären kann extrem schnell sein. In Russland wurde dieser Weg schrittweise gebaut – mit Folterkellern, Lagern. Und irgendwann war es einfach so weit.

Gibt es noch Hoffnung für Russland?

Wer soll etwas tun? Die Russ*innen? Der Westen? Öffnen Sie russische unabhängige Medien wie Meduza oder Mediazona. Schauen Sie sich die Gesichter der Menschen an, die jeden Tag ins Gefängnis gehen. Dann sehen Sie, dass Menschen sehr wohl etwas tun.

Masha Aljochina (c) Rachel Rayes

In München werden Sie im Literaturhaus auftreten: Worauf können sich die Besucher einstellen?

Ich werde auf jeden Fall Passagen über Alexej Nawalny lesen. Ein großer Teil des Buches ist mit ihm verbunden, weil ich als eine seiner Unterstützerinnen ein zweites Strafverfahren durchlaufen habe, da ich ihn unterstützt habe. Was er getan hat, war heroisch. Es ist wichtig, diese Geschichte immer wieder zu erzählen.

Bei all der Wucht der alltäglichen Katastrophen: Gibt es Momente, in denen Sie trotzdem einmal kurz abschalten können?

Ich leide nicht daran, ständig an Politik zu denken. Ich mache viel Sport. Ich laufe jeden Tag. Und ich schieße gern.

Schießen?

Ja, wirklich. Es ist ein gutes Gefühl. Konzentration, Kontrolle. Ein ruhiger Atem, ein ruhiges Auge. Laufen hilft dem Blut zu zirkulieren. Wenn man raucht wie ich, ist das nützlich. Sport hilft Ihnen, sich nicht nur als Kopf zu fühlen, sondern als ganzen Körper.

Träumen Sie manchmal davon, dass in fünf Jahren alles besser ist?

Es kann auch alles noch verdammt noch schlimmer werden. Das heißt aber nicht, dass ich aufhöre zu laufen.

Wir sprechen über sehr ernste Dinge. Gibt es etwas, das Sie sich vom Münchner Publikum wünschen?

Neugier. Aufmerksamkeit. Und dass sie verstehen, dass das, worüber wir sprechen, nicht weit weg ist.

Ungebrochen: MARIA „MASHA“ ALJOCHINA wurde als Mitbegründerin von „Pussy Riot“ berühmt und gilt als eine der wichtigen Stimmen der weltweiten Protestkultur. Im Buch „Political Girl – Leben und Schicksal in Putins Russland“ (Berlin Verlag), schildert sie ihren Widerstand gegen ein autoritäres System. Mit dem provokanten „Punk Prayer“ in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale legten sich Masha Aljochina und ihre Mitstreiterinnen 2012 mit der Obrigkeit an, was sie ins Straflager brachte. 2022 floh Aljochina aus Russland. Ihr Protest, auch gegen den Krieg gegen die Ukraine, geht weiter. (Lesung und Gespräch am 22.4. im Literaturhaus)